Vier Tage im November
Das JFK-Attentat in Film und Fernsehen
Sage keiner, dass ein früher Tod nicht auch Vorteile hat. Für den Nachruhm gibt es nichts Besseres. Gerade hat der Kennedy-Mythos dabei geholfen, Barack Obama ins Weiße Haus zu bringen. Vor 45 Jahren, am 22. November 1963, wurde John F. Kennedy in Dallas erschossen. Das war der Beginn einer nicht enden wollenden Mediengeschichte. Eine vorläufige Bestandsaufnahme.
Verschwörungstheorien gibt es viele: John F. Kennedy wurde in Dallas von der Mafia getötet, von texanischen Ölbaronen, von Agenten Fidel Castros, von Exil-Kubanern, vom KGB, von der Polizei von Dallas, von J. Edgar Hoovers FBI, von der CIA, vom Secret Service, vom Militärisch-Industriellen Komplex, von der einen oder anderen Kombination aus diesen Gruppen. Meine Lieblingstheorie geht von der Überlegung aus, dass JFK genau dann erschossen wurde, als die amerikanischen Medien sich so weit entwickelt hatten, dass das Attentat live im Fernsehen gezeigt werden konnte. Leider haben gerade die Verfechter dieser Theorie bei der Suche nach Beweisen nur geringe Fortschritte gemacht. Das mag daran liegen, dass das Fernsehen gar nicht dabei war, als der Präsident erschossen wurde, obwohl es danach immer so tat, als ob.
Der erste Fernseh-Präsident
John F. Kennedy war der Liebling der Medien. Er hatte eine Frau, die zur Stilikone wurde, war Harvard-Absolvent und Kriegsheld, jung und gutaussehend, schlagfertig und ein oft brillanter Redner (seine Redenschreiber waren übrigens viel besser als die von Barack Obama, aber sie konnten auch mit einer größeren Aufmerksamkeitsspanne des Publikums rechnen, weshalb nicht immer alles dreimal gesagt werden musste). Er war der erste US-Präsident, der entdeckte, wie er das relativ neue Medium Fernsehen für sich nutzen konnte (so wie Obama das Internet). Sein Gegenkandidat Richard Nixon soll 1960 die Wahl verloren haben, weil er bei den TV-Duellen so schlecht rasiert aussah (Kennedy ließ sich vorher schminken und trainierte seinen Auftritt). Jedenfalls gibt es Umfragen, denen zufolge Kennedy die Debatten bei den Fernsehzuschauern klar für sich entschieden hatte; bei denen, die das Ganze am Radio verfolgt hatten, lag Nixon vorn. Als Präsident führte Kennedy regelmäßige Pressekonferenzen ein, die live im Fernsehen übertragen wurden. Alles war genau darauf abgestimmt, wie er am besten zur Geltung kommen würde. Pierre Salinger, der Pressesprecher, überlegte vorher, welche Fragen gestellt werden könnten und sammelte dann bei den Mitarbeitern von Kennedys Stab mögliche Antworten. Die gelungensten dieser Antworten übte der Präsident ein, ehe er vor die Kameras des Fernsehens trat.
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| JFK |
Am 22. Oktober 1962, zur besten Sendezeit, forderte Kennedy die Russen via Fernsehen auf, ihre Raketen aus Kuba abzuziehen. So etwas hatte es vorher nicht gegeben. Dank Kennedy erlebten amerikanische TV-Zuschauer einen Präsidenten in Aktion. Jackie Kennedy lud das Fernsehen zu einer Besichtigungstour durch das Weiße Haus. Am 17. Dezember 1962 empfing ihr Gatte, als erster US-Präsident, die Korrespondenten der drei großen Fernsehsender zu einem informellen Gespräch, das live übertragen wurde. Das wertete das Medium in einem Maße auf, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann. TV-Reporter galten als unseriös. Echte Nachrichten gab es nach einer weitverbreiteten Ansicht nur in den Printmedien. Dieses Vorurteil teilten auch viele Fernsehleute. Es gab TV-Reporter, die eine Nachricht erst an die Kollegen von einer Presseagentur weiterleiteten, weil sie wussten, dass ihr Chefredakteur sie sonst nicht ernst nehmen würde. Durch Kennedy wurde alles anders. Durch ihn wurde das Fernsehen wichtiger für Politiker als die Printmedien. Die TV-Reporter holte das aus der Schmuddelecke. Das Fernsehen wurde allmählich als ein legitimes Medium zur Verbreitung von Nachrichten akzeptiert.
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Der Informationsanteil der Fernsehprogramme wurde größer. Im Herbst 1963 verlängerten die Sender CBS und NBC ihre abendliche Nachrichtensendung von 15 auf 30 Minuten (inklusive der Werbeunterbrechungen). Kennedy gab zu diesem Anlass beiden ein Interview. Ende des Jahres (nach dem Attentat) hatte man mit den Printmedien gleichgezogen. Erstmals informierten sich genauso viele Amerikaner durch das Fernsehen wie durch die Zeitung. CBS hatte 1960 einen deutlichen Sieg von Nixon vorausgesagt und sich ziemlich blamiert. Inzwischen unternahm man große Anstrengungen, den Vorsprung des Konkurrenten NBC aufzuholen. Überall im Land wurden neue Regionalbüros eröffnet. Das in Dallas leitete ein junger Journalist namens Dan Rather, später langjähriger Anchorman und längst eine Fernsehlegende.
