Ein Verfassungsschutzagent als Drogenverkäufer

20.10.2008

Interview mit Bommi Baumann über verfehlte Betäubungsmittelpolitik, Terrorismus, eine Falle für Amerika und den Einsatz in Afghanistan

Michael "Bommi" Baumann blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Er war Mitbegründer der Bewegung 2. Juniund wurde polizeilich gesucht, worauf er u.a. nach Afghanistan und Indien flüchtete. In diesen Jahren schrieb er seine Autobiographie "Wie alles anfing", deren Verbot eine aufsehenerregende Solidaritätsaktion von Schriftstellern und Verlegern in ganz Europa zur Folge hatte. Er wurde 1981 in London verhaftet und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Seitdem sind von ihm weitere autobiographische Schriften erschienen.

Herr Baumann - in ihrem neuesten Buch Rausch und Terror stellen Sie die These auf, dass die bisherige rigide Drogenpolitik genau jene Kräfte stützt, welche die Bundesregierung mit immer schärferen Sicherheitsgesetzen habhaft werden will, weil diese sich über den illegalen Verkauf von Drogen finanzieren.

Bommi Baumann: Sehen sie sich die Situation in Neapel an. Der Film Gomorrha erzählt alles darüber. Es dürfte bekannt sein, dass diese Gruppen, die bis in die 70er Jahre nur Glückspiel und Korruption am Bau und dergleichen betrieben haben, mit dem Handel von Drogen so mächtig geworden sind, dass man mittlerweile schon Militär braucht, um der Lage Herr zu werden. Hier wurden im Laufe der Jahrzehnte Hunderte von Millionen Dollar akquiriert und eine Anhängerschaft von 50.000 Camorristen geschaffen, die ganze Industriezweige übernehmen, Geldströme lenken und mit dem Geld Politiker kaufen können et cetera.

Milton Friedman war für die Freigabe von Drogen

Die Macht dieser Leute und anderer Verbrecherorganisationen wächst doch täglich, denn wer Geld hat, der bestimmt den Takt. Wenn wir rein die ökonomische Logik betrachten, kann man dagegen gar nicht ankämpfen. Alle bisherigen Gesetze haben nicht gegriffen und wir sind jetzt in einer Situation wie zu Zeiten der Prohibition in Amerika in den Dreißiger Jahren. Die Mafia ist doch durch das Alkoholverbot erst mächtig geworden.

Es gibt ein Interview mit Milton Friedmann, der sich dafür eingesetzt hat, dass sämtliche Drogen freigegeben werden. Dabei sagt er, er glaube nicht an Verschwörung - aber wenn er sich Nixon ansieht, der den Krieg gegen die Drogen eingeläutet hat, dann beginne er, doch an so etwas zu glauben. Nixon war Anwalt und seine Kanzlei hatte als Mandanten Meyer Lansky. Ein Führer des organisierten Verbrechens in Amerika war also sein Mandant - und gleichzeitig rief er den Kampf gegen die Drogen aus.

Friedmann kam aber auch zu dem Schluss, dass nicht absehbar sei, was mit der Weltwirtschaft passieren würde, wenn man den Markt sofort schließen würde. Die Drogenbosse machen insgesamt zwischen 300 und 600 Milliarden Dollar im Jahr an Umsatz. Dieses Geld geistert entweder illegal durch die Welt oder wird durch Geldwaschanlagen in andere Wirtschaftszweige gepumpt. Diese Gesamtsumme wäre also ein Problem, wenn sie schlagartig dem Markt entzogen würde – aber dieses Monster ist erst mit der Anti-Drogenpolitik geschaffen worden.

Sie haben in ihrem Buch geschrieben, dass sich nicht nur Banden wie die Camorra, sondern auch die Taliban durch Drogengelder finanzieren und also von der Illegalität der Drogen profitieren...

