Düstere Aussichten bei steigender Inflation

06.08.2008

Angesichts der Rezession hat die FED den Leitzins nicht erhöht und die EZB wird aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Aussichten wohl nachziehen

Die Weltwirtschaft kühlt weiter ab und den USA stehen die schlimmsten Zeiten wohl noch bevor. Experten meinen, wegen der Rezession würden noch hunderte Banken in die Pleite getrieben und die Krise werde den Steuerzahler bis zu zwei Billionen Dollar kosten. Wegen der düsteren Aussichten macht die US-Notenbank weiter unverdrossen Konjunkturpolitik und hält trotz der Rekordinflation an niedrigen Zinsen fest, statt den Geldwert zu stabilisieren. Immer trüber werden die Aussichten auch in den Ländern Europas, in denen ebenfalls Immobilienblasen platzen. So ist zu erwarten, dass trotz eines neuen Inflationsrekords auch die Europäische Zentralbank (EZB) eine weiteren Zinsschritt unterlässt, der nötig wäre, um für Geldwertstabilität zu sorgen. Ähnlich wird sich am Donnerstag wohl auch die Bank of England (BoE) verhalten.

Die FED hat am späten Dienstag erwartungsgemäß den Leitzins auf niedrigen 2 % gehalten. Zwischen September 2007 und April 2008 hatte die US-Notenbank wegen der Finanzkrise die Zinsen von einst 5,25 % immer weiter gesenkt, um dem Absturz der Wirtschaft zu begegnen. Zwar ist das nicht gelungen, obwohl es von milliardenschweren Konjunkturprogrammen der Regierung begleitet wurde. Wie erwartet, ist jedoch die Inflation deutlich gestiegen. Sie hat einen Stand erreicht, stellt die Londoner Times fest, wie er seit 27 Jahren nicht mehr registriert wurde. Allein im Juni stieg sie um weitere 0,8 %, nur 1981 war der Anstieg mit 1 % höher.

Die FED klammert sich an den leicht fallenden Ölpreis, der gerade die Marke von 118 Dollar unterschritten hat, um eine Entspannung beim Inflationsdruck auszumachen. Dabei ist der Preis noch immer doppelt so hoch, als er vor 18 Monaten war - und er wird sich noch längere Zeit in Preissteigerungen bemerkbar machen, auch wenn er gegen alle Erwartungen weiter fallen sollte. Zwar hat die US-Jahresteuerung auf Verbraucherebene im Juni bei 5 % gelegen, doch die FED erwartet nun eine deutliche Abschwächung des Preisdrucks. Zweitrundeneffekte seien nicht zu beobachten. Die Löhne in den USA ziehen nicht der Inflation nach und so werden die Arbeitnehmer über die Geldentwertung für die Finanzkrise zur Kasse gebeten, wie es auch in Europa angestrebt wird.

Dabei steht das Schlimmste noch aus. Denn zuletzt haben sich Hoffnungen auf ein weiteres Wachstum deutlich eingetrübt. Angeblich sei die US-Wirtschaft im zweiten Quartal annualisiert um 1,9 Prozent gewachsen. Doch wenn man das glaubt, dann handelte es sich bestenfalls um einen Ausreißer, der über die Konjunkturprogramme finanziert wurde und nicht von Dauer sein wird. Die Krise hat inzwischen die gesamte Wirtschaft erfasst, die Menschen konsumieren nicht mehr und die Unternehmensgewinne sinken.

Kommt die zweite Phase der Rezession?

Immer offener wird auch an den Zahlen der US-Statistiker gezweifelt. Schließlich seien die geleisteten Arbeitsstunden gefallen, die Arbeitslosigkeit in einem Jahr schnell um mehr als 1,6 Millionen gestiegen, sie hat den höchsten Stand seit 2004 erreicht: "Die USA stecken in einer schweren Rezession, da können die BIP-Statistiker sagen, was sie wollen", kommentiert die Financial Times die Zahlen.

Deutliche Worte findet erneut der renommierte Ökonomieprofessor Nouriel Roubini, der schon im Frühjahr Bankenpleiten vorherhergesagt hatte, wie sie in den USA nun zu beobachten sind. Nach dem großen Baufinanzierer Indymac und den dramatischen Problemen der halbstaatlichen großen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac traf es gerade wieder zwei kleinere Banken. Roubini meinte am Sonntag in einem Gespräch US-Finanzblatt "Barron's", das sei erst die Spitze des Eisbergs.

