Medikamente gegen unerwünschtes Verhalten?

Florian Rötzer 27.10.2008

In Großbritannien grassiert seit Jahren die Bekämpfung des so genannten "antisozialen Verhaltens" bei Jugendlichen, Wissenschaftler wollen nun deren physiologische Ursache herausgefunden haben

Seit Jahren wird in Großbritannien unter dem Titel antisoziales Verhalten in Bezug auf Kinder und Jugendliche sehr Unterschiedliches zusammen gefasst und mit den ASBOs (Anti-Social Behaviour Order) bestraft ("Wir schlagen zurück"). Kreativ werden immer wieder Ideen entwickelt (Respekt durch Überwachen und Strafen), wie man möglichst frühzeitig und kreativ die Neigung zu antisozialem Verhalten unterbinden könnte (Regelmäßige E-Mails von der Schule..). Von der Regierung wird darunter alles von Graffitis über Ruhestörung, in der Öffentlichkeit Trinken oder Müll Hinterlassen bis zum Pöbeln oder mit Drogen Dealen gerechnet, was "andere negativ beeinflussen kann".

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Trotz des großen Spektrums des antisozialen Verhaltens wollen nun britische Wissenschaftler der University of Cambridge herausgefunden haben, was in männlichen Jugendlichen dafür mitverantwortlich sein soll. So sollen die Körper von Jugendlichen, die "schwerwiegendes antisoziales Verhalten" gezeigt haben, unter Stress weniger Kortisol ausschütten als Jugendliche, die nicht wegen antisozialen Verhaltens aufgefallen sind. Die Wissenschaftler hatten die Kortisolwerte im Speichel über mehrere Tage in stressfreien Zeiten gemessen und dann unter Versuchsbedingungen, die Frustration erzeugen. Bei den "normalen" Jugendlichen stiegen hier die Kortisolwerte steil an, bei denen mit "schwerwiegendem antisozialem Verhalten" nahmen diese hingegen ab.

Die Kortisolwerte steigen normalerweise unter Stress, so die Wissenschaftler, und lassen die Menschen vorsichtiger werden, während sie gleichzeitig ihre Emotionen, also auch die Aggressivität, besser steuern können. Wenn es eine Verbindung zwischen Kortisolwerten und antisozialem Verhalten gebe, dann müsste man dieses als Ausdruck einer mit physiologischen Symptomen verbundenen Geisteskrankheit betrachten, sagen sie. Danach hätte es wenig Sinn, die Jugendlichen mit ASBOs zu disziplinieren, man müsste sie vielmehr medizinisch behandeln. Manche Menschen würden also leichter "antisozial", ebenso wie andere zur Depression oder Angst neigen (allerdings ist hier auch umstritten, ob tatsächlich die Beeinflussung der vermeintlichen physiologischen Symptome durch Medikamente der therapeutische Königsweg ist).

Die Wissenschaftler meinen jedenfalls, man könne "neue Behandlungsweisen für schwere Verhaltensprobleme" entwickeln, wenn man genau herausgefunden hat, warum manche Jugendlichen keine normale Stressreaktion zeigen. Das liefe dann wahrscheinlich darauf hinaus, auffällige Kinder und Jugendliche medikamentös zu behandeln, um so "das Leben der betroffenen Jugendlichen und das der Gemeinschaft, in der sie leben, zu verbessern". Zudem könne sich der Staat vielleicht Milliarden sparen – und, so könnte man hinzufügen, ändern müssten sich auch die Gesellschaft und die Bedingungen nicht, unter denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28853/1.html
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