Bertelsmann/Arvato: Probleme mit dem Datenschutz

04.09.2008

Auch der BC Bonusclub von Bertelsmann ist in den Handel mit Adress- und Kontodaten verstrickt

Der Datenschutz-Eklat um den illegalen Handel mit Adress- und Kontodaten tausender Verbraucher weitete sich im August aus – auch Bertelsmann ist darin verwickelt. Die Polizei durchsuchte Adresshändler und Callcenter, der Skandal brachte es bis in die Tagesschau. Hamburger Verbraucherschützer meldeten, es lägen zeitlichen Zusammenhang des Skandals verdächtig viele Beschwerden von Verbrauchern gegen eine Firma vor, die zur Direct Group der Bertelsmann AG gehört, die BC Bonusclub GmbH.

Die Verbraucherzentrale Hamburg hatte am 15.8.2008 die Firma BC Bonus Club abgemahnt und aufgefordert, eine Unterlassungserklärung abzugeben, was auch geschah. "Bertelsmann-Tochter Bonusclub dreht bei", meldete die Verbraucherzentrale Hamburg gestern: "Erfolg im Datenskandal: Bonusclub gibt Unterlassungserklärung ab und kündigt Wiedergutmachung für geschädigte Verbraucher an."

Die Betroffenen hätten von dem Unternehmen Begrüßungsbriefe als angebliche Neumitglieder eines Bonus-Clubs erhalten, die teilweise die Kontonummer der Angeschriebenen enthielten - eine Art "Beweis" dafür, dass man tatsächlich etwas bestellt hat. Die Betroffenen versicherten aber, so Edda Castello, Leiterin der Rechtsabteilung der Verbraucherzentrale Hamburg, zuvor keinen Kontakt zu der Firma gehabt zu haben. Frau Castello berichtete Telepolis gegenüber, es wären etwa zwei Dutzend Beschwerden eingegangen, was auf einen größeren Missbrauch von Daten hindeute. Die BC Bonusclub GmbH habe jedoch jede Verantwortung abgelehnt und sich selbst als Opfer des Datenmissbrauchs dargestellt.

Ebenfalls Teil der Bertelsmann AG ist der Call-Center-Betreiber, Logistik- und Online-Marketing-Gigant Arvato (ca. 40.000 Beschäftigte). Zu seinem Arbeitsfeld gehört auch die sogenannte "Adress-Generierung" mittels eines "Adressmanagement Tools", dass mit dem Ziel entwickelt worden sei, mehr Effizienz in den Prozess der "Adressgenerierung" zu bringen. Arvato mobile preist seine Marketing-Methode so an:

Im ersten Schritt müssen also die Adressen der (potentiellen) Leser/Zuschauer/Konsumenten gewonnen werden. Als Ausgangspunkt bieten sich Gewinnspiele per Voice- oder SMS-Teilnahme-Kanal an: Die Teilnehmer geben Namen und vollständige Adresse an und werden anschließend gebeten, ihr Einverständnis zur Nutzung der Daten über das Gewinnspiele hinaus zu erteilen. Datensätze mit vorliegendem Einverständnis werden in die Kundendatenbank übernommen.

Arvato mobile

Ob diese Methode der "Adress-Generierung" besonders fair, nobel oder kundenfreundlich ist, darf bezweifelt werden, doch im Gegensatz zum Kauf gestohlener Kundendaten ist sie immerhin legal. Das Ködern von Kunden mit vermeintlichen Glücklosen, Gewinnspielen etc. ist heute zu einer Landplage geworden - bei Bertelsmann hat man diese Masche wenn nicht erfunden, so doch zu großer Meisterschaft entfaltet. Die Marketing-Methoden, denen der Bertelsmann-Konzern seinen Aufstieg verdankt, haben ihm in der Vergangenheit einen zweifelhaften Ruhm und zahlreiche Gerichtsprozesse eingebracht.

Frau Castello, die Hamburger Expertin für Verbraucherrecht, erinnert sich gut an ein Forschungsprojekt Anfang der 80er-Jahre, in dem sie tätig war. Der Abschlussbericht zog das Fazit, Bertelsmann hätte seine mit der Mitgliederwerbung beauftragten Partner dazu "bestimmt", unsaubere Methoden anzuwenden. Gegen die Verwendung dieses Wortes klagte der Konzern dann bis zum BGH, der ihm in seinem Urteil vom 17.2.1987 schließlich Recht gab –"bestimmt" hätte man die formalrechtlich unabhängigen Mitglieder-Werber zu ihren zweifelhaften Methoden nicht, dazu wäre direkte Weisungsbefugnis nötig gewesen. "Motiviert" wäre die juristisch wasserdichte Formulierung gewesen, die eine Marketingpraxis beschrieben hätte, die bei Bertelsmann eine lange Tradition aufweist. Unsere Eltern und Großeltern kennen den Werbespruch noch, unter dem ein Buchclub alle Konkurrenten aus dem Feld schlug und Millionen Mitglieder im In- und Ausland in seine Kartei brachte:

Das gute Buch für jedermann
im Lesering von Bertelsmann.

Mit seinem "Vertriebsgenie" Fritz Wixforth konnte der Bertelsmann-Verlag ab Anfang der 50er-Jahre einen steilen Aufstieg zum führenden Verlagshaus und Medienkonzern erst Deutschlands, dann Europas verzeichnen. Als Kriegsgewinnler durch Frontlektüre für die Nazi-Wehrmacht war man gut durch den Krieg gekommen[1] und begann nun einen Feldzug gegen die Konkurrenz im harten Geschäft des "Reisebuchhandels": Vertreter an der Haustür warben Kunden in den Bertelsmann Buchclub (heute: "Der Club"). Schnell war man Mitglied, doch nur schwer kam man wieder heraus. Kündigungsfristen ein Quartal vor Ablauf des Jahresabos; mündliche Absprachen erwiesen sich als haltlos, Briefe gingen verloren - heute kennen wir diese Methoden von vielen Firmen, damals war den Menschen dies noch neu. Trotz der berühmten "Hamburger Kumpanie" von Bertelsmannchef Mohn, ZEIT-Herausgeber Bucerius und Spiegel-Lenker Augstein[2] berichtete[3] 1981 der Spiegel über die Frühphase von Bertelsmann Anfang der 50er-Jahre:

Bald darauf schwärmten Tausende von Vertretern, sogenannte Drücker aus der derben Zunft des Reisebuchhandels, mit Hunderten von Werbewagen über die gerade gegründete Bundesrepublik und redeten, rempelten, tricksten hunderttausende Bundesbürger in den neuen Lesering.

Scheinselbständige Drückerkolonnen dubioser Subunternehmer waren für ihre rüden Methoden berüchtigt. Bertelsmann-Mitglied wurden in diesen Tagen viele wider Willen, die dem vermeintlichen Beauftragten eines Familienfördervereins, einer Studentenumfrage, einer Schülerhilfeorganisation irgendetwas unterschrieben hatten, z.B. nur eine angeblich nötige Bestätigung des Interviewerbesuches. Oft aber im Endeffekt vergeblich wurden rechtliche Schritte gegen den Buchclub unternommen: Schon 1954 verurteilt das Oberlandesgericht Stuttgart Bertelsmann wegen unlauteren Wettbewerbs zur Mäßigung seiner aggressiven Vertriebsmethoden, der Buchclub aber erreicht die erste Mitgliedermillion. Am 6.6.1958 urteilt der Bundesgerichtshof gegen Bertelsmann, dass das Unternehmen sich als Nutznießer der rüden Vertriebsmethoden seiner Kunden-Zulieferer nicht "hinter von ihm Abhängigen verstecken" dürfe, im selben Jahr überschreitet der Buchclub die zweite Mitgliedermillion;

