Weiß der Teufel, weshalb sich das Klima ändert

Wolfgang Pomrehn 08.10.2008

Die Energie- und Klimawochenschau: Der Klimaschutz als Ausweg aus der ökonomischen Krise? Sarah Palin will lieber nach Öl bohren und mag sich keine Gedanken machen, weshalb sich in Alaska das Klima ändert

Über die implodierenden Banken und weg brechenden Aktienkurse scheint die Welt die anderen Krisen, die sie noch vor Monaten in Atem hielten, schon wieder vergessen zu haben. Nicht so Michael Müller, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, der von einer Vierfach-Krise spricht: Krise des "american way of capitalism", Verteuerung der Energie, Klimawandel und Hungerkrise.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Auch Nicholas Stern, Autor des vor zwei Jahren für die britische Regierung verfassten und viel beachteten Stern-Reports (Umweltschutz aus ökonomischen Gründen), sieht einen inneren Zusammenhang. In einem Gespräch mit der britischen Zeitung Guardian warnte er zwar, dass die Krise an den Finanzmärkten die Menschen vom Aufbau einer "kohlenstoffarmen" Ökonomie abhalten könnten. Auch müsse man umsichtig agieren, da die Menschen nun besonders empfindlich gegenüber Kostensteigerungen seien. Andererseits seien die Zeiten besonders gut, um in Energieeffizienz und erneuerbare Energieträger zu investieren.

Diese Sektoren, so Stern haben das Potenzial, zu einem wichtigen Wachstumsmotor zu werden, der die Weltwirtschaft wieder ankurbeln könnte. Im vergangenen Jahr waren für Windräder, Solarzellen, neue Fertigunsganlagen und ähnliches 148 Milliarden US-Dollar investiert worden, wie eine Statistik des UN-Umweltprogramms UNEP zeigt. Das war gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von 60 Prozent gewesen, und auch 2005 und 2006 war der Markt in einer ähnlichen Größenordnung gewachsen. Auch in Zukunft scheint es mit Sieben-Meilen-Stiefeln voran zu gehen, was unter anderem an der geografischen Ausbreitung des Marktes abzulesen ist.

Um nur drei Beispiele aus der letzten Woche zu nennen: In Costa Rica baut die deutsche juwi-Gruppe derzeit einen 45 Megawatt-Windpark, im US-Bundesstaat New Jersey wurde grünes Licht für einen 350-MW-offshore-Windpark gegeben, und die argentinische Firma IMPSA unterzeichnete einen Vertrag für die Errichtung eines 1000-MW-Windparks in Vietnam.

Rettungspakte für das Klima

Stern hatte 2006 in seinem Bericht festgestellt, dass Untätigkeit in Sachen Klimaschutz der Menschheit letztendlich teurer - auch im streng ökonomischem Sinne - zu stehen kommt, als wenn sie rechtzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen würde. Daran erinnert auch der US-Nachrichtensender CNN und wundert sich zugleich, dass die Regierungen angesichts der Krise an den Finanzmärkten nur so mit Geld um sich werfen. Klimaschutz scheint ihnen hingegen nur ein Bruchteil der Summen wert zu sein, mit denen derzeit die privaten Verluste von Banken und Aktionären sozialisiert werden. 700 Milliarden US-Dollar aus Steuergeldern soll die Wall Street bekommen, 50 Milliarden Euro erhält die Hypo Real Estate von der Bundesbank, aber für den Klima-Investmentfonds der UNO haben die zehn führenden Industriestaaten nur 6,1 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt.

Der CNN-Kommentator kommt darüber ins sinnieren, was mit 700 Milliarden US-Dollar alles für den Klimaschutz zu erreichen wäre. Zum Beispiel könnten auf 70 Millionen Häuser Fotovoltaikanlagen installiert werden. Oder es könnten 3900 Solarparks wie der im sächsischen Brandis gebaut werden, der ab 2009 40 Millionen Kilowattstunden im Jahr ins Netz einspeisen soll.

Er befragt außerdem auch einige Fachleute, was sie mit dem Geld für den Klimaschutz machen würden. Gavin Edwards, der bei Greenpeace International in Amsterdam die Klimakampagne leitet, würde zum Beispiel 30 Milliarden US-Dollar jährlich in den Waldschutz stecken, womit seiner Ansicht nach die Treibhausgasemissionen um 20 Prozent reduziert werden könnten. Zehn Milliarden Dollar würde er in Energieeffizienz stecken und weitere 20 Milliarden Dollar pro Jahr, um eine Energierevolution anzustoßen. Weitere 50 Milliarden Dollar sollten nach seiner Ansicht in die Beseitigung der Folgen des Klimawandels in den Entwicklungsländern fließen. Man könnte also, so Edwards, mit dem Geld, das der US-Kongress gerade bewilligt hat, in den nächsten sechs Jahren in Sachen Klimaschutz eine ganze Menge auf den Weg bringen.

