Der Blick ins Nichts?

18.08.2008

Vor 25 Jahren wurde die Exo-Soziologie begründet - Vorschläge für eine neue Programmatik

Im November des Jahres 1983 erschien in der Zeitschrift "Free Inquiry in Creative Sociology" ein kurzer programmatischer Aufsatz des an der Universität von Hawaii lehrenden Soziologen Jan H. Mejer: "Towards an Exo-Sociogy: Constructs of the Alien". Ziel des Autors war es, ein neues Teilgebiet der Soziologie zu etablieren, die sich primär mit der Frage beschäftigen sollte, wie Fremdheit gesellschaftlich konstruiert wurde und wird – und was sich daraus zukünftig für unser Verständnis des außerirdischen Fremden ableiten ließe. Eine zentrale Rolle wies Mejer dabei der Untersuchung kultureller Wissensbestände über Mensch-Alien-Kontakte zu, wie man sie etwa in der Science Fiction findet. Er fragte außerdem, wie die irdische Wissenschaft, namentlich die Soziologie, etwas über die Verfasstheit außerirdischer Gesellschaften in Erfahrung bringen könne, falls diese tatsächlich eines Tages entdeckt werden sollten. Von solchen Fragen versprach Mejer sich bereits vor dem Eintreten jenes "Falls der Fälle" Impulse für eine Erneuerung des sozial- und kulturwissenschaflichen Denkens.

Eine kurze Geschichte des Scheiterns

Mejers Idee einer neuen soziologischen Bindestrich-Disziplin hat sich in dieser Form nie durchgesetzt, das von ihm formulierte Programm wurde bis heute nicht realisiert. Der Autor hatte Fragen gestellt, die zur damaligen Zeit von den meisten Sozialforschern als ebenso wissenschaftlich bedeutungslos wie intellektuell unergiebig angesehen wurden. Und sie waren, dies ist wohl der wichtigste Grund für das Scheitern dieser Initiative, zu Beginn der achtziger Jahre gesellschaftspolitisch höchst unerwünscht (dazu später mehr). So gerieten die Thesen, Fragen und Ideen Mejers im Laufe der Zeit weitgehend in Vergessenheit.

Als einer der wenigen Nachfolger Mejers beim soziologischen Nachdenken über den Weltraum kann heute der US-amerikanische Soziologe Jim Pass mit seinem Projekt "astrosociology" angesehen werden – ein Projekt, das sich allerdings deutlich irdischeren Fragen zuwendet, als sie damals von Mejer formuliert worden waren. Jim Pass hat offensichtlich aus dem Scheitern seines ideellen Vorgängers gelernt: Im Zentrum der Arbeit des von ihm unlängst gegründeten Astrosociology Research Institute..www.astrosociology.org stehen ganz irdische Prozesse der gesellschaftlichen Organisation der Weltraumforschung, namentlich der bemannten Raumfahrt. Fragen nach den Chancen und Risiken des Kontakts der Menschheit mit außerirdischen Zivilisationen und die Antworten auf sie (seien sie literarischer oder wissenschaftlicher Art), bleiben hingegen Randthemen. Der visionäre Blick, der Mejers Projekt seinen Stempel aufdrückte, ist durch ein traditionelles wissenschaftssoziologisches Programm (wenn auch mit besonderer thematischer Ausrichtung) ersetzt.

Das eigentliche Thema 2Exo-Soziologie2 könnte damit zu den Akten gelegt, Mejers Programm endgültig als Fußnote der Soziologiegeschichte formatiert werden. Nach meiner Überzeugung gibt es allerdings eine ganze Reihe von Gründen – für die Soziologie, für die Wissenschaft, aber auch für die Gesellschaft insgesamt – sich nicht vorschnell von jenen Fragen und Anregungen zu verabschieden. Möglicherweise musste Mejer mit seinen Ideen ja auch nur deshalb scheitern, weil er dem wissenschaftlichen Zeitgeist um Jahrzehnte voraus war.

Veränderte Rahmenbedingungen

Die Zeit, in der Mejers programmatischer Aufsatz erschien, war nicht nur die Hochzeit der so genannten "neuen sozialen Bewegungen", die damals ungewohnte Themen sehr lautstark auf die gesellschaftspolitische Agenda beförderten (etwa ökologische Gefahren oder die fortgesetzte Frauendiskriminierung), es war gleichzeitig weltraumpolitisch das Ende der Phase einer primär friedlichen Erkundung des Universums.

Im März 1983, genau ein halbes Jahr vor dem Erscheinen von Mejers Artikel, hatte der damalige US-Präsident Ronald Reagan seine Vision einer nachhaltigen Militarisierung des Weltraums verkündet, die später als "Krieg-der-Sterne-Programm" in die Geschichte eingehen sollte. Die Idee einer von wissenschaftlichen Interessen geleiteten Erforschung des Weltraums – einschließlich eines möglichen friedlichen Kontakts zu anderen Zivilisationen – war, zumindest in den USA, durch militärstrategisches Denken konterkariert worden.1

Anfang der achtziger Jahre sollte die zivile Weltraumforschung dem Primat der Weltraumwaffenforschung untergeordnet werden. Heute wissen wir, dass Reagens Pläne aus verschiedenen Gründen (nicht zuletzt auch aus technologischen) zum Scheitern verurteilt waren. Trotzdem vergiftete die destruktive Positionierung der US-Administration über viele Jahre hinaus die gesamte Weltraumforschung. In den (sich damals tendenziell noch als "gesellschaftskritisch" verstehenden) Sozialwissenschaften musste dies den Eindruck nur noch verstärken, dass die Beschäftigung mit "Außerirdischem" moralisch nur als Teil eines kulturkritischen Programms zur Dekonstruktion gewaltbasierter Machtpolitiken und zur Entlarvung der Machenschaften des "militärisch-industriellen Komplexes" (Wie Phönix aus der Asche) akzeptabel sei.

Während weite Teile der Kulturwissenschaften (wie hier eingeräumt werden muss: oftmals aus guten Gründen) bis heute an ihrem grundsätzlichen Verdikt gegen jede nicht von vornherein ideologiekritisch formierte Beschäftigung mit dem Weltraum und der Weltraumforschung festgehalten hat, haben sich die Grundpositionen, empirischen Befunde und auch die Visionen der naturwissenschaftliche Weltraumforschung weiterentwickelt. Insbesondere hat sich im letzten Jahrzehnt auch die Frage nach außerirdischen Zivilisationen, die Mejer bewegte, vom fiktional-literarischen Denken emanzipiert und ist wissenschaftlich geworden. Nach zahlreichen aktuellen Befunde aus den Astrowissenschaften (etwa über die Häufigkeit extrasolarer Planeten, die weite Verbreitung von Lebensbaussteinen im All oder die extreme Widerstandsfähigkeit irdischer Lebensformen) gehört die Idee von Leben außerhalb der Erde heute zum Mainstream-Denken in der (Natur-)Wissenschaft. In den USA hat sich gar mit der Astrobiologie ein neuer Forschungszweig etabliert, der nicht nur mit zahlreichen innovativen Programmen und Projekten die Öffentlichkeit und private wie staatliche Geldgeber auf sich aufmerksam macht, sondern auch eine zunehmende Anziehungskraft auf Nachbardisziplinen (wie die Biochemie, die Geologie oder die Molekularbiologie) ausübt.

Viele Naturwissenschaftler gehen heute davon aus, dass es in den Weiten des Universums nicht nur mit großer Wahrscheinlichkeit zahlreiche belebte Planeten gibt, sondern dass wir bereits in unserer Milchstraße jene "extraterrestrial, intelligent societies", von denen Mejer sprach, finden könnten … wenn wir nur danach suchen. Entsprechend dieser Annahme haben sich unter dem Stichwort SETI (Search for Extraterrestrial Intelligence) immer neue Suchprogramme etabliert, die sich diesem Ziel verpflichtet haben: Sie wollen durch den Empfang von eindeutig künstlichen Signalen – welcher Art auch immer – den Beweis erbringen, dass es neben der Menschheit noch andere intelligente (und technisch fortgeschrittene) Zivilisationen im All gibt (vgl. Engelbrecht 2008).

Die Akteure der verschiedenen SETI-Projekte teilen dabei einen Korpus von wissenschaftlichen Grundüberzeugungen, den Martin Engelbrecht und ich an anderer Stelle (Schetsche/Engelbrecht 2008) das kosmische "Kontakt-Paradigma" genannt haben. Es basiert auf einer Reihe von aufeinander aufbauenden Grundannahmen, die begründen (sollen), warum die Suche nach außerirdischen Intelligenzen wissenschaftlich durchaus Sinn macht. Auch wenn jene Annahmen erkenntnistheoretisch ausnahmslos prekär sind (weil sie empirisch allesamt auf dem einzigen bisher bekannten Fall der Entwicklung von Leben beruhen, nämlich dem der Erde selbst), treffen sie heute doch nicht nur bei Astrowissenschaftlern, sondern auch in der Scientific Community generell auf viel Zustimmung. Zumindest aber werden sie mit einem gewissen Wohlwollen betrachtet – auch wenn der Optimismus der aktiven SETI-Forscher hinsichtlich eines schnellen Erfolgs der Suche nicht immer geteilt wird.

Mit der wissenschaftlichen Anerkennung zumindest der Möglichkeit von Leben außerhalb der Erde gehen auch entsprechende lebensweltliche Überzeugungen einher. So glaubten – um nur ein Beispiel zu nennen – nach einer von Emnid im Auftrag der Zeitschrift Readers Digest im Jahre 2006 durchgeführten Repräsentativbefragung 40 Prozent der Bundesbürger an die Existenz außerirdischen Lebens. Und dieser spezielle Glaube ist inzwischen sogar im Vatikan hoffähig geworden.

Exo-Soziologie – eine erneuerte Programmatik

Die gesellschaftlichen Rahmbedingungen für eine ergebnisoffene kultur- und sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit dem und den Außerirdischen sind damit eigentlich so günstig wie seit langem nicht mehr. Wenn man vor diesem Hintergrund nach möglichen "guten Gründen" für die Wiederaufnahme des Programms der Exo-Soziologie fragt, ließen sich zumindest vier Argumente anführen:

  1. Nach den Annahmen der SETI-Forscher wird die Menschheit über kurz oder lang in Kontakt mit außerirdischen Zivilisationen kommen (auch wenn die meisten Soziologen sich dies heute nicht vorstellen können oder wollen). Und aller Wahrscheinlichkeit nach werden diese Zivilisationen der irdischen zumindest technisch weit überlegen sein (vgl. Shostak 1999: 121). Die Frage, was ein solcher Kontakt für unsere irdischen Gesellschaften bedeuten würde, ist lange Zeit von den SETI-Forschern selbst, aber auch von den meisten Kultur- und Sozialwissenschaftlern schlicht ignoriert worden. Ich habe diese "Enthaltsamkeit" bereits zu einem früheren Zeitpunkt an diesem Ort (Privatwirtschaft will gegen Cybercrime antreten) diskutiert (vgl. auch Schetsche 2008). Falls wir dem Kontakt-Paradigma der SETI-Forscher auch nur eine gewisse Glaubwürdigkeit zusprechen, wäre – angesichts der zunehmenden Zahl technisch elaborierter SETI-Projekte – jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich ernsthaft mit den möglichen Folgen eines Mensch-Alien-Kontakts auseinanderzusetzen und im Rahmen sozialwissenschaftlicher Prognostik entsprechende Szenarien für einen "Fall der Fälle" zu entwickeln, der in den nächsten Jahrzehnten durchaus Realität werden könnte. Da die Beschäftigung mit zwar vorstellbaren, aber noch nicht konkret absehbaren Ereignissen oder Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten nicht gerade zum bevorzugten Arbeitsbereich der Soziologie gehört hat (vgl. aber Hitzler/Pfadenhauer 2005), bedarf es allerdings gänzlich anderer Argumente, um Fragen der Exo-Soziologie nochmals auf die sozialwissenschaftliche Agenda zu setzen. Versuchen wir es einmal.
  2. Kaum ein anderes Thema weist uns stärker auf das komplexe Bedingungsgefüge zwischen realitätsbezogenem und dem fiktionalem Denken in der Gegenwart hin, als die Frage nach dem Verhältnis zwischen Menschen und Außerirdischen. Seit der Renaissance "lieferte das fiktionale und spekulative Nachdenken über Mensch-Alien-Begegnungen zahllose wissenschaftlich verwertbare Ideen und Gedankenexperimente […] und machte dieses Thema im wissenschaftlichen Kontext (so etwa in Gestalt der SETI-Forschung) überhaupt erst denkbar und erforschbar. Auf der anderen Seite stellte die wissenschaftliche Weltraumforschung vielfältige Anregungen, Szenarien und Hintergrundinformationen für fiktionale Formate bereit: Die Beobachtung solarer und extrasolarer Planeten, Theorien zur Entstehung und Verbreitung von Leben und so weiter" (Schetsche/Engelbrecht 2008: 267). Die Themen der Exo-Soziologie stellen mithin einen idealen Forschungsraum für die Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen dem realitätsbezogenen und dem künstlerisch-literarischen Denken einer Epoche dar (siehe etwa die gesellschaftspolitische Rolle von Utopien und Dystopien.) Hier werden nicht nur verschiedene Prozesse der "gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit" (Berger/Luckmann 1966) besonders augenfällig, sondern es treten uns auch die mannigfachen Varianten von Dokumenten (und Denkformen) mit hybridem Realitätsstatus entgegen, die heute die Massen- und Netzwerkmedien mehr und mehr dominieren. Eine Beschäftigung mit dem "Mensch-Alien-Problem" ist gleichzeitig immer auch eine Beschäftigung mit der Frage, was in unserer Gesellschaft als Realität gilt und was eben nicht. (Am augenfälligsten wird dies sicherlich in der so genannten UFO-Frage, die wissenschaftlich alles andere als trivial ist – vgl. Hövelmann 2008).
