Jahrmarkt der Albernheiten

Dirk Scheuring 15.08.2008

Erlebnisse in Lively

Gegen Ende meiner Mission hatte ich mich schließlich akklimatisiert. Zu diesem Zeitpunkt war ich ein kleiner schwarzer Bär mit ockerfarbenen Wuschelhaaren auf dem Kopf. Ich trug einen Astronautenanzug, der mich wie eine Birne auf Beinen aussehen ließ und so den Putzigkeitsquotienten meiner tapsigen Bewegungen noch zu akzentuieren schien. Ich küsste wahllos wildfremde Avatare und ließ ihnen anschließend aus heiterem Himmel einen riesigen Amboss auf den Kopf donnern. Mein Name war Panzerfaust.

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Ich hatte mich definitiv weiterentwickelt. Dazu kann es kommen, wenn man eine Sache wirklich ernst nimmt. Sicher, ich pflege seit langer Zeit ein theoretisches Interesse an sogenannten "virtuellen Welten", an der Zukunft der Kommunikation, die bekanntlich in 3-D stattfinden wird, im "Metaversum" nämlich. Marketingexperten wissen schließlich schon seit Erscheinen von Neal Stephensons Roman Snow Crash vor gut 15 Jahren, dass wir demnächst allesamt in drei virtuellen Dimensionen businessdealen, interacten und ohne Ende abloungen werden, wenn das Ding erst mal den Tipping Point erreicht hat.

In der Praxis allerdings hatte ich stets dermaßen viel im RL um die Ohren, dass ich befürchtet, ein weiteres Paar im SL würde einen virtuellen Hörsturz verursachen. Schon die Benutzung gewöhnlicher Chatrooms erschien mir immer als intolerable Extravaganz; 3-D-Chats unter Benutzung visueller Repäsentationen meiner Persönlichkeit war demnach Zeiverschwendung höherer Dimensionalität. Also las ich die Theorien, und ansonsten hielt ich mich fern.

Doch vor etwa einem Monat, nach zweijährigem Brodeln in der Gerüchteküche, servierten Googles Server dann Lively, den heißesten Scheiß seit Erfindung des Blitter-Chips. Und plötzlich geschah alles sehr schnell: Fernsehsender und Multimedia-Agenturen begannen sofort mit der Möblierung virtueller Filialen. Blogs und Newsdienste vermeldeten umgehend das Erscheinen neuartiger Formen von Sex und Gewalt.

Und nicht nur online sprudelten die Nachrichtenquellen die Sauregurkenzeit davon, nein, auch im RL gerieten mir bekannte Marketingexperten ins Schwärmen. Einer von denen hatte mir damals Snow Crash geschenkt (also nennt sie nicht immer "Marketingfuzzis" in meiner Anwesenheit, verdammtnochmal!), und ihre Logik erschien zwingend: Google ist die Führungsmacht bei Online-Anzeigen und -Werbevideos. Anzeigen und Videos benötigen Platz auf dem zweidimensionalen Monitor, und dieser Platz ist eng begrenzt. Eine Online-Welt in 3-D-Darstellung vergrößert die virtuelle Plakatfläche in die unendlichen Tiefen des Raumes. Und das Wichtigste: Die Firma mit dem bekanntesten Markennamen der Welt und geschätzten 111 Milliarden Euro Marktkapitalisierung würde all die ärmlichen Amateure wie Second Life, Vivaty und IMVU vom Bildschirm putzen wie Glasreiniger einen Fruchtfliegenschiss. Das muss man ganz einfach Ernst nehmen, wenn mal heutzutage ernst genommen werden will! Also vorwärts, und keine Zeit mehr verschwendet! Meatspace war gestern - heute ist Tipping Point!

