Hobel und Späne

Aufklärung über sich verdüsternden Horizonten

Mit erschreckender Vorhersagbarkeit stellen sich die Effekte ein, die Deutschlands Drang zum Status einer Mittelmacht erwarten ließen. Aufklärung bleibt ein Problem der Satellitenhard- und -software, an den Checkpoints sterben die ersten Zivilisten auf die deutsche Art.

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Hurra! Hurra! Hurra! Das SAR-Lupe-System, dessen letzter Satellit soeben ins All geschossen wurde, ist komplett - und Deutschland ist als dritte Nation auf der Welt in der Lage, diese spezielle Form der Aufklärung zu betreiben. Hurra! Aber nein, so lauthals wilhelminisch würde ein solches Ereignis nie begrüßt, denn noch immer gilt für die militärischen Ambitionen des neuen Deutschland, dass sie in einer komplizierten Welt voller politischer Rücksichten stattfinden, die frustrierenderweise nicht einmal einen richtigen Feind aufweist - wenn man von den eigenen Verbündeten einmal absieht. Ein leises, sehr leises Hurra in der Presse also über die SAR-Lupe. Immerhin vermeldet der Spiegel in seiner unnachahmlichen Art, die zwischen raunender Katastrophenhoffnung (bad news is good news!) und zittrig verhaltenem Stolz auf deutsche Meisterleistungen changiert, dass die ganze Chose rund läuft:

Noch läuft nur ein Probebetrieb, noch sind sie dem Kommando nicht formal zugeteilt. Dennoch: Wenn Kanzlerin Angela Merkel morgens Aufnahmen in Georgien stehender Russenpanzer wünscht, hat sie abends die Radarbilder nebst einem ausgiebigen schriftlichen Lagebericht auf dem Tisch - sozusagen probehalber.

Immerhin wird angedeutet, dass das Satelliten-Brimborium als Teil einer informationellen Schnellaufrüstung zu sehen ist, die ihre institutionelle Gestalt im "Kommando strategische Aufklärung" gefunden hat.

Aus seinem Büro in Gelsdorf unweit der vormaligen Bundeshauptstadt Bonn befehligt der Brigadegeneral knapp 7000 Soldaten. Etliche sitzen in einem sieben Etagen tiefen Bunker unter dem Grashügel gleich links neben der Einfahrt. Dort befindet sich die "Operationszentrale" des "KSA", dessen Hauptaufgabe laienhaft mit dem Begriff Spionage beschrieben wäre, offiziell aber "Aufklärung" lautet. Wegen der Kaukasus-Krise herrscht dort seit Wochen Hochbetrieb.

Was wäre die deutsche Presselandschaft ohne die Faszination des Spiegel für Bunker? Großartige Prosa ginge dem Journalismus verloren. Vielleicht noch erwähnenswert (was man beim Hamburger Nachrichtenmagazin vergisst): das Kommando ist das größte der Bundeswehr und seit dem 1.1.2008 "die zentrale streitkräftegemeinsame Kommandobehörde für das Militärische Nachrichtenwesen innerhalb der Bundeswehr".

Mit anderen Worten: ein neuer Geheimdienst, der nur nicht so genannt werden soll.

Während allerdings im erdnahen Weltraum und in den Bunkern die Geschäfte prächtig laufen, zerplatzen auf der banalen Daseinsebene des Alltags einige Illusionen, wundersamer Weise auch dort, wo sich die Deutschen zur Front gemeldet haben.

Das scheint für manche ein Schock zu sein. Die brunzdumme Selbstgerechtigkeit, die durch diesen Schock ins Schlingern gerät, beschreibt die taz so:

So stolz ist die Bundeswehr, dass sie - in Abgrenzung zu den US-Amerikanern im Süden des Landes - gute Kontakte zur Bevölkerung pflegt, dass sie aus dem Fahrzeug winkt, wo die "Amis" nur waffenstarrend durchpreschen.

Die beflissene Routine, mit der die höheren Chargen ein paar unbewaffnete tote Afghanen abwickeln, lässt darauf schließen, dass mit dem Ernstfall lange gerechnet wurde. Minister Jung geht sich beim afghanischen Regierungschef entschuldigen. Die Soldaten werden von ihren Vorgesetzten entschuldigt.

Jetzt braucht es im Grunde nur noch jemanden, der dem Publikum erklärt, dass Späne fallen, wo gehobelt wird und der damit die lästigen Euphemismen, mit denen man die ganze Zeit hantiert hat, endlich in Rente schickt. Auftritt Herr Gertz, Bundeswehrverband:

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, warf der Bundesregierung am Mittwoch vor, die Wahrheit über den Einsatz zu verschleiern. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte er: "Wir befinden uns in einem Krieg gegen einen zu allem entschlossenen, fanatischen Gegner."

Dieser Realismus wäre ja fast zu begrüßen, wenn Herr Gertz dann nicht selbst in die Euphemismenkiste greifen würde. Zum Fall des toten Fallschirmjägers aus Zweibrücken er auch andere Sprachregelungen durchgesetzt sehen:

"Richtig ist: Dieser Hauptfeldwebel ist für die Bundesrepublik Deutschland gefallen", erklärte Gertz. Die Bundesregierung wäre gut beraten, dies in aller Klarheit zu sagen.

Da ist also Krieg, aber die Leute sterben nicht, sie fallen. Ins deutsche Soldatengrab, über dem, im Unterschied zu den afghanischen Zivilisten, die für nichts gefallen sind, ein Ehrenmal errichtet werden wird. Die Soldaten sind ins Grab gefallen für die Bundesrepublik Deutschland - und die dankt es ihnen. Herr Gertz ist der Meinung, es liege an der Sprache, dass die Bevölkerung den deutschen Krieg in Afghanistan nicht versteht:

Denn mit der Sprache fange es an: "Da wird schon verschleiert, da wird die Wahrheit verschwiegen", kritisierte der Vorsitzende des Bundeswehrverbands. Man müsse sich dann nicht wundern, "dass unsere Gesellschaft nicht versteht, was wir in Afghanistan wollen".

Das ist möglich. Politiker und Militärs machen mit Sprache so allerlei, "erklären" gehört nicht unbedingt dazu. Und da gibt es auch noch die Medien, die partout nicht erklären wollen, dass deutsche Radarsatelliten am Himmel, das "Kommando Strategische Aufklärung" und Leichen in Uniform und Zivilkleidung untrennbar miteinander verbunden sind. Denn es stimmt ja: Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und wie die aktuellen Geschehnisse belegen, hat man Deutschland als ein Land anzusehen, in dem das Hobeln und das Fallenlassen von Spänen immer noch als Ehrensache gilt, das heißt als Wirtschaftsfaktor, Potenzbeweis und Charakterschule in einem. Die Art, in der die Verantwortlichen mal verschämt, mal nassforsch nichts erklären, könnte darüber aufklären, ganz ohne Radar. Man müsste halt nur hören, was sie meinen, wenn sie etwas sagen. Aber wer will das schon?

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28652/1.html
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