Ohne Zeitzeugen mit Geschichte umgehen

Thorsten Stegemann 27.08.2008

Während der Unterricht über die Zeit des Nationalsozialismus mancherorts deutlich reduziert werden soll, hat das deutsch-amerikanische Touro College einen eigenen Studiengang ins Leben gerufen, der sich mit der "Vermittlung des Unfassbaren" beschäftigt

Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt mittlerweile 63 Jahre zurück. Die meisten Zeitzeugen sind bereits gestorben, und somit schwindet die Chance der nunmehr vierten Nachkriegsgeneration, sich wenigstens mittelbar noch einen Eindruck von den schwer erklärbaren Ereignissen der Jahre 1933 bis 1945 zu machen. Gleichwohl wirkt die kurze Dauer des "Tausendjährigen Reiches" bis heute nach – in vielerlei psychologischen, politischen und gesellschaftlichen Dimensionen, aber auch in der Kriminalstatistik.

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Die Polizei registrierte im März 2008 bundesweit 1.311 Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund. Im März 2007 hatte diese Zahl noch bei 853 gelegen, im März 2002 wurden 188 solcher Straftaten gezählt.

Für Oliver Decker, Assistent an der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig, deuten solche Zahlen darauf hin, dass die "narzisstische Plombe" immer wieder versagt und ein unzureichend verarbeitetes nationalsozialistisches Gedankengut auch in späteren Generationen Anhänger findet.

Antidemokratische Traditionen

Der Wohlstand der Wirtschaftswunderzeit, so Decker vor kurzem bei der Vorstellung der von ihm mitverfassten Studie Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen (Der rechtsextreme Alltag der Deutschen), habe keinen Platz für selbstkritische Reflexionen oder gar Schamgefühle gelassen – Ähnliches gelte für die kurze Aufbruchstimmung nach dem Fall der Mauer.

Immer dann, wenn der Wohlstand als Plombe bröckelt, steigen aus dem Hohlraum wieder antidemokratische Traditionen auf.

Oliver Decker

Die erwähnte Studie, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, wartet mit einer Reihe erschreckender Ergebnisse auf. So stimmten 36,9 Prozent der Befragten dem Satz "Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen" zu. 34,9 Prozent konnten sich für den Vorschlag "Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken" begeistern. Und 39,1 Prozent fühlten sich von der Behauptung "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet" angesprochen. Der Anteil derjenigen, die eine Diktatur befürworten, chauvinistische oder sozialdarwinistische Einstellungen hegen, ausländerfeindlichen und antisemitischen Parolen zustimmen oder die Zeit des Nationalsozialismus verharmlosen, liegt demnach weit höher als es Jahrzehnte mehr oder weniger engagierter Aufarbeitung der NS-Vergangenheit vermuten ließen.

Ob sich ein Mensch kritisch mit der Geschichte des eigenen Landes auseinandersetzen kann, hängt allerdings bekanntlich nicht nur von der persönlichen Einstellung ab. Das familiäre und soziale Umfeld spielen hier eine wichtige Rolle, dann aber auch Schulen und vergleichbare Institutionen, die den Heranwachsenden die entsprechenden historischen Informationen zukommen lassen und vor diesem Hintergrund eine intensive Debatte führen.

Wir können sogar bei heute 20- bis 30jährigen feststellen, dass eine demokratische Einstellung häufig einhergeht mit einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, die Scham und Schuld über die familiären Verstrickungen zulässt.

Oliver Decker

Das Dritte Reich in sieben Stunden

Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre (G 8) stellt das historische Bewusstsein nun vor eine weitere Herausforderung. Denn die teilweise drastischen Kürzungen der Unterrichtspläne betreffen naturgemäß auch das Fach Geschichte und hier die Zeitspanne, in der ein selbsternannter Führer und seine willigen Vollstrecker ihr Unwesen trieben. Das Bayerische Kultusministerium sorgte vor kurzem für Schlagzeilen als bekannt wurde, dass der diesbezügliche Oberstufenunterricht zum Schuljahr 2009/10 auf sieben Stunden gekürzt werden soll. Immerhin zehn Stunden gibt es für die "Geschichte des Nahen Ostens", auch wenn der Lehrplan noch nicht zwingend den Eindruck erweckt, dass Anhänger eines strukturierten und zielgerichteten Arbeitens hier auf ihre Kosten kommen.

