Gier: die Wurzel allen Übels?

02.11.2008

Kommerzielle Publizistik bedient die gesellschaftlichen Moralvorstellungen

Zumindest vor 300 Jahren war das so. Aber es gibt mehr Parallelen zwischen der großen Finanzkrise zu Beginn des 30jährigen Kriegs und der aktuellen, als uns lieb ist.

"Diese Krise ist die direkte Folge der Gier und der Skrupellosigkeit der Banker und Fondsmanager" heißt es auf einem frühneuzeitlichen Flugblatt, das die Inflation zu Beginn des 30-jährigen Kriegs geißelt. Nein - das war ja die Homepage von attac im Jahr 2008. Anno 1623 hieß es:

Umbs Gelt durch viel unnütze Thand /
Werden betrogen Leut und Land: (...)
Die Kipper und Auffwechsler fein /
Ihr Orden ist groß und gemein: (...)
Fraw Avaritia mit Macht /
Hat sie bald in ihr Netz gebracht.

Dass Gier und Geiz die Wurzel allen Übels sei, darin bestätigen dieser Tage Medien vom "Handelsblatt" bis zur "Zeit" ihre Leser. Der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich kritisiert angesichts der Finanzkrise die "Gier nach immer mehr Geld" in der Bevölkerung: "Die extrem hohen Gehälter der Finanzjongleure wurden zu Recht angeprangert". Das hätte Luther nicht schöner sagen können. Der Landesbischof warnt: "Aber ich denke, wir dürfen nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen, sondern müssen uns auch an die eigene Nase fassen, wenn wir unseren Spargroschen in Anlagen investiert haben, die wesentlich mehr Rendite versprechen, als mit eigener Hände Arbeit zu verdienen ist."

Der jüdische Kipper und Auswechsler

Mit eigener Hände Arbeit. Nur den gerechten Preis verlangen – mit diesen Kategorien protestantischer Ethik kämpfte schon Luther gegen Obrigkeit und Kirche. In den Finanzkrisen der vergangenen dreihundert Jahre erlebte sie regelmäßig ihr Comeback, die biblische Metapher von der Gier als Wurzel allen Übels, lat. avaritia radix omnium malorum, aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an Timotheus. Das Publikum, an der Inflation leidend, nickt zustimmend. Erklärt wird dadurch nichts.

Finanzkrisen folgen einem Drehbuch

Die große Inflation zu Beginn des 30jährigen Kriegs, genannt Kipper- und Wipper-Zeit, erlebten die Menschen als "Münzverschlechterung": Plötzlich stimmten der Nennwert der Münzen und der Edelmetallgehalt nicht mehr überein. Wer war schuld? Die damalige Publizistik war sich einig: die "Kipper und Wipper", die eigennützig das gute Geld herausklaubten und einschmolzen. Das Silber behielten sie, in Umlauf gelangte immer mehr "schlechtes Geld" aus billigem Kupfer. In einem Fall stürmte der Mob die Münze und lynchte den Münzmeister. Was in der Gegenwart manche Leute gern mit ihrem Bankberater machen würden – wie überhaupt die Banker und Börsenmakler die bösen Buben der gegenwärtigen Finanzkrise sind.

Tantali Fames

Wer waren damals die Publizisten? Die Einblattdrucke wurden nur teilweise wie heute für politische Propaganda genutzt. Den größeren Teil machten kommerzielle Produkte aus, für die Handwerker und Tagelöhner bereit waren, mehrere Stundenlöhne bis hin zu einem Tagesverdienst auszugeben. Da mindestens zwei Drittel der Menschen nicht lesen konnte, bestanden die Drucke aus einem allegorisch auszudeutenden Bild- und einem Texteil in Knittelversen, eine Art Bild-Zeitung. Verbreitet wurden die Blätter durch fahrende Händler, die den Text in einer Art Singsang vortrugen:

Der Zeitung Singer kompt /
und singt die Zeitung in dem Thon:
Kompt her zu mir spricht Gottes Sohn

Flugschrift zum Thema[1]

Die Verfasser der Texte selbst zogen es oft vor, anonym zu bleiben, oder gaben sich Pseudonyme. Andere, darunter protestantische Pfarrer oder Lehrer, nannten ihre Namen. Nur wenige scheuten sich nicht, Ross und Reiter zu nennen. Die meisten begriffen nicht, was ökonomisch vorging. Und das Publikum war zufrieden, wenn in der "Newen Zeytung" der Teufel den Banker, nein den "Geldwechßler", verschlang.

Ein Erschröckliche Newe Zeittung so sich begeben mit einem Geldtwechßler

Aufrüstung verursacht Inflation

Dabei hatten die Kipper und Wipper, die als Schuldige präsentiert wurden, die Inflation nicht verursacht. Barocke Repräsentation und Selbstdarstellung, aber vor allem die Aufrüstung zu Beginn des 30jährigen Kriegs, hatten Unsummen verschlungen. Die Landesfürsten brauchten Geld, um Waffen kaufen und Landsknechte zu werben. Manche hatten Glück und Silbervorkommen im Land. Dennoch reichte das Geld wegen der zunehmenden Geldströme in alle Welt nicht aus. Eine mächtiges Aufblähen der im Umlauf befindlichen Geldsumme war die Folge.

