Kinderschutz im Netz – und anderswo
Während der Kinder- und Jugendschutz im Netz Topthema beim "Safer Internet"-Programm bleibt (und mit etlichen Millionen Euro zu Buche schlägt) ist der Schutz der Kinder und Jugendlichen im realen Leben der Politik immer weniger wert
Cyberbullying und Cybergrooming sollen beim dritten Safer Internet Programm der Europäischen Union in den Mittelpunkt rücken. Das Programm ist, laut Selbstbeschreibung, dafür gedacht, einen sicheren Umgang mit dem Netz und Onlinetechnologien zu ermöglichen – insbesondere für Kinder. Weiterhin stehen die Bekämpfung von illegalem und schädigendem Inhalt und schädigendem Verhalten auf der Themenliste. Hier sind denn auch Cyberbullying und Cybergrooming anzusiedeln. Die beiden Kunstwörter bezeichnen aggressives Verhalten gegenüber Nutzern, Einschüchterungsversuche und Bedrohungen (Cyberbullying) bzw. den Versuch Erwachsener, zu Jugendlichen oder Kindern ein starkes Vertrauensverhältnis aufzubauen um diese dann zu Treffen im realen Leben zu überreden (insbesondere um sexuelle Gewalt auszuüben). Während die Herkunft des Wortes "Cyberbullying" noch logisch nachvollziehbar ist (to bully = einschüchtern, tyrannisieren) lässt sich das "Cybergrooming" nur schwer erklären, hat es doch weder mit dem Bräutigam noch mit der Pflege oder Präparation etwas zu tun, lediglich das "jemanden auf etwas vorbereiten" ist noch entfernt im Zusammenhang mit dem "Cybergrooming" zu sehen.
Der Schutz der Kinder vor diesen Gefahren im Netz ist durch mehrere Maßnahmen möglich. Zum Beispiel bieten sich natürlich kindgerechte Inhalte an, die von entsprechenden Stellen zertifiziert werden – so entsteht ein System ähnlich der Altersfreigabe für Kinofilme. Ein solches System stellt die Internet Content Rating Association zur Verfügung. Die ICRA, gegründet von der Bertelsmann Stiftung, Microsoft, AOL, T-Online und Verizon, zeigt aber auch gleichzeitig die Schwachstellen dieser Methode auf. Zwar gibt es die Möglichkeit, die eigene Webseite mit Begriffen wie "Sex", "Gewaltdarstellung" oder "Werbung für Zigaretten und Alkohol" auszustatten, doch ist dies letzten Endes natürlich eine Definitionsfrage. Dazu kommt, dass ICRA nicht nur mit dem System der Selbstbewertung arbeitet, sondern auch Negativ- und Positivlisten einarbeitet – diese werden unter anderem von der Deutschen Bischofskonferenz, dem BKA und der Anti Defamation League zur Verfügung gestellt. Eine, dezent ausgedrückt, nicht unumstrittene Methode des Jugendschutzes. Gerade die Anti Defamation League wurde ob ihrer oft willkürlich erscheinenden Zuteilung von Symbolen und Worten in "Hate Speech" bereits des öfteren kritisiert, unter anderem landete bei der ADL das bekannte Friedenssymbol in der Sparte "okkulte Symbole" da es laut ADL auch den "Sieg über das Christentum sowie die Verspottung Christi bedeuten könne".
Neben den bekannten Problemen des Jugendschutzes mit Hilfe von Filtern und anderen technischen Hilfsmitteln ist jedoch die Dimension der Kosten interessant. So sind für das gesamte Safer Internet Programm für den Zeitraum 2009-2013 55 Millionen Euro eingeplant, 34% davon für die Bereiche illegale bis schädigende Inhalte. Wer sich nur diese Zahlen ansieht, der wird glauben, dass der Kinder-/Jugendschutz eine sehr große Rolle innerhalb der EU spielt. Am Beispiel Deutschland ist es daher sinnvoll einmal zu prüfen inwiefern dies tatsächlich der Fall ist.
Kahlschlag bei den Jugendämtern
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Neben dem Schutz der Kinder/Jugendlichen im Internet wäre insofern wichtig, dass im realen Leben außerhalb des Netzes insbesondere die Jugendämter mit genug Personal ausgestattet sind um Eltern wie auch Kinder nicht nur sporadisch betreuen zu können. Gerade angesichts der Hindernisse, die sich durch zunehmende Arbeitslosigkeit bzw. den prekären Arbeitsverhältnissen, der immer stärker auseinander klaffenden Schere zwischen hoch- und ungebildeten Menschen sowie den daraus resultierenden finanziellen und gesellschaftlichen Problemen ergeben, wäre es also nur allzu logisch davon auszugehen, dass hier fortwährend neue Stellen geschaffen oder zumindest bestehende nicht abgebaut werden. Schließlich ergeben sich sowohl für die Eltern als auch für die Kinder durch finanzielle Notlagen auch diverse andere Schwierigkeiten: mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz, Mobbing auf Grund fehlender Möglichkeiten sich "passend zu kleiden" (sprich: das Auftragen älterer Kleidung bzw. das Tragen von Second Hand-Kleidung etc.), mangelnde (Fort)bildungsmöglichkeiten, Ernährungsprobleme usw. tragen nicht unbedingt zu einer harmonischen Weiterentwicklung bei. Doch im realen Leben ist der Kinder-/Jugendschutz keineswegs ein Thema, das Priorität genießt.
In der Zeit von 2002 bis 2006 wurden bereits ein Drittel aller Stellen in der Jugendarbeit abgebaut. Die größtenteils verschuldeten Kommunen sparen, wo es nur geht, die Konsequenzen sind egal. Jede vierte Vollzeitstelle ist weggefallen, bestenfalls werden Honorarkräfte oder Teilzeitmitarbeiter eingestellt – oder es bleiben unbesetzte Planstellen. Die Überstunden, die Sozialarbeiter anhäufen, können nicht selten, so sie jemals abge"feiert" werden sollten, zu monatelangem Urlaub führen. Die Zeit, die für die Betreuung der Fälle bleibt, ist erschreckend gering. Durchschnittlich 12 Minuten pro Fall bleiben über, weitere 12 für die entsprechende Aktenarbeit, 80 Fälle und mehr sind gleichzeitig von einem Sozialarbeiter zu betreuen.
Controlling über alles
Controlling beherrscht das Geschäft, was für die Sozialarbeiter zu dem Problem führt, dass sie die ohnehin zu knapp bemessene Zeit immer stärker mit Aktenführung, Zeiterfassung und Fragebögen zu ihrer Arbeit ausfüllen müssen. Checklisten, Erläuterungen und Schätzungen machen bis zu 50% der Zeit aus, die für einen Fall bleibt. Das Controlling ist notwendig da vielfach Unternehmensberatungen mit einer Sanierung der Behörden beauftragt wurden. Und die benötigen Zahlenmaterial, das von den Sozialarbeitern in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen wird - auf Kosten der Betreuungsfälle. Diese kurzsichtige Controllinghörigkeit hat dabei nicht nur hinsichtlich der Kinder und Jugendlichen verheerende Folgen, auch finanziell gesehen führt sie zu Mehrkosten statt wie gewünscht zu Einsparungen. Würde stärker auf Prävention geachtet, dann könnte sich manche Heimunterbringung verhindern lassen. Da aber die Sozialarbeiter immer stärker zur Feuerwehr werden, die lediglich dann eingreifen darf und kann, wenn das Feuer bereits ausgebrochen ist, sind für eben diese Prävention weder Zeit noch Geld vorhanden. Statt beispielsweise 300 Euro wöchentlich für eine unterstützende Familienhilfe zu zahlen, wird auf Grund der Sparmassnahmen erst im Notfall eingegriffen, wenn sich unter Umständen eine Heimunterbringung nicht mehr verhindern lässt. Eine solche Unterbringung kostet allerdings knapp das Fünffache.
Euphemistisch werden auch die Privatisierung sowie das "bürgerschaftliche Engagement" wie in den USA als Lösung aus der Krise angepriesen. Private Dienste kümmern sich zum Beispiel um die Auswahl von Pflegefamilien, auf die verstärkt gesetzt wird, um teurere Heimplätze einzusparen. Bedenken, dass die privaten Dienste hier zu rasch Genehmigungen erteilen oder das Amt zu schnell zustimmt werden beiseite geschoben. Das bürgerschaftliche Engagement wird zusätzlich eingebunden. So wird etwa der Einsatz von Ehrenamtlichen zur Begleitung von Betreuungsfällen bei Amtsterminen als konkrete Alternative angesehen. Dass aber gerade hier ausgebildete und mit Amtsvorgängen bereits vertraute Personen passender wären gilt angesichts der Tatsache, dass sie auch teurer sind, als unwichtig.
Triage-Systeme als Lösung
Der Weg der Sozialarbeit führt letzten Endes über das Manchester Triage-System. Einfach ausgedrückt ist dies ein System der Prioritätensetzung, was aber hier nicht bedeutet, dass in "viel Zeitbedarf" und "weniger Zeitbedarf" eingeteilt wird, sondern in "wird betreut" und "wird nicht betreut". Die Logik dahinter erinnert an jene, die Frank-Jürgen Weise von der Bundesagentur für Arbeit vertritt:
Die Agentur hat keinen sozialpolitischen Auftrag. Denn dann muss mir mein Auftraggeber sagen, soll ich wie im Krankenhaus hundert Schwerstfälle mit ganz hohem Mitteleinsatz retten oder Tausende von Leichtverletzten.
Auf die Kinder und Jugendlichen übertragen heißt dies schlichtweg: der Sozialarbeiter wird zum reinen Krisenmanager. Die Abläufe müssen effizienter werden, Zeit muss gespart werden, Personal ebenso. Das Manchester Triage-System wird so gerade in diesem Bereich zum Triage System. Auch wenn dies in der Betriebswirtschaftslehre anders definiert wird, so ist die medizinische Erläuterung hier zutreffender, geht es doch nicht selten um Leben und Tod. Dies wird jedoch oft erst dann einmal publik gemacht, wenn wieder ein vernachlässigtest Kind gestorben ist und medienträchtig einem einzelnen Sozialarbeiter der (mediale) Prozess gemacht wird. Bis zum nächsten Kevin, der nächsten Jessica und der nächsten Lea-Sophie bleibt das Thema ein Randthema. Beim nächsten Todesfall wird es kurzfristig, nicht zuletzt durch die Boulevardpresse, auf den Titelseiten erscheinen, danach wird es erneut still werden um die zunehmend überlasteten Sozialarbeiter und die Kinder und Jugendlichen, die hier im Sinne des Sparens sich selbst überlassen werden. Aber wenigstens werden sie vor den Cybergefahren geschützt, wenn man sie schon im realen Leben nicht für schützenswert erachtet – 55 Millionen Euro sind für das Safer Internet Programm eingeplant. Wie vielen Kindern in der EU könnte mit diesem Geld geholfen werden, wäre es nicht für Maßnahmen gegen schädigende Inhalte und Taktiken im Netz verplant.
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29002/1.html- RICHTIGSTELLUNG (10.11.2008 9:19)
- Verrohung und Verwahrlosung (7.11.2008 1:38)
- Zweifellos ein Gewinn, (6.11.2008 0:03)
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