Von Hurrikanen, Himalaja-Gletschern und Elektro-Autos

Wolfgang Pomrehn 10.09.2008

Die Energie- und Klimawochenschau: "Ike" und seine Kumpane sorgen für nervöse Ausschläge des Ölpreises, während man sich in Asien über schwindende Gletscher Sorgen macht

Der Ölpreis ist zwar in den letzten beiden Monaten von seinem extremen Hoch wieder etwas herunter geklettert, doch Grund zur Entwarnung ist das noch lange nicht. Zum einen bewegt er sich noch immer über 100 US-Dollar pro Barrel (ein Barrel entspricht 159 Liter). Zum anderen zeigen derzeit einmal mehr die Reaktionen auf die Hurrikan-Saison, wie empfindlich die Ölindustrie und der Preis sind. Während seit dem Wochenende Hurrikan "Ike" eine Spur der Verwüstung über Haiti und Kuba zieht, stieg der Preis für die Standard-Sorten Brent und WTI um rund zwei Prozent.

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Der Grund: Der Golf von Mexiko ist voll mit Offshore-Bohrplattformen, die Anfang des Monats größtenteils vorsorglich geräumt worden waren, als "Ike"-Vorgängers "Gustav" über die Region hinweg fegte. Seine Schäden hielten sich entgegen den ursprünglichen Befürchtungen zwar in Grenzen, aber die Produktion war für mehrere Tage unterbrochen und viele Förderanlagen noch nicht wieder im Betrieb, als sich "Ike" ankündigte. Ängste vor größeren Ausfällen ließen den Ölpreis wieder klettern und gleich wieder fallen, als Ike an Schwung verlor.

Für Nervosität sorgen zusätzlich Forderungen Venezuelas und des Irans an die Organisation der Erdölexportierenden Staaten (OPEC), die Förderquoten abzusenken. Das Wall Street Journal ist sich jedoch sicher, dass es angesichts der zurückgehenden Nachfrage in den Industriestaaten nur eine Frage der Zeit ist, bis die OPEC den Hahn etwas zu dreht.

Wirbelsturm Ike. Die jeweils aktuelle Grafik hier. Bild: NOAA

Derweil steuert vor Mexikos Pazifikküste der tropische Wirbelsturm Lowell auf die Südspitze der kalifornischen Halbinsel zu. Tropische Wirbelstürme sind die Vorläufer von Hurrikanen. Überschreitet ihre maximale Windgeschwindigkeit 118 Kilometer pro Stunde, dann spricht man von einem Hurrikan bzw. vor den ostasiatischen Küsten von einem Taifun. Insgesamt gab es am Dienstag weltweit drei tropische Wirbelstürme.

"Ike" hatte es in der Nacht auf Montag auf Windgeschwindigkeiten von rund 200 Kilometern gebracht und damit auf Kuba erhebliche Verwüstungen angerichtet. Am Dienstag lag er noch über dem Norden des Inselstaates und wird sich in den kommenden Tagen über den Golf von Mexiko Richtung Festland bewegen. Gut möglich, dass er sich dabei noch einmal verstärkt, denn die Wassertemperaturen sind in dieser Region noch sehr hoch, so dass "Ike" viel zusätzliche Energie über den Wasserdampf aufnehmen kann.

Dieser wird nämlich durch den Wirbel des Hurrikans in die Höhe gezogen, wo er kondensiert. Dabei setzt er Wärmeenergie frei, erwärmt also die umliegende Luft, die dadurch zusätzlichen Auftrieb erhält. Diese Abhängigkeit der Hurrikane von der Temperatur der Wasseroberfläche lässt einige Klimaforscher erwarten, dass ihre Zahl und Häufigkeit in einem wärmeren Klima zunehmen wird. Allerdings ist für die Ausbildung und Entwicklung von Hurrikanen auch von großer Bedeutung, dass die Höhenwinde nicht zu stark von denen am Boden abweichen. Andernfalls, wenn die Scherung zu groß ist, kann der Wirbel nicht die nötige Höhe erreichen, weil er von den Winden sofort auseinander gerissen wird. Wie sich die Windverhältnisse in einem wärmeren Klima entwickeln werden, lässt sich allerdings nur sehr schwierig vorhersagen. Daher wird die Hurrikan-Frage die Wissenschaft sicherlich noch einige Jahre beschäftigen.

