Wer sucht, bleibt klug

15.10.2008

Googeln auf Kassenrezept? Im Internet zu suchen, trainiert alternde Gehirne anscheinend besser als die Beschäftigung mit einem Buch

Der Effekt ist bekannt, auch wenn wir ihn gern mal vergessen: Ab einem gewissen Alter verringert sich die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns. Das hat verschiedenste Gründe - selbst wenn man krankheitsbedingte Ursachen mal außer Acht lässt. Einige Bereiche atrophieren, der Glukose-Stoffwechsel verändert sich, Amyloid-Plaques und neurofibrilläre Tangles lagern sich ab. Dadurch verschlechtern sich Verarbeitungsgeschwindigkeit, Arbeitsgedächtnis und die Fähigkeit, sich gegen unerwünschte Stimuli abzuschotten. Einig sind sich die Wissenschaftler aber darüber, dass man diesen Prozess mit Training zumindest hinauszögern kann. Wie ein solches Training am besten aussieht, dazu gibt es verschiedenste empirische Untersuchungen. Es sollte eben mit Aktivität zu tun haben.

Im American Journal of Geriatric Psychiatry beschreiben US-Forscher nun eine Trainingsform, mit der Telepolis-Leser vermutlich besonders häufig in Berührung kommen: die Suche im Internet. Dazu haben die Wissenschaftler der University of California in Los Angeles Menschen fortgeschrittenen Alters mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanz-Bildgebung bei verschiedenen Tätigkeiten beobachtet.

Insgesamt 24 neurologisch unauffällige Testpersonen zwischen 55 und 76 Jahren unterzogen sich der Prozedur. Diese wurden in eine Gruppe mit viel Internet-Erfahrung (einmal oder mehrmals am Tag am Computer) und eine zweite Gruppe mit wenig Netz-Erfahrung (maximal ein bis zweimal pro Woche am Computer) aufgeteilt. In beiden Gruppen lagen Bildung und mittleres Alter auf dem selben Niveau.

Beide Gruppen bekamen zunächst den Auftrag, einen sehr buchähnlich formatierten Text auf einem Bildschirm zu lesen. Nicht ganz unerwartet wurden dabei Hirnzentren aktiviert, denen man Funktionen beim Lesen und beim Gedächtnis sowie im visuellen System zuschreibt. Dabei fanden sich zwischen den beiden Gruppen keine signifikanten Unterschiede.

Interessant wurde es allerdings, als die Versuchspersonen mit typischen Internet-Suchaufträgen betraut wurden. Sie sollten sich zum Beispiel über die Vorteile des Schokoladenkonsums informieren, über Gebirge in den USA, die Planung einer Reise auf die Galapagos-Inseln oder die bestmögliche Auswahl eines Wagens informieren.

Bei Auskennern: Mehr als doppelt so großes Gebiet im Gehirn aktiviert

Um die Internet-Erfahrung noch besser zu simulieren, mussten die Subjekte auch Knöpfe drücken, wozu sie sonst die Maus nutzen würden. Zur Motivation wurde den Testpersonen angekündigt, sie würden nach dem Versuch zu dem jeweiligen Thema ausgefragt. Tatsächlich konnten beide Gruppen die gestellten Aufgaben etwa gleich gut lösen, es lag also offenbar kein Niveauunterschied in Sachen Intelligenz vor.

In der Gruppe ohne Internet-Erfahrung wurden während des Prozesses zunächst dieselben Hirnzentren aktiviert wie beim Lesen. Offenbar ist dies für Neulinge der am nächsten liegende Modus. Die Senioren, die sich mit dem Netz bereits auskannten, nutzten bei der Internetsuche hingegen zusätzliche Areale, die dem Fällen von Entscheidungen und dem Abwägen zugeordnet werden. Die Internetsuche aktivierte bei den Auskennern im Vergleich zu den Einsteigern ein mehr als doppelt so großes Gebiet im Gehirn.

Das Ergebnis ist auch deshalb interessant, so die Forscher, weil verstärkte Computernutzung nicht automatisch zu höherer Gehirnaktivität führt. Täglich mehrere Monate lang Tetris zu spielen, so eine Studie, verringerte zum Beispiel die Aktivierung der Hirnrinde. Vor allem sich wiederholenden Aufgaben sagt man eine Art Gewöhnungseffekt nach - unser Gehirn beherrscht sie irgendwann mit immer geringerem Aufwand. Wenn es aber um einen Trainingseffekt geht, ist diese Gewöhnung kontraproduktiv. Die Suche im Internet mit ihren immer wieder überraschenden Ergebnissen, die auch das Entscheidungszentrum fordern, scheint da eine stärkere Herausforderung darzustellen.

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