Auf dass der Geist ewig sei

Sind die Neurowissenschaften das nächste Aufmarschgebiet von Kreationisten und Intelligent-Design-Verfechtern?

Mittlerweile scheinen organisierte Kreationisten mit viel Geld und manchmal auch mit wissenschaftlichem Renommee im Rücken entschlossen zu sein, jede mögliche Erkärungslücke in den Wissenschaften mit ihren Thesen zu besetzen. In den USA formulieren sie jetzt die Ansprüche einer "immateriellen Neurowissenschaft".

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Auch ein Gespräch mit Paul brachte keine Klärung. Er, der hatte wissen wollen, "was in ihm" denke traf bei mir auf viel Unsicherheit. Die einen, so erklärte ich, glaubten an etwas Immaterielles, einen Geist und/oder eine Seele, die ihnen die Fähigkeit zum Denken sowie ein Ich und verschiedene andere Extras verleihe, den anderen sei das Kokolores, und "Seele" oder "Geist" Ergebnisse von biochemischen Prozessen. Ich selber, so gab ich auch noch hilfreich zur Auskunft, neige eher zu der letzteren Auffassung, um gleich hinzuzufügen, dass ich keinen Beweis für meine Meinung habe und dass eine solche Auffassung die Rede von einem "Ich" doch relativ schwer mache. Zum Glück bin ich mit solchen Unsicherheiten nicht allein. Die Creme der Neurowissenschaften malt zwar viel schönere Diagramme an die Tafeln ihrer Vorlesungssäle als ich das je könnte, aber so ganz wohl ist ihr anscheinend auch nicht dabei. So meint zwar ein Wolf Singer zur Freude der Presse, dass er bald "partiell" Gedanken lesen kann, bezeichnet aber den Weg von neuronalen Prozessen zu subjektiven erfahrenen Bewusstseinsprozessen als ungeklärt.

Diese Unklarheiten sind es, auf die die Gottsucher nur allzu gern mit transzendentalen/metaphysischen Angeboten antworten. So zum Beispiel Jeffrey Schwartz, der in den Neunzigern bei Experimenten mit Menschen, die an Zwangsstörungen litten, herausfand, dass deren messbare neuronale Aktivitätsmuster durch eine veränderte Haltung zu ihrem Problem beeinflussbar waren, und deswegen zu dem Schluss kam, hier habe ein eigenständiger Geist auf ein physisches Phänomen zurückgewirkt. Seine Kollegen waren nicht amüsiert: Wie valide die Ergebnisse von Schwartz' Forschungen auch sein mochten, die Interpretation war es ihrer Ansicht nach nicht. Viel eher sei wahrscheinlich, dass hier das Gehirn sich selber verändere, als ein unabhängiger Geist das Gehirn. Zugunsten der Skeptiker kann man aber nicht nur anführen, dass Schwartz' Interpretation Ockhams Rasiermesser widerspricht; auch die Tatsache, dass sehr viel einfachere physische Prozesse (zum Beispiel ein Schlag auf den Kopf) in ihrer Wirksamkeit um Größenordnungen deutlicher sind, ist zwar kein Argument gegen die Möglichkeit transzendenter Einflüsse, aber gegen ihre Wahrscheinlichkeit.

Immerhin: Schwartz hat aus seinen Forschungen eine Therapie gegen Zwangserkrankungen gemacht (was mit Kopfnüssen schwerlich gelänge), und wenn sie wissenschaftlich evaluierbar wirkt, soll das recht sein, vorausgesetzt, es ist damit nicht der Zwang zum Glauben an eine unabhängige Geistsubstanz verbunden. Wer heilt, heilt vielleicht, hat aber dadurch noch lange nicht recht, wenn’s um den Mechanismus der Heilwirkung geht. Man sieht: Descartes steht in der Tür - und mit ihm alle logischen Probleme des Dualismus, wie z.B. das der mentalen Verursachung.