Tropische Niederschläge nehmen zu

Im Falle der Hurrikane ist allerdings nicht nur ihre Zahl, sondern auch ihre Intensität sehr wichtig. Auch wenn verstärkte Windscherung ihr Auftreten vielleicht sogar seltener macht – im tropischen Südatlantik wurde zum Beispiel aus diesem Grunde, seitdem es systematische Wetterbeobachtungen gibt, erst ein einziger Hurrikan gesichtet –. könnten die höheren Temperaturen dazu führen, dass die Stärke der Stürme zunimmt, weil mehr Wasserdampf in der Luft ist.

Jüngste Arbeiten, die das Wissenschaftsbulletin der Weltmeteorologieorganisation WMO zitiert, weisen sowohl auf einen starken Zusammenhang zwischen Meeresoberflächentemperatur und den Niederschlägen in den Tropen hin, als auch auf eine deutliche Zunahme. Während in den höheren Breiten die Niederschläge zwischen 1979 und 2005 eher abgenommen haben, ist der Trend in den Tropen stark positiv. Allerdings hat es auch dort über Land etwas weniger geregnet, während das zusätzliche Nass ausschließlich auf den Meeren herunterkam, wo Landwirtschaft und Wälder nichts davon haben.

Aber eine derartige Niederschlagsstatistik sagt noch nicht viel über die Art der Niederschläge und ihre Verteilung aus. In Südasien ist man zum Beispiel besorgt, dass in einem wärmeren Klima der Monsun heftiger und zugleich unzuverlässiger wird. Das müsste nicht unbedingt die Gesamt-Niederschlagsmenge verändern, könnte aber für Landwirtschaft, Siedlungen und Infrastruktur verheerende Folgen haben, wie man derzeit an den schweren Überschwemmungen in Nepal und dem benachbarten indischen Bundesstaat Bihar beobachten kann.

Wasser treibt den Klimaforschern und informierten Bürgern in der Region aus verschiedensten Gründen die Sorgenfalten in die Stirn. Die nepalesische Zeitung "Gorkhapatra" berichtet von einem hochrangigen Treffen der Himalaja-Anrainer Ende August, auf dem es um die Zukunft der Gletscher des höchsten und größten Gebirge des Planeten ging. Die Frage ist alles andere als akademisch: Rund 1,5 Milliarden Menschen leben im Einzugsgebiet der großen Ströme, die von den Gletschern gespeist werden. Sollten diese vollständig abtauen, würde der Wasserstand in den Flüssen wesentlich variabler werden. Das wäre nicht nur für die Schifffahrt sondern vor allem auch für Bewässerung und Trinkwasserversorgung ein enormes Problem.

"Der globale Klimawandel verursacht in der Himalaja-Region ein schnelles Schmelzen von Eis und Schnee", heißt in einer Stellungnahme des International Center for Integrated Mountain Management (ICIMOD). Und weiter: "Die Erwärmung in der Himalaja-Region liegt deutlich über dem globalen Durchschnitt. Sowohl Muster von zunehmenden als auch abnehmenden Niederschlag sind in dem Gebiet beobachtet worden. Das Wetter wird weniger vorhersagbar und extremer – Trockenperioden werden trockener und die Regenzeit feuchter. ... Die Industriestaaten produzieren wesentlich mehr Treibhau8sgase, als die Himalaja-Länder, doch die Menschen in der Region bezahlen den Preis in Form von Überschwemmungen, extremen Dürren und brechenden Gletscherseen."

ICIMOD-Direktor Andreas Schild riet daher auf dem erwähnten Treffen, die grenzüberschreitende wissenschaftliche Zusammenarbeit und die regionale Koordination zu verstärken. Schutzprogramme für die am meisten gefährdeten Menschen müssen geschaffen, Frühwarnsysteme eingerichtet und verbessert werden. Außerdem rät er, das Wassermanagement auszubauen, wozu unter anderen die Aufforstung an den Wasserscheiden und das Einrichten von Wasserspeichern zählt. Schließlich verwies er darauf, dass auch regionale Luftverschmutzung zum Abschmelzen der Gletscher beitragen könnte.

