Finanzkrise: "Das Schlimmste kommt noch"

01.09.2008

Die zehnte Bank ist in den USA dieses Jahr Pleite gegangen und mit 117 Banken auf der Problemliste ist ein neuer Rekord erreicht

Nun traf es die Integrity Bank im Bundesstaat Georgia, die vom staatlichen Einlagensicherungsfonds der US-Banken (FDIC) geschlossen wurde. Wegen der Finanzkrise hat auch die Zahl der insolvenzgefährdeten Banken auf den höchsten Stand seit fünf Jahren erreicht. Auf einer FDIC-Problemliste standen zum Ende des zweiten Quartals 117 Banken. Die Behörde geht davon aus, dass noch etliche hinzukommen. Trotz Hilfsmaßnahmen und Dementis wollen die Gerüchte nicht verstummen, dass auch die beiden großen Hypothekenfinanzierer verstaatlicht werden müssen. Immer neue Länder in Europa rutschen in die Rezession ab, die nach Ansicht von Experten auch in Deutschland nicht mehr vermeiden ist. Großbritannien sieht sich in der schlimmsten Krise seit 60 Jahren und in Spanien feiert sie Urstände. Das Land hat den EU-Spitzenplatz bei der Arbeitslosigkeit erklommen.

Die Finanzkrise in den USA, ausgelöst über die geplatzte Immobilienblase hat die zehnte Bank in diesem Jahr in die Pleite gerissen. Der staatliche Einlagensicherungsfonds hat die Bank geschlossen, weil sie nur noch über Aktiva in der Höhe von 1,1 Milliarden Dollar (rund 750 Millionen Euro) und Depot-Einlagen über 974 Millionen Dollar verfügte. Laut FDIC soll die Regions Bank aus Alabama die Einlagen der Integrity Bank und damit auch deren Kunden übernehmen.

Schlechte Praktiken bei der Kreditvergabe und die sinkenden Immobilienpreise hätten in Kombination mit einem mangelhaften Risikomanagement zu einem erheblichen Kreditausfall geführt und damit das Kapital der Bank aufgezehrt, sagte FDIC Sprecher Andrew Gray. Die Bank aus Georgia finanzierte vor allem Bauvorhaben im Großraum Atlanta. Die Pleite belastet den staatlichen Sicherungsfonds erneut mit 250 bis 350 Millionen Dollar. Erst eine Woche zuvor wurden die Columbian Bank and Trust Company in Kansas geschlossen. Für die bisher größte Pleite mit der Verstaatlichung des kalifornischen Hypothekenfinanzierers Indymac muss die FDIC mit 4–8 Milliarden US-Dollar einspringen.

Doch das Pleitekarussell kommt erst richtig in Gang, denn die Problemliste des Einlagensicherungsfonds wird immer länger. Kritisch war die Lage zum Ende des zweiten Quartals bei 117 Banken. Namen will die FDIC nicht nennen, um typische "Bank Runs" besorgter Sparer wie im Fall von Bear Sterns oder der britischen Northern Rock zu verhindern. So wurden 30 Prozent mehr Problemfälle registriert als noch vor drei Monaten, als die Liste noch 90 der mehr als 8.500 US-Banken und Sparkassen führte. Statistisch gesehen gehen 13% davon Pleite. Doch die FDIC geht von Schlimmerem aus und rechnet intern mit 150.

"Die USA sind noch nicht über dem Berg", sagte der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kenneth Rogoff, kürzlich auf einer Konferenz in Singapur. Verantwortlich dafür sei auch die verschlechterte weltwirtschaftliche Lage, die der IWF erst im Juli prognostizierte. "Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, das Schlimmste kommt noch", fügte Rogoff an und kündigte auch den Zusammenbruch einer großen Bank in der nächsten Zeit an. "Es wird eine große sein, eine der Investmentbanken oder der Großbanken."

Die Rückstellungen des US-Einlagensicherungsfonds sind wegen der Pleiten mit 45,2 Milliarden Dollar auf den tiefsten Stand seit 1995 gefallen. Der Deckungssatz ist mit 1,01% nun weit unter der gesetzlich vorgeschriebenen Versicherungsreserve von 1,15% gefallen. "Wir glauben nicht, dass wir die Talsohle des Kredit Zyklus erreicht haben", sagte die Behörden Chefin Sheila Bair. Deshalb will die FDIC die Prämien der Banken erhöhen und Risikobanken stärker zur Kasse bitten. Mittelfristig müsste sich die FDIC möglicherweise Geld vom Finanzministerium leihen, sagte. Also wird erneut der Staat einspringen müssen.

Durch höhere Einlagen werden die US-Banken aber weiter belastet, deren Ergebnisse im zweiten Quartal ohnehin fatal ausgefallen sind. Die Gewinne sind um 86% auf nur noch 5 Milliarden Dollar gesunken. Vor einem Jahr waren es noch 36,8 Milliarden Dollar. Zudem mussten die Banken für mögliche Kreditausfälle den Rekordbetrag von 50,2 Milliarden Dollar zurückstellen. Auf sie rollt auch die teuerste Refinanzierungswelle ihrer Geschichte zu. Bis Ende 2009 müssen sie Anleihen in einer Höhe von Sage und Schreibe 871 Milliarden Dollar zurückzahlen. Durch die höheren Finanzierungskosten fallen zudem 23 Milliarden Dollar mehr an Zinsenzahlungen im Jahr an. Das belastet die Geschäfte weiter, weshalb die Banken weniger Kredite an Verbraucher und Unternehmen vergeben können, was die Wirtschaftsleitung weiter negativ beeinflussen wird.

Abreißen wollen auch nicht die Gerüchte über eine mögliche Verstaatlichung der beiden größten Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddi Mac (Finanzkrise: Totgeglaubte leben länger). Sie haben für die internationalen Finanzmärkte eine enorme Bedeutung, da sie mit einem Volumen von fünf Billionen Dollar (3,4 Billionen Euro) fast hinter jedem zweiten US-Hauskredit stehen. Ende September laufen Papiere der beiden Finanzierer über rund 225 Milliarden Dollar aus und müssen neu verkauft werden. Fallende Hauspreise, die steigende Zahl von Zwangsversteigerungen und Kreditausfälle bescheren ihnen ständig große Verluste. Viele Investoren sind davon überzeugt, dass sie zu wenig Kapital haben und auch kein neues Kapital auf den internationalen Märkten finden, weshalb auch sie in den kommenden Wochen verstaatlicht werden müssten. Das wird vom Finanzministerium noch dementiert, aber erneut wird an Rettungspaketen und Finanzspritzen gearbeitet.

"Ausgeprägte Abschwungperiode"

Auch bei den großen Volkswirtschaften Japan (Tokio auf Talfahrt), Deutschland (Die Party ist auch in Deutschland vorbei) und Großbritannien wird die Lage immer düsterer. Nun hat auch Japan wie die USA ein Konjunkturprogramm aufgelegt, weil das Land in die Rezession abgerutscht ist. In Berlin lehnt man solche Schritte weiter ab, aber angesichts der Entwicklung dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch Berlin vom G7-Beschluss abweicht. Denn der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter sieht eine akute Rezessionsgefahr auch in Deutschland. Deutschland würde sich damit Dänemark, Großbritannien, Irland, Italien, Portugal, Spanien und Estland anschließen - und auch Frankreich ist auf dem besten Weg dahin.

Im Frühjahr war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schon um 0,3 Prozent geschrumpft, teilte das Statistikamt Insee jüngst mit. Das trifft Deutschland hart, denn Frankreich ist der größte deutsche Handelspartner. So bringt die düstere Lage auf den internationalen Märkten den Exportweltmeister in Bedrängnis. Laut Walter könne man deshalb nicht mehr von einer Flaute sprechen, sondern es handele sich um eine "ausgeprägte Abschwungperiode, die bis 2010 anhalten" werde. Nur "Glücksfälle" könnten die Rezession noch verhindern, sagte Walter, an die er aber nicht glaube.

Sturmwarnung für Großbritannien

Großbritannien steht nach Ansicht seines Finanzministers Alistair Darling ein historischer Konjunktureinbruch bevor. Darling gab in einem Interview am Sonntag "Sturmwarnung". Dem "The Guardian" erklärte er, die Wirtschaft befinde sich "in der wohl schwierigsten wirtschaftlichen Lage der letzten 60 Jahre" und der Niedergang werde zudem länger als gedacht anhalten. "Die nächsten zwölf Monate werden die schwierigsten für Labour seit einer ganzen Generation", sagte Darling, weil die Wähler "stinksauer" seien und "die Schnauze voll" hätten.

Die Eckdaten für die britische Wirtschaft lassen tatsächlich wenig Hoffnung aufkommen. Die Inflationsrate liegt gut doppelt so hoch wie das Inflationsziel, das die Notenbank und auch die Europäische Zentralbank (EZB) mit 2% angeben. Die Preise für Energie und Lebensmittel steigen stark und auch die Arbeitslosigkeit steigt. Mit 5,3% lag sie im Juli aber noch immer weit unter dem EU-Durchschnitt von 7,3%. Für ein Konjunkturprogramm fehlt dem Land das Geld. Die Neuverschuldung hat schon bedrohliche Ausmaße angenommen und dürfte für 2008 bei 3,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegen.

Verantwortlich für die schwierige Lage ist auch hier die geplatzte Immobilienblase. Die Preise verfallen im Rekordtempo. Im August verbilligten sich Immobilien zum Vormonat um fast 2% und sind schon etwa 10% günstiger zu haben als vor einem Jahr. Einen solchen Preisverfall hat es in dem boomenden Häusermarkt seit Anfang der 1990er nicht mehr gegeben, als Großbritannien ebenfalls in einer Rezession steckte. Bis zum Platzen der Blase hatten sich die Preise in nur zehn Jahren fast verdreifacht. Die Wertanpassung wird auch in Großbritannien dazu führen, dass die Kredite vieler Wohnungen nicht mehr über diese gedeckt sind. So wird der Fall von Northern Rock wohl auch in Großbritannien kein Einzelfall bleiben. Denn auch auf der Insel sind viele Kredite faul und wegen der gestiegen Zinsen kommt es zu immer mehr Kreditausfällen. Auch in Großbritannien wurden viele Kredite mit variablen Zinsen vergeben, die Zahl der Zwangsversteigerungen steigt, wie in den USA, deutlich an.

In Spanien bricht der Konsum ein und steigt die Arbeitslosigkeit

Ähnlich ist die Lage in Spanien, wo Hypothekenkredite fast ausschließlich mit variablen Zinsen vergeben werden. Langsam beginnt die Regierung von einer Krise zu sprechen, denn die Halbwertszeit ihrer wirtschaftlichen Prognosen nahm zuletzt immer schneller ab. Noch im Juni hatten die Sozialisten (PSOE) gehofft, die Arbeitslosigkeit werde zum angepeilten Tiefpunkt der "Flaute" 2009 bis zu 11% erreichen. Doch schon in diesem Juli hat sie die magische Marke gerissen. Spanien hat die Slowakei nun als Spitzenreiter in der EU abgelöst. Zeitarbeitsfirmen schätzen, dass die Arbeitslosigkeit schon 2008 auf 12,5% steigt und das dürfte deutlich näher die Realität abbilden, als die Dauerbeschönigungszahlen mit denen die Regierung ständig aufwartet. Man darf nun auf den Auftritt von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero vor dem Parlament gespannt sein. In einem Interview hat er heute angekündigt, er werde schnell den Parlamentariern Rede und Antwort über die Krise und die Gegenmaßnahmen stehen, welche die Regierung auf den Weg gebracht habe. Tatsächlich sind neben der Arbeitslosigkeit auch hier die Rahmendaten fatal. Große Immobilien- und Baufirmen melden große Verluste oder die Zahlungsunfähigkeit an.

Der Konsum bricht immer stärker ein. Die Verkäufe von Autos sind im August 40% niedriger ausgefallen als noch im Vorjahr, vom Einbruch bei Wohnungsverkäufen gar nicht zu sprechen. Die Verkäufe in Geschäften fielen im Frühjahr-Sommer um 5% und auch die Tourismusindustrie litt deutlich unter geringeren Ausgaben von nationalen und internationalen Touristen. Die einstigen Überschüsse in den Staatskassen haben sich wegen fallender Einnahmen aus Steuern und Sozialabgaben in ein Defizit verwandelt, das im Juli schon auf 10 Milliarden Euro anstieg. Vor einem Jahr wurde noch ein Überschuss von fast 8 Milliarden verzeichnet. Dass es die Regierung als Erfolg feiert, dass die Inflation nun nur noch knapp 5% betrage, ist ein schlechter Witz, schließlich hatte sie 2% angepeilt. Die beiden Konjunkturprogramme, die von der Regierung bisher beschlossen wurden, werden an der misslichen Lage der überschuldeten Familien nichts ändern. Die wirklichen Opfer der Krise werden gar nicht entlastet. Über die von der Regierung auch noch propagierte Kreditstreckung hat sich deren Lage sogar weiter verschärft. Mit der Streichung der Vermögenssteuer und der Förderung des Wohnungsbaus wird zudem auch noch denen unter die Arme gegriffen, die sich in den Boomjahren eine goldene Nase verdient haben. Hier braut sich eine explosive Mischung zusammen, die sich alsbald entsprechend entladen dürfte. Die Geduld der einfachen Leute ist auch in Spanien erschöpft.

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