Nach der Langeweile

Dietmar Dath und sein Mysterienspiel vom Krieg zwischen Tieren und Menschen

Science Fiction ist das Genre, das Verkürzungen am schlechtesten von allen verträgt: ohne den welterzeugenden Atem der Erzählung und ohne die Details tritt das Lächerliche, Gewollte an dem zutage, was für das Fremde der Zukunft einstehen soll. Im Folgenden dennoch der Versuch einer Annäherung an "Die Abschaffung der Arten".

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Wenn man ihm übel wollte, könnte man sagen, dass Dietmar Dath eine Sache mit Wolfgang Clement gemein hat, dem ehemaligen Superminister und Fachmann für alles: die Vielzahl der Felder, auf denen er sich zuhause fühlt. Er war schon Chefredakteur der Spex, und Redakteur der FAZ, er war Romanautor, Journalist und Musikkritiker - und vielleicht würde er sogar als Politiker noch eine gute Figur machen, einfach der eigenen anarchischen Konstitution zum Trotz und im Dienst an der ständigen Selbstneuerfindung, die andere proklamieren, und die er lebt.

Aber ich will ihm nicht übel, und bleibe statt dessen lieber bei dem Schrecken im positiven Sinn, mit dem er mich manchmal erfüllt: Wie schafft er das alles nur, wo sein Schädel doch bis zum Bersten angefüllt sein muss mit dem, was er weiß, gelesen hat, will und kann? Ob er über Hilda Doolittle schreibt (in der FAZ) oder über Lenin (auch in der FAZ): man kann sich auf einen scharfen Ritt gefasst machen, bei dem man nicht immer weiß, ob alle Hindernisse sauber genommen werden, aber Langeweile, so viel steht fest, kommt keine auf.

Dietmar Dath bietet vor allem in politischer Hinsicht aktuell ein interessantes Bild zwischen Ungeduld und Abgeklärtheit, das eine Hinwendung zu Lenin, dem Architekten der Revolution, seltsam folgerichtig erscheinen lässt: Architekten haben mit der Statik des Errichtens zu tun, Revolutionäre mit dem Abriss des Alten, und dass Lenin seiner Ansicht nach beides unter einen Hut zu bringen wusste, muss Dath bei wachsender Ungeduld und gleichzeitig wachsender Abgeklärtheit faszinieren. So kommt es, dass er Lenin nicht nur gegen den allfälligen Vorwurf der Rücksichtslosigkeit verteidigt, sondern auch gegen den, nicht rücksichtslos genug gewesen zu sein:

Wenn eine feministische Organisation ein Machtmandat erhält, wie soll sie dann mit einer 'linken Opposition' verfahren, die das Recht auf Schwangerschaftsabbruch zum lebenslangen Zugriff der Mutter auf ihre Kinder ausdehnen und so das Matriarchat wiedererrichten will? In exakt dem Sinne, in dem die Forderung "Mama darf ihre Kleinen straflos totschlagen" feministisch ist, waren die Forderungen der Sozialrevolutionäre sozialrevolutionär: Abschaffung des stehenden Heeres (in Bürgerkriegszeiten!), verwaltungstechnischer Vorrang der Dorfkommunen (in schweren Mangelzeiten!), sofortige Sozialisierung des Bodens und ähnlich Tollkühnes.

Dath ist konsequent genug, es nicht bei einem Rehabilitationsversuch eines Revolutionärs zu belassen: In seiner Schrift "Maschinenwinter - Wissen, Technik, Sozialismus" denkt er über das Funktionieren einer modernen Planwirtschaft nach, die sich im Unterschied zu der Lenins auf Computertechnologie verlassen könnte. Solche Überlegungen machen Daths Aussagen zum "futuristischen Kommunismus" verständlich:

Die Lösung eines Gegenwartsproblems liegt immer in der Zukunft, das Adjektiv "futuristisch" soll diesen Umstand als Träumerei anschwärzen. Der Kommunismus wird durchgesetzt oder nicht.

