Nasa: "Wir untersuchen die Sexualität im Weltraum nicht."

14.07.2008

Bei der Nasa gibt man sich weiterhin zugeknöpft, aber Missionen wie die zum Mars setzen voraus, dass man sich damit beschäftigt

Sex im Weltraum ist ein seltsames Tabu-Thema. Man konnte es bislang auf den relativ kurzen und mit Arbeit dicht gepackten Missionen ausblenden oder übersehen, aber wenn Astronauten eine Mondbasis errichten oder zum Mars fliegen sollen, sind sie Jahre lang fern der Erde und permanent zusammen mit ihren Kollegen und Kolleginnen. Auf der anderen Seite wird etwa im Rahmen von Weltraumtourismus und etwaigen Weltraumhotels vom Sex in der Schwerelosigkeit fantasiert (Kein Sex im Weltraum?).

Zwar beschäftigt man sich mit den psychologischen Problemen, die Astronauten wie andere Menschen auch haben, die lange Zeit in Gruppen unter extremen Bedingungen der Isolation und geringer Privatsphäre verbringen müssen (Mission to Mars). Man vermutet, dass die Russen, was die Forschung über Sex im Weltraum betrifft, weiter sein könnten. Gemunkelt wird auch, dass die Russen bislang weniger spartanisch im Weltraum waren als die amerikanischen Astronauten und Astronautinnen. Aber offiziell will man darüber noch nicht recht diskutieren und Pläne ausarbeiten, wie man das mit dem Sex auf den langen Missionen geregelt werden soll. Von einer freiwilligen Askese wird man wohl nicht mehr unbedingt ausgehen können.

Das meint auch Jason Kring von der Abteilung Human Factors an der Embry-Riddle Aeronautical University in Florida. Er untersucht, wie Piloten oder Soldaten sich in engen Räumen und unter Stress verhalten, um daraus Erkennnisse für Langzeitmissionen abzuleiten. Erzwungene Enthaltsamkeit über Jahre kann nicht nur zur Frustration führen, sondern auch zu Problemen zwischen den Crew-Mitgliedern oder gar zur Gewalt. Kring fordert die Nasa in Vorbereitung zu den langen Missionen zur Mondstation und zum Mars auf, endlich zu untersuchen, wie man mit dem sexuellen Begehren und auch möglichen Schwangerschaften im Weltraum umgehen soll. Zudem sei wichtig, das Verlangen nach Privatsphäre auch räumlich im Raumschiff zu berücksichtigen.

Zwar seien die Männer und Frauen, so sagte er dem Telegraph, Profis, aber "Sex ist letztlich wie Hunger und Durst ein fundamentales biologisches Begehren. Die mögliche Mission zum Mars kann drei Jahre lang dauern. Es macht keinen Sinn anzunehmen, dass diese Menschen während dieser drei Jahre nicht an Sex denken." Angeblich hat man auch schon mal darüber nachgedacht, die Astronauten chemisch zu sterilisieren, um das ganze Thema so ausblenden zu können.

Die Nasa könne, so Krings Vorschlag, von den Südpolstationen lernen, wo die Wissenschaftler bei ihren langen Aufenthalten, bei denen sie von der Außenwelt abgeschnitten sind, sich einen Kollegen oder eine Kollegin als Sexualpartner nehmen würden. Darüber spreche man zwar nicht, aber das sei nicht ungewöhnlich: "Man hat eine exklusive Beziehung mit diesen für sechs oder neun Monate, aber wenn die Mission vorbei ist, ist dies auch die Beziehung und man kehrt zu seinem normalen Leben und zu seiner Familie zurück." Die Teilnahme von Frauen an den Polarexpeditionen hätte gegenüber den zuvor rein männlichen Teams eine positive Wirkung gehabt. Allerdings kommen mit sexuellen Beziehungen auch eine Vielzahl von möglichen Konflikten zwischen den Partnern und dem Team auf, die fernab von der Erde und ohne Ausweg, selbst mit telepsychotherapeutischen Interventionen, schwer zu lösen sein könnten.

Allerdings könnte der Sex im schwerelosen Raum auch teil skurrile Probleme mit sich bringen. In einem Bericht über angebliche Nasa-Experimente, die allerdings wohl als space legends einzuschätzen sind (Sex im All), werden solche Schwierigkeiten anschaulich geschildert. Aber es gibt nicht nur Haltungs- und Stellungsprobleme, sondern es könnten auch Gleichgewichtsstörungen auftreten oder der Blutdruck absinken, was die Angelegenheit für Männer erschweren könnte.

Größere ethische Probleme könnte es mit einer Schwangerschaft und der Geburt eines Kindes im Weltraum geben, bei dem durch die Schwerelosigkeit Entwicklungsstörungen und Knochen- sowie Gehirnschädigungen eintreten können. Und selbst wenn ein Kind im Weltraum gesund ist, bleibt die Frage, ob es dann auf der Erde leben und sich den Bedingungen anpassen kann. Wie auch immer, Nasa-Sprecher Bill Jeffs sagte gegenüber Space.com entschieden: "Wir untersuchen die Sexualität im Weltraum nicht."

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