1962 untersagt das Oberlandesgericht Celle Bertelsmann das Ködern von Kunden mittels der Verteilung von Gratis-Glückslosen, doch schon 1964 berichtet eine Verbraucherzeitschrift genau von diesem schmutzigen Trick der Kundenwerbung: Ein Gratisglückslos zur Prämienverlosung einer Weltreise etc. führte den vermeintlichen Gewinner zu Bertelsmanns "Verlag Buch und Wissen", wo er zum Unterschreiben einer Buchclub-Eintrittserklärung gedrängt wurde, sein Gewinn war eine Bertelsmann-Werbeschallplatte. 1970 nähert sich der Buchclub drei Millionen Mitgliedern, 1980 fünf Millionen plus inzwischen bereits zehn Millionen Mitglieder im Ausland.[4]

Die Rechtfertigung der rüden Methoden gemäß Fritz Wixforths Strategie waren immer die gleichen: Erstens handelt es sich nur um Einzelfälle, zweitens sind die von Bertelsmann beauftragten Vertriebs- und Werbefirmen schuld, man selbst habe immer auf korrektes Verhalten gepocht. Die Einzelfälle summierten sich; so sollen über 90 Prozent der Lesering-Kunden von Drückerkolonnen stammen.[5] Und doch hielt es der Konzernchef und bis heute als Patriarch über das Medienimperium wachende Reinhard Mohn schon 1955 so[6]:

Reinhard Mohn stellte sich hinter die Werbemaßnahmen Fritz Wixforths... Er gab zu, daß es bei dem Großeinsatz von Hunderten schnell angelernter Buchvertreter hier und da zu Auswüchsen gekommen sei, obwohl der Verlag sich stets für eine korrekte und saubere Werbung eingesetzt habe.

Roland Gööck

Hunderte von schnell angelernten Call-Center Agents drücken auch heute für Bertelsmann bzw. Arvato Angebote in den Markt, gerne auch in vermutlich - wer kann das von außen schon so genau sagen? - kaum mehr als scheinbar selbstständigen Subunternehmen. Medium sind heute das Telefon und das Internet, die Methoden haben sich vielleicht etwas verändert, doch der Wille zum Profit ist ebenso gleich geblieben wie die trickreiche Abwälzung der Verantwortung für "Auswüchse", wie etwa aktuell die Verwendung illegal gehandelter Datenbestände. Dies war schon beim Buchclub so[7]:

Die formalrechtliche Selbstständigkeit der "Vertriebsfirmen" und "Werbeleitungen" erhält dem Buchclub, der die hereingeholten Abonnements lediglich aufkauft, die weiße Weste... Mohn nämlich stellt sich nach außen hin auf die Seite der Ankläger. Ein wenig angewidert und ein wenig amüsiert beobachtet er, wie sich seine Vertreter abmühen und schuldig machen. Dass die Sollerfüllung seiner unmittelbar und mittelbar ausführenden Organe ständig ausufert, ficht ihn nicht an. Im Zweifelsfall zählt sich Bertelsmann zu den Geschädigten.

Böckelmann/Fischle

Und dies scheint auch heute so zu sein, wenn ein Bertelsmann-Sprecher zwar bestätigt, dass der firmeneigene "BC Bonusclub" von dem Datendeal-Skandal betroffen sei, aber zugleich betont, das Unternehmen sei keineswegs in den Skandal verwickelt, sondern selbst ein Opfer illegaler Auswüchse der von ihm mit der Mitgliederwerbung beauftragten Call-Center.

Doch dies wussten schon die Bertelsmann-Kritiker Frank Böckelmann und Hersch Fischler[8]:

Die Außendarstellung und die Rechtslage sind eine Sache, die Kalkulation, die die beauftragten Vertriebspartner zu den unrechtmäßigen Praktiken von Drückerkolonnen motiviert, ist eine andere.

Böckelmann/Fischler
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