Der erste ferngesteuerte Krieg

20.09.2008

In den pakistanischen Grenzgebieten wird auch aus politischen Gründen der Krieg aus der Ferne mit Robotern geübt

Die Lage in Pakistan, vor allem in den Grenzgebieten zu Afghanistan, ist unübersichtlich, das Land mehr und mehr ein Pulverfass. Die Regierung versucht unter dem Druck der USA, die Grenzgebiete unter Kontrolle zu bringen und die Militanten zu bekämpfen, einen stetigen Spagat. Immer wieder werden Vorstöße gemacht, um Taliban und andere bewaffnete Gruppen, die auch für den Widerstand in Afghanistan verantwortlich sind, zu vertreiben oder zurückzudrängen, aber andererseits auf Gespräche zu setzen, um nicht innenpolitisch die Lage weiter zu destabilisieren.

Nachdem US-Regierung und Pentagon viele Jahre die pakistanische Regierung als Alliierten im Kampf gegen den Terrorismus unterstützt und aufgerüstet haben, aber die Grenzgebiete weiter ein "Wilder Westen" blieben, hat nun angeblich der oberste Befehlshaber, US-Präsident Bush persönlich, angeordnet, dass nun auch Truppen am Boden und in der Luft die Grenze überqueren und in Pakistan Ziele angreifen dürfen. Das ist bereits mindestens einmal geschehen und hat die pakistanische Regierung und das Militär genötigt, auf die Souveränität zu pochen und anzukündigen, dass eindringende Soldaten zurückgeschlagen werden, da die Ablehnung in der Bevölkerung wächst.

Die Entwicklung hat sich derart zugespitzt, dass US-Generalstabschef Michael Mullen am Mittwoch nach Pakistan reisen musste, um gemeinsam mit dem ISAF-Kommandeur ISAF David McKiernan die Wogen zu glätten. Gilani hatte nach dem Treffen mit dem US-Militärs versichert, dass jede Verletzung der territorialen Integrität und Souveränität "mit allen Mitteln" bekämpft werden.

Das Treffen mit Regierungschef Gilani und Armeechef Kiani am Mittwoch dürfte aber zu keiner wirklichen Lösung geführt haben. Die beiden US-Militärs versicherten, dass die Souveränität Pakistans nicht verletzt werde. Dass man vom eingeschlagenen Weg aber nicht abweichen wollte, demonstrierte am selben Tag ein neuer Angriff mit einer bewaffneten Drohne in Südwasiristan, bei dem sechs Menschen, angeblich Taliban, getötet wurden. Am Donnerstag erklärte Außenminister Qureshi, die pakistanische Regierung sei nicht über den Angriff informiert worden, betonte aber die Notwendigkeit einer weiteren Zusammenarbeit mit den USA und der Bekämpfung der Militanten. Allerdings sagte er zu anderer Gelegenheit, dass ausländische Truppen nicht in Pakistan operieren dürfen und dass auch Angriffe mit Drohnen von der Regierung verurteilt würden.

Predator-Drohne feuert Hellfire-Rakete ab. Bild: Pentagon

US-Verteidigungsminister Gates erklärte denn auch am Donnerstag gegenüber BBC, dass man alle "notwendigen" Mittel einsetzen werde, um die Militanten zu bekämpfen. Gut möglich, dass in dem Gespräch am Mittwoch vereinbart wurde, dass US-Soldaten zwar nicht mehr die Grenze am Boden oder in der Luft überschreiten werden, aber dass Angriffe mit Drohnen von pakistanischer Seite geduldet werden, auch wenn man sie öffentlich weiter verurteilt. So sollen am Dienstag mehrere Drohnen über Süd- und Nordwasiristan gekreist sein, auch am Donnerstag wurden wieder Drohnen über den Stammesgebieten gesichtet und sollen Panik und Unruhe unter den Menschen verbreiteten haben.

Sollte ein solcher Kompromiss gefunden worden sein, so könnte er sich langfristig als fatal erweisen. Drohnen werden zwar von Menschen gesteuert, aber es sind Fernlinge und Maschinen oder Roboter. Sie nicht ganz erst zu nehmen, obgleich sie auf neue Weise Menschen töten und Zerstörungen anrichten, ist Realitätsausblendung und ein Beharren auf einer alten Weltsicht mit Scheuklappen, das vor Ort, wo die Angriffe erfolgen, schon nicht mehr funktioniert. Aber diese Verleugnung, dass ferngesteuerte Roboter eher zu dulden sind als Soldaten oder bemannte Hubschrauber, entspricht womöglich der Situation der Piloten von Drohnen, die völlig ungefährdet von Gegenangriffen wie in einem Computerspiel vor ihren Bildschirmen sitzen und scheinbar nur in einer virtuellen Wirklichkeit handeln, während ihre Aktionen durch die Virtualität hindurch im Realen stattfinden. Da aber nur die Drohne gefährdet ist, fehlt der Charakter der Realität.

