Verstaatlichung maroder US-Banken beginnt

14.07.2008

Mit Indymac ist der größte börsennotierte US-Baufinanzierer kollabiert und die beiden größten US-Hypothekenfinanzierer könnten folgen

Die Lage an den US-Geldmärkten in den USA wird erwartungsgemäß ungemütlicher. Mit Indymac ist nun der größte börsennotierte Baufinanzierer zusammen gebrochen und musste verstaatlicht werden. Mit der US-Einlagensicherungsbehörde (FDIC) hat der Staat die Kontrolle über die Bank übernommen. Es handelt es sich um den zweitgrößten Banken-Crash in der Geschichte der USA. Nun verunsichert das Land die Frage, was mit den angeschlagenen großen Hypothekenfinanzierern Fannie Mae und Freddie Mac wird, die für fast die Hälfte aller Hypothekenkredite in den USA garantieren. Die Regierung versucht, Gerüchte über eine Verstaatlichung der halbstaatlichen Institute zu zerstreuen.

Neue Superlative bestimmen die Diskussion, nachdem in der Nacht auf den Samstag die kalifornische Bausparbank Indymac zusammengebrochen war. Es sei die zweitgrößte Bankenpleite in der Geschichte der USA, der größten seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise vor gut einem Jahr und bereits der fünfte Zusammenbruch eines Geldhauses in diesem Jahr. Am Freitag hatten viele besorgte Anleger ihr Geld zurückverlangt, weshalb die US-Einlagensicherungsbehörde (FDIC) schließlich die Kontrolle übernahm und das Geldhaus verstaatlichte.

Als Auslöser wird ein Warnschreiben des demokratischen Senators Charles Schumer genannt, der mit seinen öffentlich geäußerten Zweifeln an ihrer Zahlungsfähigkeit IndyMac den Todesstoß versetzt haben soll. Doch der gab zurück, die Bush-Regierung wolle ihm nun die Schuld in die Schuhe schieben, denn tatsächlich habe die Bankenaufsicht versagt, die IndyMac nicht an seiner verlustträchtigen Kreditvergabe-Praxis gehindert habe. Tatsächlich waren deren Probleme längst bekannt. Der 1985 gegründete Hypothekenfinanzierer hatte letzte Woche angekündigt, wegen der Krise mehr als die Hälfte seiner 7200 Mitarbeiter zu entlassen und sein Immobiliengeschäft einstellen zu wollen. IndyMac hatte noch im letzten Jahr Hypotheken im Volumen von 77 Milliarden Dollar gewährt.

Die FDIC rechnet, dass diese Pleite zwischen 4 und 8 Milliarden Dollar kosten wird, womit schon etwa zehn Prozent des FDIC-Sicherungsfonds verbraucht wären. Über die Sicherung der Einlagen sind gewöhnlich Guthaben bis zu 100.000 Dollar pro Anleger rückversichert, im Fall eines Sparplans zur Rentensicherung bis zu 250.000 Dollar. Es wird aber geschätzt, dass von etwa 19 Milliarden Dollar Einlagen etwa eine Milliarde Dollar nicht abgedeckt sind, wovon etwa 10.000 Kunden betroffen sein sollen. Die FDIC versucht die besorgten Sparer zu beruhigen und erklärte, ihr Geld wäre sicher und stände im Laufe des Montags zur Verfügung. "Business as usual" nannte John Bovenzi den Vorgang, der von der FDIC zum Vorstandsvorsitzenden von IndyMac ernannt wurden ).

Wenn Zusammenbrüche von großen Finanzinstituten zum täglichen Geschäft gehören, dann ist das die Beschreibung für den Normalzustand einer schweren Krise. Mit IndyMac ist nun auch das in den USA eingetreten, was schon im Winter der britischen Bank Northern Rock passierte ("Negatives Eigenkapital"). Im Fall der US-Bank Bear Stearns konnte durch die Intervention der Notenbank (FED) noch das Gesicht gewahrt werden, indem Bear Stearns dazu gedrängt wurde, ihrem Notverkauf zuzustimmen. Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. die immer dramatischer werdende Krise lässt sich immer schwerer verdecken. Selbst das Glätten der Wogen wird immer schwieriger, die Effekte der Hilfszusagen wirken immer kurzfristiger. Letzte Woche gelang es der FED erneut die Börsen mit der Ankündigung von neuen Hilfsmaßnahmen für angeschlagene Institute kurz beruhigen können.

Ohnehin ist zu erwarten, dass neben den zahllosen kleineren Finanzinstituten, die schon bisher zusammengebrochen sind, nun auch weitere große folgen dürften. Viele angeschlagene Finanzhäuser werden nun auch durch Zusatzlasten schwer belastet, die durch höhere Sicherungsbeiträge von Seiten der Eigensicherungsbehörde drohen. Das Sterben von Banken und Finanzinstituten hat wohl nun erst so richtig begonnen.

Während IndyMac im Immobilienboom der vergangenen Jahren viele Darlehen an Kunden gewährte, die nur geringe Sicherheiten boten, hat die Kreditkrise längst diesen Sektor verlassen. Inzwischen sind offiziell die Berichte bestätigt, dass die beiden größten US-Hypothekenfinanzierer massive Zahlungsschwierigkeiten haben und dringend auf Geldspritzen angewiesen sind. Von Seiten der FED und der Regierung werden gerade neue Hilfspakete für Freddie Mae und Freddie Mac geschnürt, die mit 5,2 Billionen Dollar für fast die Hälfte aller Immobilienkredite garantieren, die in den USA vergeben wurden.

