Ein neuer Blick auf die Welt
Die Demokratisierung der Gottesperspektive
Immer wieder sorgten technische Neuerungen für eine Veränderung des Blickes auf die Welt. Mit einem Programm wie Google Earth stehen nun (fast) allen Menschen Luftbilder kostenlos zur Verfügung. Ein Blick auf unsere eigene Stadt und andere Kontinente ist damit zur Selbstverständlichkeit geworden – jeder kann quasi gottgleich auf die Erde schauen. Wie verändert das unsere Weltsicht und unsere gebaute Umwelt?
[...] eine an sich eintönige Landschaft wird durch die Eisenbahn erst in eine ästhetisch ansprechende Perspektive gebracht. Die Eisenbahn inszeniert eine neue Landschaft. Die Geschwindigkeit, die die Gegenstände der Wahrnehmung [...] verflüchtigt und ihnen damit ihr kontemplatives Dasein nimmt, wird für die neue Wahrnehmung zum Lebenselixier. Erst durch die Geschwindigkeit erhalten die Gegenstände der sichtbaren Welt einen Reiz.:Schivelbusch, Wolfgang (1979) "Die Geschichte des Eisenbahnreisens"
Erlebten die Menschen vor der Industrialisierung die Welt aus der Fußgängerperspektive und in Schrittgeschwindigkeit, so veränderten erst Eisenbahn und schließlich Fesselballon sowie Flugzeug die Sehgewohnheiten der Menschen. Mit der zunehmenden Geschwindigkeit der Bahn, verschwomm für den Reisenden der Vordergrund. Details konnten nicht mehr wahrgenommen werden, denn die nähere Landschaft raste an einem vorbei – und der Reisende richtete den Blick auf das Panorama. Dieser Blick in die Ferne erlaubte ein Fixieren und die Wahrnehmung des Ganzen – es entstand der "panoramatische Blick". Die technologische Errungenschaft der Eisenbahn prägte somit eine neue Sehweise. Aber nicht nur die Sehweise änderte sich. Durch den doppelten Effekt der "Raumverkleinerung und der Raumerweiterung", kam es zu einer Veränderung der räumlichen Verhältnisse. Die Verkürzung der Verkehrszeit führte zu einer Erweiterung des Verkehrsraumes, was sich auf die Entwicklung der Städte und die gebaute Umwelt auswirkte. Die Infrastruktur der Eisenbahn prägte deren Entwicklung und Städte konnten in bis dato ungekannten Ausmaß wachsen.
![]() |
|
| Bahrain auf Google-Earth |
Das Flugzeug veränderte die Sicht auf die Welt abermals, denn es brach mit dem "Monopol der Vertikale" (Walter Benjamin). Zu dem Horizontalblick – der vertrauten menschlichen Raumwahrnehmung – kam der Blick aus der 3. Dimension. Die Wahrnehmung wurde durch den Blick des Piloten verändert. Denn mit dem Luftbild konnte jeder Mensch die Welt von einem neuen Standpunkt aus betrachten. Je mehr man sich von der Erde entfernte, desto größer wurde die Abstraktion der Landschaft.
|
|
Die ersten Bilder aus dem All veränderten die Wahrnehmung der eigenen Erde. Der Begriff "des blauen Planeten" entstand erst durch die Bilder aus der Ferne, von wo aus die – zu großen Anteilen mit Wasser bedeckte – Erde blau leuchtete. Und mit dem Blick aus dem Weltraum sah der Mensch den ehemaligen Mittelpunkt der Schöpfung als einen von vielen Planeten im weiten Weltall – nun quasi aus der Gottesperspektive.
Die Demokratisierung der Gottesperspektive
Karten waren als militärisches Instrument den Herrschenden und Mächtigen vorbehalten und damit ein Herrschaftsinstrument. Denn mit Hilfe der Karten ließen sich strukturelle Zusammenhänge erkennen, die in der Horizontalen verschlossen blieben. Mit Google Earth ist dies praktisch für jedermann möglich. Google Earth ist eine Software, die Luft- und Satellitenbilder der gesamten Welt zusammensetzt – und damit eine digitale Abbildung der Erde darstellt. Wie ein Globus, nur mit echten Luftbildern. Daher wird diese Art der Programme als Virtual Globes bezeichnet. Das Besondere an diesen Programmen ist, dass sie in 3. Dimension mit Topografie und Stadtmodellen die Luftbilder zu einer realistischen Abbildung unserer Welt ergänzen. Die einfache Handhabung gibt dem Nutzer das Gefühl, die Welt "umfliegen" zu können. Nach der Installation kann man über das Internet seine Reise beginnen. Jeder kann aus dem Weltall auf die Erde blicken, sich ihr im Stile des Kurzfilms "Powers of 10" nähern und sie überfliegen. In dem Film, der sich mit relativen Größe aller Dinge im Universum auseinandersetzte, begab man sich auf eine Reise, die bei 101 m Höhe begann und einen in die Weiten des Universums führte (1024 m). Zwar reicht der Blick von Google Earth nicht ganz so weit, aber jeder kann den blauen Planten erkunden – ihn sich quasi "gottgleich" aneignen. Die Erde schrumpft auf die Größe des Bildschirms – die Ferne rückt näher. Madrid, Bombay, Buenos Aires oder die eigene Stadt, alles liegt gleich weit entfernt – ein paar Mausklicks. Was früher "am anderen Ende der Welt" lag, ist nun genauso weit entfernt wie die eigene Umgebung.
![]() |
|
| Mit Google Earth kann jeder aus der Gottesperspektive auf die Erde blicken. |
Vergegenwärtigt man sich die Konsequenzen, welche die technologischen Errungenschaften in der Vergangenheit hatten, dann kann man davon ausgehen, dass auch diese neue, zusätzliche Perspektive ihre Auswirkungen haben wird.
Im einem Fall in Bahrain versuchte nach Angaben der Financial Times das Informationsministerium den Zugriff auf Google Earth zu blockieren. Denn Google Earth ermöglicht allen Nutzern einen Blick von oben auf die Welt – auch dahin, wo es sich nicht jeder wünscht. Dank der hochauflösenden Bilder in Google Earth konnte sich jeder in Bahrain die Paläste und Grundstücke der reichen Familien genauer anschauen. Dies führte zu Diskussion über den extremen Unterschied im Lebensstandard der allgemeinen Bevölkerung und der Oberschicht. Es kursierte eine Datei, welche anhand von Luftbildern aus Google Earth die Paläste und Inseln der Oberschicht zeigte und das Missverhältnis der Landverteilung kritisierte. Die arabische Bloggerszene diskutierte, ob mit dem Zensurversuch, der nur 3 Tage dauerte und schließlich durch die mediale Aufmerksamkeit das Gegenteil bewirkte, dieser Diskussion Einhalt geboten werden sollte. An diesem Beispiel werden einerseits die Bedeutungsmacht solcher Bilder, als auch die Konsequenzen durch deren Demokratisierung deutlich.
![]() |
|
| Die Welt erschließt sich einem wie aus dem Flugzeug. |
Folgen für die Städte
Was aber bedeutet dies für die gebaute Umwelt, für unsere Architektur und Städte? Deutlich werden die ersten Veränderungen schon in der Betrachtung der Stadtgrundrisses von Brasilia. So ist das zentrale, gestaltende Element der Stadtstruktur – das Kreuz – für den Bewohner aus den Hochhäusern vielleicht gerade erahnbar. Der Laie betrachtet die Struktur ab und zu im abstrakten Stadtplan, Interessierte und Fachleute bestaunten die Pläne und Skizzen. Nun aber schaut sich jeder die Luftbilder, die Abbildungen der realen Welt an. Je mehr sich Programme wie Google Earth verbreiten, desto öfter wird Brasilia von den eigenen Bewohnern mit ihnen betrachtet. Die eigene Stadt erkennen sie nun auch von oben. Damit wird die ursprünglich symbolische Geste zu einem vertrauten Bild.
Was für den Städtebau gilt, zeigt sich auch in der Architektur. Mit Google Earth wird den Dächern unserer gebauten Umwelt eine neue Aufmerksamkeit zu teil. Betrachtet man eine Stadt aus der Vogelperspektive, dann rücken die Dächer in den Fokus. Bisher sah diese, außer dem Schonsteinfeger, niemand und für die Gestaltung eines Gebäudes war der Fußgängerblick entscheidend. Nun aber ist der Blick von oben zu Selbstverständlichkeit geworden und die bisher wenig beachteten Flächen werden zunehmend sichtbar. Gebäudedächer rücken damit ins Interesse der Werbetreibenden. Die Firma RoofAds in Amerika bietet Hausbesitzern die Möglichkeit, Werbung auf dem Dach zu anzubringen – insbesondere wenn man in der Nähe von Sehenswürdigkeiten wohnt. Denn diese werden von den vielen Besuchern gesehen, die mit Google Earth ihre Urlaubsziele im Vorfeld besichtigen.
![]() |
|
| Brasilia von oben - die städtebauliche Struktur wird sichtbar. |
Die Wahrnehmung von Architektur erfolgt nun nicht mehr ausschließlich durch die Fußgängerperspektive. Daher die Wahrnehmung der Architektur durch diese neue, zusätzliche Perspektive geprägt. Entwarf das Architekturbüro Plot noch einen Gebäudekomplex, der vom Boden aus betrachtet das Wort "Vejle" ergab, so entstehen heute bereits Gebäudeformen, die für den Blick aus der Luft konzipiert sind.
![]() |
|
| Die Architektengruppe ALL-Architekten hat im Auftrag einer Firma (mit einem X als Logo) einen Dachaufbau in dieser Form entworfen. Ziel ist eine markante Dachform, die beim Blick von oben hervorsticht und so den Sitz der Firma repräsentiert. Auslöser war dabei die große Verbreitung und zunehmende Nutzung von Google Earth. Denn erst jetzt kann ein solches Vorhaben den gewünschten Effekt erzielen, da "sich normalerweise niemand ein Luftbild holt und draufschaut", wie es die Architekten formulieren. |
Ein digitales Programm verändert damit die unsere gebaute Umwelt. Der Rückkopplungseffekt führt dazu, dass nicht nur die reale Welt auf den virtuellen Raum wirkt, sondern dieser seine Spuren genauso in der realen Welt hinterlässt. Die beiden Welten überschneiden und beeinflussen sich gegenseitig. Damit wird die Demokratisierung der Gottesperspektive auch die Architektur und unsere Städte beeinflussen und schließlich verändern.
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28483/1.html- Aaah, der Klassiker (25.8.2008 16:01)
- Blick aus dem Weltraum contra PC (25.8.2008 9:52)
- Schaut man bei MSN-Live, (25.8.2008 4:15)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem
SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2