Triumphale Momente: Schüsse in der Elm Street
Die Berichterstattung über das Attentat wurde zu einem triumphalen Moment in der modernen Mediengeschichte verklärt (und mit zahlreichen Preisen bedacht). Aber eigentlich begann diese Berichterstattung erst, als schon alles vorbei war. Kennedy wurde von mehr als 50 Washington-Korrespondenten begleitet. Sie alle befanden sich in seiner durch Dallas fahrenden Wagenkolonne, auf zwei Busse und ein Auto verteilt. An der Dealey Plaza fielen plötzlich Schüsse. Chaos brach aus. Die meisten Reporter sahen nicht einmal mehr den zum Parkland Hospital rasenden Präsidentenwagen, als sie die Busse verlassen hatten. Im Gegensatz zu einem Hollywood-Regisseur wie Oliver Stone, sagte Dan Rather auf dem Höhepunkt der Kontroverse um dessen Film JFK, "versuchen Journalisten, sich an die Fakten zu halten und Zeugnis abzulegen". Wenn dem so ist, dann war das kein guter Auftakt. "Die Momente des journalistischen Triumphs", schreibt Barbie Zelizer in ihrem Buch Covering the Body ironisch, "waren unregelmäßig über das Attentats-Wochenende verstreut." Den Mord selbst hatte man schon mal verpasst.
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Die Photos vom Ereignis lieferten nicht die Pressephotographen, sondern Ladenbesitzer, Hausfrauen und Geschäftsleute. Das wichtigste Filmdokument wäre fast nicht gedreht worden; der Textilfabrikant Abraham Zapruder hatte seine Schmalfilmkamera vergessen und gerade noch rechtzeitig beschlossen, zurück nach Hause zu gehen und sie zu holen. Die Augenzeugenberichte stammen von Laien. Die Profis, also die Reporter, hatten nichts gesehen, sondern nur etwas gehört, und nicht alle waren sicher, was es gewesen war. Drei Schüsse hatte Merriman Smith von der Nachrichtenagentur UPI ausgemacht. Er saß in einem Auto und bekam als erster das eingebaute Radiophon zu fassen. Um 12.34 Uhr - zwei Minuten, bevor die Präsidentenlimousine das Krankenhaus erreicht hatte - ging die Nachricht über den UPI-Ticker.
Für viele der Augen- und Ohrenzeugen auf der Dealey Plaza war das alles viel zu schnell. Einige glaubten, zwei, vier oder fünf Schüsse gehört zu haben und sagten das auch so. Bevor sie das Erlebte verarbeiten konnten, erfuhren sie schon, dass das Radio drei Schüsse gemeldet hatte. Die Zeugen wurden unsicher und korrigierten sich. Manch einen Verschwörungstheoretiker beschäftigt diese Diskrepanz bis heute. Merriman Smith wurde später mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Den erhielt er offenbar mehr für das Tempo, in dem er etwas berichtet hatte, als für Genauigkeit. Anfangs glaubte er, drei Schüsse aus einer automatischen Waffe gehört zu haben. Mit dieser Nachricht unterbrach CBS das laufende Programm. Danach musste sich Smith korrigieren (wie auch bei anderen Details). CBS erwähnte die automatische Waffe nicht mehr. Fletcher Prouty ("Mr. X" in JFK) und andere sahen darin einen Beleg für eine Verschwörung.
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Der Newsweek-Korrespondent Charles Roberts fuhr in der Überzeugung nach Dallas, dass Journalisten "ausgebildete professionelle Beobachter" seien. In seinem 1967 erschienenen Buch The Truth about the Assassination zeigt er sich sehr ernüchtert:
Ein Zeuge der Ereignisse zu sein, die auf den letzten Schuss folgten war so, wie wenn man die sprichwörtliche Explosion in einer Schindelfabrik miterlebt und nicht weiß, jeweils im Bruchteil einer Sekunde, wo man hinschauen soll. Ich wäre sehr zögerlich, unter Eid Aussagen über einige Ereignisse zu machen, die ich peripher gesehen habe. Jetzt, hinterher, wird mir klar, dass viele von den Beobachtungen von Zeugen, die ich in den nächsten paar Stunden hektisch notierte, ein Produkt der Phantasie, des Schocks, der Konfusion oder von etwas viel Schlimmerem waren - des makabren Wunsches einiger Zuschauer, mit einer großen Tragödie identifiziert zu werden, oder vorzugeben, mehr Wissen aus erster Hand über das Ereignis zu haben, als dies wirklich der Fall ist.
Live dabei: Dan Rather berichtet
Roberts meint damit auch seinen eigenen Berufsstand. James Altgens, Photograph der Nachrichtenagentur AP, machte das einzige professionelle Bild vom Attentat; darauf ist ein von hinten auf das Präsidentenauto kletternder Agent des Secret Service zu sehen. 24 Stunden später hatten sich Zeitungen und Magazine die Polaroids einer Hausfrau besorgt, die sich umso verschiedener interpretieren lassen, je unschärfer sie sind. Die Zeitschrift Life gab das höchste Gebot für Zapruders Schmalfilm ab (150 000 Dollar für alle Rechte). Eine Auswahl der Filmbilder wurde dann (in geänderter Reihenfolge) abgedruckt - ohne Namensnennung, was den Eindruck erweckte, ein Profi habe sie aufgenommen. Dan Rather durfte sich den Film anschauen und schilderte danach in der Nachrichtensendung von CBS, was er gesehen hatte. Dabei erzählte er, dass der Kopf des Präsidenten mit großer Wucht nach vorne gefallen sei. Diese unvollständige Beschreibung brachte ihm von Verschwörungstheoretikern den Vorwurf ein, er sei an einer Vertuschungsaktion beteiligt gewesen. In seiner Autobiographie, The Camera Never Blinks, rechtfertigt er sich so:
Ich versäumte es, die heftige Reaktion nach hinten zu erwähnen. Das war, wie einige Verschwörungsanhänger jetzt argumentieren, eine bedeutende Auslassung. Aber bestimmt nicht absichtlich. Auf die Gefahr hin, zu abwehrend zu klingen, möchte ich jeden auffordern, zum ersten Mal einen 22 Sekunden langen Film mit einer verheerenden Wirkung anzusehen, mehrere Straßen weit zu laufen und dann vollständig zu beschreiben, was er gesehen hat. […] Ich weiß nur, dass ich es so gut und so ehrlich gemacht habe, wie ich es unter den Umständen konnte.
Diese Umstände sind interessant. Dan Rather machte anschließend Karriere, wurde Washington-Korrespondent und dann Anchorman von CBS. Einen enormen Schub erhielt diese Karriere durch seine Berichterstattung über das Attentat. Die technischen Hilfsmittel von Fernsehjournalisten waren noch sehr primitiv, niemand hatte einen Übertragungswagen und eine Satellitenschüssel dabei. CBS hatte aber ein Studio in Dallas und relativ gute Möglichkeiten, Meldungen an die Zentrale zu übermitteln. Rather wird oft als der Mann genannt, der als erster Kennedys Tod meldete. Er gab die Nachricht an Walter Cronkite in New York weiter (das ist der, den man am Anfang von JFK auf dem Bildschirm sieht, wenn Kevin Costner die Fernsehnachrichten verfolgt). An diesem Wochenende wurde Rather zum "Augenzeugen" des Fernsehsenders CBS in Dallas, und bis heute ist er es geblieben. Er hielt sich aber die meiste Zeit im Studio auf und leitete weiter, was ihm andere zugetragen hatten. "Augenzeuge" wurde er also dadurch, dass er keiner war. Der Mann, der tatsächlich vor Ort war und in Erfahrung brachte, dass Kennedy tot war, ist längst vergessen. Er hieß Eddie Barker und war der Nachrichtenchef eines mit CBS affiliierten Lokalsenders.
Dunkle Tage und neue Augenzeugen
Wenn die Laien, die Hausfrauen und die Geschäftsleute, schon wirres Zeug redeten, übernahmen eben die Profis die Augenzeugenschaft für sie. Das geschah erstaunlich schnell und ist ziemlich kurios. CBS strahlte am Montag nach dem Attentat die einstündige Sendung The Four Dark Days: From Dallas to Arlington aus, mit dem Journalisten Charles Collingwood als eine Art allwissender Erzähler. Collingwood schilderte, was vorgefallen war - ganz so, als habe er es selbst gesehen. Zur Legitimierung zeigte er ein Photo der unter Beschuss geratenen Limousine. Das war ein beliebtes Verfahren. Wer beim Ereignis nicht dabeigewesen war, besorgte sich das, was andere davon festgehalten hatten. Das gab Autorität. Collingwoods Darstellung unterschied sich sehr von dem, was zuerst von den Agenturen gemeldet worden war. Ist das schon ein Beleg für eine Verschwörung? Oder hatten Collingwood und seine Kollegen aus den vielen widersprüchlichen Informationen, die in Dallas kursierten, einfach eine kohärent wirkende Geschichte gemacht?
Der AP-Reporter Jack Bell saß neben Merriman Smith, als die Schüsse fielen (und stritt sich danach mit ihm um das Radiophon). Die New York Times veröffentlichte tags darauf seinen Bericht und wies darauf hin, dass er vom vierten Auto in der Wagenkolonne aus "Zeuge des Attentats" gewesen sei. Bell hatte einen lauten Knall gehört. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis er "Augenzeuge" war. Besteht ein Unterschied, ob man nichts gesehen hat und ein paar Wagenlängen vom Ereignis entfernt war, oder ob man weiter weg war und nichts gesehen hat? Später erschienen Berichte von Leuten, die sich dadurch legitimierten, dass sie ein halbes Jahr vorher in Dallas gewesen waren oder geplant hatten, am 22. November dort hinzufahren. Das Erstaunliche ist, dass sie damit durchkamen.
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| JFK: Garrison trifft Mr X beim Lincoln Memorial |
Als Stones JFK anlief, wies der TV-Reporter Steve Bell alle Verschwörungstheorien des Films, den er so wenig gesehen hatte wie das Attentat, kategorisch zurück. Er glaubte, dazu berechtigt zu sein, "weil er nur Stunden nach dem Attentat auf Präsident Kennedy nach Dallas geflogen war", wie es im Philadelphia Inquirer (10.1.1992) hieß. Andere Zeitungen druckten das nach, ohne darauf hinzuweisen, wie seltsam Bells Argumentation eigentlich war. Oliver Stone hatte übrigens mit der anderen Gruppe der Augenzeugen gesprochen, den Einwohnern von Dallas, weil er die Szene auf der Dealey Plaza möglichst genau nachstellen wollte. Wie weit der Film mit dem übereinstimmte, woran die Zeugen glaubten, sich nach fast 30 Jahren noch erinnern zu können, war schwer festzustellen. Die meisten sprachen nur noch mit Journalisten, wenn sie dafür Geld bekamen. Das ist die Kapitalismus-Variante der Geschichte von den vielen Augenzeugen, die später unter mysteriösen Umständen starben.
Die Berichterstattung wurde stark personalisiert. Die eigene Erfahrung, wie immer sie gewesen sein mochte, verschaffte Journalisten ein besonderes Maß an Autorität. Zumindest wurde ihnen diese von den Medien zugesprochen. Als Charles Roberts einige Jahre später seinen Artikel "Eyewitness in Dallas" (Newsweek, 5.12.1966) veröffentlichte, war er mit einem Photo illustriert: der Reporter an Bord von Air Force One, hinter dem den Amtseid ablegenden Lyndon B. Johnson. Obwohl er nach den Erfahrungen von Dallas jeder Form von Augenzeugenschaft gegenüber, auch der von Journalisten, äußerst skeptisch eingestellt war, schmückte den Schutzumschlag seines Buches The Truth about the Assassination eine Reproduktion seiner Presseakkreditierung in Dallas - als quasi offizielle Beglaubigung seines Expertentums.
Das Dallas-Wochenende: Tragödie in fünf Akten
Diese Autorität wollten sich die Journalisten nicht mehr nehmen lassen. Als Mark Lane, einer der führenden Verschwörungstheoretiker, eine Liste mit Zeugen des Attentats aufstellte, wurde er von Reportern getadelt, weil er deren Namen nicht mit aufgenommen hatte. Tom Wicker von der New York Times wusste schon kurz nach den Schüssen nicht mehr, ob er im ersten oder im zweiten Pressebus gesessen hatte. In einem seiner Artikel stellte er fest, dass er keinen Reporter kenne, "der vor Ort war und ein klares, geordnetes Bild von diesem surrealen Nachmittag hat; es sind immer noch Bruchstücke, in aller Eile zu so etwas wie einem großen Ganzen zusammengesetzt". Aber als Oliver Stone JFK drehte, las Wicker dem Regisseur die Leviten, weil der sich anmaßte, eine Version der Ereignisse zu erzählen, die von seiner, des Augenzeugen Tom Wicker, abwich.
Der 22. November 1963 gilt als "der Tag, an dem das Fernsehen erwachsen wurde". Aber das soeben volljährig gewordene Medium war in einer blöden Lage. Ausgerechnet der Fernsehpräsident war nicht da erschossen worden, wo die Sender ihre Kameras aufgebaut hatten, sondern auf dem Weg dahin, in der Elm Street. Was tut man also, wenn man den "Haupt-Event" verpasst hat? Man bettet ihn in einen größeren Zusammenhang ein, weil es dann nicht mehr so auffällt. Das ist erstaunlich gut gelungen. Vor allem die TV-Journalisten machten aus dem Attentat eine lange Geschichte, die von der Ankunft des Präsidenten am Flughafen von Dallas (Freitag) bis zu den Trauerfeierlichkeiten am Montag reicht. Diese Geschichte hat fünf herausragende Momente, so wie die klassische Tragödie fünf Akte hat: das Attentat; das Krankenhaus; Johnson legt in der Air Force One den Amtseid ab; Lee Harvey Oswald wird von Jack Ruby erschossen; Kennedys Beisetzung. Den Erfolg dieses Verfahrens kann man daran erkennen, dass das Fernsehen später allgemein dafür gelobt wurde, mit wie viel Taktgefühl es berichtet und dass es keine schlimmen Bilder vom Attentat gezeigt hatte. Das Fernsehen hatte aber gar keine Bilder, die es hätte zeigen können; Zapruders Schmalfilm hatte ironischerweise eine Zeitschrift gekauft.
Am zutreffendsten abgebildet wird die Situation in Dallas vielleicht von den Fernsehaufnahmen, auf denen man sieht, wie ein Rudel Journalisten verwirrt vor dem Parkland Hospital steht. Ein Reporter durchbrach mit seinem Auto die Absperrungen der Polizei und erhielt viel Lob für seine Eigeninitiative. Weniger als eine Stunde nach den Schüssen veranstaltete das Krankenhaus eine improvisierte Pressekonferenz. Das war das erste Mal, dass die Journalisten Zugang zu offiziellen Informationen hatten. William Manchester beschreibt das in seinem Buch The Death of a President (1967) als "die stürmischste Stunde in der Geschichte des amerikanischen Journalismus":
"Es war eine Szene wie im Irrenhaus. Mehrere Korrespondenten waren hysterisch. Eine Frage wurde gestellt, und der Arzt war mit seiner Antwort halb fertig, als ihn ein anderer Reporter mit einer völlig anderen Frage unterbrach. Falsches Zitieren war unvermeidlich. […] Ärztliche Pressekonferenzen sollten eigentlich Missverständnisse ausräumen. Die im Parkland Hospital bewirkte genau das Gegenteil."
