Wer ist der Herr der Bilder?

Rüdiger Suchsland 27.07.2008

Überwachung und Unsicherheit: "Red Road"

Videoüberwachung ist "in". Als Gegenstand von Kunst und Theorie, wie als Thema des politischen Diskurs'. Breitenwirksam wurde es spätestens, als Ende letzten Jahres der Fall eines 76-jährigen Rentners bundesweites Aufsehen erregte. Der Mann war in einer U-Bahn von zwei Tätern brutal zusammengeschlagen worden. Die Tat hatten Überwachungskameras aufgezeichnet, die Bilder wurden veröffentlicht und die Täter bald darauf identifiziert und gefasst. Willkommene Wahlkampfmunition für die Rechten, die wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann die Gelegenheit nutzten und für mehr Videoüberwachung plädierten. Ein etwas differenzierteren Beitrag zum grassierenden Überwachungsdiskurs liefert jetzt die britische Filmemacherin Andrea Arnold in ihrem Film "Red Road". Der widmet sich der scheinbar unpolitischen, privaten Seite des Themas und enthüllt doch en passent auch den faulen Schein hinter dem Versprechen von "mehr Sicherheit". Denn tatsächlich verbessern öffentliche Überwachungskameras vielleicht die Beobachtung der Verbrechen. Keineswegs aber schaffen sie sie ab.

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Alle Bilder: fugu-Filmverleih Berlin

Eine Frau sitzt in einem Zimmer. Sie ist Angestellte einer Sicherheitsfirma, ihre Arbeit ist das Überwachen von Monitoren, die wiederum einen öffentlichen Platz überwachen. Sie heißt Jackie (Kate Dickie) und vertreibt sich ihre Zeit in dem fensterlosen Raum, indem sie das Leben einiger der von ihr hier regelmäßig Beobachteten näher kennenlernt und darin eintaucht. Jeder Monitor ist ein Fenster zur Welt. Hinzu kommt eine Bedienungskonsole, die es ihr ermöglicht, ihre Kamera zu bewegen, Personen über längere Strecken hinweg zu verfolgen.

Wie ein Gott mit tausend Augen sitzt Jackie in der Einsamkeit und blickt durch die Sichtbereiche der Kameras auf das Leben der Anderen. Big brother ist eine Frau, Big sister is watching you. Man kennt das Prinzip dieses Szenarios bereits aus dem Hitchcock-Klassiker "Das Fenster zum Hof". Auch Jackie ist, wie der bei Hitchcock von James Stewart gespielte Photograph Jeff Jeffries, dessen Bein durch einen Unfall in Gips liegt, in ihrer Bewegungsfreiheit gehindert. Das Hindernis ist in ihrem Fall allerdings psychologischer Art - Jackie ist traumatisiert, weil ihr Mann und ihre Tochter einem Unglück zum Opfer fielen. Die Sicherheit, an der sie arbeitet, ist die, die sie selber sucht.

Die Beobachterin kommt immer zu spät

Irgendwann wird etwas passieren, das ist schnell klar in diesem Thriller. Aber was dann passiert, und wie es passiert, das ist doch eine Überraschung. Zunächst kommt es zu einer Bluttat, ausgerechnet in einem Moment, in dem Jackies Aufmerksamkeit kurz abgelenkt ist: Von einem Moment auf den anderen wird ein Mädchen auf dem öffentlichen Platz niedergestochen, hilflos kann Jackie nur die Ambulanz rufen - diese Szene enthüllt die vermeintliche Sicherheit durch öffentliche Überwachungskameras im Nu als faulen Schein. Jackies Rolle wird immer die der Beobachterin sein, die derjenigen, die zu spät kommt. Sie kann nur nachträglich helfen, und im besten Fall Täter identifizieren, aber nichts verhindern.

Darauf aufmerksam zu machen, ist der Beitrag des Films zur andauernden Überwachungs-Debatte. Die Dialektik des Überwachens liegt überdies auch darin, dass je mehr Kameras es gibt, desto weniger die einzelne nützt. Wer stellt sicher, dass jemand hinguckt? Wer kann überhaupt alle diese Bildschirme anschauen, wer kann das Material auswerten? Dass Videoüberwachung auch nur ein Verbrechen bisher verhindern hat, ist reine Vermutung. Manches spricht dafür, manches dagegen. Fälle wie der münchner zum Jahreswechsel dienen als kostenlose Werbung für die Einführung und Ausweitung von Überachungstechniken. Aber wieviele Videoaufzeichnungen gibt es, auf denen nichts zu erkennen ist? Wieviele, auf denen zwar potentiell etwas erkennbar wäre, Täter aber trotzdem nicht erkannt werden?

Diese Zahlen nennt keiner. Und ist es nicht so, dass seit zehn Jahren Überwachung gefordert und gefördert wird, dass die Techniken immer besser werden. Geschätzte eine Million Kameras gibt es in der Bundesrepublik an öffentlichen Orten, Tendenz stark steigend. Trotzdem nimmt die Sicherheit offenbar nicht zu. Dafür schwillt der Unsicherheitsdiskurs immer weiter an, immer neue, immer bessere Techniken werden gefordert.

Mehr und mehr konzentriert sich der Film dann aber auf das, was Jackies Aufmerksamkeit kurz ablenkte: Sie glaubte nämlich, den Mann zu erkennen, der den Tod ihrer Familie verschuldete. Sicher ist sie zunächst nicht, und diese Unsicherheit steht nun vorerst im Zentrum.

Hier nun bewegt sich "Red Road", das im schottischen Glasgow angesiedelte Debüt der Britin Andrea Arnold auf den Spuren von Antonionis Klassiker "Blow Up" und Brian De Palmas "Blow Out": Wie bei Antonioni blickt Jackie wieder und wieder auf das grobkörnige Bild jenes Mannes, der ihr bekannt vorkam, vergrößert und vergrößert - doch es wird nichts klarer. Die Schatten des Zweifels, was sie da gesehen hat, und was einst geschehen ist, verschwinden nicht.

In der Einsamkeit der Kamerafelder

"Red Road" ist der Name einer Straße in Glasgow. Hier liegen die "Red Road Flats", eine Hochhaussiedlung, die in den sechziger Jahren gebaut wurde und seitdem ein Denkmal der modernistischen Architektur in Schottland ist. Die acht schlanken, je 30 Stockwerke hohen Gebäude waren einst Europas höchste Wohngebäude und dominieren bis heute die Skyline der alten Arbeiterstadt. In der Nähe liegt ein Bahndamm.

Sie sind die Kulisse dieses Thrillers. Sie sind der Raum, den Jacke überwachen soll. Jackie ist eine attraktive Frau Mitte dreißig. Durch die Schluchten des heruntergekommenen Viertels schleicht sie wie eine Fremde, gejagt von Angst und Rache, eine Erbin der Helden des Film Noir in der Einsamkeit der Kamerafelder.

Wie wirklich und eigendynamisch das Virtuelle werden kann

Andrea Arnold wurde 2005 bekannt, als sie für den Kurzfilm "Wasp" den Kurzfilm-Oscar gewann. Ihr überraschendes, streckenweise geradezu geniales Debüt handelt von der Unsicherheit vermeintlicher Sicherheiten und der tieferen Wahrheit unter den Oberflächen der Bilder. Arnold meint dies weniger politisch als Betrachtung unserer neuen Lust an Sicherheitsproduktion durch Überwachung, als psychologisch: Es geht um Voyeurismus und Souveränität. Wer ist der Herr der Bilder?

Damit bringt der Film auch sich selbst in die Spirale der Selbstreflexion ein. Denn wir Zuschauer im Kino sind in der gleichen Position gegenüber den Filmfiguren, wie Jackie gegenüber den Menschen, die sie bei ihrer Arbeit sieht. Die Filmemacherin schaltet im Schnitt zwischen verschiedenen Blickwinkeln hin und her, sie zoomt oder fährt zurück, ist der Souverän der Bilder. So wie Jackie. Mit einem kleinen Unterschied zur Wirklichkeit: Die realen Überwachungsbilder sind viel besser als die im Film. Sie wurden in der Nachbearbeitung künstlich verschlechtert, um sie unterscheidbar zu machen.

Erst am Ende verliert die Regisseurin etwas den Faden, rutscht ins Melodram ab und mißtraut ihrer ruhigen, minimalistischen Bildsprache. Stattdessen wird das Ende reichlich spekulativ und viel zu einfach: Noch ein letztes Mal bekommt die Wirklichkeit gegenüber der Virtualität recht. Dabei war der Film zwischendurch schon klüger gewesen und hatte gezeigt, wie wirklich und eigendynamisch das Virtuelle werden kann.

"Red Road" ist auch der erste Teil der "Advance Party"-Trilogie, die die dänischen Filmemacher Lars von Trier, Lone Scherfig und Andres Thomas Jensen entwickelten. Der Film, der in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde, macht neugierig auf die nächsten Teile, mehr noch aber auf die Karriere der Regisseurin Andrea Arnold.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28380/1.html
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