Die Euphorie über den Rettungsplan der US-Regierung ist schon wieder abgestürzt

23.09.2008

Noch verhandeln Kongress und US-Regierung über Details, während draußen die Börsen in großer Unsicherheit die Kurse ebenso schnell abstürzen ließen, wie sie diese zuerst nach oben getrieben haben

In den Verhandlungen zwischen der Bush-Regierung und dem Kongress über das Rettungsprogramm ist man offenbar ein paar Schritte weiter gekommen. Auch wenn die Bush-Regierung ganz im bekannten Stil seit dem 11.9. auf den Kongress Druck ausübte, das Programm sofort zu bewilligen, um der Nation nicht zu schaden, funktioniert das nun nicht mehr. Vereinbart wurde bereits, was vor allem seitens der Demokraten gefordert wurde, dass das Finanzministerium, das die faulen Kredite aufkaufen soll, strenger kontrolliert wird und nicht nur die Banken, sondern auch die in Schwierigkeiten geratenen Hausbesitzer Unterstützung erfahren. Offenbar soll die Regierung auch Aktienpakete von Unternehmen übernehmen können, die am Bailout teilnehmen.

Vermutlich wird der Kongress noch ein Programm zur Wirtschaftsförderung durchdrücken, durch das die Rettungsmaßnahme dann weit über 700 Milliarden Dollar kosten wird. Umstritten ist, berichtet das Wall Street Journal, ob und wie die Vergütungen von Angestellten der Unternehmen beschränkt werden sollen, die an dem Bailout teilnehmen. Sollten sie auch noch persönlich am Verkauf der selbstverschuldeten faulen Kredite an den Staat verdienen, würde dies sicher bei den Menschen nicht gut ankommen. Finanzminister Paulson hat sich also dagegen ausgesprochen, weil durch Verdienstgrenzen für ihre Manager manche Unternehmen vielleicht nicht an der Rettungsmaßnahme teilnehmen würden.

Der mit einem persönlichen Vermögen von einer halben Milliarde Dollar ausgestattete Finanzminister, langjähriger Vorstand von Goldman Sachs, die sich schnell zu einer normalen Bank umwandeln ließen, um vom staatlichen Stützungsprogramm zu profitieren, gilt aber nicht als übermäßig vertrauenswürdig, nicht nur der Wall Street, sondern auch der Main Street, also der breiten Bevölkerung, zu dienen. Dass er möglichst freie Hand haben und den Aufkauf der faulen Kredite an Privatunternehmen vergeben wollte, hat das Vertrauen sicherlich nicht verstärkt.

Der homo oeconomicus ist, zumindest wenn er an der Börse Geschäfte macht, nicht sonderlich rational, sondern offenbar ein Bündel aus Angst und Gier. Kaum hatte die US-Regierung letzte Woche verkündet, Hunderte von Milliarden Dollar von Steuergeldern zur Rettung der Finanzinstitutionen investieren zu wollen, schossen die Kurse an den Börsen weltweit in die Höhe.

Nachdem nun klar wurde, dass der Plan im Kongress umstritten ist, von der Politik Auflagen für das Finanzsystem kommen, andere Staaten wie Deutschland und der Rest von G7 nicht mitziehen und es keineswegs sicher ist, dass mit der gewaltigen Neuverschuldung des US-Staatshaushalts tatsächlich etwas erreicht werden kann, stürzen sich die Anleger auf Öl und andere Rohstoffe wie Gold, während Aktienkurse und Dollar ebenso schnell nach unten plumpsten, wie sie vorher in die Höhe geschossen sind.

Die Bedenken hätte man schon vorher haben können, das Verhalten im großen Spielkasino, das mit dem Ende der Investmentbanken und dem zeitweisen Verbot von Leerverkäufen noch keineswegs beendet ist, gleicht einer Horde von aufgeregten Hühnern. Rationales Verhalten kann es auch nicht geben, wenn Überlegen eventuell mit großen Verlusten bestraft werden kann, allerdings können Verluste auch durch schnelle Entscheidungen entstehen, zumal wenn sie damit gepaart sind, dass die Entscheider nicht verstehen, was sie machen, oder eben nicht wissen können, wie sich der Markt wirklich entwickelt.

Zwar weiß jeder, dass freier Markt und Kapitalismus nichts mit Rationalität zu tun haben, aber trotzdem werden sie als Ausgeburt der Vernunft verkauft, zumindest aber alternativenloses Schicksal. Die meist gut verdienenden Verteidiger des ungezügelten Marktes sind in Wahrheit Ideologen des Irrationalen und setzen ihren Glauben daran, dass alles dann zum Guten ausgehen wird, wenn die Menschen nicht regulierend eingreifen, sondern die unsichtbare Hand Gottes wirken lassen.

Die derzeitige Unsicherheit kommt allerdings auch daher, dass die USA sich im Wahlkampf befinden und niemand weiß, wie es mit dem neuen Präsidenten weiter gehen wird. Eine gestern veröffentlichte CNN-Umfrage macht deutlich, dass 47 Prozent der Befragten den Republikanern die Schuld für die Finanzkrise anlastet, 24 Prozent sehen die Demokraten in größerer Verantwortung. Darunter leidet auch McCain, von dem über die Hälfte glaubt, er würde die Bush-Politik weiterführen. Gleichzeitig sinkt die Erwartung an Palin schon wieder, während der Vorsprung von Obama vor McCain auf 51 zu 46 Prozent gestiegen ist.

Die Finanzkrise macht den Amerikanern Angst und dürfte ein entscheidender Faktor für die Präsidentschaftswahl werden, während Irak, Afghanistan und Iran kaum mehr eine Bedeutung spielen werden. 55 Prozent stehen hinter dem "Bailout" der Kreditinstitute durch die US-Regierung.

Ein interessanter Nebenaspekt ist, wer unter der Finanzkrise in den USA am meisten leidet. Für die New York Times sind das die Rentner, deren Renten zunehmend von den Wertpapierkursen abhängig sind: "As companies have switched from fixed pensions to 401(k) accounts, retirees risk losing big chunks of their wealth and income in a single day’s trading, as many have in the last month." Das mag auch eine Warnung an diejenigen sein, die in Deutschland die Rente auf Beteiligungen an Fonds umstellen wollen. "Heutige Rentner haben weniger Geld gesprart", schreibt die New York Times, haben eine höhere Lebenserwartung und sind den Risiken des Marktes stärker als jede Generation seit dem Zweiten Weltkrieg ausgesetzt." So würden mehr Angestellte, die sich dem Rentenalter nähern, ihre Pläne aufgeben und weiter arbeiten wollen, aber gleichzeitig knabbern sie bereits ihre Altersrücklagen für den täglichen Bedarf an. Wer seine Rente mit Aktien bestreitet, kann mitunter schlecht dastehen und lebt immer in Unsicherheit. Und anders als bei jungen Menschen ist es älteren Menschen, die ihre Fonds für die Rente verkaufen müssen, kaum möglich, schlechte Zeiten auszusitzen.

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