Die Ärzte hatten kaum Zeit gehabt, den Leichnam zu untersuchen. Der Chirurg Malcolm Perry beantwortete die Frage, ob es möglich sei, dass Kennedy von vorn getroffen worden sei, mit einem Ja, oder zumindest schien er das gemeint zu haben. Einer der Reporter rief: "Doktor, merken Sie, was Sie da tun? Sie verwirren uns." Aber der Doktor konnte darauf nicht mehr eingehen, weil er schon die nächste und die übernächste Frage beantworten musste. Tags darauf wurde vielerorts gemeldet, dass eine Kugel von vorn gekommen sei. Später wurde es - meist stillschweigend - zurückgenommen. Damit war der Grundstein zu einer der heftigsten Kontroversen rund um das Attentat gelegt. Journalisten geben es nicht gern zu, wenn sie verwirrt sind. Für andere Leute gilt das auch. Man fügt das, was man nicht richtig verstanden hat, in eine Geschichte ein, die einem sinnvoll erscheint. Bei Bedarf wird die Geschichte abgeändert. Damit ist noch nicht gesagt, dass es keine Verschwörung und keine Vertuschungsaktion gegeben hat. Aber für vieles von dem, worauf die Verschwörungstheoretiker ihre Überlegungen stützen, gibt es eine ganz harmlose Erklärungsmöglichkeit.
Schuss aus dem Fernseher: Oswald stirbt
Nach dem Attentat kamen sehr schnell sehr viele zusätzliche Medienvertreter nach Dallas (nach 24 Stunden waren es schon 300). Auf so etwas war die Stadt nicht eingestellt. Am Samstagmorgen sollte Oswald verlegt werden. Das sprach sich schnell herum. Um 10 Uhr hatten sich etwa 50 Photographen, Kameraleute und Reporter von allen Medien im Untergeschoss des Stadtgefängnisses versammelt. Im allgemeinen Chaos trat Jack Ruby vor und gab den tödlichen Schuss auf Oswald ab. Diesmal war das Fernsehen tatsächlich live dabei. Das Fachblatt Broadcasting erschien eine Woche später mit einem Sonderteil, in dem nacherzählt wurde, was auf der Mattscheibe zu sehen gewesen war:
Oswald, flankiert von Polizisten, betrat eine Rampe im Untergeschoss des Stadtgefängnisses von Dallas und wurde zu einem gepanzerten Wagen geführt, der ihn ins Bezirksgefängnis bringen sollte. Plötzlich kam der Rücken eines Mannes aus der rechten unteren Ecke des Fernsehschirms. Ein Schuss knallte los, und Oswald schnappte nach Luft und begann, sich an der Seite haltend, nach vorn zu fallen.
Diese Beschreibung - auch der zweite Satz - wurde von zahlreichen anderen Medien wörtlich übernommen. Oswald und sein Mörder waren damit in die Fernsehrealität eingegangen. Denn Jack Ruby kam, dieser Schilderung nach, nicht aus einer Ecke des Untergeschosses, sondern "aus der rechten unteren Ecke des Fernsehschirms". Das hatte etwas sehr Tröstliches. Denn das Fernsehen hatte bei Erscheinen der Zeitschrift aus den verwirrenden Ereignissen dieses Wochenendes bereits eine Geschichte mit Anfang (das Attentat), Mitte (Oswalds Ermordung) und Schluss (die Beisetzung) gemacht.
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| Oswald in der Tiefgarage (aus Executive Action) |
Nach dem spektakulären Vorfall in der Tiefgarage gab es Kritik an den Medienleuten, die den Mord durch ihre Anwesenheit erst möglich gemacht hätten. Aber sehr bald überwog das Lob. In Fachzeitschriften zeigte man sich erleichtert darüber, dass diesmal die Vertreter der Medien dabeigewesen waren und professionelle Bilder und Berichte geliefert hatten, statt auf die unklaren Angaben von Laien angewiesen zu sein. Die Scharte von der Elm Street war somit ausgewetzt. Dafür gab es mehrere Medienpreise. Man sollte aber vorsichtig sein. Ike Pappas, Reporter eines New Yorker Radiosenders, hielt Oswald gerade sein Mikrophon hin, als Ruby den Schuss abgab. Er begriff erst, was er gesehen und gehört hatte, als die Reporter hinter ihm riefen, Oswald sei niedergeschossen worden. Dann teilte er es seinen Hörern mit.
Nach der Ermordung des Präsidenten gab es ein großes Bedürfnis nach Zusammenhalt und Gemeinsamkeit. Die Medien, und besonders das Fernsehen (93% aller Haushalte mit einem TV-Gerät sahen die Beisetzung), leisteten dazu einen wichtigen Beitrag. Indem sie das Attentat in eine Geschichte verpackten, sorgten sie für ein Gefühl der Abgeschlossenheit. Kommentatoren hoben damals hervor, wie sehr das Fernsehen dabei geholfen habe, einen nationalen Heilungsprozess einzuleiten. Wenig später setzte die Verklärung der Kennedy-Jahre ein. Das war auch eine Möglichkeit, das Attentat zu bewältigen.
