Sarah Palins E-Mail-Geheimnisse

Bernd Kling 18.09.2008

Einer der beiden E-Mail-Accounts der Gouverneurin von Alaska, mit denen sie die Archivierungspflicht umgehen wollte, wurde gehackt, die E-Mails veröffentlicht

Die US-Gesetze schreiben die Archivierung von E-Mails vor, mit denen die Regierenden ihren Geschäften nachgehen. Weder das Weiße Haus unter George W. Bush noch Alaskas Gouverneurin Sarah Palin hielten sich daran. Zur Umgehung der Gesetze setzte die Vizepräsidentschaftskandidatin unter anderem auf Webmail-Accounts.

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Sollte sie Vizepräsidentin werden, wäre sie nur noch einen Herzschlag davon entfernt, Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein. Schon heute hat sie viel mit dem amtierenden Präsidenten George W. Bush gemeinsam, darunter eine E-Mail-Affäre. Mit den bis zu 5 Millionen verschwundenen E-Mails im Weißen Haus beschäftigten sich bereits die Gerichte, mit denen von Sarah Palin erst einmal die Klatschpresse.

Um der Archivierungspflicht, vielleicht auch Staatsanwälten und Historikern zu entgehen, setzte die Gouverneurin offenbar auf gleich zwei Accounts bei Yahoo Mail. Abgesehen davon ist die Gouverneurin des 49. Bundesstaats ohnehin immer mit zwei Blackberrys unterwegs, von denen angeblich einer ihren Staatsgeschäften und der andere nur ihren privaten Angelegenheiten dient. Was aber inzwischen auch die Lokalpresse bezweifelt, die Sarah Palin im übrigen attestiert, "technisch versiert" zu sein.

Nun soll es aber Leute geben, die technisch noch versierter sind und sich erlaubten, eines ihrer Webmail-Accounts zu hacken. Sichtbare Ergebnisse davon landeten bei Wikileaks, der Anlaufstelle für die gefahrlose Veröffentlichung von Geheimnissen, die auch schon Guantanamo Bay und Schweizer Steuerfluchtkonten betrafen. Klatschblog Gawker.com veröffentlichte ebenfalls genüsslich die Screenshots von Palins mutmaßlichen Yahoo-Accounts mit einzelnen Mails, ihrer Kontaktliste sowie unterhaltsamen Fotos ihrer Familienmitglieder, die als Mail-Anhänge verschickt wurden.

An der Echtheit konnte es kaum Zweifel geben. Der zeitliche Ablauf von Account-Hack und Löschung erschien plausibel. Auch private E-Mail-Adressen und Telefonnummern, die in den veröffentlichten Dokumenten enthalten sind, erwiesen sich als richtig. Die Familienfotos waren selbst Society-Experten bislang unbekannt. Das Magazin Wired bekam die Echtheit einer an Palins Yahoo-Account geschickten Mail durch eine Absenderin bestätigt. Mindestens einer der Accounts lief lange vor Palins Erhebung zur Vizepräsidentschaftskandidatin. Wäre es ein Hoax gewesen, hätte er also zu einer Zeit entstehen müssen, als sich außerhalb Alaskas niemand für Sarah Palin auch nur entfernt interessierte.

Inzwischen wurden die öffentlich sichtbaren Profile beider Accounts - gov.sarah@yahoo.com und gov.palin@yahoo.com - gelöscht, und zwar gleichzeitig. Schon länger waren belastende Mails aus Palins umtriebiger Yahoo-Korrespondenz in der Troopergate-Affäre dringend gesucht worden, aber nicht auffindbar gewesen. Dass überhaupt Belege für Palins ausweichende E-Mail-Aktivitäten gefunden wurden, soll den Online-Aktivisten von Anonymous zu verdanken sein, die sich bislang bevorzugt mit der Scientology-Sekte anlegten.

Nach dem Hack versuchte jemand das Passwort zu ändern und Sarah Palin zu alarmieren. Da er zugleich das neue Passwort preisgab, wollten sich zahlreiche Neugierige gleichzeitig einloggen, was den Account für 24 Stunden unzugänglich machte - und dann war er gelöscht.

Sensationelle Enthüllungen enthalten die noch einsehbaren Screenshots nicht, und es waren schon peinlichere Aufnahmen aus Palins Umfeld zu sehen. Verschiedene Mails in Palins vorgeblich privatem Yahoo-Account kamen von den Adressen ihrer Mitarbeiter, darunter der Entwurf eines Briefs an den kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger, bei dem doch sicher niemand einen privaten Anlass vermuten möchte.

Einige der aufgelisteten Mails trugen zudem die Buchstaben DPS, die Abkürzung für Alaskas Department of Public Safety - just der für die Landespolizei (State Troopers) zuständigen Behörde, in der sich Troopergate entfaltete. Sollte sich erweisen, dass mehr Sprengstoff in den Accounts steckte und VP-Kandidatin Palin selbst für deren Löschung sorgte (was Wikileaks für sicher hält), könnte es als Behinderung einer vom Kongress des Staates Alaska angeordneten Untersuchung gelten.

Die McCain-Kampagne versucht den Spieß umzudrehen und ruft jetzt lautstark "Haltet den Dieb!". Sie empört sich über das "schockierende Eindringen in die Privatsphäre der Gouverneurin und einen Gesetzesverstoß". Wer im Besitz dieser E-Mails sei, möge sie doch bitte umgehend löschen. Die Angelegenheit sei den zuständigen Behörden übergeben worden, mehr habe man nicht zu sagen. FBI-Sprecher Eric Gonzales bestätigte gegenüber CNN: "Uns sind die Anschuldigungen bekannt, und wir stimmen uns mit dem Secret Service ab, was das behauptete Hacken von Gouverneurin Palins persönlichem E-Mail-Account angeht. Wir werden dazu eine gemeinsame Ermittlung mit dem Secret Service durchführen."

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28744/1.html
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