Retrospektiv betrachtet, war der Tipping Point vor allem ein recht persönlicher. Dies ganze freie Spiel mit Identitäten, ich hatte viel davon gelesen, doch hatte ich es bisher nie gespielt. Im Cyberspace weiß niemand, dass du ein Schwein bist, nicht wahr? Nachdem, psychologisch gesehen, der Damm der kritischen Vernunft unter dem Druck der Marktkapitalisierung gebrochen war, spülten die Fluten neuer Möglichkeiten mich umstandslos in die Feuchtgebiete meiner Phantasie. Ich bootete meine vernachlässigte Windows-Vista-Kopie (für Linux ist Lively bisher nicht zu haben), lud das Firefox-Plugin, loggte mich ein und unterzog mich erstmal einer virtuellen Geschlechtsumwandlung. Nicht nur endlose virtuelle Welten wollte ich erkunden - ich wollte sie sehen mit den Augen einer Frau! Ich war, wie gesagt, auf die Gefahren vorbereitet, Sex, Gewalt und alle diese Dinge, und so konfigurierte ich meine Repräsentantin entsprechend: Springerstiefel statt Bikini, Ribbonhead statt Wallelocken, und mein nom de guerre war Angelina diGriz. Zudem machte ich mich gleich mit den Menüpunkten vertraut, die Google dem Lively-User zur Generierung diverser gewalttätiger Verhaltensweisen zur Verfügung stellt: Unter anderem gibt es "slap" für einfache Ohrfeigen, "backhand" für Schläge mit dem Handrücken, "kick" für Tritte in die Kronjuwelen, und den besonders beliebten "squash", bei dem der Opponent durch einen plötzlich herabfallenden Amboss von Marketingexpertenschreibtischgröße zerquetscht wird (nur im Spaß, natürlich - die tun sich nicht richtig weh!). Sicher, man kann auch "hug", "kiss" oder "holdhands" wählen, wenn einem danach ist. Aber ich hatte nicht vor, allzu großzügig zu sein.

"He was hitting on us." Aaah... Gender Studies

Meine Vorurteile erwiesen sich als durchaus gerechtfertigt. Lively ist, anders als beispielsweise Second Life, nicht als zusammenhängende virtuelle Welt konzipiert, sondern eher eine Art virtueller Appartementkomplex aus einzelnen, von den Usern ausgestalteten Räumen, ohne direkte Verbindung zueinander. Zu den beliebtesten dieser "Rooms" zählen zu allen Tages- und Nachtzeiten jene, die das Versprechen des Angrabens und Aufgabelns bereits im Namen tragen: "Love Sweet Love" etwa, "der "Sexy Babes Club", das "Dating Café" und "Sex on the Beach". Räume wie den "Adult Sex Chat" und den "Fight Club", eine Einrichtung speziell für In-die-Eier-Treter und Amboss-Fallen-Lasser, hat Google bereits kurz nach ihrer Eröffnung wieder dichtgemacht, um potenzielle Marketingpartner nicht zu verprellen. Doch meine User Experience startet trotzdem mit einer einwandfrei schlüpfrigen Note: "u r hot", "wanna cyber?", "SEX SEX SEX" schallt es mir allenthalben entgegen. So also lebt die andere Hälfte... Nach kurzer Zeit habe ich einen Krampf in der Maushand, vom Dauer-Click&Scroll auf die "punch"-, "choke"- und "kungfu2"-Funktionen. Anders als bei Solospielen üblich fand ich leide keine Möglichkeit, Keyboard-Shortcuts zu benutzen; flüssig-elegante Combo-Moves sind mit dem umständlichen Rechts-Klick-Pop-Up-Menü-Interface so gut wie ausgeschlossen. Ich werde zunehmend reizbarer; während eines Schwätzchens mit gothicgirl21, so von Mädel zu Mädel, reicht es schon, dass ein Typ namens l33t_h4xxOr aufkreuzt und ganz harmlos "Hi girls" sagt, schon hat er - Klong! - einen Amboss auf der Schädeldecke. "He had it coming", bestärkt gothicgirl21 mich in meiner aufblühenden Soziopathie. "He was hitting on us." Aaah... Gender Studies.

Sei es durch den Krampf im Handrücken oder durch das Gefühl, eine Rippe mehr zu haben als gewöhnlich, jedenfalls war nach einiger Zeit ein Rollenwechsel fällig. Die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten für den persönlichen Avatar ist nicht eben überwältigend; es gibt grade mal zehn Basischaraktere - vier männliche, drei weibliche und drei tierische -, jeweils mit einigen Dutzend passender Kleidungsstücke und Accessoires. Nutzergenerierte Spielobjekte sind nicht zu haben. Durch die Entscheidung, die User ihre Figuren nicht von Grund auf selbst gestalten zu lassen, verhindert Google natürlich das Auftauchen tanzender Genitalien im "Sexy Babes Club", das imagebewusste Markenpartner verstören könnte. Trotzdem war mir aufgefallen, dass vor allem die männlich daherkommenden Avatare einen ausgesprochenen Mangel an modischem Einfallsreichtum dokumentierten - es gibt unzählige Typen, die entweder Jeans und ein blaues Hemd oder Khakishorts und ein blaues T-Shirt tragen. Bemüht, mehr vom Facettenreichtum meiner Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, guckte ich ein bisschen tiefer in den virtuellen Kleiderschrank und stellte fest, dass die Auswahl doch größer war, als man auf den ersten Blick sehen konnte.