Trauriges Camelot
Guy Bannister, einer der Verschwörer in JFK, trinkt am Tag des Attentats darauf, dass "Camelot" jetzt in Stücke geschlagen sei. Das ist - knapp, aber doch - ein Anachronismus. Eine Woche nach dem Tod ihres Mannes bat Jackie Kennedy den Reporter Theodore White zur Audienz. Sie berichtete ihm von ihren traumatischen Erlebnissen und erzählte ihm, dass ihr Gatte vor dem Schlafengehen gern die Platte mit den Songs aus dem (ziemlich schrecklichen) Musical Camelot gehört habe. Dann bat sie ihn, dem Weißen Haus unter Kennedy diesen Namen zu geben: Camelot. White kam dem Wunsch gern nach und stieg zum Star-Journalisten auf. Seine hymnische Art, die Reportage mit dem Mythisch-Imaginären zu verbinden, kam gut an und wurde von anderen imitiert. White wurde mit Walt Whitman und Homer verglichen, und bald erschienen ganze Bücher über das "Leben in Camelot". White selbst wurde das schließlich unheimlich. In einem Artikel für das Magazin Time ("Camelot, Sad Camelot", 3.7.1978) erinnert er sich an Jackie Kennedy, die sich gewünscht habe, "dass Camelot im Titel über dem Bericht steht" und meint: "Camelot, Helden, Märchen, Legenden, das war es, worum es in der Geschichte ging. […] Dadurch wurde Camelot zur Grabinschrift über der Kennedy-Regierung - ein magischer Moment in der amerikanischen Geschichte. Das ist natürlich eine Fehlinterpretation der Geschichte. Das magische Camelot von JFK hat nie existiert."
Nach dem Attentat von Dallas erlebte das Land die Ermordung von Martin Luther King, Robert Kennedy und Malcolm X, die Eskalation des Vietnamkriegs (nach dem ersten Fernsehpräsidenten der erste Fernsehkrieg), Studentenunruhen und Watergate. Wer eine Erklärung dafür suchte, konnte wenigstens genau den Tag nennen, an dem die Nation vom Kurs abgekommen war. Es war der 22. November 1963. "Manchmal habe ich das Gefühl", sagt Jim Garrison in Oliver Stones JFK, "dass alles bergab gegangen ist, seit John Kennedy getötet wurde." Vielen Amerikanern spricht er damit aus dem Herzen.
Am 29. November 1963 setzte der neue Präsident, Lyndon B. Johnson, die Warren-Kommission ein, die das Attentat untersuchen sollte. Am 24. September 1964 veröffentlichte die Kommission ihre Ergebnisse: Es hatte keine Verschwörung gegeben und nur einen Schützen, Lee Harvey Oswald. Von den Mainstream-Medien wurde der schließlich auf 26 Bände anschwellende Warren-Report wohlwollend aufgenommen. Die Kritiker waren eine kleine Minderheit und wurden nicht weiter ernst genommen. In den USA bezeichnete man sie als "conspiracy buffs". Jeder hatte eben seine Macke. Die einen sammelten Spielzeugeisenbahnen oder Teewärmer, die anderen Verschwörungstheorien.
Die Prequels: Faschistoide Generäle und programmierte Attentäter
Wenn Journalisten einen guten Titel suchen, machen sie gern Anleihen bei etwas, das schon vorhanden und bekannt ist. Das ist legitim, birgt aber auch Risiken. Da das verlängerte Attentats-Wochenende durch die Veröffentlichung des Warren-Reports wieder in aller Munde war, produzierten die United Artists und die Nachrichtenagentur UPI eine sehr umfangreiche Dokumentation mit viel TV-Material von 1963 und dem Schauspieler Richard Basehart als Erzähler. Four Days in November lief am 7. Oktober 1964 erstmals im US-Fernsehen. Die Dokumentation blieb sehr reserviert gegenüber allen Verschwörungstheorien. Trotzdem spukte das Komplott schon durch den Titel. Denn zu dem hatte man sich von Seven Days in May inspirieren lassen, dem aktuellen Kinoerfolg von John Frankenheimer. (Die "Vier Tage im November" gefielen übrigens so gut, dass sie später immer wieder im Titel von Fernsehdokumentationen über das Attentat von Dallas auftauchten.)
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Seven Days in May ist einer der großen Paranoia-Filme der 1960er. Der US-Präsident will abrüsten und den Kalten Krieg beenden. Für einen seiner Generäle (Burt Lancaster) ist das Verrat am amerikanischen Volk. Er will den Präsidenten zwar nicht umbringen, aber doch gefangen nehmen und dem Notstand ausrufen, damit weiter Bomben gebaut werden können. Weil einer seiner Untergebenen (Kirk Douglas) treu zur Verfassung steht, kann der Staatsstreich im letzten Moment verhindert werden. Man kann sich fragen, wie viel Unbewusstes bei der Wahl eines Titels wie Four Days in November mit hineinspielte. Seven Days in May basiert auf dem gleichnamigen Roman von Fletcher Knebel und Charles W. Bailey. Frankenheimer kaufte die Rechte vor dessen Veröffentlichung. Als er mit der Verfilmung begann, stand das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times. Offenbar gab es bei den Amerikanern ein Bedürfnis nach anderen, dunkleren Geschichten als denen, die im Fernsehen und den großen Zeitungen erzählt wurden.
