US-Bilanz läuft völlig aus dem Ruder

26.09.2008

Eine Bestandsaufnahme nach einem Jahr Finanzkrise – Teil 3

Nachdem die US-Behörden seit einem Halben Jahr ein Finanzinstitut nach dem anderen verstaatlichen, wirkt es fast so, als seien die USA dabei, sich in eine Art sozialistischen Hedge Fonds zu verwandeln.

Die Maßnahmen der US-Behörden zur Beherrschung der Finanzmarktkrise lässt konservativen Ökonomen das Blut in den Adern gefrieren: Während der Kongress noch über den Plan von Finanzminister Hank Paulson berät, der einen 700 -Mrd. USD-Fonds etablieren will, um zweifelhafte Wertpapiere aufzukaufen, ist das ohnehin nur ein vorerst letzter Schritt ins budgetäre Desaster. So übernahm die Fed bereits im März, als die Investmentbank Bear Sterns Pleite ging, für 29 Mrd. USD zweifelhafte Anleihen aus dem Bestand der gestrauchelten Investmentbank. Anfang September wurden dann die beiden gewaltigen Hypothekeninstitute Fannie Mae und Freddie Mac verstaatlicht, die zusammen rund die Hälfte der in den USA ausstehenden Eigenheimhypotheken entweder garantieren oder im eigenen Bestand halten. Das ergibt insgesamt ein Volumen von rund fünf Billionen Dollar. Sollten nur zehn Prozent dieses Risikos schlagend werden, würde das 500 Mrd. USD kosten – der Kongress hatte angesichts dieser Übernahmen jedenfalls das gesetzliche Staatsschuldenlimit um 800 Mrd. USD angehoben.

Der neue 700-Mrd.-Fonds fokussiert nun offenbar auf die restlichen rund sechs Billionen Dollar an Eigenheimhypotheken, die nicht von Fannie oder Freddie garantiert werden, sowie auf die 3,4 Billionen an kommerziellen Hypotheken und den darauf basierenden Hypotheken-gestützten Anleihen (mortgage-backed securities, MBS), die in der Regel von noch schlechterer Qualität sein dürften, als die Assets von Fannie und Freddie. Sollte trotz all dieser Aktionen nun auch noch der normale Bankensektor in gröbere Schwierigkeiten geraten, könnten für den Steuerzahler daraus weitere Kosten erwachsen. Denn die staatliche Einlagensicherung, die "Federal Deposit Insurance Corporation" (FDIC), garantiert Einlagen im Volumen von 4,3 Billionen Dollar, hat aber nur 50 Mrd. USD an Reserven.

Bereits geflossen sind indes die 85 Mrd. USD, die für die Rettung des einst weltgrößten Versicherungsgruppe AIG aufgewendet wurden, wobei freilich noch nicht klar ist, wie viel davon aus der Verwertung von AIG-Vermögenswerten zurückkommen wird. Ebenso unklar ist, was die umfangreichen geldpolitischen Operationen der Notenbank letztlich kosten werden. Denn hier handelt es sich ja in der Regel um kurzfristige, besicherte Kredite, die bislang allesamt termingerecht bedient wurden.

Als problematisch könnte sich jedoch ein Programm erweisen, bei dem die Fed zweifelhafte Hypothekaranleihen ohne große Abschläge in US-Staatsanleihen tauscht. Marktgerüchten zufolge sollen sich im Bestand der Fed inzwischen für rund 700 Mrd. USD am Markt schwer bis gar nicht verkäufliche Papiere mit absehbar hohem Abwertungsbedarf befinden, was den Verdacht aufkommen lässt, der geplante Fonds soll weniger das US-Bankensystem retten, als die Notenbank selbst.

Darüber hinaus hat die Fed zuletzt die Dollar, die sie anderen Notenbanken wie der EZB und der Bank of England zur Verfügung stellt, von 60 auf 110 Mrd. USD aufgestockt und gegen Zentralbankgeld auch weitere Staatsanleihen aufgekauft, Staatsschulden also "monetarisiert". Nicht ganz billig dürfte auch die vor zwei Wochen erteilte Staatsgarantie für US-Geldmarktfonds ausgefallen sein, so dass die Regierung die Fed erst vor zehn Tagen mit zusätzlich 100 Mrd. USD rekapitalisieren musste, zu deren Finanzierung die Administration wiederum Schatzscheine begibt. Schon jetzt werden die gesamten Staatsschulden der USA mit 9,7 Billionen USD angegeben, wovon 5,3 Billionen in Umlauf sind ("public debt"). Der Rest wird von diversen staatlichen Vorsorgefonds gehalten und die Fed hat insgesamt 513 Mrd. USD an Staatspapieren in den Büchern.

