Winnetou und der Häuptling der Komantschen: Atze Brauner jagt Karl May

Im Dezember 1962 holten Wendlandt, Hummel und Bartel zum nächsten Schlag aus. In deutschen Kinos lief Der Schatz im Silbersee an. Wendlandt, Brauners ehemaligem Angestellten, gelang das, wovon der Chef immer geträumt hatte: der Film wurde in 60 Länder verkauft. Noch erfolgreicher war Winnetou I. Atze Brauner, schrieb der Stern, sei "verstört". Was war zu tun? Die Rechte an Karl Mays Wildwest-Romanen hatten wieder die anderen. Brauner ließ aus May-Versatzstücken den Film Old Shatterhand (1964) zusammenflicken und verdiente gleich viel Geld, weil er mit Lex Barker, Pierre Brice und Ralf Wolter dieselbe Besetzung aufbot wie die Konkurrenz. Dann kam ihm Winnetou abhanden, weil Pierre Brice bei Wendlandt einen Exklusivvertrag unterschrieb. Atze blieben nur Lex Barker, die Wüste und Südamerika.

Der Schut (1964) kann man sich auch heute noch ansehen. Danach wurden die Karl-May-Filme der CCC immer schlechter. Am schlimmsten ist Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten (1968), mit dem Brauner noch einmal in den Wilden Westen zurückkehrte, nachdem die Rialto ihre Serie eingestellt hatte. So sorgte er erneut dafür, dass traurig endete, was andere schwung- und phantasievoll begonnen hatten. In John Fords The Searchers erzählt John Wayne zur Charakterisierung der Komantschen, die seine Nichte geraubt haben, die Geschichte von dem Weißen, der ein Pferd reitet, bis es halbtot zusammenbricht und dann zu Fuß weitergeht. Ein Komantsche, der das Pferd findet, reitet weitere 20 Meilen auf dem Tier und isst es dann auf. Der zu früh gestorbene Filmjournalist und Westernkenner Joe Hembus war der Meinung, Atze Brauner sei der Komantsche des deutschen Kinos. Kann man ihm da widersprechen?

1963 wurden in den USA John Clelands Memoirs of a Woman of Pleasure ("Fanny Hill") neu aufgelegt und als Meisterwerk der erotischen Literatur gefeiert. Brauner steigerte mit und erwarb mit dem Amerikaner Albert Zugsmith die Filmrechte. 1964 wurden in einer bundesweiten Aktion alle Exemplare der deutschen Übersetzung beschlagnahmt, die bei Buchhändlern, Grossisten und Verlagen zu finden waren. Brauner bekam Angst vor der eigenen Courage. Fanny Hill wartet jetzt mit dem Einfall auf, die Heldin die Zeit im Bordell unberührt überstehen zu lassen, damit sie jungfräulich rein vor den Traualtar treten kann. Wenn es den Vorspann nicht gäbe, käme man nie auf die Idee, dass Russ Meyer Regie geführt hat. Claudia Dillmann schreibt dazu in ihrem Brauner-Buch: "An Erfahrungen, wie sich Leidenschaft, Lust, Gewalt und Sexualität, Tabuisierung und Normverletzung filmisch umsetzen ließen, mangelte es den deutschen Herstellern in eklatantem Maße." Russ Meyer sagte später, er habe durch Fanny Hill als Filmemacher nichts gelernt, wohl aber, wie man mit einem "Haufen von Arschlöchern" umgeht.

Rauswurf ohne Weihnachtsgeld: "Little Hollywood" macht dicht

Atze Brauners große Zeit war vorbei. Seine Ateliers waren immer schlechter ausgelastet. Im September 1970 kündigte er seiner Belegschaft, die von einst fast 500 auf 85 Arbeiter und Angestellte geschrumpft war. Mit dem Betriebsrat handelte er eine Abfindungsregelung aus. Je nach Alter und Betriebszugehörigkeit erhielten die Beschäftigten zwischen 200 und 2.000 DM. Durch diesen "Interessenausgleich" fühlte sich Brauner legitimiert, die fällige Weihnachtsgratifikation zu streichen. Die Ateliers in Haselhorst wurden mit einer Notbesetzung vor der völligen Schließung bewahrt. Vor ein paar Jahren geriet auch sein Immobilienimperium in Turbulenzen. Brauner sagt, er habe jetzt Schulden in Millionenhöhe, will aber kämpfen. Als Schuldigen an seiner Misere hat er den Turbokapitalismus ausgemacht.

In den 70ern stellte die CCC Filme wie Jungfrauenreport, Hochzeitsnacht-Report oder Leidenschaftliche Blümchen her, aber auch (in Co-Produktion) Sie sind frei, Dr. Korczak (der Kinderarzt Janusz Korczak ging mit Kindern aus dem Warschauer Ghetto freiwillig in die Gaskammern). Für seine inzwischen mehr als 20 "jüdischen Filme" hat Brauner viel Respekt erfahren. Diese Produktionen bezeichnet er als "teures Hobby". Es seien Filme, die er aus Überzeugung mache, auch wenn er damit immer nur Geld verliere. Wenn es stimmt, dass diese Werke, wie er in der taz berichtet, "bisher einige hundert Millionen" gesehen haben, kann es so schlimm auch wieder nicht sein. Ein paar davon haben sicher eine Kinokarte gekauft.

Einigen seiner Geschäftsprinzipien bleibt Brauner weiter treu. Demnächst will er Vicki Baums Roman Vor Rehen wird gewarnt verfilmen. Er schwärmt wieder von der Qualität des Stoffs und des vorgesehenen Regisseurs (Oscargewinner István Szabó). Doch Veronica Ferres soll die Hauptrolle übernehmen. In Deutschland ist Frau Ferres bestimmt ein Weltstar. Aber ist sie auch eine gute Schauspielerin, was nicht schaden kann, wenn man unermüdlich und zum x-ten Mal den "Welterfolg" anstrebt?

Arbeit verschafft Atze Brauner auch immer noch den Gerichten. In den 1990ern war er in ein langwieriges Verfahren rund um Jess Francos La venganza del Doctor Mabuse (1970) verwickelt (deutscher Titel: Dr. M schlägt zu). Im Prozess wurde viel darüber gestritten, ob es sich tatsächlich um einen Mabuse-Film handle, ob Brauner eine Vertragsverletzung nachzuweisen sei, wer wann was gewusst habe, ob Brauner direkt in die Produktion involviert war (als Drehbuchautor wird "Art Bernd" angegeben, Brauners übliches Pseudonym) oder ein mittlerweile verstorbener Angestellter und ob versucht werden sollte, die fällige Zahlung an die Erben von Norbert Jacques zu umgehen usw. usf. Erstaunte Prozessbeobachter hatten den Eindruck, dass Brauner sich durch eine simple Mitteilung und das Überweisen einer vergleichsweise winzigen Summe (weniger als 1.000 Euro) viel Ärger erspart hätte, aber - nun ja, das Prinzip.

Dieses Verfahren müsste den Kinogänger nicht weiter interessieren, wenn es nur darum gegangen wäre, ob die mit Mabuse noch irgendwann zu erzielenden Einnahmen bei Brauner landen oder bei den Erben von Norbert Jacques und den Verwaltern des literarischen Nachlasses. Gestritten wurde aber auch darüber, welche Verantwortung jemand übernimmt, der die Namensrechte an einer literarischen Figur erwirbt. Ist er verpflichtet, das Erbe des Autors zu pflegen? Sollte man ihm die erworbenen Rechte aberkennen, wenn er die Figur bis zur Unkenntlichkeit entstellt? Sollte jemand die Namensrechte zurückgeben müssen, der jahrzehntelang untätig bleibt oder es nicht schafft, ein neues Filmprojekt zu realisieren und so dazu beiträgt, dass eine einstmals berühmte Figur langsam in Vergessenheit gerät? Den Prozess gewann Atze Brauner. Das ist nicht unbedingt eine gute Nachricht. (Der ganze Vorgang hätte übrigens eine genaue Aufarbeitung verdient. Das würde spannende Erkenntnisse über Filmproduktion, Rechteverwertung und die Pflege unseres kulturellen Erbes zutage fördern.)

Robert Siodmak, einer von "Brauners Remigranten", drehte sechs Filme für die CCC. Anfangs kam er besser mit Brauner zurecht als Fritz Lang. Er war jünger und gesünder und hatte noch die Energie, um als erfahrener Hollywood-Profi aufzutreten, der sich nichts gefallen ließ, die Härte in der Sache aber durch den Witz zur rechten Zeit abfederte und so ermüdende Streitereien vermied. Siodmak soll hier das letzte Wort über Atze Brauner haben: "Ich habe einmal gesagt, dass er in Amerika eine große Karriere gemacht hätte. … Mir ist ein intelligenter Mensch lieber als ein Dummkopf. Deshalb war mir Artur immer sympathisch und ich habe ihn persönlich gern. Man weiß, woran man bei ihm ist und passt auf."

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