Nach Angaben von verschiedenen Medien wird sogar diskutiert, die beiden halbstaatlichen Finanziere ebenfalls zu verstaatlichen. Der Ex-Präsident der FED von St. Louis, William Poole erklärte, die Verbindlichkeiten von Freddie Mac Ende seien zum Beispiel im ersten Quartal 5,2 Milliarden Dollar höher ausgefallen als die Vermögenswerte. Bei Fannie Mae sei dies wohl im zweiten Quartal der Fall, weshalb Poole sie als "zahlungsunfähig" erklärte Poole. "Der Kongress sollte einsehen, dass diese Unternehmen zahlungsunfähig sind. Sie bestehen als Festungen der Privilegierten fort, finanziert durch die Steuerzahler", sagte er weiter. Eine staatliche Rettung, die er ablehne, werde immer wahrscheinlicher. In diesem Jahr haben die beiden Institute zusammen Verluste von gut 11 Milliarden Dollar eingefahren. Die Aktienkurse von Fannie Mae fielen in neun Monaten um gut 80 Prozent und bei Freddie Mac um fast 90 Prozent.

Von einer möglichen Verstaatlichung der beiden Immobilienfinanzierer, will die US-Regierung angeblich nichts wissen. Der US-Finanzminister Henry Paulson erklärte: "Heute liegt unser Hauptaugenmerk darauf, Fannie Mae und Freddie Mac in ihrer derzeitigen börsennotierten Form zu unterstützen, weil sie eine wichtige Aufgabe erfüllen." Hand in Hand mit Fannie Mae und Freddy Mac versucht auch Paulson, den Spekulationen über die drohenden Riesenpleiten zu beseitigen. Dabei wurden bei den Krisengesprächen in vergangenen Tagen, die auf höchster Ebene geführt wurden, alle Möglichkeiten ins Auge gefasst. Es wurde sogar über ein Gesetz debattiert, womit die Regierung für die gesamten Einlagen der beiden Hypothekenfirmen gerade stehen sollte. Das sei aber verworfen worden, da sich so sogar die immensen Staatsschulden der USA noch einmal verdoppelt hätten.

Die US-Regierung und die Notenbank haben nun einen neuen Stützungsplan angekündigt. Das staatliche Kreditvolumen soll für die beiden Institute von jeweils 2,25 Milliarden Dollar (1,4 Milliarden Euro) "vorübergehend" erhöht werden. Falls erforderlich, wolle auch die US- Regierung Anteile der beiden kaufen, wenn dies zur Stärkung der Kapitalbasis nötig sei. Paulson will damit das "Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems und der Finanzmärkte" stärken. Die Pläne bedürfen noch der Zustimmung des Kongresses. Das Finanzministerium zeigte sich aber zuversichtlich, dass diese noch diese Woche vorliegen werde.

Vor dem Kongress muss diese Woche auch der FED-Chef Ben Bernanke Rede und Antwort stehen. Morgen soll er Erläuterungen zu den wirtschaftspolitischen Herausforderungen und der entsprechenden geldpolitischen Linie abgeben. Es wird sich auch zum immer stärker aufkommenden Problem der Stagflation äußern müssen, also einer Rezession bei hoher Inflation. Während die Europäische Zentralbank (EZB) den Hebel kürzlich leicht umzulegen begann, und die Zinsen wieder leicht erhöhte, wird damit gerechnet, dass Bernanke, der in der ganzen Krise bisher ein schlechtes Bild abgab, kein Signal gegen die steigende Inflation geben wird.

Auch die FED beteiligt sich wieder an den Hilfsmaßnahmen. Sie nimmt den Banken inzwischen ja sogar höchst zweifelhafte Papiere als "Sicherheiten" ab, was auch in den eigenen kritisiert wird, dass damit der "Point of no Return" überschritten worden sei. So springt auch die Notenbank ebenfalls mit einer Notfall-Finanzspritze ein und bietet Fannie Mae und Freddie Mac den Zugang zu ihrem Diskont-Kreditprogramm an. So erhalten auch die Hypothekenbanken nun Kredite für den Diskontsatz von 2,25 Prozent. So sollen sie wieder in die Lage versetzt werden, ihr Hypothekengeschäft in einer Zeit angespannter Finanzmärkte fortzuführen. Diese Form der Refinanzierung steht eigentlich nur normalen Geschäftsbanken zur Verfügung.

Wieder einmal steht der Staat für die Verluste ein privater Firmen ein. Anders kann man die gesamten Hilfsmaßnahmen kaum beschreiben. Man glaubt, man dürfe die Hypothekenfinanzierer nicht pleite gehen lassen. "Sozialismus für Reiche", nannte das der angesehene Hedgefonds-Manager Jim Rogers. Die getroffenen Maßnahmen verschieben die Probleme nur weiter in die Zukunft und internationalisieren sie. Gelöst werden sie nicht. Der angesehene US-Ökonom Nouriel Roubini kündigte das Unvermeidliche schon im Frühjahr in einem Interview an: "Etliche Banken werden einfach zusammenbrechen, wenn wir sie nicht verstaatlichen. Das kostet den Staat eine Unmenge, doch er hat sowieso ein Problem: Ob er nun Banken verstaatlicht, faule Kredite kauft oder die nächste Welle abwartet: Es wird teuer und ziemlich schlimm. Es geht nicht mehr ohne einen großen Eingriff."

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