Nordwestpassage bald offen?

19.08.2008

Die Energie- und Klimawochenschau: Während in der Arktis der Klimawandel immer augenfälliger wird, schmieden Klimaschützer neue Allianzen. US-Atomfreunde leiden derweil unter Amnesie, während in Finnland der altbekannte Pfusch am Bau praktiziert wird

Der Eisschwund im hohen Norden geht munter weiter. Hoffnungen, das arktische Meereis könnte sich in diesem Sommer vielleicht ein wenig erholen und nicht ganz so weit wie im Vorjahr zurückzugehen, scheinen sich nicht zu erfüllen. Noch hat der Eisverlust nicht ganz den Rekord vom letzten Jahr erreicht, aber die saisonale Abnahme wird noch einen Monat anhalten. Durchaus möglich, dass in diesem Jahr der Nordpol selbst großflächig eisfrei sein könnte.

Dass das Meereis auf dem arktischen Ozean im Sommer zurückgeht, ist normal. Für gewöhnlich erreicht es sein Minimum Mitte September, um dann wieder zu wachsen. Seit dem Beginn der regelmäßigen Satellitenmessungen Ende der 1970er wird jedoch ein negativer Trend festgestellt. Das Minimum fällt tendenziell immer geringer aus, wobei sich dieser Trend seit Beginn des Jahrhunderts verstärkt hat.

Besonders drastisch fiel der Rückgang im letzten Jahr aus. Im September 2007 waren durchschnittlich nur 4,28 Millionen Quadratkilometer. Das waren beachtliche 23 Prozent weniger als der bisherige Rekord aus dem Jahre 2005 und 39 Prozent weniger als der Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000, wie aus einem Bericht des National Snow and Ice Data Center in Boulder, Colorado, hervorging.

Insbesondere war im letzten Jahr erstmalig der Perry-Kanal eisfrei gewesen, jener Schifffahrtsweg, der den Nordwestatlantik mit dem arktischen Ozean verbindet. Da auch die Küstengewässer vor Alaska offen waren, war damit die Nordwestpassage zum ersten Mal seit Menschengedenken befahrbar. Im Augenblick sieht es ganz danach aus, dass sich dieser Weg bereits in den nächsten Tagen erneut öffnen wird.

In Kanada sieht man das sicherlich schon wegen der US-Ansprüche mit gemischten Gefühlen. Washington hält den Perry-Kanal für internationales Gewässer, das es nach eigenem Gutdünken mit seinen Kriegsschiffen befahren kann. Sollte sich die US-Rechtsauffassung durchsetzen, hätte das auch umweltrechtliche Folgen, denn Kanada könnte an die Schiffe, die diese Route befahren, nicht mehr seine relativ strengen Anforderungen richten, sondern es würden die vergleichsweise laxen Bestimmungen der Internationalen Maritimen Organisation gelten (siehe auch: Streit um die Nordwestpassage).

Der starke Eisrückgang kommt unterdessen alles andere als unerwartet. Aus den Messungen der US-amerikanischen und sowjetischen U-Boot-Flotte weiß man, das in den 1960er und 70er Jahren das Eis auf dem Polarmeer wesentlich dicker als heute gewesen ist. Nach Angaben norwegischer Wissenschaftler war das Eis in der Periode 1993 bis 1997 durchschnittlich 40 Prozent dünner als in der Periode 1958 bis 1976. Je dünner das Eis, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es im Sommer gänzlich schmilzt. In diesem Frühjahr hatte die Bedeckung des arktischen Ozeans fast nur noch aus dünnem, einjährigem Eis bestanden.

Bild: National Snow and Ice Data Center

Klimacamp

Derweil füllt sich im Hamburger Stadtteil Lurup ein Aktionscamp von Klimaschützern und antirassisitischen Aktivisten. Noch bis zum Wochenende will man gemeinsam mit zahlreichen Aktionen gegen Kohlekraftwerke, Umweltzerstörung und unmenschliche Behandlung von Flüchtlingen protestieren. Vorgesehen sind unter anderem Proteste in Lübeck, wo Polizeibeamte aus der Mittelmeerregion für das effektive Abschotten der Grenzen ausgebildet werden, sowie eine gewaltfreie Besetzung des Bauplatzes für das Kohlekraftwerk Moorburg in Hamburg.

Der politische Brückenschlag zwischen Klimaschützern und Flüchtlingsinitiativen ist neu. Die Aktivisten verweisen unter anderem darauf, dass Millionen Menschen durch verschlechterte Umweltbedingungen und die Verschiebung von Klimazonen zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen werden. Die EU-Länder gehören zu den wichtigsten Verursachern des Klimawandels, schotten ihre gemeinsame Außengrenze immer stärker gegen Flüchtlinge und Migranten ab, so dass jährlich hunderte im Mittelmeer und Atlantik ertrinken.

Ein strahlender Kandidat

Dumm gelaufen. Da setzt sich John McCain, der republikanische Anwärter auf den US-amerikanischen Präsidentenstuhl, mit markigen Sprüchen für neue Atomkraftwerke ein und dann macht ihm die Navy einen Strich durch die Rechnung. "Wir sind 60 Jahre mit Atomschiffen um die Welt gefahren und haben nie einen Unfall gehabt", hatte er am 22. Juli verkündet, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Nur zwei Tage später musste die US-Marine jedoch zugeben, dass die USS Houston (ein atomgetriebenes U-Boot) in Japan, Singapur, Malaysia, auf Guam und Hawaii radioaktiv verseuchtes Kühlmittel verloren hat.