Im Internet weiß keiner, dass du ein Schwein bist, außer du sagst es ihnen. Ich wählte also so einen großen Schlanken und verpasste ihm eine schwarze Pomadenfrisur, einen schwarzen Anzug samt silbergrauem Schlips und den Namen Carlo Gambino. Ein Tommy Gun im Geigenkasten war leider nicht im Angebot, aber ich konnte ja so tun, als sei die Beretta in meinem Hosenbund lediglich durch mein Jacket verdeckt. Ich war sicher, dass das gehörig Eindruck schinden würde, während ich mit meinen Identitäten spielte. Was für ein Spaß!

Der Erfolg war beeindruckend. Sobald ich im "Sexy Babes Club" auftauchte, drehten sich alle von mir weg und ignorierten mich. Ich kam nicht mal dazu, meinen klug ausgedachten Aufmacher "Hey, ich habe eine Pistole in meiner Hose - willst du meine Mae West sein?" irgendwo anzubringen, so schnell stand ich allein in der Gegend. Dasselbe geschah im "Dating Café". Und im "Love Sweet Love". Und sonstwo. Es lag, wie ich schließlich merkte, nicht an der Bedrohlichkeit des Mafia-Images, das ich zu projizieren versuchte. Es lag ganz einfach daran, dass jeder hier einen Typen in Anzug und Krawatte für total uncool hält. Tanzende Genitalien sind nichts gegen den Imageschaden, den die durchschnittliche Lively-Inhabitantin nimmt, wenn ihre Freunde sie beim Chatten mit einem wie Carlo erwischen.

Wo soll das hinführen mit dieser Generation? Kann sich denn keiner an die Regeln halten?

Kinder haben eben keinen Humor. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die meisten User hier sehr jung sind? Etwa 30 Prozent aller Dialoge beginnen mit: "how old r u?" und dann fliegen Sprechblasen auf mit Zahlen drin: "15 & u?", "16", "17", "11". Ganz klarer Verstoß gegen Googles Geschäftsbedingungen, das. Hier darf man frühestens ab 13 mitmachen, und unter 18 braucht man das Einverständnis der Eltern. Wo soll das hinführen mit dieser Generation? Kann sich denn keiner an die Regeln halten?

All das führte schließlich, praktisch unweigerlich, zu meiner Weiterentwicklung, und damit zur Geburt von Panzerfaust. Im Cyberspace weiß keiner, dass du ein Schwein bist, also kannst du genauso gut ein Bär sein. Ein total aufgedrehter, knuffiger, astronautenanzugtragender Tanzbär sogar. Ich hüpfte wild beschwingt durch die Gegend, verteilte hier einen Kuss, dort einen Amboss, umarmte jeden Typen in Jeans und blauem Hemd und säbelte ihm dann mit "kungfu2" die Beine weg, patsch! Horrido! Ich hatte mich gefunden!

"Panzer, you seem way retarded", stand plötzlich in einer Sprechblase. Jawoll, so kriegt man eben Aufmerksamkeit! Ich guckte hin, und da saß dieser Kerl in Khakishorts und blauem T-Shirt auf einem Sofa. Er konnte mich ungestraft beleidigen; er wusste genau, dass er sicher war. Man kann niemandem einen Amboss auf den Kopf fallen lassen, solange er sitzt. All die schönen Brutalo-Moves funktionieren nicht gegen Sitzende. Die Freiheit des persönlichen Ausdrucks ist hier tatsächlich sehr eingeschränkt.

Also setzte ich mich zu ihm. Er wollte wissen, wie ich es mit der Politik halte. Zum ersten Mal in meinem Lively-Leben führte ich mit jemandem so etwas wie eine Diskussion. Sie dauerte etwa zwei Minuten; dann erwähnte ich, dass ich Obama ebenso misstraue wie McCain, weil er für das FISA-Gesetz gestimmt hat. Daraufhin disapparierte mein Gesprächspartner auf der Stelle. Das geht ganz einfach; man klickt auf "Other Rooms", es gibt einen kleinen weißen Blitz, und - tschupp! - ist man weg.

Aaah! So fühlt er sich also an, der Tipping Point. Nun bin ich endgültig reif für Disney's Club Penguin. Auf geht's!

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28517/1.html
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