Saufende Spitzhörnchen

Neues von der Evolution des menschlichen Alkoholismus

Der Alkoholismus ist älter als die Menschheit. Das stellten jetzt Forscher fest, die den Palmbier-Konsum kleiner Säugetiere im Regenwald untersuchten. Allerdings sind die Spitzhörnchen trotz täglichen Alkoholkonsums nie besoffen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Alkohol macht abhängig, bei regelmäßigem Konsum wird aus dem Genuss schnell eine Sucht, eine lebensbedrohliche Krankheit. Ein deutsches Sprichwort sagt: "Im Becher ersaufen mehr als im Meer", und angesichts von aktuell 1,3 Millionen Alkoholabhängigen und 9,5 Millionen Menschen in Deutschland, die in riskanter Weise Alkohol trinken, ist das sicher nicht übertrieben (vgl. Drogen- und Suchtrat beschließt Empfehlungen für Nationale Aktionsprogramme zur Alkohol- und Tabakprävention).

Federschwanzspitzhörnchen mit Senderhalsband, Bild: Universität Bayreuth/Annette Zitzman

Sich mit Drogen zu berauschen, ist etwas typisch Menschliches. Es gehörte von Anfang an zur menschlichen Kultur. Bier wurde bereits in Mesopotamien und im Alten Ägypten gebraut. Und schon Noah hatte Weinberge, betrank sich bis zur Besinnungslosigkeit und wurde dennoch laut des Alten Testaments 950 Jahre alt.

Dass Tiere dem Alkoholrausch nicht völlig abgeneigt sind, zeigen die bekannten Filme aus dem Kruger-Nationalpark in Südafrika, wo Gnus, Strauße, Affen oder Giraffen gerne die überreifen, vergorenen Früchte des Marula-Baumes verzehren und dann durch die Landschaft torkeln. Nur im Fall der Elefanten ist es nachweislich nicht ihre Vorliebe für Alkohol, die sie ins Schwanken bringt, sondern der Verzehr von giftigen Käferlarven, die in der Rinde des Baums hausen.

Jede Nacht Palmbier

Einer internationalen Wissenschaftlergruppe gelang nun der erste wissenschaftliche Nachweis chronischen Alkoholkonsums in der Welt wildlebender Tiere. Bislang waren die Theorien zum Alkoholismus davon ausgegangen, dass regelmäßiges Trinken von Alkohol erst mit der Sesshaftigkeit des Menschen begann, mit der Erfindung des Bierbrauens vor 9.000 Jahren. Deswegen sei der menschliche Körper für Alkoholsucht anfällig, da dieses Laster in der Geschichte des Homo sapiens erst relativ spät auftauchte und der Organismus sich nicht über lange Zeit an den ständigen Genuss dieses Stoffes gewöhnen konnte. Die Menschheit leide sozusagen unter einem evolutionären Kater.

Ein Irrtum, wie Hauptautor Frank Wiens von der Universität Bayreuth und Kollegen aus Deutschland, Kanada, Luxemburg, der Schweiz und Malaysia beweisen können. Sie stellen in der aktuellen Online-Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences ein erstaunlich trinkfestes Tier vor (Chronic intake of fermented floral nectar by wild treeshrews).

Das Team beobachtete im Regenwald Malaysias das Federschwanz-Spitzhörnchen (Ptilocercus lowii), einen nachtaktiven Baumbewohner. Das kletternde Pelztier ist etwa doppelt so groß wie eine Maus und ähnelt den Vorfahren der Primaten. Jede Nacht säuft das Tierchen an der Dschungelbar, denn die Bertampalm (Eugeissona tristis) braut sozusagen ihr eigenes Bier, wenn ihr Nektar mithilfe von Hefe in Gärung gerät. Der höchste im Nektar gemessene Alkoholgehalt lag bei immerhin 3,8 Prozent. "Das ist mit der höchste Alkoholgehalt, der jemals in einem natürlichen Nahrungsbestandteil gefunden wurde", erklärt Frank Wiens. Da die Palme das ganze Jahr blüht, wird ohne Unterlass gesoffen. Das Federschwanz-Spitzhörnchen schlürft den süßen und berauschen Saft gerne in Begleitung anderer Kleinsäuger – jede Nacht mehr als zwei Stunden lang, ein echtes Gelage.

Ein Verhalten, dass auch unsere Vorfahren schon gezeigt haben könnten. Frank Wiens erläutert: "Alkoholkonsumierende Spitzhörnchen gehören zu den engsten lebenden Verwandten der Primaten und kommen in ihrer Ökologie und ihrem Verhalten unseren gemeinsamen Ahnen, die vor mehr als 55 Millionen Jahren gelebt haben, sehr nahe. Untersuchungen an diesen faszinierenden Geschöpfen bieten eine ideale Gelegenheit, mehr über die Ursachen und Wirkungen des Alkoholkonsums in einer komplexen natürlichen Umwelt zu lernen. Wir hoffen, dadurch auch das menschliche Trinkverhalten besser zu verstehen."

Erstaunlich ist, dass die Spitzhörnchen trotz ihres Saufens keine Anzeichen von Betrunkenheit zeigen, sie bewegen sich auch nach der Trinkorgie völlig normal. Ihr Körper kommt offensichtlich mit dem Alkohol sehr gut zurecht. Die Wissenschaftler vermuten "positive psychologische Effekte", die dem Tier einen Nutzen verschaffen. Wie die genau aussehen könnten, bzw. funktionieren, muss aber erst noch erforscht werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28429/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS