US-Labelpräsident fordert Bailout für die Musikindustrie
Mit 25 Milliarden Dollar soll eine 9 Milliarden Dollar schwere Branche "gerettet" werden
Der 700-Milliarden-Dollar-Bailout für die amerikanischen Banken hat auch in anderen Bereichen Bedürfnisse geweckt. Erst forderte die Automobilindustrie, die trotz sich absehbar verknappender Erdölvorräte Moden wie SUVs propagiert hatte, einen eigenen 25-Milliarden-Dollar-Bailout für sich, jetzt hat sich auch ein Vertreter der Musikindustrie zu Wort gemeldet.
Tommy Silverman, der Präsident des Hip-Hop-Labels Tommy Boy, fordert auf der Website der A2IM (American Association of Independent Music) einen eigenen "Rettungsplan". Die amerikanische Musikindustrie, so Silverman, sei zu Anfang der ersten Amtszeit von George Bush noch auf 14 Milliarden Dollar geschätzt worden, jetzt läge ihr Wert nur mehr bei 9 Milliarden. Trotzdem fordert er ein paar Absätze weiter ein auf fünf Jahre angelegtes Regierungskreditpaket in Höhe von 25 Milliarden Dollar, mit dem die Musikindustrie sich während einer "Übergangsperiode" an neue Technologien "anpassen" soll. Angesichts eines US-Verteidigungshaushalts in Höhe von fast 700 Milliarden Dollar sei solch ein billiger Bailout doch ein gutes Geschäft, denn schließlich seien die Produkte der Branche ja enorm wichtig für die "Nationale Sicherheit".
Denn die Rockmusik, so der Musikmanager, hätte mehr zum Zusammenbruch der Sowjetunion beigetragen als die CIA. Deshalb fordert er zusätzlich zu den Staatskrediten auch eine Budgetverdoppelung für den Auslandsradiodienst Voice of America. Dadurch, sowie durch eine Beschäftigung der Radio-DJs Scott Shannon und Barry Mayo, soll die Hörerschaft von 94 Millionen auf 2 Milliarden vergrößert und der amerikanische Einfluss entsprechend ausgeweitet werden.
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Angesichts der Tatsache, dass drei der vier großen Musikkonzerne (Vivendi Universal, Sony BMG und EMI) bereits in ausländischer Hand seien, gelte es Silverman zufolge, eine Zukunft zu vermeiden, in der Amerikaner nur noch in der Kategorie "Polka" Musikpreise gewinnen. Bereits bei der letzten Grammy-Verleihung, so der ehemalige Vizepräsident der Musikkonzerns Warner mahnend, hätten die Kanadierin Leslie Feist und die Engländerin Amy Winehouse wichtige Preise bekommen.
Ein Vorbild dafür sieht Silverman in der Verhinderung der Übernahme von Sicherheitsdienstleistungen in amerikanischen Häfen durch eine Firma aus Dubai. Deshalb sollte die US-Regierung "Schritte unternehmen", um zu verhindern, dass die Kontrolle von Rockmusik noch stärker in ausländische Hände gerät. In jedem Fall solle der Backkatalog von Elvis Presley vom Staat angekauft werden, um von japanischen zurück in amerikanische Hände zu gelangen. Tatsächlich bekam der tote Elvis im letzten Jahr mehr Tantiemen zugewiesen als alle lebenden Künstler – ein Effekt, der die Fragwürdigkeit der Geltung von Urheber- und Leistungsschutzrechten Jahrzehnte über den Tod hinaus eindringlich vor Augen führt.
Einige seiner Pläne hat sich Silverman offenbar aus Europa abgesehen: So fordert er unter anderem von der Rundfunkregulierungsbehörde FCC eine Auflage für Radiostationen, mindestens 50 Prozent amerikanische Stücke zu spielen. Betroffen sein davon wären angesichts der jetzigen Situation wohl nur kleinere "ethnische" Stationen, die Einwanderer mit Narcocorrido und anderen Musikgattungen aus ihrer Heimat versorgen sowie einige nicht-kommerzielle Spartensender. Bei praktisch allen anderen liegt die Quote bereits jetzt bei weit über 50 Prozent.
Weil, so der Manager, die Zahl der Neuerscheinungen zwischen 2000 und 2007 von 35.515 auf 79.695 stieg, sei ein Überangebot entstanden, dem die Regierung mit einer aus der Landwirtschaft bewährten Methode abhelfen solle: Indem sie Hersteller dafür bezahlt, nichts zu produzieren. Zudem solle der Staat ein Fünftel der Auflage jedes Albums aufkaufen und in Entwicklungsländern verteilen, um dort den Kultureinfluss der USA zu stärken.
Auch das in anderen Bailout-Forderungen gemachte Trickle-Down-Argument fehlt in Silvermans Forderung nicht: So würden seiner Argumentation zufolge unter anderem Verleger, Radiosender, Agenten, Merchandisingfirmen, Aufnahmestudios, CD-Presswerke und deren Angestellte profitieren. Durch eine "starke" amerikanische Musikindustrie und "starke" amerikanische Musik würde das Verbrauchervertrauen gestärkt und so die Grundlage für eine Gesundung der Finanzmärkte gelegt.
Es gibt einiges, was dafür spricht, dass die bei A2IM veröffentlichte Forderung nicht ernst gemeint ist, sondern eine Satire auf die Argumentation von Industrieverbänden. Allerdings ist Tommy Silverman nicht Sarah Silverman – und Musikindustriemanager haben teilweise Konsumgewohnheiten, die auf Dauer zu einem gewissen Realitätsverlust führen können. Auch andere Forderungen und Begründungen dafür wirkten in den letzten Wochen, Monaten und Jahren anfangs wie schlechte Scherze und wurden schließlich doch umgesetzt.
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29116/1.html- Sicher (14.11.2008 13:56)
- Verlierer sprechen "Denglisch" (14.11.2008 13:20)
- Entwicklungshilfe: DVDs für Afrika ... (13.11.2008 14:41)
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