Die Amerikanisierung der Medienberichterstattung

Thorsten Stegemann 30.10.2008

Ein Forschungsprojekt der Universität Hohenheim untersucht die möglichen Auswirkungen des aktuellen Präsidentschaftswahlkampfs in den USA

Wenn am 4. November der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wird, haben die Stimmberechtigten und unbeteiligte Beobachter aus aller Welt einen der längsten und aufwendigsten Wahlkämpfe aller Zeiten hinter sich. Schon die Kür des demokratischen Kandidaten nahm mehr als ein Jahr in Anspruch und verschlang Summen, von denen kleinere Nationen einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Haushalts bestreiten könnten. Seit Barack Obama und John McCain im direkten Duell um den Einzug ins Weiße Haus streiten, hat sich der Ton weiter verschärft und der Einsatz der finanziellen Mittel noch einmal erhöht.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Die Medien spielen in dieser Auseinandersetzung eine Schlüsselrolle, auch wenn sie sich nicht zu einer so konkreten Beistandserklärung berufen fühlen wie "New York Times", "Washington Post", "Los Angeles Times", "Chicago Tribune" oder die "Anchorage Daily News" aus Sarah Palins Heimatstaat Alaska, die sich in Leitartikeln demonstrativ hinter Barack Obama stellten. Denn die Berichterstattung der Printmedien und Online-Portale, Fernsehkanäle und Rundfunksender beeinflusst nicht nur die politischen Diskussionen, die öffentlich geführt werden. Im Kampf um Stimmen und Prozente, an dem die veröffentlichte Meinung als Interessenvertreter dieser oder jener Couleur beteiligt ist, wird dem vermeintlich Privaten eine immer größere Aufmerksamkeit gewidmet.

Haben wir es hier mit einem amerikanischen Sonderweg zu tun oder sind ähnliche Entwicklungen auch in Deutschland zu erwarten, wo 2009 mit Europa- und Bundestagswahl gleich zwei große Urnengänge anstehen? Dieser Frage geht Frank Brettschneider nach, der seit 2006 einen Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Kommunikationstheorie an der Universität Hohenheim innehat. Im Rahmen des Projekts "Die Amerikanisierung der Medienberichterstattung über Wahlen", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, erörtert Brettschneider Woche für Woche besondere Aspekte der aktuellen Präsidentschaftswahlen.

Mit dem Inhaltsanalyseinstitut Media Tenor International berücksichtigt Brettschneider vor allem Wahlumfragen und Berichte von ABC, CBS, NBC, Fox News, Time und Newsweek. Sein vorrangiges Interesse gilt dabei der Frage, ob sich die Berichterstattung der deutschen Medien am Vorgehen der amerikanischen Kollegen orientieren und welche Auswirkungen der US-Wahlkampf für die hiesigen Auseinandersetzungen im kommenden Jahr haben könnte.

Das Umfrage-Phantom

In der aktuellen Analyse widmet sich Brettschneider den auch hierzulande viel diskutierten Meinungsumfragen. Der Kommunikationswissenschaftler kommt zu dem Schluss, dass die permanente Veröffentlichung von "repräsentativ" erhobenen Prozentzahlen und Stimmungswerten zwar die politische und wohl auch die journalistische Kultur erkennbar verändert habe, bislang aber ohne nennenswerte Auswirkungen auf das Verhalten in der Stimmkabine geblieben sei. Selbst die Bekanntgabe realer Wahlentscheidungen mache da offenbar keine Ausnahme. So führe der bekannte "Western-Voting-Effekt", der es Wählern an der amerikanischen Westküste erlaubt, ihre Stimme abzugeben, nachdem sie die Ergebnisse von der Ostküste bereits erfahren haben, keineswegs zu einer Angleichung der Ergebnisse.

Die Befürchtung, die westlichen Gesellschaften könnten sich in eine reine "Mediendemokratie" verwandeln oder gar schon zur Umfragedemokratie mutiert sein, sei trotzdem nicht unbegründet. Deutschland reagiere darauf mit dem ausdrücklichen Verbot, am Wahltag noch Meinungsumfragen zu veröffentlichen, in Frankreich und Polen sei das 8-14 Tage vor dem Urnengang untersagt, und Italien habe seinen Wählern und Politikern sogar einen ganzen Monat ohne politische Stimmungspropheten verordnet.

Diese Regelungen spiegeln unterschiedliche Traditionen im Umgang mit der veröffentlichten Wählermeinung, glaubt Brettschneider. Während Zeitungen in den USA ihre Leser bereits vor knapp 200 Jahren zu "Straw Polls" aufforderten und daraus spätestens seit Mitte der 1930er Jahre eine ausgefeilte Wissenschaft und ein lukratives Geschäft machten, kamen Meinungsumfragen in Deutschland erst vor der Bundestagswahl 1976 verstärkt zum Einsatz.

Über ihren Informationswert wird von den betroffenen Politikern und Parteien hierzulande sehr viel intensiver gestritten als in den USA. Übrigens durchaus zu Recht. Vor drei Jahren schmolz der - von nahezu allen Meinungsforschungsinstituten vorhergesagte - Triumphzug der Unionsparteien am Wahltag zu einem hauchdünnen Vorsprung zusammen, der Spitzenkandidatin Angela Merkel so gerade noch den Einzug ins Bundeskanzleramt sicherte. Und auch in diesem Jahr wurde vielfach falsch prognostiziert, so etwa bei der Landtagswahl in Hessen oder auch bei der Landtagswahl in Bayern, die der CSU weit schwerere Verluste bescherte als sich die Propheten vorherzusagen trauten.

Der Kommunikationswissenschaftler aus Hohenheim glaubt, dass die Umfragen, die mittlerweile auch in Deutschland oft monatlich oder gar wöchentlich publiziert werden, vor allem für zwei Gruppen interessant sind: Die "Campaign-Junkies" nähmen alle Informationen auf, die über den jeweiligen Wahlkampf verfügbar seien. Sie würden als aufgeschlossen gelten, seien aber in vielen Fällen auch parteipolitisch festgelegt. Die größere Gruppe werte dagegen alle Zahlen, Daten und Fakten als Showkulisse und betrachte den Wahlkampf vorwiegend unter Entertainment-Gesichtspunkten. Hier finde der Horse Race-Journalism ein reizvolles Betätigungsfeld und führe infolge unzureichender Recherche oder fehlender Belege oft zu Verzerrungen der wahren Sachverhalte. Brettschneider hält eine "Selbstverpflichtung" der Journalisten deshalb in diesem Fall für effektiver als generelle Veröffentlichungsverbote.

Manipulativ sind weniger die Zahlen an sich, als eine unsaubere Zitierweise und tendenziöse Interpretation.

Frank Brettschneider

Was ist das Fernsehduell gegen die "fünf Minuten danach"?

Drei große Fernsehduelle lieferten sich John McCain und Barack Obama im Vorfeld des 4. November. Ihre Vorgänger Richard Nixon und John F. Kennedy taten das bereits vor knapp 50 Jahren, obwohl der etwas verschwitzte und leicht desorientierte Republikaner die Veranstaltung noch nicht übertrieben ernst zu nehmen schien. In Deutschland dauerte es bis zum Jahr 2002, ehe der joviale Amtsinhaber Gerhard Schröder und sein in puncto Medienwirksamkeit deutlich unterlegene Herausforderer Edmund Stoiber erstmals vor die Kameras traten und den Fernsehzuschauern die eine oder andere Entscheidungshilfe mit auf den Weg zu geben versuchten. Zwischen Afghanistan, Arbeitslosigkeit und Oderflut war nun auch hierzulande "Agenda-Setting" angesagt.

McCain und Obama versuchten es in den vergangenen Wochen wahlweise mit dem Irakkrieg, der gesamten Außenpolitik, dem Gesundheitssystem und der Haushaltskonsolidierung, bevor ihnen die Finanzkrise in die Quere kam und zum wichtigsten aller Tagesordnungspunkte wurde.

Frank Brettschneider ist davon überzeugt, dass die Bedeutung der Fernsehduelle noch immer überschätzt wird. Das gelte umso mehr für das Auftreten der Kandidaten, ihre Anzüge und Frisuren. Zwar sei eine überzeugende Performance wichtig, um die eigene Anhängerschaft zu mobilisieren, Unentschlossene auf die eigene Seite zu ziehen und zentrale Themen zu besetzen, doch die ersten fünf Minuten nach den 90 Minuten gäben in der Regel den Ausschlag für die Bewertung der gesamten Veranstaltung.

"Die Auslegung übernehmen Journalisten, die das Duell für die Massen interpretieren und in ihren Berichten erst einen Sieger küren", so Brettschneider, der die Nachberichtserstattung – gerade im Hinblick auf Wählerinnen und Wähler, die noch keine Entscheidung getroffen haben –für wichtiger hält als das eigentliche Duell. Eben deshalb würden sich immer wieder "Einflüsterer" in die Phalanx der Kommentatoren mengen und ihrerseits Interpretationsangebote für Zuschauer und Journalisten anbieten. Mit dem gedruckten Wort, das am folgenden Tag am Frühstückstisch nachzulesen ist, wird die Meinungsbildung abgerundet, so Brettschneider. Zweifelsohne spielen TV- und Online-Journalisten, die schneller auf Sendung gehen und noch aktueller Experten befragen können, mittlerweile aber ebenfalls eine entscheidende Rolle.

Dieses Medienverdikt war bereits 1976 Gegenstand einer ausführlicheren Untersuchung. Damals analysierten Kurt Lang und Gladys Engel Lang das Duell zwischen Gerald Ford und Jimmy Carter und konnten nachweisen, dass sich die Einschätzung, welche Zuschauer direkt nach dem Ende der Veranstaltung hatten, zum Teil deutlich von der Meinung unterschied, die sie sich nach ein paar Tagen Abstand gebildet hatten. Dass die Relevanz der Fernsehduelle für die Wahlentscheidung insgesamt überschätzt wird, zeigte sich in Deutschland übrigens schon kurz nach der Premiere im Jahr 2002. Damals gab das ZDF eine Analyse in Auftrag, die zu recht ernüchternden Ergebnissen kam.

Spekulationen über eine möglicherweise wahlentscheidende Bedeutung der Fernsehduelle geben die Befragungsergebnisse wenig Nahrung: Je nach (vor den Sendungen geäußerter) Präferenz für einen der beiden Kandidaten sahen die meisten Zuschauer auch die Fernsehduelle unterschiedlich. Stoiber-Anhänger hielten eher das erste Duell, in dem sie "ihren" Kandidaten vorn sahen, für interessanter, während umgekehrt die Schröder-Anhänger das zweite Duell, in dem Schröder mehr punkten konnte, als besser ansahen. Die Meinungen zu den Kandidaten haben sich bei deren Anhängern durch die Fernsehduelle nur sehr geringfügig verändert.

Ursula Dehm /Media Perspektiven

Wahlkampf-Vorbild USA?

"Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben wissen, wissen wir durch die Massenmedien", stellte Niklas Luhmann fest, und T. E. Patterson formulierte aus der gleichen Erkenntnis Verhaltensnotwendigkeiten für amerikanische Spitzenpolitiker.

The candidates had to work through the press if they expected to persuade the people (...). Instead of making the traditional rounds among party leaders, Carter traveled about the country meeting with journalists (...). The road to nomination now passes through the news rooms.

T. E. Patterson

Die Erfahrungen mit dem aktuellen Präsidentschaftswahlkampf, die Frank Brettschneider in der unrühmlichen Trias "Inszenierung vor Inhalten", "Persönliches vor Politischem" und "Personen vor Parteien" zusammenfasst, wird zweifellos Auswirkungen auf Deutschland und Europa haben – je nachdem, welche Erfolge sich Politiker, Wahlkampfstrategen und Parteien von dem Gesehenen versprechen. Sorgen macht dem Kommunikationswissenschaftler dabei vor allem das Micro-Targeting, das in den USA von lückenhaften Datenschutzbestimmungen begünstigt wird.

So ist es zum Beispiel möglich, persönliche Daten von Kreditkartenunternehmen einzukaufen. Zusammen mit Daten aus den öffentlich zugänglichen Wählerverzeichnissen der USA, gelingt es den Parteien so, bis auf einzelne Häuserzeilen genau zu rekonstruieren, wo ihre potentiellen Wähler wohnen, um diese dann mit einem maßgeschneiderten Wahlkampf zu umwerben.

Frank Brettschneider

Der gläserne Wähler könne unter diesen Umständen damit rechnen, am Nachmittag des Wahltages angerufen und aufgefordert zu werden, sein Kreuz an der richtigen Stelle zu machen. In Deutschland sei Vergleichbares "noch" unvorstellbar, meint Brettschneider.

Doch schon jetzt bedienen sich die Parteien aus Daten der Marktforschung, um gezielter werben zu können. Auch die zahlreichen Direktmarketing-Institutionen verkaufen bereits Informationen über Alter, Geschlecht und Milieu-Zugehörigkeit.

Frank Brettschneider

Das Parteiensystem, die politische Tradition und strengere gesetzliche Bestimmungen würden Deutschland allerdings vorerst davon abhalten, der amerikanischen Entwicklung vorbehaltlos nachzueifern. Dass der Wettbewerb zwischen Parteiprogrammen hierzulande mehr Aufmerksamkeit genießt als der Streit "schillernder Einzelpersonen" hängt also wohl nicht nur mit dem bedauerlichen Umstand zusammen, dass kaum jemand auf den Gedanken käme, in den Kontrahenten Merkel und Steinmeier "schillernde" oder gar charismatische Hauptdarsteller zu sehen.

die-falsche-wahl.de

Auch wenn Brettschneider – gerade im Vergleich mit den jüngsten Tendenzen in den USA – grundsätzlich zuzustimmen ist, stellt sich die Frage, ob hier jede Grauzone gründlich ausgeleuchtet wurde. Die Art und Weise, wie Politiker aller Parteien die Landtagswahlen dieses Jahres bereits für die Bundestagswahl 2009 zu deuten und nutzen versuchten, lässt erahnen, dass der Kampf um Mandate und Machtpositionen auch hierzulande deutlich an Schärfe zunehmen wird. Die Massenmedien dürften dabei eine immer zentralere Rolle spielen.

Christoph Bieber vom Zentrum für Medien und Interaktivität der Justus-Liebig-Universität Gießen registrierte bereits beim Bundestagswahlkampf 2005 eine Schlammschlacht im digitalen Raum. Damals stellten die großen Parteien Internetseiten wie "www.die-falsche-wahl.de" (SPD) oder "www.leere-versprechen.de" (CDU) ins Netz, um den politischen Gegner zu diskreditieren.

Das Internet fungiert hier als eine Art "Testumgebung" für ein grobes und arg simplifiziertes "negative campaigning" – der Begriff aus dem Wahlkampfjargon bezeichnet nichts anderes als eine Schlammschlacht. Nun ist dies sicher kein originäres Element des Online-Wahlkampfes, aber ganz offensichtlich trauen sich die Wahlkämpfer an der digitalen Plakatwand mehr als im realen öffentlichen Raum.

Christoph Bieber

Dass diverse Spielarten des "negative campaigning" längst auch in Deutschland auf der politischen Tagesordnung stehen, wird von den Beteiligten übrigens gar nicht bestritten, in der Regel aber in den Verantwortungsbereich des politischen Konkurrenten geschoben. So monierte der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, "negative campaigning" sei nicht nur die "Zuflucht der Fantasielosen und Verzweifelten", sondern beschädige überdies das Ansehen der Demokratie.

Wer sonst keine Chancen sieht und den eigenen Zielen und Argumenten keine Überzeugungskraft zutraut, der kann immer noch die Wettbewerber schlechtmachen. Die Exzesse gehen, wie man über die SPÖ-Kampagne zur letzten Nationalratswahl in Österreich hört, bis zur Bespitzelung und Beschattung durch Detektive zur Ausforschung bis in den persönlichen und privaten Bereich.

Peter Ramsauer

Ramsauers Appell wäre zweifelsohne glaubwürdiger, wenn er sich nicht in erster Linie an den politischen Gegner, sondern zunächst an die eigenen Parteifreunde richten würde. Die Domains "www.die-falsche-wahl.de" oder www.leere.versprechen.de stehen derzeit übrigens wieder zum Verkauf. Man darf gespannt sein, wer sie sich demnächst sichern wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29025/1.html
Kommentare lesen (12 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS