Bauernopfer wegen Atomschlamperei

06.09.2008

In Hannover rollen die ersten Köpfe wegen Asse II und Gorlebener Atomkraftgegner erinnern daran, dass es um ihren Salzstock auch nicht viel besser bestellt ist

Dem Bundesforschungsministerium ist der Betrieb des Atommüll-Lagers Asse II offensichtlich zu heiß geworden. Nach dem die unhaltbaren Zustände in dem Salzstock in den letzten Wochen immer höhere Wellen geschlagen haben (Supergau der Endlagerfrage), hat sich Ministerin Schavan nun mit ihren Kollegen aus dem Bundes- niedersächsischen Landesumweltministerium darauf geeinigt, den Komplex abzugeben. Künftig wird Asse II in die Zuständigkeit des Bundesumweltministeriums fallen und damit dem Bundesamt für Strahlenschutz unterstehen. Das Bundeskabinett soll in den nächsten Wochen einen entsprechenden Beschluss fassen.

Damit wird zwar dem faktischen Endlager nach Jahrzehnten endlich ein atomrechtlicher Rahmen gegeben. Aber die eigentlichen Probleme dürften damit erst anfangen. Nun müssen sich die neuen Betreiber mit der Frage herumschlagen, wie man zum Teil unter Wasser stehende und/oder stark beschädigte Fässer mit radioaktivem Inhalt zurückholt, wobei erschwerend noch hinzukommt, dass die Dokumentation mangelhaft ist. Offenbar ist nicht bei allen Fässern klar, was sie enthalten. In einigen könnte auch stark strahlendes Material sein, was eigentlich gar nicht in dem Schacht sein dürfte. Unter anderem, so Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, befindet sich in dem Bergwerk auch eine unbekannte Menge "Kernbrennstoff", also vermutlich abgebrannte Brennstäbe.

Unterdessen berichtet die WAZ, dass in Hannover die ersten Köpfe rollen. Der dortigen Landesbergbehörde wurde bereits die Aufsicht entzogen. Zugleich hat man gegen zwei Beamte, den Leiter des Bergamtes und einen Referenten, Disziplinarverfahren eingeleitet. Sie sollen seit langem von den Sicherheitsproblemen auf Asse II gewusst, aber ihre Vorgesetzten nicht angemessen informiert haben. Ein Schelm, wer dabei an ein Bauernopfer denkt.

Im Grunde genommen bestätigen die Vorgänge nur, worauf einige Geologen und Geophysiker und viele Atomkraftgegner schon seit Jahrzehnten hinweisen: Salzstöcke sind für die auf viele Jahrtausende angelegte Einlagerung von nuklearen Abfällen denkbar ungeeignet. Weil sie keine ausreichende Gewähr für geologische Stabilität und große Empfindlichkeit gegenüber Grundwasserkontakt aufweisen.

Salzstöcke sind überall in Norddeutschland anzutreffen, und einige von ihnen wurden - zum Beispiel in Lüneburg und Umgebung - schon vor Jahrhunderten ausgebeutet. Das Salz stammt aus Ablagerungen urzeitlicher Meere, über das sich später andere Erd- und Gesteinsschichten gelegt haben. Da das Salz leichter als Gestein ist, dringt es an die Oberfläche: Die Salzschichten streben in der Form von so genannten Domen nach oben (siehe Grafik). Die großen Fragen im Zusammenhang mit der Endlagerdiskussion sind also jeweils, ob diese Bewegung schon zum Stillstand gekommen ist und ob es Deckschichten über dem Salz gibt - zum Beispiel solche aus Ton -, die den Kontakt mit Wasser dauerhaft vermeiden können. Bedenkt man, wie kurz die jeweilige Beobachtungszeit im Vergleich zu den geologische Zeiträumen ist, in denen sich die Vorgänge abspielen, hat man en gefühl davon, wie heikel die Entscheidungsfindung ist.

Querschnitt durch Salzstock, Bergwerk und Deckgebirge am Schacht Asse II. Die Aufwölbung des Salzstocks ist deutlich zu erkennen. An der grün markierten Stelle dringt seit 20 Jahren Wasser in den Salzstock ein. Bei 1 ist mittelaktiver Abfall gelagert. Weitere Erläuterungen hier. Bild: AG Schacht Konrad

Von Asse nach Gorleben

Bei der unglaublichen Schlamperei im Salzstock Asse drängt sich der Vergleich mit dem nördlich gelegenen Gorleben auf. Auch dort soll Atommüll in einem Salzstock eingelagert werden, und zwar in diesem Fall hochradioaktiver, zum Beispiel die strahlenden Reste der in der französischen "Plutonium-Fabrik" Le Hague – so nennt man dort, was in Deutschland schönfärberisch als Wiederaufbereitungsanlagen bezeichnet wird – behandelten abgebrannten Brennelemente. Das Dörfchen Gorleben ist im letzten, nordöstlichen Zipfel Niedersachsens gelegen, kurz vor der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze.