Durch die Beschäftigung mit ausgewählten Epochen der Geschichte des Nahen Ostens erkennen die Schüler, dass sich herrschaftliche, wirtschaftliche, religiöse, nationalistische, machtpolitische und ideologische Konflikte in diesem Raum zu einem immer komplexer werdenden Problembündel verdichtet haben, das nur unter Berücksichtigung der historischen Wurzeln verstanden werden kann.

Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München

Ludwig Unger, Pressesprecher des Bayerischen Staatsministeriums, ließ sich von den schwer zu durchdringenden Formulierungen freilich nicht verwirren und machte ohnehin eine ganz andere Rechnung auf.

24 Stunden und nicht 7 Stunden, wie fälschlich behauptet, beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler des achtjährigen Gymnasiums mit dem Nationalsozialismus. Diese Stunden sind über die Jahrgangsstufen 9 und 11 verteilt. (...)
Der Lehrplan im Fach Geschichte greift darüber hinaus auch die Gründung des Staates Israel und seine Entwicklung auf. Das Thema Israel wird damit im Geschichtsunterricht im achtjährigen Gymnasium deutlich breiter behandelt als früher. Dabei wird auf die bedrohte Lage des Staates Israel im Nahen Osten eingegangen und auch das Verhältnis Israels zur Bundesrepublik explizit aufgegriffen.

Ludwig Unger

Der Versuch, sich vom "genetisch-chronologischen Strukturierungskonzept" vergangener Jahrzehnte zu lösen und stattdessen auf einen "wissenschaftspropädeutischen Zugriff" zu setzen, der den Schülern "ein mehrperspektivisches, methodenorientiertes Arbeiten an exemplarischen Themenbereichen" ermöglichen soll, stößt seit Wochen auf heftigen Widerspruch. Nicht nur Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist der Meinung, dass die vorgesehenen Unterrichtseinheiten keineswegs ausreichen, "um alle wichtigen Facetten der NS-Zeit tiefgründig zu beleuchten".

Masterstudiengang "Holocaust and Tolerance"

Diese Einschätzung dürften die Dozenten am Touro-College in Berlin-Charlottenburg wohl teilen, doch dem deutsch-amerikanischen Bildungsinstitut geht es nicht nur um die Dauer, sondern vor allem um die Qualität der historischen Auseinandersetzung. Seit dem Wintersemester 2007/08 sind hier rund zwei Dutzend Studierende im europaweit einmaligen Masterstudiengang "Holocaust-Kommunikation und Toleranz" eingeschrieben. Ziel der zweijährigen Weiterbildung, für die pro Semester Studiengebühren in Höhe von 3.000 Euro erhoben werden, ist einerseits die Vertiefung von geschichtswissenschaftlichen Kenntnissen, andererseits die Beschäftigung mit diversen Vermittlungskompetenzen.

Andreas Nachama, geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors und Gründungsdekan des Holocaust-Instituts, will auf diese Weise einem Grundproblem der Darstellung und Kommunikation historischer Ereignisse begegnen.

Ziel unseres Studienganges ist es, am Beispiel des Holocaust zu vermitteln, wie Geschichte in der Öffentlichkeit lebendig kommuniziert und veranschaulicht werden kann.

Andreas Nachama

Nachama beunruhigt vor allem der Umstand, dass es bald kaum noch Zeitzeugen gibt und die intensive Beschäftigung mit der Vernichtung der europäischen Juden bei immer mehr Menschen strikte Abwehrreaktionen hervorruft. Wie verschiedene Berichte zeigen, löst auch der Schulunterricht vielerorts Langeweile oder Desinteresse aus. Mit dem "NS-Zeug" könne sie wenig anfangen, wird eine 18-jährige Schülerin aus Bayern zitiert, die offenbar keine Minderheitenmeinung vertritt.