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| The Manchurian Candidate |
Im Jahr vor dem Kennedy-Attentat hatte Frankenheimer The Manchurian Candidate inszeniert. In Korea gerät ein US-Soldat in die Hände der Chinesen und wird durch Gehirnwäsche darauf programmiert, am Ende eines genau ausgeklügelten Komplotts den angehenden Präsidenten zu töten, damit ein kommunistenfreundliches Regime an die Macht kommen kann. Nach dem JFK-Attentat hatte Richard Condon, der Autor der Romanvorlage, das beunruhigende Gefühl, dass die Realität die Fiktion nachgeahmt hatte. In der Zeitschrift The Nation ("Manchurian Candidate in Dallas", 28.12.1963) veröffentlichte er einen Artikel, in dem er auf zahlreiche Parallelen zwischen dem von ihm erfundenen Raymond Shaw und Lee Harvey Oswald hinwies. Für Condon trennten sich am Ende der Geschichte die Wege von Fiktion und Realität. Raymond Shaw wird vom chinesischen Geheimdienst programmiert. Oswald war, Condon zufolge, durch seine Eifersucht auf den erfolgreichen Präsidenten und durch die in der amerikanischen Gesellschaft allgegenwärtige Gewalt zum Mord an Kennedy getrieben worden (ein Erklärungsversuch, der seither völlig aus der Mode gekommen ist). 15 Jahre später stellte sich heraus, dass sich die CIA seit 1954 mit Gehirnwäsche-Experimenten beschäftigt hatte. Am Tag des Attentats soll sich ein CIA-Offizier mit einem seiner Agenten (Codename AM/LASH) getroffen haben, der in Havanna ein Attentat auf Fidel Castro begehen sollte. Das Treffen wurde abgebrochen, als die Nachricht von der Ermordung des Präsidenten eintraf.
Hysterie in Hollywood
Am 21. November 1963 begann Don Siegel mit den Dreharbeiten zu The Killers. In seiner Autobiographie (A Siegel Film) beschreibt er, wie die Hauptdarstellerin Angie Dickinson in Hysterie ausbrach, als im Radio die Ermordung des Präsidenten gemeldet wurde. Die Dreharbeiten wurden unterbrochen. Das Studio erklärte den 25. November zum Trauertag, damit alle die Fernsehübertragung von der Beisetzung verfolgen konnten. The Killers sollte eigentlich der erste zweistündige TV-Film werden (inklusive der Werbeunterbrechungen). Er galt dann aber als zu brutal und wurde deshalb im Kino gezeigt. Gegen Ende des Films schießt Ronald Reagan (in seiner letzten Filmrolle) aus einem der oberen Stockwerke eines Gebäudes auf Lee Marvin, der sich unten auf der Straße befindet. Die Einstellungen, in denen zu sehen war, wie Reagan aus dem Hinterhalt mit seinem Gewehr auf die Opfer zielt, ließ man auch im Kino lieber weg. Solche Einstellungen, etwa in Dirty Harry oder in Taxi Driver, reichten von nun an völlig aus, um Assoziationen an das Attentat wachzurufen.
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Besonders mulmig zumute war dem Kennedy-Freund Frank Sinatra. Er war gleich an zwei "Prequels" zu Dallas beteiligt gewesen, in denen jeweils mit einem Gewehr und von oben auf den (zukünftigen) Präsidenten angelegt wird. In The Manchurian Candidate ist er der Gute. In Suddenly (1954) von Lewis Allen spielt Sinatra einen Soziopathen, der im Krieg zum Killer wurde und für nicht näher genannte Auftraggeber den Präsidenten erschießen soll. Der Anschlag misslingt, weil es im Ort Suddenly einen beherzten Sheriff gibt (Sterling Hayden), weil eine pazifistische Soldatenwitwe ihre Abneigung gegen Schusswaffen überwindet und interessanterweise auch deshalb, weil mit Hilfe eines defekten Fernsehapparats eine tödliche Falle gestellt wird. Sinatra war wohl ehrlich betroffen, als in Dallas etwas geschah, das dem Szenario seiner Filme zu folgen schien. Er wollte sich auch nicht vorwerfen lassen, Oswald oder wen immer zu der Tat angeregt zu haben. Also sorgte er dafür, dass beide Filme für viele Jahre aus dem Verkehr gezogen wurden.
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| The Manchurian Candidate |
Mark Lane war der erste, dem durch die Infragestellung des Warren-Reports ein kommerzieller Erfolg gelang. Sein Buch Rush to Judgment erschien im August 1966 und erreichte im Dezember bereits die siebte Auflage. Insgesamt sollen mehr als eine Million Exemplare verkauft worden sein. Wer sich dafür interessiert, sieht sich am besten den immer noch sehr packenden Dokumentarfilm gleichen Titels an, den Emile de Antonio in Zusammenarbeit mit Lane gemacht hat. Wer das Buch liest, sollte daran denken, dass Mark Lane der New Yorker Anwalt war, der vergeblich versucht hatte, als Verteidiger des toten Oswald an den Anhörungen der Kommission teilnehmen zu dürfen. Wenn man sein Buch mit dem Warren-Report vergleicht (was bei 26 Report-Bänden und 4 500 Fußnoten in Judgment ziemlich mühsam ist), stellt man fest, dass er die für seinen "Mandanten" günstigste Version von der Geschichte erzählt. Wenn eine Zeugin drei völlig unterschiedliche, miteinander nicht zu vereinbarende Aussagen gemacht hat, nimmt er eine und lässt die beiden anderen unerwähnt.