Der Vater der derzeitigen Bumdesfamilienministerin Ursula von der Leyen, Ernst Albrecht, glaubte seinerzeit als niedersächsischer Ministerpräsident den Bauern dieses entlegenen Landstrichs werde man das Endlager schon unterjubeln können. Doch er hatte sich gründlich verrechnet. Das Dorf und der umliegenden Landkreis Lüchow-Dannenberg, auch Wendland genannt, wurden zum Symbol für den gewaltfreien Widerstand gegen das Atomprogramm. Legendär war das Hüttendorf, mit der der Baubeginn aufgehalten werden sollte.

Bis heute haben die Proteste bewirkt, dass der Salzstock noch nicht zum Endlager deklariert wurde, sondern sich nach offizieller Lesart in der Erkundungsphase befindet. Tatsächlich stellt die Erkundung aber eher einen Ausbau des Endlagers dar, ohne dass es bisher eine atomrechtliche Genehmigung gäbe. Atommüll wurde jedoch bisher nicht eingelagert. Dieser wird seit Mitte der 1990er Jahre in ein in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenes Zwischenlager gebracht.

Derweil steht ein erheblicher Teil der örtlichen Bevölkerung noch immer in Opposition zu End- und Zwischenlager. Seit nunmehr fast 30 Jahren organisiert sich der Widerstand in Gruppen wie der Bäuerlichen Notgemeinschaft oder der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg und legt den Finger weiter in die Wunde. Die Aufregung um die Vorgänge in Asse II nimmt die Bürgerinitiative zum Anlass, einen Brief an den Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, zu veröffentlichen, den sie bereits im Sommer abgeschickt hatte. Darin heißt es unter anderem:

Das Gorleben- Moratorium des Jahres 2000 war Ergebnis eines politischen Kompromisses, zustande gekommen ist das Moratorium aber nur, weil Geologen an der Eignung Gorlebens zweifeln. Ihrem Haus liegt das 300 Seiten umfassende Gutachten von Prof. Dr. Klaus Duphorn aus dem Jahr 1982 vor, im dem fundiert und akribisch dargelegt wird, welche Risiken der Salzstock Gorleben als Folge der komplizierten geologischen Struktur und der Wasserkontakte für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle birgt. Auftraggeber war die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), also Ihre Vorgängerbehörde.

Im Mai 1983 hatte der Amtsleiter Professor Helmut Röthemeyer in Hannover gegenüber Journalisten eine Zusammenfassung der bis dahin vorliegenden Untersuchungsergebnisse mit einer "internen Gesamtbewertung" verbunden, die zu der Empfehlung gelangte, "das Erkundungsrisiko breiter zu streuen." Ziel der PTB war es, auch andere Salzstöcke zu erkunden. Für eine Behörde war das ein unerhört mutiger Schritt, konsequenter wäre gewesen, ganz auf die Einbahnstraße Gorleben zu verzichten. Erst zwei Jahre später erfuhr die Presse, dass die Bundesregierung der PTB per Weisung untersagt hatte, derartige Überlegungen anzustellen (FR 25.7.85 "Maulkorb für kritische Äußerung über Gorleben"). Wir halten es für dringend geboten, dass dieser Vorgang jetzt angesichts der anhaltenden Debatte um die Fortsetzung der Arbeiten unter Tage seitens des BfS öffentlich gemacht wird, um deutlich zu machen, dass die Zweifel an Gorleben begründet sind, politisch aber vom Tisch gewischt wurden.

Aus dem Brief der Bürgerinitiative

Nach Angaben der Initiative hat das Bundesamt zu diesem Schreiben bisher keine inhaltliche Stellung genommen. Derweil bereiten sich die Atommüllgegner auf den nächsten Atommülltransport nach Gorleben vor. Im November wird mal wieder eine Sendung von Spezial-Behältern mit hochradioaktivem Abfall erwartet. Mit diesen so genannten Castoren wird nach und nach eine große Leichtbauhalle gefüllt und der Landkreis jedes Mal in den Ausnahmezustand versetzt, weil die Transporte nur mit dem Einsatz Tausender Polizisten durchzusetzen sind. Auch in diesem Jahr rufen die örtlichen Endlagergegner zu einer bundesweiten Demonstration und zu Blockaden auf.

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