Am Ende hat die Klasse dichtgemacht, der Lehrer kam selbst mit interessanten Aspekten nicht durch.

Katharina (18), Schülerin

"Faschismus als Erlebnisangebot"

Die Psychologin und Soziologin Gudrun Brockhaus, Autorin des provokanten Buches "Schauder und Idylle. Faschismus als Erlebnisangebot" beschreibt die Beziehung zwischen dem historischen Themenfeld und dem modernen Rezipientenkreis deshalb durchaus zu Recht als komplexe Kommunikationsstörung.

Die Unterrichtsziele sind normativ, auf die Erzeugung von Gefühlen und moralischen Wertvorstellungen – und Handlungen gerichtet. Sie stellen eine sehr hohe Messlatte mit einer riesigen Spannweite auf, die für viele Störungen anfällig ist und leicht abstürzen kann. Die so Engagierten stehen von vornherein mit hoher Empfindlichkeit gegenüber Entwertungen und Desinteresse da.
Während sonst in der Schule vermutlich die Lagerbildung von Schulsystem und Lehrern auf der einen Seite und Schülern auf der anderen Seite als selbstverständlich toleriert wird, entsteht bei diesem Thema ein hoher Harmoniebedarf: alle sollen sich einig sein, engagiert bei der Sache sein, alle die Nazis, die Ausländerfeindlichkeit verdammen, die Toleranz loben etc.

Gudrun Brockhaus

Das Touro College will dieser Problematik bereits im "Basismodul Holocaust Communication" breiten Raum geben.

Die Studenten analysieren die Darstellung des Holocaust in Gedenkstätten, Gedenktafeln, Bauwerken und Museen. Auch die Vermittlung in Radio und Fernsehen, in Dokumentationen und Spielfilmen, in öffentlichen Reden und Ritualen gehört zum Themengebiet dieses Moduls. Die Studenten sollen lernen, die Effektivität der Kommunikation einzuschätzen, aber auch die über das Faktische hinaus vermittelten Werte und Interessen zu erkennen.

Touro College

Überdies soll neu über die gewachsene Distanz zu den Abnehmern historischer Informationen nachgedacht werden. Zu diesem Zweck verspricht das College, an dem weltweit rund 26.000 junge Menschen studieren, im dritten Semester multimedialen Unterricht auf der Höhe der technischen Möglichkeiten.

Informations-, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Internetauftritt, und Newsletter gehören zum notwendigen Bestandteil der Arbeit. Es geht nicht nur um die historisch präzise, pädagogisch sinnvolle Vermittlung von Inhalten, sondern auch darum die Adressaten auf ein entsprechendes Angebot aufmerksam zu machen. (...) Auch Fundraising ist letztendlich in der Hauptsache geglückte Kommunikation zwischen Gebern und Nehmern.

Touro College

Geschichte(n) ohne Zeugen

Dass die Beschäftigung mit historischen Ereignissen grundsätzlich möglich ist, ohne Zahlen, Daten, Fakten und Stimmungslagen durch Zeitzeugen verifizieren zu können, steht außer Frage. Andererseits zeigt das Bemühen namhafter Institutionen, wie etwa der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft, die tausende Zeitzeugengespräche mit Kindern und Jugendlichen vermitteln, welche Bedeutung dem authentischen Erfahrungsbericht gerade in Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus beigemessen wird. "Geschichte ohne Zeitzeugen so zu gestalten, dass die Erinnerung lebendig bleibt, wird die große Herausforderung des Geschichtsunterrichts der Zukunft sein", glaubt Peter Michael Minnema, Schulleiter des Duisburger Steinbart-Gymnasiums.