  3. Die theoretische Beschäftigung mit dem Außerirdischen als Musterbeispiel des "maximal Fremden" (siehe Schetsche 2004) kann sich als Schlüsselfrage der – gesellschaftspolitisch dringend notwendigen – Fremdheits- und Xenophobie-Forschung erweisen. Hier stellt sich eine ganze Reihe von wissenschaftlich wie sozialethisch bedeutsamen Fragen: Wie vermag Kommunikation sprachliche und kulturelle Grenzen zu überschreiten? Wie können wir uns in ein Gegenüber mit anderen Weltbildern oder abweichenden Modi der Weltwahrnehmung hineindenken? Mit welchen Missverständnissen bei der Kommunikation mit Fremden ist zu rechnen? Wie lassen diese sich gegebenenfalls vermeiden? Und natürlich auch noch grundsätzlicher: Wie fremdartig darf ein Wesen sein, damit wir es als gleichberechtigt betrachten – und ihm etwa den Rechtsstatus einer Person zubilligen? Gerade die letzte, ethisch äußerst schwerwiegende Frage, provoziert notwendig gesellschaftliche, moralische und wissenschaftliche Diskussion über die Bestimmung von Grenzen – etwa die von Menschenrechten. Von welchem Zeitpunkt an gelten sie für den Fötus? Bis wann für Sterbende? Unter welchen Voraussetzungen für Menschenaffen? Und wann kann ein KI-gesteuerter Roboter sie in Anspruch nehmen? Das heute noch fiktionale Beispiel des Aliens hilft hier, uns über die Definition intelligenten (und deshalb nach den bislang dominierenden ethischen Standards besonders schützenswerten) Lebens grundlegend Gedanken zu machen. Was macht überhaupt ein intelligentes Lebewesen aus? Planvolles und intentionales Handeln? (Was bedeutet es hier, wenn ein Lebewesen handlungsunfähig ist?) Oder die Existenz eines selbstreflexiven Bewusstseins? (Was heißt dies für Koma-Patienten?) Vielleicht auch das Vorhandensein einer bei Menschen üblichen Persönlichkeit oder einer bestimmten Intelligenz? (Wer stellt dies mit welchen Mitteln fest?) Alles Fragen, bei denen uns die exo-soziologischen Gedankenexperimente weiterhelfen, weil sie uns nach Antworten auf diese und ähnliche Fragen jenseits des Horizonts vermeintlicher Alltagsgewissheiten zu suchen ermöglichen. Die theoretische Beschäftigung mit Außerirdischen kann damit ganz praktisch zum Prüfstein für irdische Moralurteile werden.
  4. Ein Grundproblem, mit dem sich jede vergleichende Kultur- und Sozialforschung immer wieder konfrontiert sieht, ist die Frage nach der Bedeutung anthropologischer Konstanten für die Ausbildung und Selbststrukturierung von Gesellschaften. Dies korrespondiert unmittelbar mit der (auch gesellschaftspolitisch) äußerst umstrittenen Frage nach dem Wechselspiel von biologischen Anlagen und sozialisatorischen Einflüssen bei der Entwicklung des Individuums wie sozialer Gruppen, ja ganzer Kulturen (vgl aktuell Neyer/Spinath 2008). Diese Frage ist bis heute auch deshalb nicht wirklich befriedigend beantwortet, weil alle Experimente, Untersuchungen und theoretischen Entwürfe– wenn wir einmal einige Grenzformen bei den Menschenaffen außer Acht lassen – auf der Untersuchung einer einzigen kulturbildenden Spezies beruhen, unserer eigenen Art nämlich. Auf der schmalen Basis von N=1 lässt sich zwischen manchen konkurrierenden Hypothesen schlicht nicht entscheiden. Diese Problemlage betrifft nicht nur die Frage nach Bio-logie vs. Sozio-logie, sondern ebenso eine ganze Reihe anderer Probleme der vergleichenden Kulturforschung (etwa die nach der generellen Rolle bestimmter Umweltfaktoren, nach der Bedeutung von Sinneswahrnehmungen für die Ausbildung von Intelligenz oder nach der Notwendigkeit eines angeborenen kategorialen oder zumindest präkategorialen Apparats – letzterer seit Kant philosophisch und erkenntnistheoretisch dauerhaft diskutiert). Alle diese Fragenkomplexe werden schon heute auf Basis fiktional-hypothetischer Fälle (wie sie etwa die Science Fiction liefert) kulturell nachdrücklich thematisiert – ein Realkontakt mit einer außerirdischen Kultur würde gänzlich neue Antwortmöglichkeiten am Horizont erscheinen lassen. Und dies würde auch zahlreiche neue Fragestellungen generieren – nicht nur für eine sich spätestens dann gezwungenermaßen etablierende Exo-Soziologie.