Die hieß damals noch nicht "M3", eine Geldmengendefinition, die allerhand Einlagen bei Banken wie Geldmarktfonds, Repoverbindlichkeiten, Geldmarktpapiere und Bankschuldverschreibungen umfasst und die im Jahresverlauf 2008 bis zum Crash abenteuerliche Zuwachsraten erlebte. Und es gab auch keine Wissenschaft, die sich mit weltweiten Geldströmen befasste. Heute schreiben Wirtschaftsjournalisten immerhin, dass laut monatlicher Statistik der Deutschen Bundesbank der deutsche Anteil an M3 im August 2008 knapp zwei Billionen Euro betrug, 10 Prozent mehr als im Vergleich zum Vorjahr, und warnen trocken: "Für diese Summe also müsste im Notfall die Regierung aufkommen".

Die Wirtschaftstheorie hinkt hinterher

Die Wirtschaftstheoretiker und –praktiker im 17. Jahrhundert arbeiteten meist im Auftrag eines Landesherrn, und es sollte noch ein wenig dauern, bis die Kameralistik Regeln dafür entwickelte, was Landesherrn besser machen sollten, um für solide Währung und damit für Beschäftigung und Produktion in ihrem Territorium zu sorgen, und was nicht so gut funktionierte. Bis zu den Erfahrungen der Kipper- und Wipperzeit hieß der Rat der Merkantilisten (die damals noch nicht Monetaristen hießen): Geld vermehren, dann vermehrt sich auch der Wohlstand.

Wenn man als Landesfürst Geld brauchte, beauftragte man einen professionellen Geldbeschaffer, meist ein Konsortium, oder noch einfacher als Münzherr seinen Münzmeister, für Geld zu sorgen. Und der prägte minderwertige Münzen. Der Einblattdruck "Der Wucherische Müntzmeister" lässt einen solchen Münzmeister, natürlich satirisch, zu Wort kommen und verpasst ihm dabei ein böses Ende.

Vor allem beim Kleingeld lohnte sich der reale Edelmetallanteil nicht. Gleichzeitig verbreitete sich das Kreditwesen: Seit dem 16. Jahrhundert wurden Kredite an Bauern gegeben, gegen die Sicherheit, entweder aus dem Landbesitz oder aus dem Ertrag der nächsten Ernte befriedigt zu werden (eine Art Optionsgeschäft). Die zunehmende Verschuldung im Deutschland des beginnenden 17. Jahrhunderts lief parallel zum andauernden Aufschwung bis in den Krieg hinein.

Bittere Lehren

Erst aus der Erfahrung der ersten großen Inflation, die etwa von 1621 bis 1623 dauerte (es gab später, nach Ende des 30jährigen Kriegs noch weitere) lernte man, dass es so einfach nicht geht mit dem Geldherstellen. Die Staaten mussten sich verpflichten, wertmindere Münzen auf Verlangen an den öffentlichen Kassen zum vollen Nennwert in Kurantgeld umzuwechseln. Das Ergebnis war die Erfindung der Scheidemünze mit Deckung durch die Wirtschaftskraft des Landes.

Des guten Geldes Grabschrift

Weil das Verständnis für Geld und Finanzwesen fehlte, griffen die Menschen der frühen Neuzeit zu moralischen Kategorien. Und zum Antisemitismus: Natürlich waren wieder an allem die Juden schuld. Dabei hatte noch ein finanztechnischer Fachbegriff böse Nebenwirkungen: "Wucher" hieß in der damaligen Wortbedeutung der Zins, und der den meisten unverständliche Zinseszins hieß "Judenwucher". Übertragen wurde der Hass zunächst auf alle kapitalistisch Handelnden, die "Judenchristen" genannt wurden, aber auch wieder auf die Juden selbst. So waren in der zeitgenössischen Publizistik Dialoge zwischen einem Juden und einem "Kipperer" beliebt, welcher wohl am besten die Leute aussauge. Auf dem Blatt "Der Jüdische Kipper und Auffwechsler" ist "jüdisch" offensichtlich als Attribut, nämlich "wucherisch", gemeint. Zum Mitsingen gibt es Moralisches fürs Gemüt:

Drumb ist mein raht sih dich jetzt für
Laß kippen fahren weit von dir
Ernehr dich redlich bleib im Land
Deß hast du Ehr und keine Schand.

Das Nichtverstehen geldmarkttechnischer Abläufe hatte für ganz Europa schlimme Folgen. Bald konnten die kriegführenden Parteien ihre Söldner nicht mehr bezahlen. Weder war für ausreichende Verpflegung gesorgt, noch erhielten die Landsknechte irgendeine Form von Lohn. Stattdessen wurde ihnen in Aussicht gestellt, sich aus den eroberten Landstrichen zu versorgen. (Ein Schelm, wer hier jetzt an unterbezahlte Telefonverkäufer oder rein auf Provisionsbasis arbeitende Verkaufssklaven denkt). Nach dem 30jährigen Krieg war Deutschland jedenfalls ein ausgeplündertes Land, in weiten Landstrichen unbewohnbar und zerstört. Es dauerte an die hundert Jahre, bis es sich volkswirtschaftlich wieder einigermaßen erholt hatte.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (122 Beiträge) mehr...
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Der, der dem Vogelflug folgte

Otto Lilienthals Unfalltod hatte keine technischen Ursachen

Cover

Die Tiefe des Raumes

Ökonomie und Wissenschaft des Fussballspiels

Die Bank sind wir SETI Kriegsmaschinen
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.