Ahnungslose Politiker

Doch davon sind wir wohl leider noch Lichtjahre entfernt. Zudem gibt das Personal, das demnächst ins Weiße Haus einziehen will, nicht allzuviel Anlass zum Hoffen. Immerhin haben sich sowohl John McCain von den Republikanern als auch der demokratische Hoffnungsträger Barack Obama für verbindliche CO2-Reduktionsziele ausgesprochen, ohne allerdings allzu spezifisch zu werden. Beide wollen jedoch gleichzeitig die Ölförderung ausweiten und Obama warb wiederholt für "saubere Kohle". Letzteres ist jedoch auch in den USA nicht viel mehr als eine Fata Morgana. Ein funktionstüchtiges Großkraftwerk, das in der Lage wäre, CO2 abzuscheiden, ist bisher weder dort noch hierzulande in Sicht, und die Frage der sicheren Einlagerung von verflüssigtem CO2 ist bisher vollkommen ungeklärt.

Noch gruseliger wird es, wenn man sich die zweite Reihe anschaut. McCain hatte vor einigen Wochen die Gouverneurin von Alaska Sarah Palin als seine Kandidatin für die Vizepräsidentschaft aus dem Hut gezaubert. Die hat sich zwischenzeitlich wegen ihrer Ausfälle gegen Obama den Titel Pitbull auf Stöckelschuhen verdient und glänzt ansonsten mit Ahnungslosigkeit in Sachen Klimawandel. Das ist insofern bemerkenswert, als sie im Falle eines Wahlsiegs MacCains zur Verbindungsfrau des Weißen Hauses zum großen Öl werden könnte.

Die von einer internationalen Gruppe engagierter Klimawissenschaftler betriebene Internetseite RealClimate.org hat sich die Äußerung der Kandidatin zum Thema einmal etwas genauer angeschaut. Da bei wurde zum Beispiel folgende Aussage von Palin zu Tage gefördert:

A changing environment will affect Alaska more than any other state, because of our location. I'm not one though who would attribute it to being man-made.

In ihrer Debatte mit Obamas Vize-in-spe Joe Biden hat sie diese Ansicht wiederholt und ein wenig abgeschwächt. Nun scheint sie zu der Meinung gekommen zu sein, dass vielleicht doch menschliche Aktivitäten am Klimawandel beteiligt sein könnten, dieser aber auch auf ominöse zyklische Temperaturschwankungen zurückzuführen sei. Auf die Frage des Moderators: "Was ist wahr und was ist falsch an dem, was wir über die Gründe des Klimawandels gehört, gelesen, diskutiert und debattiert haben?", antwortete Palin:

Yes. Well, as the nation's only Arctic state and being the governor of that state, Alaska feels and sees impacts of climate change more so than any other state. And we know that it's real. I'm not one to attribute every man --- activity of man to the changes in the climate. There is something to be said also for man's activities, but also for the cyclical temperature changes on our planet.

Palin fährt fort, dass sie nicht über die Gründe des Klimawandels streiten wolle. Fragt sich nur, wie sie als verantwortliche Politikerin dann etwas dagegen unternehmen will. Schließlich muss man doch die Ursachen einer Bedrohung kennen, wenn man Gegenmaßnahmen ergreifen will. Für eine Politikerin, die nach einem der höchsten politischen Ämter im mächtigsten Staat der Welt strebt, ist das eine bemerkenswerte Aussage.

Der Kommentator von RealClimate zweifelt denn auch Palins Willen an, etwas gegen den Klimawandel oder auch nur seine Folgen unternehmen zu wollen. So wehre sie sich als Gouverneurin von Alaska - gegen den Rat ihrer Fachleute - mit viel Energie gegen das Vorhaben der Regierung in Washington, die Eisbären auf die Rote Liste der bedrohten Tierarten zu setzen. Unter anderem versucht sie in diesem Zusammenhang zu leugnen, dass der Klimawandel eine Folge der durch menschliche Aktivitäten freigesetzten Treibhausgase ist.

Hintergrund des Widerstandes ist die Tatsache, dass industrielle Aktivitäten in den Lebensräumen der Eisbären nur bedingt oder gar nicht möglich wären, sollten sie als bedroht anerkannt werden. Palin möchte hingegen die Ölförderung im nördlichen Alaska ausdehnen.

Wie es aussieht, sind die Gerichte in Washington jedoch anderer Auffassung. Am Dienstag meldete die Nachrichtenagentur Reuters, dass in den nächsten zwei Jahren mehrere Schutzzonen für Meister Petz ausgewiesen werden sollen. Die Umweltschutzgruppen, die das Innenministerium vor Gericht zu diesem Schritt gezwungen haben, wollen jedoch weiterklagen. Das Center for Biological Diversity, Greenpeace und der Natural Resources Defense Council sind der Ansicht, das Eisbären nicht nur als "bedroht" sondern als "gefährdet" eingestuft werden müssen, was ihren Schutz verbessern würde.

Eisschwund am Rande der Antarktis

Vom anderen Ende der Welt berichtet die australische Zeitung The Age. Gewöhnlich gilt die Antarktis ja als wesentlich stabiler als die Arktis. Allerdings gibt es eine Ausnahme: die antarktische Halbinsel, mit der der unbewohnte Kontinent sozusagen die Hand nach Südamerika ausstreckt. Diese gehört zu den Regionen auf dem Globus, die sich in den letzten Jahrzehnten am stärksten erwärmt haben. Um 2,5 Grad Celsius kletterte im jährlichen Durchschnitt das Quecksilber seit der Mitte des letzten Jahrhunderts.

An der Antarktischen Halbinsel waren in den letzten Jahren wiederholt in spektakulärer Weise größere Teile des Schelfeises abgebrochen. Beim zum Teil mehrere hundert Meter dicken Schelfeis handelt es sich um die Fortsetzung der Gletscher in das Meer hinein. Dieses Eis schwimmt auf dem Wasser, ist aber wesentlich dicker, als das gewöhnliche Meereis, das während des Sommers weitgehend schmilzt und sich im Winter neu bildet. Das Abbrechen der Eisflächen hat in der Vergangenheit regelmäßig zu einer Beschleunigung des Eisflusses der Gletscher geführt, für die die Schelfeise, in dem sie sich am Meeresuntergrund oder an vorgelagerten Inseln verhaken, offensichtlich als eine Art Bremsen wirken.

Zuletzt waren im Februar und im Mai Teile des Wilkins-Schelfs abgebrochen, der im Westen der Halbinsel liegt. Auch den Winter über - auf der Südhalbkugel sind Juni, Juli und August die Wintermonate - bröckelte das Eis weiter, wie The Age schreibt. Nie zuvor hatte man derlei in der kalten Jahreszeit beobachtet. Ursache, so die Zeitung, sei die Erwärmung durch das Wasser an der Eisunterkannte. Dadurch schmilzt das Eis zum einen ungleichmäßig ab, wodurch sich im Eiskörper wegen differierender Auftriebskräfte Spannungen aufbauen. Außerdem erwärmt sich mit der Zeit das Eis als ganzes, wodurch seine Festigkeit abnimmt.

Veränderte Windverhältnisse weiter nördlich hätten dafür gesorgt, dass warmes Wasser stärker als bisher unter das Eis gedrückt wird, zitiert die Zeitung US-amerikanische und deutsche Wissenschaftler. Das Wasser unter dem Eis läge mehrere Grad über dem Gefrierpunkt. Außerdem konnte ausgeschlossen werden, dass Oberflächenschmelzwasser, das im Falle der anderen bisher zerbrochenen Schelfe ein Rolle spielte, einen Anteil am Aufbrechen des Wilkins-Schels hatte.

Bisher sind mindestens 1350 Quadratkilometer Eis verloren gegangen. Noch wird der Schelf durch eine schmale Eisbrücke an einer vorgelagerten Insel stabilisiert, doch Wissenschaftler erwarten, dass diese demnächst zusammenbrechen wird. Dann würden weitere 500 Quadratkilometer Eis auf den Ozean hinaus driften und der Rest des Schelfs verwundbarer. Ursprünglich hatte die Eismasse eine Fläche von 13680 Quadratkilometer, doch die Eisforscher gehen davon aus, dass davon in einigen Jahren nur noch die Hälfte über bleiben wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28873/1.html
Kommentare lesen (163 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS