CO2-Verbrauch einer Flasche Wein

16.11.2008

In Zeiten der Klimaerwärmung wird jeder Genuss unter die Lupe genommen – auch der Weintrinker muss nun klimamoralisch denken

Vermutlich werden die meisten Weintrinker sich keine großen Gedanken über die mit dem Wein verbundene CO2-Belastung für das Klima machen. Schließlich trinken sie ja ein natürliches Produkt, vielleicht kauft man auch Bio-Wein oder verzichtet auf Weine, die aus Australien, Südafrika oder Kalifornien importiert werden. Gleichwohl steckt auch im Wein der CO2-Teufel – und manchmal ist es gar nicht so, dass geringere Entfernungen zwischen Anbau und Konsumenten auch zu geringeren Treibhausgasemissionen führen.

Nach Ausführungen des Weinexperten Tyler Colman, der über Wein etwa an den Universitäten von New York und von Chicago unterrichtet und einen Blog Dr. Vino betreibt, hat einmal nachgerechnet. Dabei kam er auch darauf, dass Wein, abgefüllt in Kartons, die Qualität nicht heruntersetzt, aber schon aus Gründen des Transports CO2-mäßig viel besser sei. Dazu sei Wein in geöffneten Kartons viel länger haltbar als Wein in geöffneten Flaschen. Die negative Einstellung der Weintrinker zu Kartons sei ein Vorurteil, höchstens begründet dadurch, dass bislang oft billige Weine so abgefüllt werden.

Und sonst sind halt auch Weintrinker Klimasünder und nicht viel besser wie Flugreisende oder Autofahrer. Schon letztes Jahr hat Colman, zusammen mit Pablo Räster von Climate Check die Ergebnisse in dem Artikel Red, White and "Green" bei der American Association of Wine Economists veröffentlicht – und zudem angekündigt, dass die USA 2008 bereits zum Land mit dem weltweit größten Weinkonsum werden und Frankreich sowie Italien überholen. Die Hälfte der Weine in den USA kostete 2006 weniger als 5 US-Dollar.

Zur Berechnung des CO2-Verbrauchs einer Flasche Wein haben die beiden Autoren nur die Produktion und Distribution, nicht aber beispielsweise die Landnutzung oder die Verwendung von Chemikalien einbezogen. Der Anbau von Weintrauben verbraucht im Vergleich zur Erntemenge relativ viel Land. Aus einem Hektar werden nur 400-800 kg gewonnen, bei Getreide sind es 30-80 Tonnen! Weintrauben brauchen 50-100 kg Pestizide und Düngemittel pro Tonne, Getreide nur 40 kg. Und der Anbau verschlingt viel Wasser, um die 550.000 Liter pro Tonne, was nicht nur Energie zur Bewässerung erfordert, sondern auch die Chemikalien in der Umwelt verbreitet. Um die 130 Liter Diesel und Benzin werden pro Tonne verbraucht, ein Liter Wein steht für 3 kg CO2. Dazu kommt Strom und Gas in den Weinbetrieben, die pro Flasche 100 Gramm CO2 verursachen. Die Fermentierung trägt aber praktisch nichts zum Ausstoß bei, weil dabei etwa so viel CO2 entsteht, wie die Pflanzen aufgenommen haben.

Leztlich sei das gar nicht so bedeutend, auch der Unterschied zwischen Biowein und traditionellem Anbau sei relativ unerheblich. Am meisten schlägt der Transport durch. Weinanbau kann nur in bestimmten Regionen stattfinden, zudem gibt es die Vorlieben der Weintrinker. Daher wird Wein über weite Strecken transportiert, um zum Verbraucher zu gelangen. In den USA sei das ganz deutlich zu sehen. Der Großteil des Weins werde an der Westküste produziert, zwei Drittel der Bevölkerung leben aber östlich vom Mississippi. Transportiert wird der Wein in aller Regel mit Lastwagen vom Westen in den Osten. Der Zug kommt etwas besser weg, aber nicht viel. Schlimmer ist allerdings noch der Transport mit dem Flugzeug, während der Transport auf dem Schiff in Containern 5 Mal weniger als mit dem LKW und 11 Mal weniger als mit Flugzeug verbraucht. Das heißt freilich, dass Entfernung alleine nicht das Maß des CO2-Ausstoßes pro Weinflasche ist. In New York kann es klimaschonender sein, Wein aus Frankreich zu trinken, der mit Schiff geliefert wurde, als Wein aus Kalifornien, der mit einem LKW angeliefert wurde.

Und beim Transport kommt auch wieder Frage nach dem Behälter auf. Glasflaschen sind weitaus schwerer als Kartons oder Plastikflaschen, verbrauchen also mehr Treibstoff für den Transport. Dicke Flaschen sind größere Umweltsünder als dünne. Dazu kommt, dass die meisten Weinflaschen nicht aus gebrauchten Glasflaschen hergestellt, sondern dass sie neu produziert werden. Mehr als 2 kg CO2-Ausstoß steckt nach den Berechnungen mindestens in jeder Flasche, es können aber auch bis zu 4,5 kg sein, vor allem abhängig von Entfernung und Transportart, zum geringeren Anteil aber auch von der Art des Anbaus.

Insgesamt, so beruhigen die beiden Autoren die jetzt womöglich aufgeschreckten Weintrinker mit dem grünen Gewissen, ist der durch den Wein verursachte Ausstoß von Treibhausgasen vernachlässigbar. Legt man 2 kg pro Flasche (0,75 l) und eine globale Produktion von 2,7 Milliarden Liter (Stand 2001) zugrunde, dann würde der Anteil des Weins an den globalen, vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen von 6,3 Milliarden Tonnen gerade einmal 0,08 Prozent betragen. Das sind wirklich Peanuts, entsprechen aber doch den durch Treibstoffverbrauch verursachten Emissionen von einer Millionen PKWs pro Jahr.

Shipping wine is often really about shipping glass with some wine in it, the bigger the bottle, the smaller the carbon impact per ounce. Of course, wine consumers can give up bottled water, charcoal grilled steaks, driving to work to offset wine consumption—or purchase their own carbon offsets. Is that the price of enjoying wine with a green conscience?

Tyler Colman und Pablo Päster
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