Eine besonders effektive Form von Wahlkampf

Peter Mühlbauer 26.09.2008

John McCains Ruf nach einer "Auszeit"

Wahlkampf ist eine Form von Public Relations. Und genau wie bei anderen Formen der PR ist sie am wirksamsten, wenn sie nicht als solche erkannt wird. Diesen Grundsatz versuchte offenbar auch John McCains Wahlkampfteam zu beherzigen, als es dem Kandidaten empfahl, mit einer Äußerung an die Medien zu gehen, die von diesen teilweise tatsächlich als "Sensation" gebracht wurde: Er, so McCain, wolle angesichts der aktuellen Ereignisse, den Wahlkampf unterbrechen und sich ganz der Bewältigung der Finanzkrise widmen.

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Einer der ersten von mittlerweile recht zahlreichen Kommentatorenstimmen, die dieses Verhalten als Wahlkampftaktik werteten, war der Showmaster David Letterman, der von einer Terminabsage des Kandidaten direkt betroffen war. Er zeigte in diesem Zusammenhang auch Aufnahmen, auf denen sich der Senator aus Arizona nach seiner Absage für einen anderen Fernsehauftritt pudern lässt. Lettermans Kritik ist insofern von besonderer Bedeutung, als der Republikaner seine Präsidentschaftskandidatur in dessen Show angekündigt hatte.

Überwiegend mit Skepsis aufgenommen wurde auch McCains Versuch, das für Freitag angesetzte erste Fernsehduell mit Obama auf den 2. Oktober zu verschieben. Für diesen Tag ist nämlich die Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten angesetzt, die dann ausfallen müsste. Und McCains Wahl Sarah Palin sorgte zwar für eine Menge Medienaufmerksamkeit und eine bemerkenswerte Mobilisierung bei religiösen Wählern, aber spätestens seit ihrem ersten Fernsehinterview befürchtet man im republikanischen Wahlkampfteam, dass sie diesen Vorteil durch unbedachte Äußerungen schnell in einen Nachteil verwandeln könnte.

Im Vergleich zu vorher überprüfbaren Reden, für die ihr bereits ein Maulkorb verpasst wurde, wäre in einem Fernsehduell weitaus schwerer zu kontrollieren, was Palin sagt. Hinzu kommt ein am Mittwoch bei YouTube aufgetauchtes Video eines bizarren Rituals vom Mai 2005. In der Aufnahme lässt sich die ehemalige Katholikin vom kenianischen Pfingstler Thomas Muthee segnen, der Jesus Christus dazu auffordert, sie vor "jeder Art von Hexerei" zu beschützen, ihr Geld für einen Wahlkampf zu besorgen und sie zu benutzen "um dieses Land in eine andere Richtung zu führen."

Unangenehme Fragen zu Freddie Mac und Fannie Mae

Sowohl der Veranstalter als auch Obama verweigerten jedoch eine Verschiebung der TV-Konfrontation und zeigten sich gegenüber der Presse davon überzeugt, dass McCain sich ein Nichterscheinen kaum leisten könne. Ob es in der heute Nacht stattfindenden Debatte tatsächlich vorwiegend um Außenpolitik gehen wird ist allerdings noch offen: Nahe liegend wäre, dass eher über aktuellere Ereignisse gesprochen wird. Hier dürften jedoch einige unangenehme Fragen auf den Republikaner warten: Nicht nur eine Konfrontation mit seiner erst unlängst geäußerten Auffassung zur angeblichen Gesundheit der amerikanischen Wirtschaft, sondern auch zu den Geldern, die McCains Wahlkampfteamchef Rick Davis von der Pleitebank Freddie Mac überwiesen bekam. Davis war von 2000 bis 2005 Präsident der American Homeowners Association, einer Organisation, die nach Aussagen ehemaliger Mitarbeiter den Markt für Freddie Mac und Fannie Mae abschotten sollte.

Ans Licht kam der Skandal durch einen Werbespot der Republikaner, in dem Obama vorgeworfen wird, auf den Fannie-Mae-Vorstandsvorsitzenden Franklin Raines als Berater zurückgegriffen zu haben. Nachdem sowohl Obamas Team als auch Raines heftig dementierten, führten Nachforschungen der Washington Post und der New York Times zu den Verflechtungen zwischen Rick Davis und den beiden Pleitebanken, für deren Versagen nun der Steuerzahler in Haftung genommen wird.

McCains "Kalifat im Kaukasus"

Obwohl die Außenpolitik ein Feld ist, in dem sich McCain selbst Kompetenz zuspricht, könnte er bei diesem eigentlich geplanten Thema in Schwierigkeiten geraten. Vor allem dann, wenn er auf von ihm getätigte Äußerungen angesprochen wird, die Angesichts der Palin-Hysterie und der Finanzkrise in der bisherigen Berichterstattung überwiegend untergingen. Eines davon ist seine mögliche Instrumentalisierung radikaler Islamisten gegen Russland. So hatte sich der Republikaner im Nachklang der Georgienkrise unter anderem dahingehend geäußert, dass der Westen als Reaktion auf die Anerkennung der Eigenstaatlichkeit von Südossetien und Abchasien über eine Unabhängigkeit von zur Russischen Föderation gehörigen Gebieten im Nordkaukasus nachdenken sollte.

Unter Tscherkessen, Nordosseten und anderen kleineren Kaukasusvölkern gibt es keine ernstzunehmenden Unabhängigkeitsanstrengungen. Lediglich in Tschetschenien existierte in den 1990er Jahren eine Art De-Facto-Regime. Das allerdings war stark vom Organisierten Verbrechen und von radikalen Islamisten geprägt. Zeitweise fungierte dort sogar der Schul- und Krankenhausschlächter Schamil Bassajew als Premierminister. In Russland wirkte McCains Überlegung deshalb ähnlich, als würde dort ein Kandidat überlegen, ob Russland nicht das von Al-Qaida-Terroristen ausgerufene Emirat im Nordirak anerkennen solle.

Ob allerdings Obama diese Äußerung ansprechen wird ist fraglich: In seinem Außenpolitik-Team findet sich nämlich auch Zbigniew Brzezinski - der Mann, der Ende der 1970er die Instrumentalisierung radikaler Islamisten gegen die Sowjetunion mit einfädelte. Eine Maßnahme, die Brzezinski noch heute für gerechtfertigt hält.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28813/1.html
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