Warum wird Adorno in Deutschland als Humorist so stark unterschätzt?
Interview mit Günther Willen über seine Enzyklopädie des gemeinen Wortschatzes der Deutschen
"Gepflegte Sprüche für alle Lebenslagen" – dieser Untertitel ist eine präzise Umschreibung für "Niveau ist keine Hautcreme", eine fein in Sachregister unterteilte Sammlung von Alltagsfloskeln und deren Gegenteil, die sowohl der Weisheit ("Niveau sieht von unten aus wie Arroganz") als auch des Frohsinns ("Telegramm aus Darmstadt" bei eintretender Flatulenz) nicht entbehrt. Gehoben hat diesen Schatzkästlein deutschsprachiger Zungenfertigkeit der Autor und Bibliothekar Günther Willen, seineszeichens ehemaliger Redakteur des Satiremagazins Kowalski.
Herr Willen, ihr Buch ist im Mai 2008 erstmals publiziert worden und erscheint bereits in der sechsten Auflage. Dabei ist es sehr intelligent und ungemein heiter, also von einer Qualität, die in Deutschland ansonsten nicht gerade einen Bestseller garantiert, was haben Sie falsch gemacht?
Günther Willen: Mein größter Fehler war wahrscheinlich, dass zu tun, was ich sowieso am liebsten mag: Sprüche und Kalauer sammeln für alle Lebenslagen und systematisch ordnen. Und den Lesern gefällt es offensichtlich, dass es einerseits für jede Situation ein paar gut abgehangene Sprüche gibt, die man auch noch benutzen kann. Andererseits genießen sie es, glaube ich, dass sie selbst die kreativen Macher sind, denn in diesem Buch ist der Volksmund der Star, der Obermotz, der oberste Käse. Und am liebsten hört oder liest man eben doch etwas über sich selbst. Wichtig war auch, dass Ullstein einen hervorragenden Buchumschlag gemacht hat, das ist gar nicht so einfach, kann ich Ihnen sagen.
In Ihren Sprüchen erkennen wir Altbekanntes, Extravagantes,Streng-Wissenschaftliches, Nonchalantes, Klassisches und "Die-Zwei"-haftes. – Was ist die Konzeption zu ihrem furiosen Werk?
Günther Willen: Nun, ich habe mir nichts sehnlicher gewünscht, als Altbekanntes, Extravagantes, Streng-Wissenschaftliches, Nonchalantes, Klassisches und "Erheben wir unsere Gläschen zur Kurzweil und Freud unserer Bläschen" unter einen unterhaltsamen Hut zu bringen. Lustig und lehrreich zugleich eben. Oder mit Dr. Samuel Johnson zu reden: "Es geht in diesem Buch einzig und allein darum, die Leser in die Lage zu versetzen, das Leben entweder mehr zu genießen oder besser zu ertragen."
Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, ein Büchlein mit Sprüchen und Lebensweisheiten zu kompilieren?
Günther Willen: Aus reiner Notwehr, jawoll. Es ist mir immer auf den Keks gegangen, dass die vorhandenen Sprüchebücher nicht anwendbar waren und selten über Sinn oder Unsinn des Spruches aufklärten. Das ist die eine Sache.
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"Gepflegter Nonsens"
Die andere Sache ist, dass die Hochkomik dieser amüsanten Sprüche und Redensarten nie offiziell anerkannt worden ist, sondern als "blöde Sprüche" oder "Nerv-Deutsch" niedergemacht wurde. Rühmliche Ausnahme: "Über das Volksvermögen" von Peter Rühmkorf aus dem Jahr 1967. Dieses Buch kann man nicht genug loben. Es hat die Schrecken meiner Jugend verblassen lassen. Ebenso wie die TV-Serien "Die Zwei" und "Al Mundy" und auch und vor allem "Wims", diese schöne Doppelseite mit gepflegtem Nonsens von Gernhardt/Bernstein/Waechter in der "Pardon". "Wims" hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin auf der Welt, aber ich schweife ab. Jedenfalls, was ich sagen wollte: Ich wollte immer gerne ein Buch lesen, das gute Sprüche, Phrasen, Kalauer und witzige Wendungen übersichtlich versammelt und zugänglich macht - gerne auch mit Stichwortregister – und gleichzeitig den tollen Witz des Volksmundes würdigt. Und weil es so ein Buch nicht gab, musste ich es eben selbst schreiben..
