Die Terroristen und die Kinderpornografie

18.10.2008

Wieder einmal zirkuliert in den Medien die Behauptung, dass islamistische Terroristen geheime Botschaften in Bildern durch Steganografie verschlüsseln

Angeblich sollen wieder einmal islamistische Terrorverdächtige Bilder benutzen, um heimlich verschlüsselte Botschaften auszutauschen. Sie verwenden dazu kinderpornografische Bilder, heißt es,l und benutzen Steganografie, um geheime Mitteilungen zu machen und dem wachen Auge der Sicherheitskräfte, die dafür nicht ausgerüstet sind, zu entgehen. Die britische Times will erfahren haben, dass britische Geheimdienste und Scotland Yard bei Razzien in Großbritannien auf eine "Verbindung zwischen Terrorplänen und Hardcore-Kinderpornografie" gestoßen seien. Dabei habe es sich um einige der vermutlich am weitesten fortgeschrittenen Pläne gehandelt, wird noch verstärkend hinzugefügt. Auch in Italien und Spanien habe man bei Terrorverdächtigen Kinderpornografie gefunden, in Italien schon 2001. Terroristen codieren Botschaften in die Bilder, so die Times, und beuten pädophile Webseiten als sichere Möglichkeiten aus, Informationen auszutauschen.

Nach dem Hinweis auf die angebliche Verwendung von Kinderpornografie als Kommunikationsmittel für islamistische Terroristen wird dann aber gesagt, dass Geheimdienste und Polizei eigentlich gar nicht wissen, ob die Verdächtigen nur aus sexuellem Interesse heraus die Bilder gesammelt oder ob sie diese wirklich auch als Kommunikationsmittel verwendet hatten. In einem Fall habe man 12, in einem anderen 40.000 Bilder gefunden.

Ein Geheimdienstmitarbeiter, von dem vermutlich die Times die Informationen hatte, hob auf den Widerspruch zwischen dem religiösen Fundamentalismus und der Verwendung von Kinderpornografie hin. Das zeige, wie verwirrt die Menschen seien: "Hier hassen sie die westliche Dekadenz, aber sie benutzen sie in Wirklichkeit und entdecken, dass sie daran Gefallen finden."

Die Times zitiert schließlich Politiker, die darauf drängen, dass dieser Verbindung nachgegangen werden müsse. Deutsche Medien wie die Welt Online wiederholen bzw. übersetzen den Times-Artikel völlig undistanziert und unkritisch. Schon die Vorstellung, dass Terroristen oder wer auch immer etwas heimlich über das Internet verabreden will ausgerechnet zu Kinderpornografie und pädophilen Webseiten greifen würden, die unter besonders scharfer Überwachung stehen, mutet grotesk an. Viel geeigneter wären doch unauffällige Bilder von Familienfesten, Freunden, Landschaften, Blumen oder was auch immer, die sich auf massenhaft besuchten Diensten wie Flickr ganz unauffällig einfügen ließen.

Zudem sollte misstrauisch machen, dass schon vor den Anschlägen vom 11.9. die von US-Geheimdiensten an Medien weiter gegebene Warnung für wohl erwünschtes Aufsehen sorgte, dass al-Qaida in pornografischen Bildern mittels Steganografie Botschaften verschlüsselt und so der Beobachtung der Geheimdienste entziehen will (Der Bankier des Terrors im Dickicht des Netzes). Anfang 2001 genügte noch die Verbindung zur Pornografie, jetzt muss man sich auch hier steigern und greift zur Kinderpornografie. Auffällig war allerdings bereits damals, dass zwar Gerüchte zirkulierten, aber kein einziger Beweis vorgelegt wurde, dass tatsächlich von Terroristen Steganografie benutzt wurde.

Nach den Anschlägen vom 11.9. wurde die Möglichkeit, Botschaften etwa an Schläfer in Bildern zu verschlüsseln, wieder interessant – nicht für Geheimdienste, Politiker, Medien und Sicherheitsexperten für das Internet. Duncan Campbell ist damals den Hinweisen nachgegangen und hat nur heiße Luft gefunden (Benutzen Terroristen versteckte Botschaften?). "Der seltsamste Aspekt an dieser ganzen Obsession mit geheimen Botschaften ist allerdings", so schrieb er Ende Oktober in Telepolis, "dass bin Ladins zentrale Botschaft absolut nichts Geheimes an sich hat. In Stellungnahmen und auf Video rief er seine Anhänger wiederholtermaßen dazu auf: "Tötet Amerikaner!". Diese Botschaft ist ganz und gar nicht kodiert. Was soll daran verborgen sein?" Im September 2001 hatten bereits Wissenschaftler versucht, versteckte Botschaften in Bildern zu finden, die im Internet zirkulieren – auch ohne Ergebnis.

Später hieß es, dass Terroristen Bilder mit verschlüsselten Botschaften etwa auf eBay platzieren würden (Die al-Qaida-Terroristen und die Steganografie). Bis nun neuerdings nicht mehr pornografische Bilder, sondern Kinderpornografie als Vehikel für geheime Terrorbotschaften aufgedeckt wurden, galten Second Life oder Online-Spiele eher als verdächtig, als Plattformen für Terrorkommunikation dienen zu können – auch hier gab es nur Spekulationen, aber keinen Nachweis. Man darf vermuten, dass derartige Gerüchte über die Medien gezielt verbreitet werden, um den Sicherheitskräften weitere Überwachungskompetenzen zu erschließen. Möglicherweise ist aber Steganografie besonders dafür geeignet, da hier die Botschaften angeblich so gut in den Bildern versteckt werden können, dass sie praktisch unauffindbar sind. Wer wollte also ausschließen können, dass es sie nicht doch gibt? Das erinnert an spitzfindigen Erörterungen des ehemaligen US-Verteidigungsministers vor dem Irak-Krieg, warum Hussein doch Massenvernichtungswaffen hat, obgleich sie von den Inspektoren nicht gefunden wurden. Sie waren einfach so gut versteckt, dass sie auch nach der Invasion nicht gefunden werden konnten.

Dass Terrorverdächtige auch sexuelle Leidenschaften haben und selbst Islamisten sich – was anderen religiösen Menschen und auch Geistlichen nicht fremd sein dürfte - im Geheimen Lüsten hingeben oder sich von ihnen versuchen lassen, ist eigentlich nicht verwunderlich. Und auch nicht für islamistische Terroristen spezifisch, schließlich verweist auch die Times in dem Artikel darauf, dass gerade bei einem Rechtsextremisten Zehntausende von kinderpornografischen Bildern gefunden wurden. Daraus aber zu schließen, dass der Besitz solcher Bilder direkt dem Terror dient, ist doch verwegen. Man stellt sich offenbar vor, dass die abartigen Terroristen auch sexuell pervers sein müssen oder dass Terrorismus und Kinderpornografie dasselbe seien. Das mag möglicherweise mehr Einblicke in die Köpfe mancher Geheimdienstmitarbeiter und Terrorismusexperten bieten als in die der Terroristen.

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