Jedenfalls viel verständlicher als der Kontext, in dem sie gefallen sind, ein Interview mit Ulf Poschardt nämlich, das sehr lustig ist, weil der Interviewer glaubt, von oben herab auf den Interviewten schauen zu können, und dabei nur dessen Füße sieht. Ungeduld und Abgeklärtheit also, und dazwischen all das andere. Poschardt zählt es auf: "Heavy Metal, [...] Zombie- und Pornofilme, Naturwissenschaften, Science-Fiction und Drogen." Und Hilda Doolittle, von Ezra Pound ganz zu schweigen.

"War" Romanautor? Es scheint, als hätte Dath gerade hier einen Zahn zugelegt. Vier Romane in den letzten drei Jahren - davon einer unter Pseudonym - neben Maschinenwinter und all dem anderen, was so anliegt, Artikel, Lesungen, Interviews und der ganze Kram. Jetzt also "Die Abschaffung der Arten", ein, nun ja, Science Fiction-, besser vielleicht ein phantastischer Roman, der den Unvorsichtigen schnell sprachlos machen, ihm regelrecht die Sprache verschlagen kann.

Einige hundert Jahre in der Zukunft haben die Menschen nicht mehr viel zu melden, nur ein Restbestand lebt noch, kontrolliert und bisweilen handfest ausgebeutet von einer Art Hypertieren, den "Gente", die die Menschen einst in einem Krieg apokalyptischen Ausmaßes besiegt haben. Diese Gente, die in der Regel zwar noch die Gestalt einer erkennbaren Tierart aufweisen (wenn sie auch ihr Äußeres leicht verändern können) sind den Menschen in jeder Hinsicht überlegen - sie haben die besseren Hirne, die besseren Körper, die bessere Technik, die besseren Seelen.

Sascha Kösch schreibt in der De:Bug: "Ein Buch für Menschen, denen die Evolution immer schon ein wenig zu retrospektiv war [...]."

Stimmt, aber mehr noch ein Buch über die Evolution als Revolution. Es ist die alte SciFi-Schiene: Ein von den Menschen initiierte Entwicklung ist ihnen über den Kopf gewachsen und hat sie hinweggefegt. Diese Revolution ist aber nicht, wie man vielleicht meinen könnte, nur ein Bild für die kommunistische, die Dath herbeisehnt, sondern eher das misanthrope Gegenstück: Da die Revolution von den Menschen verpasst wird, müssen die Tiere eine machen. In dieser Hinsicht stellt "Die Abschaffung der Arten" eine Bestrafungsphantasie dar. Misanthropie? Doch, doch:

Menschen, Menschen… es gibt doch längst viel zu viele Menschen, irgendwann soll man’s auch mal gut sein lassen. Nicht nur in der Literatur. Überbevölkerung hin oder her, wie auch immer die Zahlen nun genau aussehen mögen, eins steht fest: Wenn es jeweils auch nur einen Einzigen von der Sorte George W. Bush, Robert Mugabe, Pol Pot oder Ahmadinejad gibt, dann gibt es bereits einen zuviel.

Das wäre natürlich alles unerträglich, wenn uns Dath hier eine plump zur Utopie aufgedonnerte, vielleicht gar noch disneykompatible Tier-Langfabel andienen würde. Aber nein. Der Weltenherrscher ist ein Hyperlöwe namens Cyrus (der Rest des oft und gern voll ausgeschriebenen Namens sei dem Leser erspart); weil er ein vernünftiger Diktator ist, gehorchen ihm die Gente grundsätzlich so gern, dass Gehorsam eigentlich kein Thema wäre - wäre sein Glanz nicht stumpf geworden und gäbe es da nicht doch die üblichen Konflikte, die einem auch im Reich der klugen und schönen Tiere den ganzen Tag versauen können. Einerseits reißen im Machtbereich des Löwen die alten Unsitten aus der "Langeweile" ein (so heißt die Ära der Menschen bei den Gente): Politik, Wirtschaft und all die Übel, die ihnen auf dem Fuß folgen. Zudem sind die Reste der Menschheit zwar gedemütigt, aber immer noch nicht völlig besiegt, wie der Löwe und seine geheimen Räte und Rätinnen sehr wohl wissen. Und in dem, was einmal Südamerika war, bereiten sich zwei neuvereinigte Hypermaschinenintelligenzen auf einen Eroberungsfeldzug der bitteren Sorte vor, teils unter Benutzung von wiedergeschaffenen, neudesignten Menschenfrauen, die sie für ihre Zwecke instrumentalisieren wollen.

"Weit hergeholt" ist gar kein Begriff für diese Story. So weit hergeholt ist das alles, dass es gar nicht weiter auffällt, wie die Gente miteinander kommunizieren (über Pheromone, denen Quantenunmittelbarkeit beigebracht worden ist), wie sie ihre Gestalt verändern (das Tragen und Nutzen von Menschenhänden kommt zeitweise schwer in Mode), wie sie Politik machen und intrigieren (von den Gente könnte so mancher Bundesvorstand noch ein paar Tricks lernen).

Man muss sich den Text jetzt nicht wie ein normales plotgesteuertes Adventure vorstellen, das ein paar bizarre Figuren auf dem Schachbrett herumschiebt. Dath nimmt seine weit hergeholte Welt schon ernst genug, um sich von ihren Prämissen auch stilistisch leiten zu lassen, und ihre Möglichkeiten ausreizen zu wollen. Die neuen Arten der Kommunikation, das extrem langzeitige Denken extrem langlebiger Hypertiere, der allgemeine Wille zur Fremdartigkeit fördern sprachliche und strukturelle Anpassungen, die weit über das hinausgehen, was in der phantastischen Literatur handelsüblich ist.

Um das Vorauswissen und den überabgeklärten Zynismus von Wesen zu simulieren, die auch dem Autor haushoch überlegen sein müssen, nimmt er zu einer Art hochpoetischem Geschnodder Zuflucht, das meistens erstaunlich gut funktioniert. Auch die Andersartigkeit der Weltsicht, die uns bei den Gente begegnet, wird so gut wie nicht erklärt, sondern rein von der benutzten Sprache transportiert, von kleinen wie großen Verschiebungen, wie zum Beispiel einer kühnen Benennungspraxis (die "Langeweile", die "Dachsenwacht", die "Keramikaner") und schönen Kalauern: "Aber erstens kommt es anders und zweitens Entropie."

Da der Text voll ist von Geistesblitzen, funkt es manchmal blendend hell, und man kann nicht umhin, sich zu fragen, ob da nicht auch Blendwerk dabei ist. Schwach wird Daths Sprache immer da, wo sein Eifer mit ihm durchgeht. Dann dreht sie leicht ins Überkandidelte, ins unkontrolliert Überschäumende, dann fehlt Dath das Quentchen Disziplin, das den Suspense of Disbelief aufrechterhalten und die Erzählung zum Zweck der besseren Unterhaltung präziser ablaufen lassen würde.

Überflüssig sind auch Tricks wie der Versuch, der amerikanischen Science-Fiction-Autorin Sheri S. Tepper und ihrem Roman "Grass" ein Denkmal errichten zu wollen, indem eine bestimmte Landschaft "Teppermeer" genannt wird; auch die Erwähnung des iPhones in einem Text, der so weit und so beherzt in die Zukunft ausgreift, wirkt als Rückverkettung zur gegenwärtigen Realität eher albern. Aber das sind Kleinigkeiten im Vergleich zur Kühnheit und Radikalität des Entwurfs, die man vor allem im Zusammenhang mit phantastischer Literatur nicht genug loben kann.

Mir fallen als Referenzpunkte nur zwei Texte ein: "Im Reich ohne Sinne" von Kathy Acker und andererseits "Der Schaum der Tage" von Boris Vian, ein Fest des Surrealismus, der gar nicht so viele Feste dieser Klasse gefeiert hat. Wer wissen will, wie phantastische Literatur in Deutschland aussehen könnte, wenn sie ihre intellektuellen Scheuklappen und das ständige Schielen nach den Zielgruppen überwinden könnte, der lese "Die Abschaffung der Arten".

Dath, Dietmar: Die Abschaffung der Arten. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008. ISBN-10: 3518420216

http://www.heise.de/tp/artikel/28/28957/1.html
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