Pimp My Space Telescope

Das Hubble-Weltraumteleskop soll zum letzten Mal überholt werden; damit wird gleichzeitig ein Übergang markiert: von der Glamour- zur Alltagsphase der Raumfahrt

Es ist eines der teuersten Zimmer mit Aussicht, die sich denken lassen: Das Hubble-Weltraumteleskop, das seit 1990 um die Erde kreist, und der Astronomie unschätzbare Dienste geleistet hat, soll noch einmal renoviert werden - weitere fünf bis zehn Jahre Betriebsdauer sind der NASA eine besonders aufwändige Space-Shuttle-Mission wert.

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Bild: Nasa

Und weil man einerseits mit verschiedenen anderen Themen (wie der Inbetriebnahme des LHC – siehe Die verborgenen Kosmen von nebenan) um die ohnehin spärliche Aufmerksamkeit des allgemeinen Publikums für Nachrichten aus Technologie und Wissenschaft konkurrieren muss, andererseits der Aufwand doch ein ganz erheblicher ist, muss man sich schon etwas einfallen lassen, um dem Publikum die Sache schmackhaft zu machen. Die NASA hat Videomaterial erstellen lassen, das dem geneigten Publikum Relevanz und Risiko der Mission verdeutlichen soll.

In der Tat sind die Aufgaben, die die Servicing-Mission 4 ab dem 8. Oktober lösen soll, beeindruckend. Zwei ganz neue Instrumente sollen an Bord gebracht werden (die WFC3, eine Kamera für den Ultraviolett-, den optischen und den Infrarotbereich, und COS, ein UV-Spektrograph).

Zwei weitere Instrumente sollen repariert werden: STIS, ein Spektrograph für ultraviolettes und sichtbares Licht, sowie ACS (eine Kamera für sichtbares Licht). Die ACS-Kamera war bis zu ihrem Ausfall das meistbenutzte Instrument an Bord von Hubble. Dazu kommen einige kleinere Aktionen, wie der Austausch der Batterien, der Gyroskope und der Feinsteuerung des Teleskops.

Business as usual? Nicht ganz. Einerseits ist der Zeitplan sehr eng. In nur elf Tagen werden fünf Weltraumspaziergänge von jeweils sechseinhalb Stunden Dauer nötig sein, um die Sache zu meistern. Dazu kommt die Komplexität mancher Aufgaben. Um das STIS auszubauen, zu reparieren und wieder einzubauen wird Mike Massamino, ein Astronaut der Mission, 111 Schrauben lösen. Eine Aufgabe, von der Phil Plait, der das STIS mitkonstruiert hat, sagt, dass er sie nicht einmal auf der Erde in Angriff nehmen würde, ohne die Behinderung durch einen Raumanzug.

Im Orbit ist jede Menge Handarbeit gefragt

Eine spezielle Vorrichtung wird dafür sorgen, dass die Schrauben nicht in den Weltraum hinaustrudeln, was einer Katastrophe gleichkäme: Geraten sie einmal auf Kollisionskurs, können selbst so kleine Teile verheerende Auswirkungen auf Raumanzüge, Solarpaneele, Satelliten, Raumtransporter und Raumstationen haben. Massamino wird schwer ins Schwitzen geraten bei der Anstrengung, die 111 Schrauben im Überblick zu behalten. Zudem weiß er wie sein ganzes Team, dass dies die letzte Möglichkeit ist, Hubble wieder fit zu machen. Sowohl die Kosten der Mission, als auch die Möglichkeiten, die sie bietet, dürften ihn dabei anspornen. Was sind diese Möglichkeiten?

Man könnte auf den Gedanken kommen, dass der Einbau der beiden neuen und die Reparatur der beiden ausgefallenen Instrumente für einen Overkill an Beobachtungs- und Vermessungsmöglichkeiten sorgen wird, denn ihre Fähigkeiten scheinen sich zu überschneiden. Tatsächlich sind aber jedem einzelnen Instrument besondere Aufgaben zu geteilt.

Bild:Nasa

Die WFC3-Kamera soll die Sternenentstehung, die Galaxienentwicklung und die Dunkle Materie im Auge haben. Das COS wird zum Beispiel mit der Grobstruktur des Universums, heißen Sternen und Supernovae befasst sein. Mithilfe des SITS will man weiterhin die chemische Zusammensetzung der Atmosphären von Exoplaneten untersuchen, supermassive schwarze Löcher im Zentrum von Galaxien finden und die letzten Zuckungen von Eta Carinae beobachten, einem sterbenden, massereichen Stern im Carinanebel.

Mit dem reparierten ACS geht man auch in Zukunft die Dunkle Energie und die Dunkle Materie an, und zwar jeweils über die Beobachtung von Ia-Supernovae und von schwachen Gravitationslinsen.

Etwas prosaischer will die NASA mit der Mission überprüfen, ob solch komplexe Wartungsaufgaben in situ überhaupt zu stemmen sind. Man darf annehmen, dass sie z.B. bei einer kommenden bemannten Marsmission zuhauf anfallen würden, und man will jetzt schon einmal Erfahrungen sammeln. Um die Wichtigkeit der gesamten Sache zu betonen, setzt der besagte Film nicht nur die bekannten Experteninterviews und Computersimulationen ein, sondern bedient sich auch einiger Mittel, die man eher aus Spielfilmen kennt: Öfter wird die Lebensgefahr betont, in der sich die Astronauten befinden werden. In dramatischen Einstellungen rast Hubble, nur per Greifarm mit dem Space Shuttle verbunden, sehr schnell über die Erde hinweg. Ein dramatisierender Soundtrack sorgt zusätzlich für Stimmung.

Ein bisschen Show muss schon sein; beinah hat man den Eindruck, als hätte sich die NASA die Zuschauerführung und die Dramaturgie bei Pimp My Ride abgeschaut. Sowohl die Mission selbst, als auch ihre propagandistische Aufbereitung sind also von Interesse. Ein drittes faszinierendes Element dürfte der NASA allerdings selbst verborgen geblieben sein. Wir scheinen uns nämlich genau an jenem Übergang von der Glamour- zur Alltagsphase der Raumfahrt zu befinden, an der der Einsatz menschlicher Arbeitskraft zur Steuerung, Wartung und Reparatur der Raumfahrzeuge in den Blick gerät.

Wo vorher zumindest teilweise der Eindruck herrschte, dass "das alles die Computer machen", stellt sich plötzlich heraus, dass im Orbit jede Menge Handarbeit gefragt ist - die Astronauten der Servicing Mission 4 sind so ein Luxus- und Hochleistungsproletariat auf Probe, indem sie ausloten, unter welchen Bedingungen Menschen welche Leistungen im Weltall bringen können. Nicht ausgeschlossen jedenfalls ist, dass die astronautischen Reparaturmannschaften der Zukunft den NASA-Film zur Servicing Mission 4 mit einem Gemisch aus Belustigung und Zorn anschauen werden - und dass der Begriff "Weltraumspaziergang" in ihnen Bitterkeit hervorrufen wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28706/1.html
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