Die Frage ist berechtigt, ob angesichts der zahlreichen irdischen Probleme, die gegenwärtig soziologische Aufmerksamkeit erfordern, bereits vor einem tatsächlichen Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation gedankliche oder gar materielle Ressourcen für exo-soziologische Überlegungen, Studien und Experimente aufgewendet werden sollten. Mejer mochte dies zu seiner Zeit ganz eindeutig bejahen – nicht zuletzt mit dem Hinweis auf die den Denkhorizont erweiternde Kraft des Nachdenkens über das prinzipiell Mögliche.

Auch ein Teil der oben angeführten Gründe spricht für ein solches professionelles Experiment bereits zum jetzigen Zeitpunkt. Falls man dem zumindest tendenziell zustimmen mag, wäre 25 Jahre nach Mejers "Blick ins Nichts" eine erneuerte Programmatik der Exo-Soziologie vorzulegen. Sie sollte sich, vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklungen auf unserem Planeten wie der jüngeren Befunde der astronomischen Forschung, nach meiner Überzeugung auf fünf zentrale Themenfelder und Leitfragen konzentrieren:

  1. Sozialwissenschaftliche SETI-Forschung: Wie sind die Vorannahmen der heutigen SETI-Forschung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive einzuschätzen und welchen Beitrag können die Kulturwissenschaften generell zur Weiterentwicklung dieses Forschungsprogramms leisten?
  2. Interspezies-Futurologie: Welches wären die prognostizierbaren Folgen (die kulturellen und religiösen, die politischen und ökonomischen) eines Zusammentreffens der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation?
  3. Konkurrierende Realitätsebenen: Welcher Zusammenhang besteht zwischen wissenschaftlichem und fiktionalem Wissen/Denken über die Stellung des Menschen im Kosmos und insbesondere über das Verhältnis zwischen Irdischem und Außerirdischem?
  4. Fremdheits- und Xenophobie-Forschung: Wie wird Fremdheit heute kulturell konstruiert und welches sind die sozialen und ethischen Folgen dieser Konstruktion – auf der Erde wie im Weltraum?
  5. Extra-humane Ethik: Über welche Eigenschaften muss ein Wesen verfügen bzw. wie "fremdartig" darf es sein, damit wir in ihm einen gleichberechtigten Interaktionspartner erkennen und ihm prinzipiell wie im Alltag personale Rechte zubilligen?

Eine Exo-Soziologie, die sich mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt, wird wohl lange Zeit ein Randgebiet der Kultur- und Sozialforschung bleiben. Dies heißt aber nicht (schon Mejer wies darauf hin), dass von ihr keine Impulse für die Erneuerung wissenschaftlichen Denkens ausgehen könnten. Und dies heißt, angesichts der heute von vielen Naturwissenschaftlern zumindest für erwägenswert gehaltenen Überzeugungen der SETI-Forscher, auch nicht, dass ihre wissenschaftliche Randlage auf Dauer gestellt sein muss. Spätestens mit dem ersten wissenschaftlicher Nachprüfung standhaltenden Hinweis auf die Existenz einer intelligenten Spezies außerhalb der Erde würde die Exo-Soziologie in den Mittelpunkt des fachlichen wie des öffentlichen Interesses rücken. Dies macht sie zu einer Leitdisziplin auf Abruf. Literatur

Der Autor hat gemeinsam mit Martin Engelbrecht eine kulturwissenschaftliche Anthologie zum Thema herausgegeben, die im Transcript-Verlag (Bielefeld) erschienen ist: Von Menschen und Außerirdischen. Transterrestrische Begegnungen im Spiegel der Kulturwissenschaft.

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