Soldaten-Set mit Erstickungsgefahr

Peter Bürger 09.12.2008

Eine vorweihnachtliche Polemik zum "Militainment"

Alle Jahre wieder laufen passend zum Weihnachtsfest der Christenheit hochkarätige Kriegsfilmproduktionen über den Bildschirm. Vielleicht wird sich das deutsche Privatfernsehen auch diesmal wieder für "Pearl Harbor" (USA 2001) entscheiden? Da bekommt man zusammen mit einer rührseligen Soldatenromanze gleich das richtige Geschichtsbild zum Zweiten Weltkrieg vermittelt. Die Kernbotschaft dieses Films für das – bisherige – dritte Jahrtausend: hemmungslose Rache ist die Mutter aller Tugenden. Beteiligt an der Herstellung: die Filmbüros fast aller Waffengattungen des US-Militärs.

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Doch wäre eine solche Programmwahl noch aktuell? Bald wird der Friedensfürst Obama Einzug halten. Erwachsene Zeitungsschreiber lassen ihrer pubertären Begeisterungsfähigkeit schon jetzt freien Lauf und stimmen uns auf ein neues Zeitalter ein. Angesichts der Krise der Finanzmärkte sorgen sich manche, der Kapitalismus könne sich auch diesmal wieder auf das völlig enthemmte Kriegführen verlegen.

Doch wer wollte solchen Pessimisten Glauben schenken, zumal die Angst vor einem neuen Kalten Krieg doch schon gezähmt ist? Wir bleiben weiterhin nur auf "humanitären Kriegsschauplätzen" präsent, was nach der "neoliberalen Aufklärungsarbeit" der letzten drei Jahrzehnte selbst vielen Zivildienstleistenden plausibel erscheint. Getrost können wir darauf vertrauen, dass sich das Parlament bei diesbezüglichen Entscheidungen nur an Sachkriterien orientiert und nicht etwa an antiquierten Antikriegsaffekten in der Bevölkerung.

Eine Legende wird wahr

Es wird nach dem Ende der Amtszeit von George W. Bush nur noch gute Kriege geben, soweit es die westlichen Machtzentren betrifft. Ein smarter neuer US-Präsident kann überdies auch jenem ökonomisch motivierten Anti-US-Amerikanismus wehren, der nach Zusammenbruch der Finanzmärkte in die Mitte der Gesellschaft einzudringen droht.

Das Obama-Zeitalter wird vor allem unterhaltsamer, denn schließlich hat Hollywood dessen Politik-Style schon viele Duzend Male im Voraus durchgespielt[1]. Nach einer Ära böser Löwen kommt wieder die lammfromme Supermacht zum Vorschein, deren Fahne man nur noch mit einem hochmoralischen Verfassungspatriotismus anbetet. Derzeit kann es Ihnen noch passieren, dass Sie an einem langen Winterabend in Ihrer nahen Videothek nur Mist entdecken und mit leeren Händen wieder nach Hause gehen. Im nächsten Jahr aber wird der ganze Kriegsfilmscheiß "made in USA", der jetzt noch die Regale verstopft, verschwunden sein[2].

Phil Strub, der Chef des zentralen Pentagon-Filmbüros, hat sich auch schon mit weiser Voraussicht umgestellt. Kommerzielle Anbieter ohne Militärhilfe zeigen uns noch vom Bushismus kaputt gemachte junge US-Amerikaner. Wenn sie ihre Helden – wie unlängst in "Stopp-Loss" (USA 2008) – am Ende doch wieder in den Krieg ziehen lassen, gibt es dafür sogar Unterstützung von anderen öffentlichen US-Behörden. Paul Haggis hat dem Vater eines US-Soldaten nicht einmal die Erkenntnis erspart, dass sein Sohn im Irak mit buchstäblich wahnsinnigem Vergnügen in den Eingeweiden lebender Araber herumgemanscht hat (In the Valley of Elah; USA 2007).

