Poe beerdigt das Originalgenie
Dabei hat Poe keinen inzwischen verstaubten Klassiker geschrieben, der in literaturwissenschaftlichen Seminaren mühsam am Leben erhalten wird. Dafür ist das Buch viel zu frech. Poe treibt Schindluder mit dem, was wir in der Schule über die hehre Kunst gelernt haben, die selbstverständlich weder kopiert noch bei anderen Leuten klaut. Mit der Idee vom nur aus sich selbst schöpfenden Künstler macht er kurzen Prozess, indem er Teile seines Romans aus anderen Texten montiert und sich dann auch noch über das Fragment lustig macht. Den Romantikern war das Fragment heilig, weil es als Beleg für das reine und unmittelbare Schöpfertum galt. Der Künstler (das "Originalgenie") hatte eine Eingebung (sehr gern in Form eines Traums), begann mit der Niederschrift und wurde nicht fertig, weil er zuvor mit der Banalität der Alltagswirklichkeit konfrontiert wurde und vergaß, was er geträumt hatte. In der Regel waren diese Fragmente geplant und als solche beabsichtigt. Glaubwürdig war das angeblich im Traum entstandene Kunstwerk natürlich nur, wenn es nicht zu lang war. Poe führte das schöne Konstrukt ad absurdum, indem er einen Roman mit immer neuen Wendungen als Fragment präsentierte.
Als wäre das noch nicht unverschämt genug gewesen, versah er sein Romanfragment mit einem Rahmen. In einem vom Ich-Erzähler Arthur Gordon Pym gezeichneten Vorwort erfahren wir, dass er, Pym, seine Geschichte eigentlich nicht hatte aufschreiben wollen, weil er sie für zu unglaubwürdig hielt. Mr. Poe habe ihn vom Gegenteil überzeugt. Das Buch endet mit den Schlussbemerkungen eines anonymen Herausgebers. Dieser Herr teilt uns mit, dass Pym die Fahrt zum Südpol überlebt hat, dass er aber bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen sei, bevor er die abschließenden zwei oder drei Kapitel schreiben konnte. Nur Mr. Poe wisse, wie die Geschichte ausgegangen sei, finde das Ganze inzwischen jedoch so unglaubwürdig, dass er sich weigere, den Lesern mitzuteilen, was Pym ihm erzählt hat. Manchem Verleger und Übersetzer ging das zu weit. Die Anmerkung des Herausgebers wurde deshalb in zahlreichen Ausgaben weggelassen. Viele von Poes Kritikern ärgern sich so über das Ende, dass sie ihm bis heute unterstellen, er habe keine Einfälle mehr gehabt und deshalb einfach aufgehört. Wer nun Lust auf das Buch bekommen hat, aber nichts Unfertiges mag sollte sich von solchen Vorwürfen nicht beunruhigen lassen. Der Roman tut nur so, als sei er ein Fragment.
Manch ein Schriftsteller-Kollege war beeindruckt von Poes Pym, doch das große Publikum nahm den Roman kaum zur Kenntnis. In Amerika geriet er schnell in Vergessenheit. Gut möglich, dass das Buch heute nur noch in ein paar Bibliotheken herumstehen und niemand mehr etwas von ihm wissen würde, wenn es nicht die Franzosen gegeben hätte – und das gute alte Plagiat.
Acht Jahre, nachdem Pym bei den Harpers erschienen war, im Juni 1846, veröffentlichte die Pariser Zeitung La Quotidienne eine sehr freie Übersetzung von "The Murders in the Rue Morgue". Es war die erste Übertragung eines Poe-Textes in eine andere Sprache. Der Übersetzer hatte einiges weggelassen und dafür neue, blutige Details hinzuerfunden. Es wurde nicht erwähnt, dass es sich bei dem Amerikaner, in dessen Papieren die Geschichte über das beispiellose Verbrechen angeblich gefunden wurde, um Edgar A. Poe handelte. Französische Schriftsteller gaben damals eigene Texte gern als Übersetzungen aus einer fremden Sprache aus. Das war eine literarische Konvention. Es war also nicht gesagt, dass der namenlose Amerikaner tatsächlich existierte.