Die ganze alte Schlacht zwischen Materialisten auf der einen und Religiösen/Idealisten auf der anderen Seite ist Thema. Und in dieser Schlacht, die offenbar mehr und mehr auf dem Gebiet der Neurologie stattfindet, möchten besonders ein paar alte Bekannte gerne punkten: die Kreationisten oder die modernisierten Kreationisten, die unter dem Label "Intelligent Design" antreten. Ihnen ist (logische Probleme hin oder her) von vornherein klar, dass eigentlich Gottes Atem weht, wo gedacht wird. Zwar arbeiten auch sie noch an dem zentralen Problem ihrer Behauptung, nämlich dem Widersinn einer strikt von der Materie getrennten Geistsubstanz , die die Materie dennoch beeinflusst, aber ganz im üblichen missionarischen Stil religiöser Eiferer verkündet zum Beispiel eine Denyse O' Leary, dass die Neurowissenschaft das Gebiet sei, auf dem der Darwinismus sein finales Debakel erleben werde. Das Gehirn ist ihr (und nicht nur ihr) die Front, an der der so unverschämt erfolgreiche Vormarsch der Evolutionslehre zum Stillstand gebracht werden soll.

Gewappnet mit der Überzeugung, dass eine so sinnvoll-komplizierte Struktur wie das Gehirn nur von einem bewusst denkenden und lenkenden höheren Wesen zum Ort seiner Manifestation gewählt worden sein könne, gefördert von erfahrenen Verneblungskünstlern wie dem Discovery Institute, möchten Leute wie Schwartz und Mario Beauregard an den amerikanischen Universitäten eine "immaterielle Neurowissenschaft" aufbauen, eine Bezeichnung die, wörtlich genommen, immerhin die Frage aufwirft, wo denn dann die Materie bleibt, auf die der Geist einwirkt. Immaterielle Neurowissenschaftler sehen auf die Art ein wenig wie Schnapsbrenner aus, die beim reinen Alkohol gelandet sind. Und ihre Marketingstrategie scheint zu sein, dass sie ihr religiöses Feuerwasser als Lösung für alle wissenschaftlichen Probleme anbieten. Am anderen Ende der Skala haben wir Leute wie den Deutschen Gerhard Roth, der im Gefunke der Neuronen nicht nur Ich, Geist und Subjekt aufgelöst sieht, sondern konsequenterweise auch noch die Ideen des freien Willens und der persönlichen Verantwortung. Wo keine Person (als Subjekt begriffen), da kein Adressat für die blauen Briefe der gesellschaftlich, religiös oder sonstwie verankerten Moral.

Schlecht für die kreationistischen Sparringspartner: Leute wie Roth haben ein paar Belege für ihre Position anzuführen, wie zum Beispiel die bekannten Libet-Experimente, die, zumindest auf einfache Handbewegungen bezogen, feststellten, dass bei den Probanden der Idee, einen bestimmten Willen zu haben, immer eine relevante neuronale Aktivität vorausging. Diese Experimente sind mehrfach erfolgreich wiederholt worden und haben dabei die Position gestärkt, dass der Mensch nur denkt, dass er denkt, wenn er denkt.

Manche der Materialisten nehmen nun die Herausforderung durch die Kreationisten sportlich und fordern deutlichere Anstrengungen zur Aufklärung des Wegs von der Biochemie zu Gefühl, Gedanke und Wille; aber Tatsache ist bisher, dass nicht nur der unklar ist, sondern dass auch eine Antwort auf die Frage fehlt, warum die Gesellschaft der menschlichen Gehirne sich ein Verständigungsmittel geschaffen hat, das auf die Fiktion eines autonom denkenden und handelnden Ichs kaum verzichten kann - nämlich die Sprache.

Die Materialisten haben für ihre zentrale Behauptung (das Bewusstsein ist allein ein Auswuchs der biochemischen Aktivität des Gehirns) gute Belege, aber die Konsequenzen sind, gelinde gesagt, verwirrend. Diese Verwirrung ist das Hauptkapital der Religiösen/Kreationisten, die sich über ihre Grundannahme (dass ein immaterieller Geist die Neuronen zum Feuern Bringt) in eine Position hineinmanövrieren, in der sie keine wissenschaftlich validen Belege für ihre zentrale Behauptung haben können. Und allzu leicht erkennt man in dieser Grundannahme die nur zu verständliche Sehnsucht nach dem ewigen Leben des Geistes, die wiederum die Tendenz der immateriellen Neurowissenschaftler zur propagandistischen Überlautstärke erklärt.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29152/1.html
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