Zum Zeitpunkt solcher – offenbar am Markt angesagten – Trauerbewältigungen verlegte sich das US-Kriegsministerium schon innovativ auf die Mitwirkung bei einer Legende. Der Film "I Am Legend" (USA 2007) zeigt einen afro-amerikanischen Heilsbringer der Endzeit, dessen Ideale angeblich von Bob Marley inspiriert sind. Der Held darf im Ausnahmezustand alles, denn seine Widersacher sind aufgrund einer apokalyptischen Virusinfektion gar keine richtigen Menschen mehr.

Der Titel ist zwar schlechter gemacht als seine Vorbilder "The Last Man on Earth" (Italien/USA 1964) und "The Omega Man" (USA 1971), doch auch in "I Am Legend" läuft das Ende auf einen pseudochristlichen Erlösermythos hinaus. Das wäre doch wohl die richtige Programmauswahl für das Weihnachtsfernsehen im Obama-Zeitalter. Lieber viel Endzeit-Action mit Maschinengewehr und etwas Wissenschaft unter dem Tannenbaum als einen "richtigen Krieg". Auch so lässt sich eine Projektionsfläche zur Entladung der Weihnachtsanspannung bereitstellen.

Ein weiterer Vorteil dieser Wahl: In der TV-Präsentation kann man den Filmnachspann mit den militärischen Helfern, den ja auch 99,9 Prozent der Filmrezensenten ihrer Leserschaft vorenthalten, einfach wegkürzen. Da ich zu den Ewiggestrigen gehöre, die sich für solche unwichtigen Details interessieren, möchte ich das entsprechende Abspann-Ende von "I Am Legend" hier doch wiedergeben:

Special Thanks: Philip Strub, Office of the Assistant Secretary of Defense for Public Affairs / Lieutenant Colonel, Paul Sinor, US Army, Department of Defense Project Officer and Military Advisor / 1st Battalion 69th Infantry, New York Army National Guard / 1st Battalion 258th Field Artillery, New York Army National Guard / 3rd 142nd Aviation, New York Army National Guard.

Mit Soldaten spielen – aber bitte nicht verschlucken

Allerdings ist der neue Äon des Friedens noch nicht überall angebrochen. Der Textil-Discounter KiK setzt zum Beispiel unverdrossen auf ordinäre, unverhüllte Kriegsästhetik und stellt in seiner Auslage zur Vorvorweihnachtszeit ein "Soldaten-Spielset" ein. Vor wenigen Stunden habe ich ein solches Set im Schaufenster einer Düsseldorfer KiK-Filiale erblickt und konnte einem Kauf nicht widerstehen. Es kostet 9,99 Euro und ist damit viel teurer als viele praktische Bekleidungsangebote der Kette. Für finanzschwache Teile der Bevölkerung liegt das vielleicht noch im Budgetrahmen für Weihnachtsgeschenke, mag der Anbieter gedacht haben. Die Käufer werden aber per Aufdruck und Symbol am Verpackungsboden darüber informiert, dass man das "Soldaten-Spielset" an Babys nicht verschenken darf:

Achtung Erstickungsgefahr! Nicht geeignet für Kinder unter 3 Jahren, aufgrund verschluckbarer Kleinteile. Adresse und Produktinformation bitte aufbewahren.

Die "verschluckbaren Kleinteile" sind allesamt aus billigem Plastik und nicht wie ehedem aus Zinn. Dazu gehören zwei Magazingewehre, zwei Rucksäcke mit Granaten und anderem Schießzubehör sowie – nur vielleicht verschluckbar – zwei Soldaten samt Nachtsichtgerät etc. Weitere verschluckbare Teile befinden sich an den beiden Militärfahrzeugen, die mit insgesamt vier großen Maschinengewehren ausgestattet sind. Die auf einen halben Meter aufgeblähte Pappverpackung trägt Aufdrucke wie "Soldier Force" oder "Hot Military Equipment". In den USA ist das Set aber wirklich nicht produziert worden, was man bei Kenntnis der dortigen Qualitätsstandards für Kinderkriegsspielzeug auch nicht erwartet hätte. Wieder klärt uns ein Verpackungsaufdruck auf:

Hergestellt für … KiK Textilien und Non-Food GmbH … D-59199 Bönen (Germany) – Made in China.

Für die die politische Klasse bleibt noch genug Anlass zur Aufregung

Was soll man sich nun über solche wirklich nicht mehr zeitgemäße Kriegsbespaßung für Zielgruppen mit kleinem Geldbeutel aufregen? Schließlich sind dem Soldatenspiel-Karton von KiK nicht einmal Feinde oder kleine Beutel mit künstlichem Blut beigegeben. Bezogen auf die ganz alltägliche Kriegsunterhaltung mit politischen Drehbüchern, Historienklamauk, Technikfaszination und sauberer Kriegsästhetik regt sich schon längst keiner mehr auf, obwohl diese vielleicht viel wirkungsvoller ist als Plastikgewehre. Entsprechende Filmangebote finden bei geschickter Verpackung des Inhalts mühelos Eingang in das Sortiment von Stadt- oder Pfarrbibliotheken. In den Regalen vieler Drogeriefilialen ist fast keine Sorte von Kriegspropaganda ausgenommen.

Gewiss, öffentliche Bildungsträger machen seit geraumer Zeit multimediale Angebote im Sinne einer ganz ausgewogenen "Friedenspädagogik". Die Schüler sollen sich dabei – ohne Manipulation durch einen vorgegebenen zivilisatorischen Antikriegskonsens aus vergangenen Zeiten – selbständig ein Bild machen und vor allem lernen, formale Gestaltungsmerkmale zu klassifizieren. Negative Propagandabeispiele kommen dann meistens aus den USA. Deutschland und Europa haben mit Militarisierung oder staatlich subventioniertem "Militainment" offenbar keine Probleme. Überhaupt beschleicht einen bisweilen das Gefühl, staatstragende Akteure der "Friedenspädagogik" könnten ihr Gesicht am bequemsten wahren, indem sie die Kritik des Krieges einfach durch Mediengewaltkritik ersetzen.

Doch gibt es überhaupt ein ernsthaftes Interesse an medien- und kulturpolitischen Alternativen, die der laufenden UNO-Dekade für eine Kultur der Gewaltfreiheit dienlich sein könnten? Unternimmt irgendjemand im Bundestag zumindest etwas zum Schutz der Verbraucher vor Unterhaltungsprodukten mit einer kaum transparenten Beteiligung von Militärs oder ökonomischen Kriegsprofiteuren? Vor etwa zwei Jahren habe ich entsprechende Anregungen u.a. auch an das Büro eines Parlamentariers der heutigen Linkspartei geschickt. Eine Antwort steht noch immer aus. So bieder und konventionell sich "Die Linke" in der derzeitigen "Finanzkrise" präsentiert, so unbeweglich scheint sie auch auf anderen Gebieten zu sein. Ein Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, der gezielt den Narren spielt, ist mit Abstand das Erfrischendste, was sie zu bieten hat.

Gottlob gibt es noch immer andere Dinge, über die sich Politiker – auch "Linke" – aufregen können. Dazu gehörte 2008 das Plakat mit einem schwarz-rot-gelb betuchten Soldatensarg, das das Berliner "Büro für antimilitaristische Maßnahmen" seit fünf Jahren im Internet eingestellt hat. Der Textteil besteht aus einer drastischen – in der Tat sehr schlecht gemachten und verunglückten – Satire. Nachdem vor allem rechte Medien die Einheizung besorgt hatten, überboten sich Vertreter aller Parteien in Entrüstung. Skandalös sind also nicht Särge, in denen Soldaten aus sinnlosen Kriegseinsätzen nach Hause kommen. Skandalös ist nur, dass Antimilitaristen der Öffentlichkeit diese Särge vorausschauend präsentieren und dabei absichtlich den guten Geschmack verlassen. So oder so: Der Krieg ist kein Spiel, sondern ein dicker Brocken, an dem man beim Runterschlucken leicht ersticken kann.

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29168/1.html
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