Wie diese Herausforderung bewältigt werden kann, lässt sich derzeit schwer abschätzen. Immerhin deuten eine Reihe interessanter Pilotprojekte darauf hin, dass über die Notwendigkeit, neue pädagogische und didaktische Wege zu beschreiten, kaum noch diskutiert werden muss. So hat das Zentrum für Antisemitismusforschung ein Gemeinschaftsprojekt mit der Gutenberg-Oberschule Berlin-Lichtenberg, der Walther-Gropius-Schule Berlin-Neukölln, der Kurt-Tucholsky-Schule Berlin-Pankow, der Rosa-Luxemburg-Schule in Potsdam und der 141. Oberschule in Dresden-Gorbitz durchgeführt, in dessen Verlauf die Jugendlichen mit aktuellen Formen des Antisemitismus, diskriminierendem Sprachgebrauch und fremdenfeindlichem Verhalten konfrontiert wurden.

Im Mittelpunkt steht die Anwendung des Youth Leadership Program (YLP), ein 1981 vom American Jewish Committee (AJC) für Schulprojekte in den USA entwickeltes Konzept, das die Arbeit mit Jugendlichen an Schulen außerhalb des regulären Unterrichts vorsieht. Interessierte Schüler üben auf freiwilliger Basis in kleinen Gruppen, wie sie ihre Peer Group durch couragiertes und informiertes Auftreten gegen Vorurteile positiv beeinflussen können. Das Programm basiert auf der Erkenntnis, dass ein Großteil der Jugendlichen einer oder mehreren Gruppen oder Cliquen angehören, die sich gegenseitig beeinflussen, einen gleichen oder ähnlichen Status haben und annähernd das gleiche Alter besitzen. In diesen Gruppen kommunizieren Jugendliche auf gleicher Ebene und arbeiten an anstehenden Entwicklungsaufgaben. Youth Leader wirken in diesen Gruppen als Multiplikatoren. Sie können Lerninhalte mit mehr emotionaler Beteiligung glaubhaft vermitteln und zusätzlich unterstützende Funktionen in der Unterrichtsgestaltung übernehmen.

Zentrum für Antisemitismusforschung

Neben dem praktischen Training wurden Lehrerfortbildungen angeboten und neue Unterrichtsmaterialien in Form einer multimedialen CD-ROM zur Verfügung gestellt.

Einen anderen Weg hat das Anne Frank Zentrum in Berlin eingeschlagen. Hier wurde im Januar bereits die zweite "graphic novel" vorgestellt, die als Unterrichtsmaterial für 13- bis 15jährige Schülerinnen und Schüler dienen soll. In dem Comic "Die Suche" erzählen die Enkel die Geschichte einer jüdischen Familie, die nach Auschwitz deportiert wurde und vermitteln so historische Fakten über den Holocaust.

Erste Bewertungen von Schülern und Lehrern liegen bereits vor. Demnach eignet sich die ungewöhnliche Herangehensweise, die in 18 deutschen Klassen, aber auch an Schulen in Ungarn und Polen erprobt wurde, durchaus dazu, komplexe Sachverhalte anschaulich zu vermitteln. Über die Empathie mit den Charakteren der Comicgeschichte seien die Schülerinnen und Schüler in der Lage, "einen persönlichen und multiperspektivischen Bezug zur Geschichte des Holocaust zu entwickeln", meinten die beteiligten Pädagogen.

Erfolgversprechende Anfänge markieren nur frühe Etappenziele auf einem langen Weg. Doch die klare Erkenntnis eines Denk- und Handlungsbedarfs zählt in diesem Fall sicher mehr als voreilige Patentrezepte.

Wenn man sieht, dass etwa 25 Prozent der Gesellschaft potentiell antisemitisch gesonnen sind, dann sieht man natürlich, dass da ein Defizit vorhanden ist. Wenn man sieht, dass die Wahlergebnisse in bestimmten Bundesländern für rechtsradikale Parteien sehr hoch sind, dass jemand auf der Straße, der äußerlich als Jude zu erkennen ist, weil er eine Kippa trägt, mit antisemitischen Bemerkungen ein Messer in den Bauch gerammt bekommt, dann sieht man, dass es in dieser Gesellschaft offenbar den Bedarf gibt, das was wir bisher gemacht haben, noch mal zu überdenken, und zu überlegen, was man besser und was man anders machen kann.

Andreas Nachama
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28582/1.html
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