Bommi Baumann: Ja. Die Taliban nehmen Steuern in den Gebieten, wo sie sich wieder festgesetzt haben. Überall verlangen sie zehn Prozent - also von den Bauern, die Schlafmohn anbauen, von jenen, welche die Drogen transportieren und von denen, die das Heroin herstellen und verkaufen. D.h. die Taliban haben damit pro Jahr etwa 100 Millionen Euro Einnahmen.

"Die Taliban haben billige Hilfskräfte"

Weil es dieses Geschäft gibt, machen sie jetzt Geld. Und so wächst auch ihre Macht, denn mit 100 Millionen Euro lassen sich mehr Waffen kaufen, mehr Leute bezahlen et cetera. In der Tat ist also mit dem Verbot von Drogen den Taliban eine nicht unbeträchtliche Kriegskasse in die Hand geben worden.

Sie schreiben auch, dass die Taliban in Afghanistan junge Junkies, so genannte Ten-Dollar-Taliban einsetzen.

Bommi Baumann: Afghanistan hat bei einer Gesamtbevölkerung von 30 Millionen eine Millionen Junkies, das ist ein neues Phänomen. Die Taliban nehmen diese Junkies quasi als Soldaten und benutzen sie für militärische Unternehmungen. Sie gehen in die Dörfer, die so arm sind, dass es dort nicht einmal Beschaffungskriminalität gibt und geben den Leuten, die auf turkey sind, 10 Dollar, wenn sie ein Kalaschnikowmagazin gegen die NATO-Truppen abfeuern. So verdienen sich die Junkies für eine Woche ihr Heroin. Die Taliban haben also immer billige Hilfskräfte vor Ort, denen vollkommen egal ist, was sie machen, solange sie nur an Drogen kommen.

Sie erwähnen auch, dass die Mudschaheddin die Sowjetunion nicht nur mit amerikanischen Waffen, sondern auch durch Drogen besiegt haben...

Bommi Baumann: Das Drogenproblem in Russland ist aus Afghanistan gekommen. Ich war in der Sowjetunion in den 70er Jahren - und da war Russland eine ziemlich abgeschlossene Gesellschaft. Der Afghanistan-Krieg hat hier für die Drogen die Tür geöffnet, so ähnlich wie im Vietnam-Krieg bei den Amerikanern. Deshalb wäre es auch interessant, etwas über die Drogen-Situation der NATO-Truppen in Afghanistan zu erfahren.

Über den Afghanistan-Konflikt erfährt man in der deutschen Presse ohnehin kaum etwas. Außer wenn ein deutscher Soldat stirbt, dann gibt es für ein paar Tage Berichte und dann verschwinden sie wieder. In England hingegen, wenn Sie sich die BBC und den Guardian ansehen, existiert hierzu eine riesige Diskussion.

Sie haben ja noch den Vietnam-Krieg mitbekommen. War damals die Berichterstattung in Deutschland besser als heutzutage?

Bommi Baumann: Überhaupt nicht (lacht). In Berlin konnte man sich aber über einen Abgleich mit dem DDR-Fernsehen ein differenziertes Bild machen. In dieser Beziehung war der Kalte Krieg hilfreich. Überdies hatten wir damals Kontakt zu jungen GIs. Diese waren auch mit den "Jubelpersern", die beim Schah-Besuch Knüppelorgien veranstaltet haben (und von denen ein Teil in Berlin geblieben ist, wovon wiederum dann viele in die Disco-Szene eingestiegen sind), die ersten, die in Berlin mit Heroin gehandelt haben. Vorher gab es nur LSD und Opium. Heroin kam von diesen beiden Gruppen.

Ich bin mir sicher, dass der Verfassungsschutz davon wusste. Schließlich war es auch der Verfassungsschutz-Agent Peter Urbach, der an uns Drogen verkaufte. Auch den Black Panthers in den USA wurden Drogen zugänglich gemacht. Und 1977/78 konnte ich in Rom (wo es früher so gut wie nie Heroin gab) beobachten, dass der Stoff urplötzlich erhältlich war. Je häufiger und heftiger die politischen Krawalle waren, desto mehr Heroin gab es. Ähnlich war es auch Jahre zuvor in Berlin. Wenn ich mir diese Entwicklung über vierzig Jahre hinweg ansehe, komme ich schon zu dem Schluss, dass all dies ohne zumindest ein gewolltes Wegschauen der Behörden nicht möglich gewesen wäre.

Kann man ihrer Einschätzung nach ohne zusätzliches Wissen über die Rolle der Geheimdienste die geschichtlichen Geschehnisse der letzten vierzig Jahre überhaupt richtig einordnen?

Bommi Baumann: Nein. Ohne Einsicht in die Akten der Geheimdienste ist dies nicht möglich.

Nach Afghanistan, schreiben Sie, wurden die Russen von den Amerikanern mit Absicht gelockt um ihnen ein sowjetisches Vietnam zu bescheren. Warum aber ließen sich die USA dann später selbst dazu verleiten, in Afghanistan zu intervenieren - wo sie doch über die Probleme, die sie dort erwarteten, Bescheid wissen hätten müssen?

Bommi Baumann: Der 11. September ist ein Einladung Bin Ladens und der Islamisten an die USA gewesen: "Besucht uns doch mal in Afghanistan." Und die Amerikaner sind so irre und tappen selbst in diese Falle. Wenn ich mich selbst Dschihadist, also heiliger Krieger nenne, dann brauche ich eines, nämlich Krieg - sonst ist das Ganze nicht durchführbar.

Die Sache ist doch die: Da kommen vier Flugzeuge, durchbrechen den Abwehrschirm und suchen sich als Ziel Bürohäuser aus! Wenn man damals wirklich darauf aus gewesen wäre, Amerika zu zerstören oder möglichst viele Tote zu produzieren, dann hätte man sich doch Atomkraftwerke ausgesucht. Das wäre ein Schaden gewesen, der nicht abschätzbar ist. Laut offiziellen Darstellungen sind allein in Tschernobyl 35.000 Leute umgekommen und man weiß nicht, wie hoch die Dunkelziffer ist. Das war ein dünn besiedeltes Gebiet.

Und jetzt stellen Sie sich die dicht besiedelte Ostküste Amerikas vor, wo diese Dinger quasi am Rande der Stadt vor sich hintuckern - also in einem Einzugsgebiet, wo Millionen von Menschen wohnen. Jedes Kraftwerk hätte wahrscheinlich hunderttausend Tote gekostet, es hätte verstrahlte Metropolen gegeben, die man hätte räumen müssen. Das Stromnetz wäre zusammengebrochen. Es hätte eine Massenpanik gegeben. Die Terroristen hätten also im Grunde die größte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit anrichten können. Nur wäre die Antwort gewesen: Atombomben auf die al-Qaida-Lager - und damit wären die Taliban ausgeschaltet gewesen.

"Amerika hat eine Kriegsökonomie"

Aber mit den Angriffen auf die Twin Towers und das Pentagon wurde gewissermaßen nur eine Visitenkarte in Richtung Afghanistan abgegeben und Amerika gezwungen, gegen al Qaida vor Ort vorzugehen. Dazu kommt: So ein Einsatz verschlingt Unsummen an Geld. Amerika hat eine Kriegsökonomie. Die Amerikaner mussten ihre Finanzmärkte aufblähen, um ihre gigantischen Schulden überhaupt noch abdecken zu können, die sie durch Rüstungsinvestitionen herbeigeführt haben.

Nixon hat bereits am Ende des Vietnamkrieges das Bretton-Woods-Abkommen aufgekündigt. Er hat diese Blase in Kauf genommen, um die Schulden, die Amerika am Ende des Vietnamkrieges hatte, irgendwie in den Griff zu bekommen. Und jetzt, nachdem sich die Regierung Bush 30 Jahre später noch einmal gigantisch verschuldet hat, bekommen sie diese vielleicht überhaupt nicht mehr in den Griff.