Frankreich entdeckt Edgar Poe
Am 12. Oktober erschien in der Pariser Zeitung Le Commerce eine weitere, diesmal nur gekürzte Übersetzung der "Morde in der Rue Morgue". Poe wurde als Autor wieder nicht genannt. Der Übersetzer zeichnete mit "O.N.". Das Kürzel stand für "Old Nick", das Pseudonym des Journalisten und Kritikers Emile Daurand Forgues. Früher einmal hatte Forgue dem Konkurrenzblatt La Presse einen Plagiatsvorwurf gemacht. Jetzt holte La Presse zum Gegenschlag aus. Am 14. Oktober erschien dort ein Artikel, in dem Forgues bezichtigt wurde, er habe von der im Juni von La Quotidienne veröffentlichten Geschichte abgeschrieben. Als Beweis wurden Passagen aus beiden Texten abgedruckt. Am 15. Oktober brachten die Zeitungen Le Commerce und Le National Forgues’ Antwort. Er stellte klar, dass sein Text eine Übersetzung sei und ebenso auf einer Geschichte von "E. Poe, amerikanischer Literat" beruhe wie die Geschichte, von der er abgeschrieben haben sollte. Am selben Tag erschien in der Revue des deux mondes Forgues’ sehr umfangreiche und sehr positive Kritik von Poes Tales (ein englischer Raubdruck). Dieser Artikel, den sonst kaum jemand gelesen hätte, fand nun große Beachtung, denn die Zeitungsfehde zwischen Le Commerce und La Presse sorgte für ein gewaltiges Rauschen im Pariser Blätterwald.
Forgues verklagte schließlich de Girardin, den Chefredakteur von La Presse, wegen Rufmords. Die Affäre fand ein enormes Medienecho. Immer mehr Zeitungen und Zeitschriften teilten ihren Lesern mit, dass Edgar Poe nicht etwa von Forgues erfunden worden sei, sondern dass es ihn wirklich gab. Im Dezember wurde Forgues’ Klage abgewiesen. Doch er und de Girardin hatten ihren Streit so öffentlichkeitswirksam ausgetragen, dass der Name Poe für kulturell interessierte Franzosen fortan ein Begriff war. "Haben Sie Edgar Poe gelesen?" fragte Forgues im Verlauf des Prozesses. "Lesen Sie Edgar Poe!" Und de Girardins Anwalt erwiderte: "Das alles scheint mir für E. Poe ganz allerliebst zu sein. Dank der Bemühungen von Monsieur Forgues wird die ganze Welt wissen, dass Monsieur E. Poe in Amerika Geschichten schreibt."
Da die Welt aber ungerecht ist, hat sie Monsieur Forgues’ Bemühungen längst vergessen. Als der Mann, der Poes Nachruhm gesichert hat, gilt heute Charles Baudelaire. Er wurde durch den Presserummel um den Plagiatsprozess auf den amerikanischen Autor aufmerksam und begann, ihn zu übersetzen. Baudelaire war begeistert von Poe und beschloss, ihn in Frankreich so bekannt zu machen wie nur irgend möglich. Dieser Aufgabe widmete er einen großen Teil seiner Schaffenskraft. 1857 veröffentlichte Baudelaire seine Übersetzung von Pym, der völlig in der Versenkung verschwunden war. In Frankreich wird diese Übertragung immer wieder neu aufgelegt, und sie sorgte dafür, dass bald auch in anderen europäischen Sprachen Pym-Übersetzungen erschienen.
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| Charles Baudelaire |
Richtig gewürdigt fühlte Baudelaire sich für seine Bemühungen um Poe nicht. 1854 beklagte er sich bei einem Bekannten:
"Seit langem schon, seit 1847, lasse ich es mir angelegen sein, den Ruf eines Mannes zu befördern, der Dichter, Gelehrter und Metaphysiker in einem ist: dies alles, ohne dass er aufhörte, Erzähler zu sein. Niemand anders als ich hat Edgar Poe in Paris zur Berühmtheit verholfen; das Belustigende ist, dass meine biographischen und kritischen Artikel sowie meine Übersetzungen andere bewogen haben, sich ebenfalls mit ihm zu beschäftigen; niemand jedoch hat meinen Namen auch nur zu erwähnen geruht. Die Welt ist mit Dummheit gepflastert."
Das Plagiat, als eine schöne Kunst betrachtet
Poe beerdigt das Originalgenie
Poes Pym: Vom Plagiat zum Schlüsselwerk
http://www.heise.de/tp/artikel/28/28676/1.html- Arno Schmidt (9.10.2008 2:54)
- Re: Jules Verne: Die Eissphinx (8.10.2008 9:57)
- Da erwartt uns sicher eine verdienstvolle Übersetzung, aber (7.10.2008 23:38)
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