Ungewisse Aussichten

Bezüglich des neuen Fonds ist jetzt die Frage, zu welchen Preisen der neue Fonds die Hypotheken und die darauf basierenden Papiere übernehmen wird. Dass dies keine einfache Frage ist, zeigt sich schon darin, dass die Finanzmärkte darauf seit einem Jahr bekanntlich keine Antwort finden. Bislang sind laut dem S&P/Case-Shiller Home Price Index die als Sicherheiten dienenden Hauspreise seit ihrem Höhepunkt im Schnitt jedenfalls um fast 20 Prozent zurückgegangen. Noch viel stärker eingebrochen sind - sofern überhaupt Geschäfte zustande kamen - die Preise der Hypotheken und der darauf basierenden Papiere.

Angesichts der an den Märkten herrschenden Panik könnte es nun durchaus sein, dass inzwischen eine starke Übertreibung nach unten erfolgt ist und der Fonds letztlich sogar Gewinne macht, sollten die Papiere über ihre Laufzeit weniger Ausfälle verzeichnen, als heute befürchtet.

Das wäre allerdings nicht im Sinne der Erfinder, denn der Fonds soll die Märkte und die Anleihenhalter ja stärken und gerade nicht zu den als bedrohlich niedrig erachteten Marktpreisen kaufen. Je höher also die bezahlten Preise, umso besser wäre es für die Banken, die sich in ihren Bilanzansätzen dann an den nun höheren Marktpreisen orientieren könnten. Mit der Aufwertung ihrer Assets hätten die Banken dann wieder Kapital für Kreditvergaben verfügbar, das sollte wiederum Konsum, Investitionen und vor allem den Absatz von Eigenheimen fördern - und plangemäß wäre die Krise beendet.

Das ginge dann allerdings auf Kosten der Steuerzahler, die die Belastung erst dann werden abschätzen werden können, wenn sich über die Laufzeiten der in der Regel fünf bis 10jährigen Anleihen zeigen wird, welche Zahlungen tatsächlich geleistet werden. Weil die Ausgaben sofort, die Erträge aber erst viel später wirksam werden, dürften die Staatsschulden der USA jedenfalls bald 70 Prozent des US-BIP übersteigen, was seit 1954 nicht mehr der Fall war. Im Vergleich mit Japan, das 196 Prozent, und Italien, das 156 Prozent des jeweiligen BIP als Staatsschulden ausweist, scheint das nicht allzu besorgniserregend.

Allerdings kann sich Japan vollständig im Inland finanzieren und Italien im Euroraum, während die USA längst mehr als die Hälfte ihrer Staatschulden im Ausland absetzen. Zwar ist nicht ganz auszuschließen, dass die US-Amerikaner nun den Gürtel enger schnallen und so wieder eine positive Sparquote erreichen - was angesichts der um sich greifenden Kreditrestriktionen zwangsläufig erfolgen dürfte. Dem steht jedoch entgegen, dass die US-Behörden nun unbedingt eine steile Zinskurve (d.h. eine hohe Differenz zwischen kurzen und langen Zinsen) benötigen, damit die Banken wieder Kapital aufbauen können. Das wird voraussichtlich gelingen. Denn die kurzfristigen Zinsen kann die Fed über den Leitzinsen autonom festlegen, während die langfristigen Zinsen von den Märkten bestimmt werden.

Die Märkte werden voraussichtlich nicht mehr sehr lange akzeptieren, dass sich die USA ständig weiter verschulden, ohne höhere Zinsen zu verlangen – insbesondere wenn die Krise abzuklingen erscheint. Denn derzeit werden die Kurse der US-Staatsanleihen – die die langfristigen Zinssätze determinieren – noch durch die Krisensituation gestützt, da sie fast die einzige Anlageform sind, die noch als sicher gilt. Jetzt werden die USA ihre Anleiheemissionen aber erheblich ausweiten müssen, und es ist kaum zu erwarten, dass diese zu den günstigen Bedingungen möglich sein wird, wie dies bisher der Fall war.

Niedrige Sparzinsen dämpfen aber die Sparneigung der Bevölkerung, denn immerhin wäre es von vornherein ein Verlustgeschäft, bei mehr als vier Prozent Inflation Gelder zu zwei Prozent zu veranlagen. Inwieweit die monetäre Expansion auf die Preise durchschlägt, oder ob deren inflationstreibende Wirkung vielleicht durch einen Einbruch der Konjunktur kompensiert wird, ist jedoch ebenfalls noch völlig offen.

Auf absehbare Zeit dürfte die US-Regierung zudem kein Interesse an einem starken Dollar haben, da die Dollarschwäche es erlaubt, die Lasten der Krise auf Länder mit stärkeren Währungen abzuwälzen. Dem steht wieder entgegen, dass die ausländischen Dollar-Gläubiger mit jeder Abwertung Verluste erleiden und vermutlich wenig Neigung zeigen werden, weiter in eine fallende Währung zu investieren. Daher ist an den Märkten bereits von einem Absturz auf 1,95 Dollar je Euro die Rede, sollte Paulsons Plan umgesetzt werden..

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