US-Army will "Schmerzwaffe" kaufen

Florian Rötzer 21.10.2008

Seit Jahren ist immer wieder die Rede, dass die angeblich nichttödliche Strahlenwaffe ADS oder der kleinere "Silent Guardian" zum Einsatz kommen könnten

Seit Jahren gehen schon die Gerüchte um, dass das Active Denial System (ADS), eine Mikrowellenwaffe, die große Schmerzen zufügt, aber als nicht bzw. weniger tödliche Waffe zur Kontrolle von Menschenmengen entwickelt wurde, im Irak eingesetzt werden könnte. Das riesige und schwere System, das seit 2000 getestet und das seit Anfang der 90er Jahre entwickelt wird, wurde inzwischen vom Rüstungskonzern Raytheon auf "nur" noch ein Drittel der Größe und des Gewichts reduziert und mit dem Namen Silent Guardian versehen. Dessen "Schmerzstrahl" soll noch eine Reichweite von 250 Metern haben.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die U.S. Army will jetzt für 25 Millionen Dollar einige der auf Lastwagen montierten Systeme mit einem Gewicht von einer halben Tonne kaufen, wie Aviation Week berichtet. Ob sie eingesetzt werden, ist aber noch immer unklar. Vor zwei Jahren hieß es, dass die Mikrowellenwaffe vom Militär erst in den USA eingesetzt werde, um einen Skandal zu vermeiden, wenn es im Ausland doch zu Verletzungen kommen sollte.

Silent Guardian, die kleinere Version des ADS. Bild: Raytheon

Zwar wurden schon eine ganze Reihe von Tests an vielen Versuchspersonen mit der Strahlenwaffe durchgeführt, um deren Wirkung festzustellen, vor allem aber um nachzuprüfen, dass sie tatsächlich nichttödlich ist und keine bleibenden Schäden verursacht. Vorführungen gab es in diesem Frühjahr, auch Medien waren geladen (Video). Raytheon behauptet seit 2006, dass die Millimeterwellen des Silent Guardian eine "geprüfte Technik" seien und keine Verwundung verursachen, weil der von einer Antenne mit Lichtgeschwindigkeit gesendete Strahl mit einer Frequenz von 95 GHz und einer Maximalleistung von 100 kW nur oberflächlich bis zu einer Tiefe von 0,4 mm in die Haut eindringen soll. Es gebe eine "signifikante Schwelle" zwischen einer sicheren und einer schädlichen Aussetzung. Um letztere zu vermeiden, habe man technisch eine Sicherheitssperre eingebaut, die den Strahl unterbricht. Schon unter zwei Sekunden kann der Strahl Verbrennungen zweiten und dritten Grades bewirken.

Der Mikrowellenwellenstrahl erzeugt eine äußerst schmerzhafte Hitze, so dass die angezielte Person reflexartig versuchen wird, dem Strahl auszuweichen. Aktiviert werden durch die subtraumatische Erhitzung der Haut Wärme leitende Proteine, die wiederum Nozizeptoren stimulieren. Gezeigte habe sich, dass der Strahl der Mikrowellenwaffe auch durch Spalten in Betonmauern oder durch Windschutzscheiben reicht und Schmerzen auslöst.

Bei den Tests kam es tatsächlich nur, soweit die Ergebnisse bekannt wurden, zu wenigen, kleineren Verletzungen wie Brandblasen. In einem Fall war es zu einer Verbrennung wegen zu langer Aussetzung gekommen, was darauf schließen lassen könnte, dass nur eine kurzzeitige Aussetzung ungefährlich ist. Bei Menschenmengen oder in Situationen, in denen Menschen nicht ausweichen können, könnte das Risiko also ansteigen. Probleme könnten auch Brillen, Kontaktlinsen, metallische Objekte wie Knöpfe oder Reißverschlüsse machen, wenn sie sich zu stark erhitzen, das könnte womöglich auch durch Schweiß oder nasse Kleidung passieren. Andererseits gewährt Wasser auch einen gewissen Schutz vor den Millimeterwellen.

Active Denial System 2. Bild: Centcom.mil

Der Physiker Jürgen Altmann hat einen Bericht über einige nichttödliche Waffen vorgelegt, in dem es auch um das ADS geht. Nach Altmann wäre die Strahlenwaffe nur dann weitgehend ungefährlich, wenn technisch die Leistung und Dauer des Mikrowellenstrahls zuverlässig begrenzt und verhindert wird, dass dieselbe Person nicht gleich wieder angezielt werden kann. Schon bei weniger als 2 Sekunden Aussetzung können mit der höchsten Leistung Verbrennungen bis zu einer völligen Zerstörung der Hautzellen auftreten.

Problematisch ist auch, dass der Strahl nicht punktgenau ist, sondern einen Durchmesser von zwei Metern besitzt. Altmann geht davon aus, dass Kollateralschaden im Kampfeinsatz eigentlich kein großes Problem darstellen dürfte, da andere Waffen viel gefährlicher sind und das Fahrzeug mit dem schweren System gut angegriffen werden kann, aber dass ADS vor allem im Rahmen der inneren Sicherheit eingesetzt werden dürfte. Demonstranten könnten sich schützen, indem die sich vollständig in eine Aluminiumfolie einwickeln, die Löcher für die Augen müssten aber kleiner als Wellenlänge von 3,2 mm sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28920/1.html
Kommentare lesen (72 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS