Das Kreuz mit der Zensur

02.09.2008

Können die Vereinigten Arabischen Emirate ein Vorbild für Südtirol sein?

Der Münsteraner Aktionskünstler Ruppe Koselleck wurde unter anderem durch den Versuch einer feindlichen Übernahme von BP, der Anmeldung einer erfundenen Figur bei der GEZ und dem Austausch von Dekorationsbildern in Ikea-Filialen durch eigene bekannt.

Ein anderes Projekt Koselleks sind Kreuze aus zerschnittenen Coca-Cola-Dosen, Nägeln und Holz - dem Künstler zufolge ein "multinationales und funktionales Multiple" mit dem er "die beiden weltweit erfolgreichsten Megazeichen" addiert. Bislang existieren 24 Coca-Cola-Kreuze, darunter ein deutsches, ein amerikanisches, ein englisches, ein nordirisches, ein niederländisches, ein japanisches, ein südafrikanisches, ein ägyptisches und ein palästinensisches. Die dabei verwendeten Dosen weichen in der Schrift und teilweise in besonderen Aufdrucken voneinander ab, die für Veranstaltungen werben. Aktuell produziert Kosellek Kreuze mit Dosen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ungarn, der Ukraine und Südkorea.

Koselleks Coladosen-Kunst ist auch Bestandteil von Re-Art, einer mit einem Unesco-Prädikat versehenen und mehrfach prämierten Ausstellung mit Kunst aus Abfall, die seit 2004 um die Welt wandert. Nun gab es zum ersten Mal Probleme damit: In Dubai waren mehrere Kosellek-Kreuze nur einen Tag lang zu sehen, bevor sie entfernt wurden. Laut Samuel Fleinert, dem Re-Art-Kurator, war der Anlass der Entfernung, dass die Objekte angeblich von einem oder mehreren Besuchern von der Wand gerissen wurde. Danach entfernten die Veranstalter des Festivals "Dubai Summer Surprise" das Werk. Zur Begründung führten sie lediglich die Verletzung religiöser Gefühle an.

Damit bleibt unklar, warum genau die Kreuze letztendlich "nicht gut ankamen", wie die Münstersche Zeitung formulierte. Ein Verwirreffekt, der möglicherweise sogar Bestandteil des Konzepts war: Störten sich die Kunstschänder an Koselleks "Schändung" des Kreuzes oder an der Präsenz des christlichen Symbols? Am Coca-Cola-Design als Zeichen eines amerikanischen Konzerns oder an dessen Zerstörung? Hätten sie lieber den Halbmond als eines der beiden "weltweit erfolgreichsten Megazeichen" gesehen – und was wäre wohl passiert, wenn Kosellek ihn aus alten Coladosen geformt hätte? Oder steckt gar selbst ein Wille zum Kunstschaffen dahinter, so wie beim "Art Terrorism" Anfang der 1990er Jahre, als Aktionskünstler bezahlte Obdachlose in New Yorker Galerien schickten, Ausstellungsobjekte mit Kaffee bekleckerten, mit schmalzkringelfettigen Fingern anfassten, oder, wie beim Steirischen Herbst 1991, mit jugoslawischen Briefmarken verzierten?

Klarer waren die Angaben zu einem anderen Ausstellungsobjekt, mit dem die Veranstalter ebenfalls Schwierigkeiten hatten: Einem Bild Che Guevaras mit einem Strahlenkranz aus Cola-Dosen. Hier hieß es klar und deutlich, dass "revolutionäre Symbole" in den vereinigten Arabischen Emiraten nicht erwünscht seien. Koselleck selbst – ganz Aktionskünstler – freute sich in jedem Fall über die Reaktionen: "Man sieht, dass sich die Leute nicht alles gefallen lassen."

"Zuerst die Füße"

Ein anderer Künstler, der derzeit Zensurschlagzeilen macht, dürfte Kosellek gut vertraut sein - darauf deutet zumindest hin, dass er in seinem Werk "Ich kann beim besten Willen kein Fischstäbchen erkennen" mit einer seiner Ideen spielte. Der 1997 verstorbene Martin Kippenberger, bekannt durch Werke wie "Wenn sie mit Freiheit nicht zurechtkommen, versuchen Sie es doch einmal mit Frauen" oder der Capri-Serie, einer Reihe von Gemälden mit Ford-Automobilen als Motiv.

Anlass der aktuellen Empörung ist Kippenbergers Skulptur "Zuerst die Füße" - ein gekreuzigter Holzfrosch mit heraushängender Zunge und verdrehten Augen, der in der einen Hand einen Bierkrug und in der anderen ein Ei hält. Der auf den ersten Blick recht traditionelle Skandal über dieses Werk hat bei genauerer Betrachtung allerdings – ebenso wie der Kosellek-Fall – durchaus neue Nuancen.

Lanciert wurde er von der Südtiroler Sonntagszeitung "Zett" anlässlich der Ausstellung des Objekts im Bozener "Museion" Die Zeitung füllte mit einem Bild der als "Froschkönigin" titulierten Museumsdirektorin eine ganze Titelseite und erzeugte eine Flut von Leserzuschriften, über welche die taz befand:

"Ans Kreuz mit den Künstlern!", gehört lange nicht zum Ärgsten. Köpfe müssen rollen, mindestens. Tatsächlich erstaunt die Wucht, mit der sich ein nahezu biblischer Zorn hier Bahn bricht, ein Zorn, der an den zürnenden Gott des Alten Testaments erinnert, rachsüchtig und böse.

Es blieb aber nicht beim Schreiben von Leserbriefen, auch Demonstrationen religiös beleidigter Gruppen fanden vor dem Museum statt, darunter kostümierte "Schützen", die verlangten, dass der Frosch umgehend abgehängt werden müsse. Schließlich bekam auch der Papst, der dieses Jahr in Südtirol Sommerurlaub machte, eine "Liste der größten Sorgen des Landes" überreicht, auf der sich der Frosch gleich neben der Pädophilie wieder fand.

Und weil im September Landtagswahlen sind, fanden sich auch Politiker, welche die Forderung übernahmen: Wobei sich sonst spinnefeind gebende deutsch- und italienischsprachige Politiker wie Eva Klotz von der separatistischen "Süd-Tiroler Freiheit" und der "Popolo-della-Liberta"-Kulturminister Sandro Bondi in seltener Eintracht zum Sturm auf Kippenberger bliesen.

Hauptdarsteller dieses Skandals war neben dem Kippenberger-Frosch aber unumstritten Franz Pahl, ein Politiker der "Südtiroler Volkspartei". Der nahm die Ausstellung sogar zum Anlass, in einen Hungerstreik zu treten. Was sagt nun dieser Pahl, der unter anderem Autor des Buches "Die islamische Überrumpelung" ist, dazu, dass den moslemischen Zensoren in Dubai genau das gelang, was er in Südtirol erreichen will: das Abhängen von Kunst in Kreuzform die "religiöse Gefühle verletzt"? Wir hätten es gerne gewusst – aber der Politiker zeigte sich bis zum Redaktionsschluss schweigsam.

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Peter Mühlbauer 20.12.2007

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