Er sieht das Land "in der zweiten Phase einer Rezession", die schon im "ersten Quartal dieses Jahres" begonnen habe und 18 Monate andauere. "Die systematische Bankenkrise wird mittelfristig noch hunderte Banken pleite gehen lassen", prophezeit er. Die Steuerzahler würden mit bis zu zwei Billionen Dollar zur Kasse gebeten werden. Die Banken hätten bisher nur einen Teil der Verluste aus den schlecht abgesicherten Subprime-Krediten abgeschrieben. Doch nun stünden vor allem die Bereinigungen der enormen Verluste aus dem Konsumentenkreditgeschäft an, wofür die Banken über keine Rücklagen mehr verfügten. Er wiederholte seine Kritik an der FED, deren "Versuche, die Krise zu bewältigen, bisher schwach gewesen sind", weil die Zentralbank die Probleme noch gar nicht richtig erkannt habe. Ähnlich sieht das auch der Ex-Notenbankchef Alan Greenspan in einem Beitrag für die Financial Times.

Rekordwert für die Inflation in der EU

Weil sich in ganz Europa die Wachstumsaussichten ebenfalls eintrüben und Länder mit platzenden Immobilienblasen immer die tiefer in die Krise abdriften, wird wohl auch die EZB am Donnerstag trotz der Rekordinflation nicht an der Zinsschraube drehen. Das müsste sie eigentlich, wenn sie ihrer Aufgabe nachkommen wollte, für Geldwertstabilität zu sorgen. Es wird allseits erwartet, dass sie trotz der neuen Rekordinflation den Leitzins bei 4,25 % belässt. Erst vor einem Monat war er angesichts der stark steigenden Inflation zaghaft um 0,25 % angehoben worden. Dabei hatte der EZB-Chef Jean-Claude Trichet einen weiteren Zinsschritt in Aussicht gestellt, sollte die Inflation weiter steigen.

Und erneut wurde ein Rekordwert seit Gründung der Währungsunion im Jahr 1999 erreicht. Die Europäische Statistikbehörde (Eurostat) gab am 30. Juli eine Vorausschätzung von 4,1 % bekannt. Er könnte real noch höher liegen, denn in den vergangenen Monaten hatte Eurostat nicht selten bei der Vorrausschätzung um 0,1 % zu niedrig gelegen. Zu hoch lagen die Statistiker in den letzten zwei Jahren bei der Voraussage nie.

Doch der Zinsschritt nach oben wird angesichts der ökonomischen Entwicklungen kaum kommen. So wird auch Trichet ein baldiges Nachlassen des Preisdrucks konstatieren und dafür den Ölpreis anführen. Trotz einer neuen Rekordinflation in Spanien von nun schon 5,3 % hatte schon der Wirtschaftsminister Pedro Solbes, ehemaliger EU-Wirtschaftskommissar, ein Licht am Ende des Tunnels ausgemacht. "Die Inflation könnte ihren Höchststand erreicht haben", sagte er gerade und verbreitet die Nachricht, sie könnte sich im Bereich von 4 % im Jahresdurchschnitt liegen.. Doch das dürfte Solbes genauso wenig glauben, wie er seine bisherigen Prognosen für die Inflation, Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit geglaubt hat, die er im Laufe des Jahres abgesondert hat. Die Inflation müsste regelrecht einbrechen, damit sie im Durchschnitt 4 % erreicht, doppelt so hoch, als von der Regierung im vergangenen Jahr für 2008 prognostiziert.

Problemfall Spanien

Spanien gehört zu den sechs europäischen Ländern, in denen es ziemlich dick kommt, weil auch hier Immobilienblase platzen, wie es seit Jahren vorhersehbar war. Experten wie Solbes haben jedoch nichts getan, um den gefährlichen Entwicklungen entgegen zu steuern. Gerade in Spanien kommen nun alle negativen Faktoren zusammen, die sich in einer solchen Krise gegenseitig verstärken. Bei der Konkurrenzfähigkeit und der Produktivität fällt das Land schon seit Jahren zurück. Die Regierung ließ es zu, dass die Familien sich bis über beide Ohren und auf Lebenszeit verschulden konnten.

Mit variablen Hypothekenzinsen wurden die Risiken der Banken voll auf die Verbraucher abgewälzt und auch die sozialistische Regierung hat in fünf Jahren nicht einmal eine Zinshöchstgrenze eingezogen. Da sich der Euribor, an den die Hypothekenkredite meist gebunden werden, mehr als verdoppelt hat und so hoch ist wie nie zuvor in seiner Geschichte, werden immer mehr Familien zahlungsunfähig. Doch statt sie zu schützen, versuchen die Sozialisten die Rekordgewinne der Banken zu sichern.

Inflation und Zinsen haben den Familien das Einkommen geraubt, weshalb der private Konsum einbricht, der den Pseudo-Boom der letzten Jahre getragen hat. Die Baubranche liegt am Boden und entlässt Zehntausende in die Arbeitslosigkeit. Die steigt selbst im Sommer weiter, wenn unzählige Stellen in der Tourismusindustrie temporär besetzt werden müssen. Die magische Quote von 11 Prozent, mit der Spanien zum EU-Spitzenreiter aufsteigt, ist mit knapp 2,5 Millionen offiziell registrierter Arbeitslose nun fast erreicht.

Arbeitslose konsumieren weniger und können oft die hohen Hypothekenkredite nicht mehr abzahlen. Die Kreditausfälle steigen und werden alsbald auch zu hohen Abschreibungen bei spanischen Banken führen, die längst ihre Rücklagen dafür erhöhen. Das Finanzinstitut Morgan Stanley sagt in einer Studie einen Kreditausfall von 6 % voraus. Dann wären die Überschüsse, welche die Banken noch in den Bilanzen führen, genauso schnell aufgefressen, wie sich die Rekordüberschüsse in der Staatskasse in den letzten Jahren sich 2008 ganz schnell in ein Defizit verwandelt haben. Bei 5 % Kreditausfall wird es ernst, erklären die Experten. Und dann wird diese wenig nachhaltige Gewinnsicherungsstrategie einige Banken wie in den USA in den Ruin treiben.

Finstere Aussichten für Dänemark, Großbritannien, Irland, Italien und Portugal

Neben Spanien sieht es auch in Dänemark, Großbritannien, Irland, Italien und Portugal schon jetzt finster aus. Dänemark ist offiziell schon in der Rezession, Irland und Großbritannien davor. Auch für Deutschland wird es wegen der einbrechenden Exporte im nächsten Jahr zusehends schwieriger. Auch Frankreich stehen die Zeichen immer deutlicher auf Krise. Allseits wird behauptet, dass es Irland besonders hart treffen wird, doch dort entwickelt sich die Lage, gegenüber dem, was in Spanien passiert, bisher eher glimpflich.

In Irland ist das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal schon um 1,5 Prozent geschrumpft. Sollte sich dies im zweiten Quartal bestätigen, wäre auch der keltische Tiger offiziell in der Rezession. Auch hier ist die Arbeitslosenzahl auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren, bis zum Jahresende sollen es 7 % werden. Einen Wert, den Deutschland, Frankreich oder Spanien seit Jahren nicht unterschreiten. "Alles, was für die irische Wirtschaft schief gehen konnte, ist schief gegangen", findet Dan McLaughlin, Chefvolkswirt der Bank of Ireland, trotz allem deutlichere Worte als sie in Spanien üblich sind.

Neben der geplatzten Immobilienblase und der nachlassende Bautätigkeit drücken in Irland der starke Euro und die Wirtschaftskrise in den USA auf das Wachstum. Denn von dort stammen viele Direktinvestitionen und zudem sind Exporte in den Dollarraum eingebrochen, weil Waren aus Irland teuerer wurden. McLaughlin hätte es lieber gesehen, wenn die EZB vor einem Monat die Zinsen gesenkt hätte, anstatt sie zu erhöhen. Wie Spanien übt Irland Druck auf die Zentralbank aus, um weitere Anhebung angesichts der Rezession zu verhindern.

Davor steht auch Großbritannien. Zwar hätte die Bank of England Spielraum sogar noch etwas Spielraum für eine Zinssenkung, doch auch sie dürfte am Donnerstag das Leitzinsniveau bestätigen und weiter an der straffen Geldpolitik festhalten. Die Leitzinsen sind noch immer auf vergleichbar hohen 5 %, doch ist die Inflation mit 3,8 % niedriger als in den USA oder der EU. Doch die britische Zentralbank nimmt das angestrebte Inflationsziel, das wie im Euroraum bei 2 % liegt, deutlich ernster. Weshalb an eine Zinssenkung zur Ankurbelung der schwachen Wirtschaft kaum zu rechnen ist. Es gibt sogar Stimmen in der BoE, welche die Zinsen wegen der steigenden Inflation anheben wollen.

Dramatisch entwickelt sich offenbar auch die Lage in Italien. Die Regierung von Silvio Berlusconi malt bereits die schlimmste Krise seit 1929 an die Wand, um damit die geplanten Haushaltskürzungen zu rechtfertigen. Nach Berlusconis Angaben wachse Italiens Wirtschaft nicht mehr, der Verbrauch gehe zurück, die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer seien um sieben Prozent gesunken, und die Inflation habe mit mehr als vier Prozent ebenfalls einen neuen Rekord erklommen.

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