Theater 2.0

Ernst Corinth 21.08.2008

Berliner Gruppe sucht im Netz nach Autoren für eine Inszenierung

Web 2.0 trifft Schauspiel. Dieses wohl bisher in Deutschland einmalige Experiment versucht gerade eine Berliner Theatergruppe mit dem bezeichnenden Namen Antigone 2.0. Mit einem Projekt, an dem sich jeder übers Netz beteiligen kann. Die Grundlage der geplanten Inszenierung liefert Sophokles' Tragödie "König Ödipus", die nun von Interessierten auf dieser Seite bearbeitet, umgeschrieben oder erweitert werden soll. Nach dem bewährten Wikipedia-Prinzip. Eine Anmeldung ist dafür übrigens nicht erforderlich. Und was dabei herauskommt, ist natürlich noch vollkommen ungewiss.

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Dazu heißt es in einer Presseerklärung: "Ob dabei nur die alte Sprache oder auch Teile der Handlung ein neues Gesicht bekommen, bleibt offen. Das Konzept des Regisseurs Benedict Roeser dreht sich um die kritische Betrachtung von Wissen. Ödipus, der durch beständige Nachforschungen sein eigenes Unglück aufdeckt, wird die aktuelle Praxis des Wissenserwerbs gegenübergestellt, die sich durch Internetangebote wie Wikipedia immer schneller verändert."

Aber nicht nur der dramatische Text soll von den Internetnutzern erarbeitet werden, sondern erstellt werden sollen auch Pressemitteilungen, PR-Material und das Programmheft. Und selbst der Probenplan soll online entstehen. Nur schauspielern müssen die Schauspieler dann wohl immer noch allein.

Da das Projekt noch in der Kinderschuhen steckt, sind textliche Veränderungen bisher die Ausnahme. Sieht man einmal vom Prolog ab. Da tritt nämlich der Chor mit den bekannten Versen auf:

Wer, wie, was!
Der, Die, Das!
Wieso, Weshalb, Warum?
Wer nicht fragt bleibt dumm!

Und danach sitzt Ödipus dann offenbar in einer getränkeorientierten Einraumgaststätte und unterhält sich. Nach mehreren Bieren und Schnäpsen folgt auf der Seite wieder der Originaltext. Auch bei ihrer letzten Inszenierung, "Antigone 2.0", hat die Theatergruppe fröhlich experimentiert. Die Zuschauer konnten nämlich mittels Live-Chat, der im Bühnenhintergrund zu sehen war, das Bühnengeschehen kommentieren und Fragen stellen. Und dabei ging es offenbar bisweilen turbulent zu, glaubt man diesem Pressebericht: "Auf der Bühne steht eine geöffnete Flasche Sekt. Chatter 17 verlangt: ,Da ist bestimmt noch etwas drin – Sekt für alle!’ Lautes Gelächter geht durch die Reihen. Kreon ist verwirrt." Das zumindest kann bei dem geplanten neuen Stück nicht passieren. Sektdurstige Live-Chatter müssen dieses Mal nämlich draußen bleiben.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28551/1.html
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