Proteste gegen Atommüll-Transporte und das geplante Endlager in Gorleben

Anke Schwarzer 03.11.2008

Elf Behälter mit hochradioaktivem Abfall rollen am 7. November in Richtung Gorleben. Aktivisten verschiedener Initiativen wollen das verhindern und bereiten sich auf den Tag X vor

Atomkraftgegner wehren sich nicht nur gegen die Atommüll-Transporte, sondern auch gegen das geplante Endlager und den Weiterbetrieb von Atomkraftwerken. Ob es je zu einem Endlager im niedersächsischen Wendland kommen wird, ist ungewiss – und selbst wenn die Entscheidung auf den Salzstock fallen sollte und der technische Sicherheitsnachweis erbracht wäre, würde es noch Jahrzehnte dauern, bis der Bau fertig wäre. Ende Oktober diskutierten in Berlin 350 Experten auf einem internationalen Symposium zur Endlager-Sicherheit über diese ungelöste Frage.

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Kein einziger Castor wäre je an sein Ziel gelangt, hätte die Polizei nicht mit Schlagstöcken, Demonstrationsverboten, Hubschraubern und Reizgas den Weg freigemacht. Kein einziger Castor wäre durchs Wendland gerollt, wäre nicht eine so hohe Zahl von Beamten eingesetzt worden, die knapp an der Kapazitätsgrenze dessen lag, was die Bundesrepublik an Polizei bereitstellen kann. Kein einziger Castor wäre je in die Zwischenlagerhalle gelangt, hätte die Politik nicht für jeden Transport mindestens 20 Millionen Euro ausgegeben. Über diese Einschätzung sind sich die meisten Aktivisten im niedersächsischen Wendland einig.

Vor über 30 Jahren wurde eine riesige Waldfläche rund um Gorleben von Unbekannten in Brand gesetzt; kurze Zeit später fiel die Standortentscheidung für mehrere Atomanlagen, etwa eine Wiederaufbereitungsanlage und ein Endlager, auf die die kleine Gemeinde an der ehemaligen DDR-Grenze. Seitdem gibt es einen breiten Widerstand gegen die Vorhaben. "Es ist uns schon sehr ernst. Wir sind hier zuhause und können nicht einfach unsere Felder zusammenklappen und woanders wieder aufrollen", sagt Monika Tietke, Sprecherin der Bäuerlichen Notgemeinschaft, einem Zusammenschluss, der sich mit Traktoren und anderen Mitteln gegen die Atom-Pläne wehrt.

Erkundungsbergwerk Gorleben. Bild: BMWi

Alte und Junge, Bauern und Lehrer, Autonome und Hippies engagieren sich seit 1977 im Wendland: Wasserlanzen unter Straßen, um sie zu unterspülen, Metallschuhe auf Schienen, ausgebrannte Polizeicontainer, beschädigte Brücken, falsche Richtungsschilder, um die Einsatzkräfte zu verwirren, ein zerstörter Polizeifunkmast: Von Gewalt spricht hier übrigens kaum jemand, die allermeisten Aktivisten benutzen das Wort "Sachbeschädigung".

Die Atomgegner organisieren zahlreiche Demonstrationen, Sitzblockaden, Ankettaktionen, verfassen Broschüren und Dokumentationen, hängen bunte Transparente auf, treffen sich unermüdlich zu abendfüllenden Besprechungen. Was hält sie über 30 Jahre an der Stange? "Es ist die Lebensfreude und es sind die kleinen Erfolge, die uns die Energie bringen. Der Widerstand in Gorleben ist ein Mythos geworden und wir erfahren positives Feedback aus aller Welt", meint Francis Althoff, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) Lüchow-Dannenberg . Immerhin sei die geplante Wiederaufbereitungsanlage nicht gebaut worden und noch gebe es keine Endlager in Gorleben.

Atomlager in der Halle

Aber seit elf Jahren rollen die Castoren mit hochradioaktiver Fracht in die "Kartoffelscheune" genannte Lagerhalle neben dem Erkundungsbergwerk Gorleben. Dort stehen bereits 80 Behälter. Und es sollen noch weitere Lieferungen von rund 50 Behältern mit Atommüll aus deutschen Kraftwerken, die in La Hague und Sellafield aufbereitet wurden, kommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Abfall jemals aus der Region verschwindet, sinke mit jedem Transport, so die Befürchtung vieler Aktivisten.

Der nächste Atommülltransport nach Gorleben startet nach Informationen der Atomkraftgegner am Abend des 7. November. Wie bei jedem anstehenden Transport bestätigen weder Polizei noch die Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) , die für die Atomenergie-Konzerne die Transporte abwickelt, diesen Termin. Aber die Aktivisten verfügen über eigene Kanäle in Frankreich und Deutschland, um an den Fahrplan des Atomzuges zu gelangen. Die Bahn werde um 18.29 Uhr vom französischen Verladebahnhof Valognes abfahren, teilte die Initiative X-tausendmal quer mit.

Valognes ist der Verladebahnhof der Plutoniumfabrik La Hague in der Normandie. Laut Fahrplan soll der Transport mit der hochradioaktiven Fracht am Mittag des 8. November an der französisch-deutschen Grenze zwischen Lauterbourg und Wörth bei Karlsruhe ankommen. Einen Tag später wird er an der Verladestation im niedersächsischen Dannenberg erwartet. Dort werden die Behälter vom französischen Typ TN85 auf Spezial-Lkws verladen, um sie das letzte Stück auf der Straße transportieren zu können. Der Straßentransport zum Zwischenlager in Gorleben findet wahrscheinlich am Morgen des 10. November statt.

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