Elektro-Autos in Berlin

Wie hier berichtet, haben Daimler und der Kohle- und Atomstromer letzte Woche in Berlin den Startschuss für einen Großversuch mit Elektro-Autos gegeben. e-mobility Berlin heißt das Projekt, für das der Energiekonzern 500 Ladestationen in der Hauptstadt aufstellen will. Ab Ende 2009 sollen "mehr als 100 Elektroautos der Marken Mercedes-Benz und smart" in der Hauptstadt unterwegs sein. Die Bundeskanzlerin war voll des Lobes, während die vom Umweltministerium gesponsorte Kampagne "unendlich viel Energie" etwas verschämt auf den hohen CO2-Ausstoß beim Strommix von RWE verwies.

Auch Greenpeace machte darauf aufmerksam, dass die CO2-Emissionen der Elektroautos – wenn sie mit dem Strom aus den Braun- und Steinkohlekraftwerken RWEs angetrieben werden – etwas höher sind, als wenn gleich Diesel verbrannt würde. Angesichts dessen, dass ein durchschnittlicher Automotor einen Wirkungsgrad von etwa 20 Prozent hat, ist das eine erstaunlich schlechte Bilanz. Elektromotoren erreichen erheblich höhere Wirkungsgrade, die in Autos bei 80 Prozent liegen können. Wenn allerdings der Strom zuvor in einem Kohlekraftwerk bei einem Wirkungsgrad von 33 (Altanlagen) oder 45 Prozent (modernste Kraftwerke) erzeugt wird, dann ist für die Umwelt nichts gewonnen. Ganz anders sähe es natürlich aus, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen käme.

Andererseits ist die Steigerung der Energieeffizienz, das heißt das Energiesparen ein wesentlicher Baustein in der Strategie, die Stromversorgung auf erneuerbare Quellen umzustellen. Die Frage ist also, wie hoch der Verbrauch von Elektroautos sein wird, und ob sie von RWE und Co. als ernsthaftes Argument für neue Kohlekraftwerke oder längere AKW-Laufzeiten herangezogen werden könnten.

Ein Elektro-Smart soll 12 Kilowattstunden (KWh) auf 100 Kilometer verbrauchen. Gehen wir von 12.000 Kilometern Fahrleistung im Jahr aus, was wahrscheinlich viel sein wird, da der Wagen aufgrund der relativ geringen Reichweite zunächst eher nur als Stadtauto geeignet ist. Dann entspräche das einem Jahresverbrauch von 1.440 KWh pro Elektro-Smart. Kühnste Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2020 zwei Millionen Elektrofahrzeuge unterwegs sein könnten. Wenn die alle einen ähnlichen Verbrauch wie der Smart haben, dann würde das knapp drei Milliarden KWh ausmachen. Ein 800-Megwatt-Kraftwerk – das ist die Größebordnung, in der RWE, E.on und andere derzeit ihre Treibhausgasschleudern planen – erzeugt bei 6000 Betriebsstunden im Jahr hingegen 4,8 Milliarden KWh.

Fazit: Elektro-Autos werden nicht als Argument für neue Kohlekraftwerke taugen. Eine andere Frage ist natürlich, ob man den Abschied vom Verbrennungsmotor nicht lieber dazu nutzen sollte, das Konzept des motorisierten Individualverkehrs noch einmal zu überdenken. Nicht nur der Antrieb, sondern auch die Herstellung der PKW ist enorm ressourcenaufwendig. Hinzu kommt der enorme Flächenverbrauch in den Städten, die hohe Zahl der Verkehrstoten, die Ausgrenzung von Alten, Kindern und Armen und manches mehr, das gegen die hochgradige Motorisierung der Gesellschaft spricht. Ein ähnlich hohes Mobilitätsniveau wie das derzeit erreichte, lässt sich auch mit einem gut organisierten öffentlichen Verkehr und einer angepassten Stadtplanung erreichen.

Zu einem öffentlichen Verkehrssystem gehören aber natürlich auch Taxen und Busse, und für die hätte der Elektroantrieb einen erheblichen Vorteil: Er wäre sparsamer und würde die Lärmbelästigung, die insbesondere bei Bussen nicht unerheblich ist, minimieren. Zudem könnten die Akkus der Fahrzeuge eine wichtige Rolle in der Stabilisierung der Stromnetze spielen. Für diese werden nämlich künftig vermehrt Speichermöglichkeiten gebraucht, wenn der Anteil der Windenergie weiter zunimmt.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28686/1.html
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