Seit Wochen häufen sich die zuvor nur vereinzelten Angriff mit Drohnen. Seit kurzem kann man davon sprechen, dass die USA in den Stammesgebieten einen neuen Krieg führen, einen Krieg mit ferngesteuerten Waffen und Robotern, der einen Vorschein darauf bietet, was in Zukunft immer dominanter werden wird.

Tag und Nacht kreisen die Drohnen am Himmel. Bild: Pentagon

Meist kommen die Drohnen am frühen Morgen und schießen ihre Raketen auf ein Ziel ab, in dem man Aufständische vermutet, was aber aufgrund falscher Informationen, die sich aus der Ferne nicht bestätigen lassen, auch Unschuldige treffen kann. Die heimtückischen Angriffe durch unbemannte Flugzeuge dürften die Menschen, die in dieser Region leben, in Angst und Schrecken versetzen. Sie müssen immer gewahr sein, dass sie versehentlich Opfer werden könnten. Dass damit Unruhe und Wut steigen, ist nicht unverständlich, ist die Situation im wahrsten Sinne des Wortes doch asymmetrisch, schließlich sitzen die Piloten sicher und unangreifbar hunderte, manchmal auch tausende Kilometer entfernt vor den Bildschirmen, um die Drohe mit einem Joystick zu lenken und die Raketen abzufeuern.

Das verschafft den hochgerüsteten Armeen der reichen Länder enorme Vorteile gegenüber schlecht bewaffneten und locker organisierten Guerillaverbänden. Abgesehen von großen Städten kann mit den Drohnen oder künftig riesigen Luftschiffen als permanente Überwachungsaugen am Himmel die Kontrolle des Luftraums auf die des Bodens und der Meere erweitert werden. Sollten jedoch Kriege zwischen hochgerüsteten Armeen stattfinden, dann wird die Kriegsführung aus der Ferne mit Überwachungs- und Kampfrobotern im Wasser, in der Luft und auf dem Boden eine ganz neue Dimension annehmen.

Allerdings dürfte die Überlegenheit auch in den so genannten asymmetrischen Konflikten bald schwinden. Guerillagruppen werden, wenn sie einigermaßen über Geld und technisch versierten Mitgliedern verfügen, bald auch über Roboter verfügen, mit diesen die Gegner überwachen und auch angreifen. Im Unterschied zu großen Waffensystemen wie Kampfflugzeugen oder Raketen benötigen kleine Roboter keine Infrastruktur, die sich etwa durch Satelliten erkennen ließe. Die Sprengsätze und Selbstmordattentäter werden durch Roboter ersetzt werden, mit denen sich viele Orten erreichen lassen. Auch wenn die Zerstörungen etwa mit kleinen Drohnen, die keine großen Mengen an Sprengstoff oder an chemischen, biologischen oder nuklearen Waffen mit sich führen können, nicht so groß sein werden, wie dies jetzt mit Autobomben oder gar Passagierflugzeugen als Raketen möglich ist, so werden Angst und Terror ganz neue Dimensionen annehmen.

Noch wird jetzt erst einmal der Terror im ersten Roboterkrieg in den pakistanischen Stammesgebieten erprobt und damit die Weiterentwicklung von Technik und Strategie gefördert, die den Weg dafür ebnet, dass bald nicht nur "rogue states" oder "warlords", sondern auch kleine Gruppen von Aufständischen oder der organisierten Kriminalität die Waffen der Zukunft erwerben können und auch einsetzen werden. Dann wird die bisher vorhandene Überlegenheit der reichen und hochgerüsteten Länder in den asymmetrischen Kriegen in den fernen failed oder rogue states zu Ende gehen und der Terror wirklich einziehen.

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Vielen Dank!
Kommentare lesen (79 Beiträge)
  • Ach ja? (03.10.2008 17:03)
  • Re (22.09.2008 19:04)
  • Re (22.09.2008 18:58)
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