Wie lange haben Sie an Ihrem Buch gearbeitet?
Günther Willen: Kalauer und gute Sprüche liebe ich schon immer. Meine ganz große Liebe ist das. Volksmund und Mutterwitz sind ganz großes Tennis in meinen Ohren. Angefangen hat diese Liebe mit 13 Jahren, also circa 1967, als mir mein Onkel Bernd aus Uptloh zum Geburtstag einen Lederball schenkte. Meine Mutter lächelte nur und sagte: "Ein Onkel, der was mitbringt ist besser als eine Tante, die Klavier spielt." Das fand ich sehr lustig. Diesen Spruch hab ich mir gleich in mein Vokabelheft notiert und sammel seit damals alle Sprüche, Kalauer, Floskeln, Wortspiele und andere Scherze. Irgendwann hab ich angefangen, inzwischen hatte ich eine Ausbildung zum Diplom-Bibliothekar beendet und war Redakteur beim Satire-Magazin "Kowalski", die Sprüche, die ich aufgeschnappt, gelesen oder mir selbst ausgedacht hatte, nach Schlagworten in einem Zettelkatalog zu ordnen. Dann habe ich ein Exposé geschrieben; und eines Tages meldete sich der Ullstein Taschenbuchverlag und fragte, ob er das ganze Buch haben kann. Da ich einen Sprachfehler habe (ich kann nicht "Nein" sagen), war der Vertrag schnell in trockenen Tüchern.
Welche Quellen haben Sie dafür benutzt? Sind einige Sprüche Ihrer eigenen Lebenspraxis entnommen?
Günther Willen: Hauptsächlich habe ich dem Volk aufs Maul geschaut, wie es so schön heißt, und immer fleißig mitgeschrieben. Gute Freunde und andere fürsorgliche Geister haben mir zudem im Laufe der Zeit viele Sprüche zugeschickt. Einige Sprüche sind auf meinem eigenen Mist gewachsen, dafür lege ich meinen Fisch ins Wasser. Besonders stolz bin ich auf "Führungskräfte trinken Leitungswasser". Naja. Wer mir neue Sprüche schicken will, kann das auf meiner Homepage tun: www.niveauistkeinehautcreme.de.
"Es kann nicht geleugnet werden, dass der Volksmund lebt und gut drauf ist"
Der Schornstein muss rauchen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Höchst zufriedenstellend war auch die Ausbeute in den Medien und in Büchern aller Art (siehe Literaturliste im Buch) und im Internet (besonders zu empfehlen: www.mundmische.de) und ganz besonders im wahrscheinlich besten Lexikon der Welt: "Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache" in 8 Bänden von Dr. Heinz Küpper (Stuttgart: Klett: 1982-84). Mit grenzenloser Freude lese ich immer wieder in diesem Lexikon. Den ganzen Tag und abends mit Beleuchtung.
Haben Sie selber aus Ihrem Buch Lieblingssprüche?
Günther Willen: Klar wie Klärchen. Meine Lieblingssprüche aus der Lamäng sind Erstens: "Hauptsache gesund und die Haare liegen." Zweitens: "Witz komm raus, du bist umzingelt". Drittens: "Das Pferd ist hinten vorne als höher". Um nur drei von vier Sprüchen zu nennen, denn dreimal ist Bremer Recht. Wenn ich den alten Werkstatt-Spruch höre "Dreimal abgeschnitten und immer noch zu kurz", könnte ich heulen vor Freude. "Sitzt, passt, wackelt und hat Luft" macht mich glücklich. Und "Bier gibt keine Rotweinflecken" stimmt mich fröhlich. Außerdem beeindruckt mich noch der Spruch: "Ich werd verrückt und zieh aufs Land." Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Aber hallo!
Sie betreiben ein eigenes Blog, wo das Publikum gebeten ist, Sie weiter mit Sprüchen bei ihrer empirischen Kulturforschung zu unterstützen. Konnten Sie damit bereits neue Einblicke ist das deutsche Geistesleben gewinnen? Hat Ihr Werk gar einen didaktischen Auftrag?
Günther Willen: Ich muss gestehen, dass meine Blogleser voll supi sind und mich immer wieder überraschen. Täglich schicken sie mir neue Sprüche, Phrasen, Bonmots, Floskeln, Slogans und Wortspiele getreu dem Hammersatz von Harry Rowohlt, der als Motto meinem Buch vorangestellt ist: "Man wird sich dereinst für jeden Kalauer verantworten müssen, für den man sich zu schade war." Es kann nicht geleugnet werden, dass der Volksmund lebt und gut drauf ist und ständig am Rumbosseln ist. Ein Beispiel: Der lahme Spruch "Ich kann auch ohne Alkohol Spaß haben" wurde in Null Komma Nix verschönbessert. Von "Ich kann auch mit Alkohol Spaß haben" über "Ich kann auch Alkohol ohne Spaß haben" bis hin zu "Ich kann auch ohne Spaß Alkohol haben." Herrlich ist das. Hierzu eine interessante Analyse von Peter Köhler, dem einzigen Nonsens-Fachmann in Deutschland: "Nichts bleibt wie es ist, und am Ende hat sowieso alles keinen Sinn – das drückt der Volksmund immer wieder schön aus." So sehe ich das auch. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nein, einen didaktischen Auftrag hat mein Buch nicht. So ist das Leben: Der eine kommt nach Paris, der andere nicht.
Was unterscheidet guten von schlechten Humor?
Günther Willen: Das ist so einfach wie das Brezelbacken. Guter Humor ist, wenn man lacht, schlechter ist, wenn man nicht lacht. Ich würde allerdings Humor hier durch Komik ersetzen. Denn "Humor ist eine Haltung, Komik das Resultat einer Handlung", wie Robert Gernhardt mal gesagt hat, der wie immer Recht hat. Mit anderen Worten: Gute Komik wird nur durch Lachen legitimiert.
In Ihrem Buch sind auch ein paar Sentenzen aus dem Oeuvres Theodor W. Adornos vertreten. Warum wird Adorno in Deutschland als Humorist so stark unterschätzt?
Günther Willen: Eine interessante Frage. Wir wissen alle, dass Adorno eine Menge coole Sprüche rausgetan hat wie zum Bleistift "Das Ganze ist das Unwahre" oder "Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren" bzw. "Was nützt einem die Gesundheit, wenn man ansonsten ein Idiot ist?", aber ob er Humor gehabt hat, weiß ich nicht. Bin ich Student? Aber ich weiß, dass wir beide, also Adorno und ich, am selben Tag Geburtstag haben, zusammen mit Franz Beckenbauer, nämlich am 11.9. Der in Deutschland allerdings am meisten unterschätzte Humorist ist nicht - by the way – Theodor W. Adorno, sondern Heino Jaeger, den Eckhard Henscheid den "Mozart der Komik" genannt hat. Für mich steht Heino Jaeger neben Loriot ganz oben auf dem Treppchen.
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28661/1.html- Überschrift (bitte unbedingt ausfüllen) (15.9.2008 11:25)
- Weshalb ? - Weil Adorno Soziologe war, und nicht Humorist (14.9.2008 16:18)
- Weil ihn keiner versteht. (14.9.2008 9:19)
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