Aber hätten die Amerikaner für einen "War on Terror" nicht eher Saudi-Arabien oder Pakistan bombardieren und dort einmarschieren müssen?

Bommi Baumann: Sie hätten in der Tat schon damals in Pakistan, in die tribal areas, mit einmarschieren müssen. Das war ihr großer Fehler. Sie hätten einen anderen Krieg führen und punktuell, nach und nach die al-Qaida-Lager ausschalten müssen. Es ist doch unfassbar, dass ein gigantomanischer Apparat wie das Pentagon und die amerikanischen Geheimdienste nie in der Lage waren, Herrn Bin Laden auszuschalten! Da weiß man wirklich nicht mehr ob die total gaga sind oder ob ein Kalkül dahinter steckt.

Bin Ladens Leute hatten es ja schon einmal beim World Trade Center versucht, ein paar Jahre vorher mit einer Autobombe in der Garage. So neu war das Problem also nicht. Die Tatsache, dass man nicht wusste, dass so was passieren kann, ist also auch noch gelogen.

Es gab auch Versuche, die Machthaber in arabischen Staaten zu stürzen und diese zu übernehmen, die aber nicht funktionierten. Z.B. wurde Sadat ermordet. Salim Ahmad Hamdan, der zweite Mann von al-Qaida, war damals schon mit beteiligt.

"Von einem Extrem ins andere"

Diese Leute sind ja nicht vom Himmel gefallen, die gibt es seit Jahrzehnten. Nur hat man sie nicht zur Kenntnis genommen, weil sich niemand um die Entwicklung in der moslemischen Welt gekümmert hat. Jetzt haben wir eine Überreaktion, die Verteufelung aller Muslime und Afghanen. Es geht von einem Extrem ins andere.

Und sie meinen, ein Ansatz, diese verwickelte Situation zu lösen, wäre es, die Drogen freizugeben?

Bommi Baumann: Damit entzieht man den Terroristen die Geldquellen. Außerdem muss man doch sehen, dass hierzulande die Drogenpolitik gescheitert ist: Hier sterben pro Jahr rund 1500 Leute an Drogen. Wie viele Jahre wollen wir diese erfolgreiche Drogenpolitik noch fortsetzen? 1967 gab es in England 1054 registrierte Junkies. Heute sind es an die 300.000, wo ist da noch irgendein Erfolg?

Wie sehen Sie die Zukunft? Was passiert, wenn es so weiter geht, wie bisher?

Bommi Baumann: Wenn es so weiter geht haben wir die Hölle auf Erden. Dann gibt es ewigen Krieg gegen die moslemische Welt: Abendland versus Morgenland, neue Kreuzzüge et cetera. Die Welt hat doch andere Probleme als diesen Quatsch. Die Ressourcen wären besser genutzt, wenn man sie zur Lösung der Probleme anwenden würde, die man sich z.B. durch Klimaerwärmung und Sozialverfall schafft. Die Menschheit kann sich so einen Krieg nicht leisten. Wir haben größere Probleme als ein paar durchgeknallte Islamisten.

Und warum sind die überhaupt durchgeknallt? Die Frage ist doch eher warum und nicht wer. Nur ganz kurz wurde nach den 11. September die Frage gestellt, warum die Terroristen das machen. Danach kam nur noch die Frage nach dem wer. Wenn man aber nach dem warum fragt, dann ist die Lösung eine andere, als wenn man nach dem wer fragt. Dann kommt man zu anderen Lösungsansätzen als den rein militärischen, polizeilichen und sicherheitspolitischen Überlegungen.

Baumann, Bommi: Rausch und Terror. Ein politischer Erlebnisbericht. Berlin: Rotbuch 2008. ISBN: 3867890366

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