Jetzt sind die Anderen dran!

19.11.2008

Für einen Elitenwechsel in der Wirtschaftswissenschaft

Die Weltfinanzmärkte und bald schon die Weltwirtschaft befinden sich in der tiefsten Krise seit 80 Jahren. Ohne weltweite, extreme staatliche Hilfsmaßnahmen in vierstelliger Milliardenhöhe und historisch einmalige, weltweite Kooperationen von Zentralbanken, die noch vor kurzem kaum mehr als die Sicherung der Preisstabilität im eigenen Lande im Kopf hatten, wären nicht nur reihenweise Banken, Finanzintermediäre und Versicherungen zusammengebrochen, sondern an den weltweiten Börsen Vermögen in kaum vorstellbarer Weise vernichtet worden. Auch die Realwirtschaft – also Investitionen, an denen Hunderttausende von Jobs hängen – befände sich schon längst auf steiler Talfahrt. Und keiner kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt ausschließen, dass all dies nicht doch noch eintreten wird.

Die deutsche Wirtschaftswissenschaft war extrem schlecht auf diese Krise vorbereitet. Noch klingen die Themen der Kollegen Sinn, Straubhaar, Siebert und Co. in den Ohren, die die angeblich verkrusteten Arbeitsmärkte und ausufernde Sozialleistungen als Ursache für die vorgebliche Unfähigkeit Deutschlands – immerhin der Exportweltmeister! – anführten, im Zeitalter der Globalisierung konkurrenzfähig zu bleiben. Sie ließen kein Mikrofon unbesprochen, um die Privatisierung von öffentlicher Daseinsvorsorge einzufordern.

Auch die Forschung – z.B. in Millionenhöhe gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die Volkswagenstiftung – kümmerte sich vornehmlich um "Allokationsprobleme von Arbeitsmärkten", suchte nach der "optimalen Größe des Staates" (womit natürlich eine Senkung der Staatstätigkeit gemeint war) oder erkundete lieber die "innovative Wissensgesellschaft", als sich mit den lange angedeuteten Entwicklungen des Kasino-Kapitalismus oder dem Instabilitätspotential dramatisch gestiegener liquider Anlagemittel bei gleichzeitigen Verwertungsproblemen von Realinvestitionen zu befassen.

Die selbstkritischen Kollegen unter den Mainstream-Ökonomen geben ihre gegenwärtige Orientierungslosigkeit immerhin zu, die dreisteren stricken bereits - wie es übriges auch deren Ahnen Milton Friedman oder Friedrich August von Hayek nach der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre taten – am Mythos vom "Staatsversagen" als grundlegende Krisenursache: Waren es nicht mit Fannie Mae und Freddie Mac quasi-staatliche Banken, die von den USA aus die weltweite Finanzkrise losgetreten hatten? Und sind in Deutschland mit der IKB und einigen Landesbanken nicht auch öffentliche Kreditinstitute besonders betroffen? Als wenn es nicht auf die markt- und konkurrenzgetriebenen Anreizstrukturen der Finanzmarktspekulationen ankäme, sondern nur auf den Eigentümer-Status einiger beteiligter Banken!

Als das letzte Mal in (Ost-)Deutschland das Versagen einer ganzen Elite, insbesondere auch der Wissenschaftselite, deutlich wurde, fand ein kompletter Elitenwechsel statt! Eigentlich müsste an den Wirtschaftsfakultäten der deutschen Universitäten jetzt ein Selbstbereinigungsprozess beginnen, der all jene vor die Tür setzt, die sich als unfähig erwiesen haben, relevante Fragen zu stellen und deren Analysemethodik durch die gegenwärtige Krise diskreditiert wurde.

Selbstverständlich ist dies nicht zu erwarten, schließlich schützt die Wissenschaftsfreiheit zu recht den einzelnen Wissenschaftler (was allerdings nach der Wende bei den "Evaluierungen" an ostdeutschen Universitäten keine Rolle gespielt hat). Aber es müssen zumindest die Anreize im Wissenschaftssystem so verändert werden, dass nicht weiter ausschließlich neoliberale Musterschüler(innen) alle freiwerdenden Professuren besetzen können und den Löwenanteil am Millionenkuchen der Forschungsgelder absahnen:

Die Dominanz amerikanischer Mainstream-Journals, in denen man veröffentlicht haben muss, um überhaupt Chancen auf eine Professur in Deutschland zu haben, muss ebenso gebrochen werden, wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Volkswagenstiftung endlich einen erheblichen Teil ihrer Mittel für jene Forschungen zur Verfügung stellen müssen, die aufgrund ihrer Analysemethodik und Realitätskonstruktion wenigstens die grundlegende Chance bieten, gesellschaftsrelevante Fragen so zu beantworten, dass nicht vorgeprägte Marktdogmen bedient, sondern gemeinnützliche Erkenntnisse und Politiken abgeleitet werden können. Dies impliziert nicht nur "Sonderforschungsmittel" für kritische Forschung, sondern eine komplett neue Besetzung der Vergabeausschüsse, in denen bislang ausschließlich – wie sollte es anders sein – neoliberale "Peers" sitzen.

Jetzt sind die Anderen dran! Im Gefühl der sicheren Dominanz gegenüber den "kritischen 68en"’ und der Unterlegenheit gegenüber den US-amerikanischen Platzhirschen haben die neoliberalen Wirtschaftswissenschaftler in Deutschland eine weitgehende Monokultur geschaffen, die den Entwicklungen in den USA mit einiger Zeitverzögerung hinterherhinken. Während in den USA aber immerhin einige "Dissidenten" an fast allen Universitäten geduldet wurden – mit Paul Krugman bekommt ein moderat kritischer Ökonom in diesem Jahr sogar den Nobelpreis –, und es gar einige Non-Mainstream-Fakultäten gibt, ist die deutsche Wirtschaftswissenschaft besonders arg betroffen: Monokulturen sind eben einem Virus – dem Virus des Zweifels an ihrer Tauglichkeit – schutzlos ausgesetzt.

Hierauf hatte ich die Fachöffentlichkeit vor einiger Zeit aufmerksam gemacht und schüchtern und bescheiden für mehr Pluralität geworben. Die Krise zeigt, dass Bescheidenheit eine Zier ist, die man sich nicht immer leisten kann: Jetzt sind die Anderen dran! Alle Wirtschaftsfakultäten müssen aufgefordert werden, postkeynesianische, marxistische, institutionalistische und "behavioural" Ökonomen besonders zu fördern, und die DFG und die VW-Stiftung müssen kurzfristig und unbürokratisch die wenigen noch verbliebenen kritischen Wirtschaftswissenschaftler finanziell so unterstützen, dass mittelfristig eine gesündere Wissenschaftsstruktur an deutschen Universitäten hergestellt werden kann. Wenn diese Krise nicht zur Besinnung genutzt wird, wird die deutsche Wirtschaftswissenschaft als gesellschaftstaugliche Disziplin dahingerafft werden. Und das wäre dann auch gut so!

Arne Heise ist Professor für Finanzwissenschaft an der Hamburger Universität.

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