Frauen können Mathe, Männer auch

Eine Studie beweist erneut, dass die mathematischen Fähigkeiten beider Geschlechter gleich sind

Manche Vorurteile halten sich besonders hartnäckig. Eines davon lautet, dass weibliche Hirne sich beim Rechnen schwerer tun als männliche. Ein Irrtum, den amerikanische Forscher ganz aktuell mit einer breit angelegten Untersuchung widerlegen.

Deutschland feiert das Jahr der Mathematik, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) versucht zusammen mit verschiedenen Kooperationspartnern unter dem Motto "Alles, was zählt", die Öffentlichkeit für die Allgegenwart der Wissenschaft der Zahlen zu sensibilisieren und zu begeistern (vgl. Auf der Suche nach der Mathematik)). Ein spezielles Ausstellungsschiff ist auf deutschen Flüssen unterwegs und lädt aktuell von 26. bis 28. Juli in Oldenburg speziell Lehrer, Schüler und Schülerinnen zum Ausprobieren, Mitmachen und Mitforschen ein (vgl. MS Wissenschaft 2008 – das Matheschiff). Ein Teil der Kampagne spricht Jugendliche direkt an: Du kannst mehr Mathe, als Du denkst und sicherlich ganz bewusst auch die weiblichen unter ihnen.

Mathematik macht den Musikgenuss eines MP3-Players erst möglich, Bild: Bundesministerium für Bildung und Forschung

Die angeblich natürlichen, also biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind einerseits ein echter Klassiker unter den Stereotypen, andererseits ist es sehr zeitgenössisch, ausführlich die Unterschiede der Gehirne der verschiedenen Geschlechter zu beleuchten. Buchtitel wie "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" werden gerne zu Bestsellern. Es ist sehr in Mode, geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede mit den neurologisch unterschiedlichen Hirnen zu begründen, sehr oft verbunden mit evolutionsbiologischen Argumenten.

Frauen sind demnach emotionaler, weil ihr Körper ihnen das diktiert, aus dem gleichen Grund denken Männer stärker abstrakt. Der berühmte Satz von Simone de Beauvoir: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es", gilt vielen nichts mehr. Da ist der Weg wieder kurz zu den Argumenten über den "physiologischen Schwachsinn des Weibes".

Zahlen und Geschlecht

Fakt ist, dass in den Spitzenpositionen der naturwissenschaftlichen Fakultäten nach wie vor sehr wenige Frauen zu finden sind. Der Präsident der Harvard University, Lawrence Summers, der offen die Meinung vertrat, das läge daran, dass Frauen von Natur aus mathematisch und naturwissenschaftlich minder begabt seien, musste zwar letztlich seinen Hut nehmen (vgl.: Harvard-Präsident tritt zurück), aber still und klammheimlich dürften ihm viele zugestimmt haben.

Dabei gibt es berühmte Frauen in der Geschichte der Mathematik, und es ist schon lange bekannt, dass die Leistungen von Mädchen und Frauen sich mit zunehmender Gleichberechtigung in der umgebenden Gesellschaft verbessern. Das bewies unter anderem eine im Mai veröffentlichte Auswertung der PISA-Studie von 2003, in der die Ergebnisse von 270.000 Schülern und Schülerinnen nochmals genau analysiert wurden.

Mädchen hatten in der Mathematik insgesamt durchschnittlich etwas schlechtere Leistungen erbracht als die Jungen, aber die Resultate spiegelten den Einfluss großer kultureller Unterschiede. Auf dem letzten Platz landete die Türkei, wo die Mädchen in der Mathematik 22,6 weniger Punkte erreichten, in den skandinavischen Ländern war praktisch kein Unterschied mehr vorhanden, und in Island schnitten die Mädchen sogar um 14,5 Punkte besser ab. Der Vergleich mit Indices zur Chancengleichheit in den verschiedenen Ländern zeigte eine deutliche Korrelation: Je emanzipierter die Frauen in einem Staat, desto besser können die Mädchen rechnen (vgl. Mädchen sind in Mathematik nicht schlechter als Jungen).

Der Gebrauch von Blasrohren ist pure Mathematik, Bild: Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Jetzt legen Forscher mit einer aktuellen Untersuchung aus den USA nach. Janet S. Hyde und Kollegen von der University of Wisconsin sowie der University of California veröffentlichen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science die Auswertung der Leistungsdaten von mehr als sieben Millionen Schülern aus zehn verschiedenen US-Staaten. Das Resultat: Mädchen und Jungen sind praktisch gleich gut in Mathematik.

Die ausgewerteten Tests erfolgten als Konsequenz des No Child Left Behind Act, des Bildungsgesetzes, das seit 2002 in Kraft ist. Die Autoren hoffen, dass ihre Ergebnisse dazu beitragen werden, Vorurteile und Stereotypen abzubauen, die immer noch in den Köpfen von Eltern und Lehrern vorherrschen. Denn längst ist nachgewiesen, dass Selbsteinschätzungen und Erwartungshaltung der direkten Umgebung die Mädchen beim Rechnen stark beeinflussen (vgl. Der eingebildete Makel).

Die Abweichungen, die das Team um Janet Hyde fand, sind so geringfügig, das sie praktisch zu vernachlässigen sind. Sie liegen bei 0.01 bis 0.06, und statistisch damit bei Null:

Es gibt nun keinen Geschlechtsunterschied mehr bei den Mathematikleistungen. Jetzt müssen Eltern und Lehrer ihre Vorstellungen zu diesem Thema revidieren.

Janet Hyde

Da bleibt nur zu wünschen, dass Mädchen sich darüber bewusst werden, dass sie mehr Mathe können, als sie denken und dass sie verstärkt naturwissenschaftliche und mathematische Ausbildungen anstreben. Damit sich in Zukunft keine mehr den blöden Spruch anhören muss:

Was, Sie sind Mathematikerin? Das sieht man Ihnen gar nicht an!

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Vielen Dank!
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