McCain scheint das aber nicht weiter anzufechten. Auch nach den Meldungen der Navy meinte er auf einer Veranstaltung in Arkansas, dass die USA "nie ein ernsthaftes Problem" gehabt hätten. In Japan kann man dem jedoch nicht ganz folgen. Die Behörden in Nagasaki und auf Okinawa erklärten, dass die USS Houston die dortigen Häfen nicht mehr anlaufen dürfe, so lange nicht Maßnahmen ergriffen werden, die eine Wiederholung der Vorfälle ausschließen.

"Wir sind überrascht, denn das ist die erste derartige Leckage eines Atom-U-Boots, und sie hat immerhin zwei Jahre gedauert", zitiert Bloomberg den Katastrophenschutz-Beauftragten von Nagasaki Toshio Mizoguchi. "Man hat uns immer gesagt, die Atom-U-Boote seien sicher." Die US-Navy beharrt hingegen darauf, dass die entwichene Radioaktivität harmlos und minimal gewesen sei. Immerhin 99 atomangetriebene Schiffe fahren unter der Flagge der US-Kriegsmarine.

Der Vergleich mit der Navy hinkt ohnehin. Wie in Deutschland, Schweden, Russland, Japan oder Frankreich hat auch die USA schon eine ganze Reihe problematischer und teils schwerwiegender AKW-Unfälle erlebt. Einer der folgenreichsten war die Havarie des Reaktors Three Mile Island in der Nähe von Harrisburg im März 1979. Dort kam es seinerzeit aufgrund von Bedienungsfehlern zu einem Kühlwasserverlust und zur partiellen Kernschmelze. Der Beinahe-GAU führte immerhin dazu, dass es seitdem in den USA keine neue Baugenehmigung für AKWs mehr gegeben hat. Der letzte Neubau, der noch vor dem Unfall grünes Licht bekommen hatte, ging 1994 ans Netz.

McCain ist offensichtlich der Meinung, dass derlei Vorgänge inzwischen aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind. So wählte er sich Anfang August ausgerechnet die Kühltürme des AKW in Newport, Michigan, als Kulisse, um für neue Meiler zu werben. 45 Anlagen sollen bis 2030 nach seinen Vorstellungen gebaut werden. In Newport war es bereits 1966 zu einer partiellen Kernschmelze gekommen, verursacht durch Probleme mit dem Natrium-Kühlsystem.

Der heute in Newport betriebene Reaktor ging 1985 ins Netz und hat eine Lizenz bis 2025. Die meisten US-Anlagen sind eher noch älter. Daran lässt sich ablesen, dass McCains Vorstoß vor allem darauf zielt, den Status quo der US-Nuklearindustrie aufrecht zu erhalten. Das macht seine Pläne nicht sympathischer, zeigt jedoch, dass von einer Expansion der Nutzung der Kernspaltung, wie sie in den letzten Monaten von einer wahren Flut von Artikeln und Rundfunk-Sendungen vorgegaukelt wird, nicht die Rede sein kann.

Pfusch am Bau

Unterdessen berichtet die Berliner taz vom Pfusch beim Bau des neuen finnischen Atomkraftwerks. Am Standort Olkiluoto baut derzeit Areva NP, der Kraftwerke bauende Zweig der französischen Areva-Gruppe, an dem die deutsche Siemens AG mit 34 Prozent beteiligt ist, einen Druckwasserreaktor, den so genannten EPR (European Pressurized Reactor). Für den Bau wurde Festpreis von 3,3 Milliarden Euro vereinbart. Inzwischen schätzen Beobachter die Mehrkosten auf 700 Millionen bis 1,5 Milliarden Euro. 500 Millionen Euro davon wird Siemens wohl schultern müssen.

Neue Ungemach dürften auf die Kraftwerksbauer zukommen, wenn der erwähnte taz-Bericht zutrifft. Demnach sollen die Schweißarbeiten für das Fundament der Anlage vollkommen unkontrolliert von statten gegangen sein. Die Arbeiter, die das Stahlgerüst des Fundaments verschweißt hätten, seien weder fachgerecht instruiert noch kontrolliert worden. Die Schweißarbeiten seien regelmäßig mit Beton bedeckt worden, noch bevor sie überprüft werden konnten.

Mit dem Bau hatte man in Olkiluoto 2005 begonnen, ursprünglich sollte die Anlage bereits 2009 ans Netz gehen. Doch daraus wird mit Sicherheit nichts werden. Bis 2011 wird es mindestens dauern, vielleicht auch länger. Die Verzögerungen haben sicherlich auch damit zu tun, dass es sich bei den deutsch-französischen EPR-Reaktoren um eine neue Generation von Meilern handelt, mit der es noch kaum Erfahrungen gibt. Die Vorgänge in Finnland machen deutlich, dass alle Vorstellungen, in den nächsten Jahrzehnten AKWs in nennenswerten Umfang und Tempo bauen zu können, pure Fantastereien sind. Windräder und Fotovoltaikanlagen können wesentlich schneller errichtet werden.

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