Lane war überzeugt, dass es ein Komplott gegeben hatte, hielt sich in seinem Buch mit der Nennung von Verschwörern und Motiven aber sehr zurück (bei Vorträgen machte er höchste, nicht genauer bezeichnete Regierungsstellen verantwortlich). Jim Garrison, der Bezirksstaatsanwalt von New Orleans, war weniger zimperlich. Er gab am 1. März 1967 bekannt, er habe den Fall gelöst und könne auch den Mann hinter den Kulissen identifizieren: Clay Shaw, einen Geschäftsmann aus New Orleans (wir wollen nicht annehmen, dass er deshalb auf Shaw verfiel, weil der ein Namensvetter von Raymond Shaw war, dem programmierten Attentäter in The Manchurian Candidate).
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| The Manchurian Candidate |
Garrison wurde nicht nur, wie im Film von Oliver Stone, von dem ihm unterstellten Ermittlungsteam unterstützt, sondern auch von sehr vielen "conspiracy buffs". Deren Mitwirkung brachte ihn am Ende zu der Überzeugung, dass es eine viel größere Verschwörung gab, in der Shaw nur ein kleines Rädchen war. Garrison gefiel sich als "Treckführer der Verschwörungsfans". Weil er die Hauptfigur im teuersten und meistgesehenen JFK-Film aller Zeiten ist, hat er hier einige Anmerkungen zu seiner Karriere als Kämpfer gegen das Verbrechen verdient.
Mafiosi und schwule Verschwörer: Jim Garrison ermittelt
Als Jim Garrison als Bezirksstaatsanwalt kandidierte, galt er als chancenlos. Nach einem energischen Auftritt bei der ersten, im Fernsehen übertragenen Debatte der fünf Kandidaten nahm seine Kampagne aber so viel Fahrt auf, dass er am Ende die Wahl gewann. Garrison war ein Medien-Staatsanwalt. In schöner Regelmäßigkeit erhob er sensationelle Anschuldigungen (als erstes gegen seinen Vorgänger, dann - wegen Verschwörung - gegen die Richter, die ihm das Geld für die Umgestaltung seiner Büroräume nicht genehmigen wollten usw.), die selten zu einem Prozess führten und nie zu einer Verurteilung. Als er im Kampf gegen das Laster nächtliche Razzien im French Quarter von New Orleans veranstaltete, berichteten darüber die überregionalen Zeitungen. Konkrete Erfolge konnte er aber kaum vermelden. Einige Clubs wurden nicht durch richterliche Verfügung geschlossen, sondern als Folge von Polizeiübergriffen. Im Nachhinein fiel auf, dass die Etablissements von Carlos Marcello nicht betroffen waren. Marcello war der Mafia-Pate von New Orleans.
Die Buffs waren anfangs begeistert von seiner Untersuchung im Fall JFK. Nachdem er mit dem gegen Clay Shaw angestrengten Verfahren kläglich gescheitert war, wandten sich viele - teils enttäuscht und teils angewidert - von ihm ab. Ihm Wohlgesinnte meinten, er sei auf der richtigen Spur gewesen und habe dann am Ziel vorbeigeschossen, weil er Clay Shaw in den Mittelpunkt seiner Ermittlungen stellte und dabei die Mafia übersah. Für Leute, die teils sehr scharfsichtig nach Spuren eines Komplotts suchten, war das überraschend blauäugig.
Der Verdacht, dass Garrison Bestechungsgelder von der Mafia kassierte, ist nicht ganz leicht von der Hand zu weisen. Er machte Urlaub in Mafia-Hotels, erwarb ein luxuriöses, von einem Geschäftspartner Marcellos gebautes Haus zum Schnäppchenpreis, und Marcellos Geldbote starb an einem Herzinfarkt, als er bei Garrison zu Besuch war. Als Garrison unter Druck geriet, endlich gegen das organisierte Verbrechen vorzugehen, erklärte er Marcello schon vor der halbherzig geführten Untersuchung zum ehrbaren Geschäftsmann; so etwas wie das organisierte Verbrechen gebe es in New Orleans nicht. In seiner zweiten Amtszeit als Bezirksstaatsanwalt stellte er 84 Ermittlungsverfahren gegen Geschäftspartner von Marcello ein. 1971 wurde er von den Bundesbehörden angeklagt, von der Mafia 50 000 Dollar angenommen zu haben. Sechs der Mitangeklagten sagten gegen ihn aus und es gab Überwachungsbänder von der Geldübergabe. Garrison verteidigte sich selbst und wurde freigesprochen. 1973 berichtete die New York Times, dass auch beim Prozess Bestechungsgelder geflossen seien. Garrison erklärte alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu einem Komplott, mit dem er für seine JFK-Ermittlungen bestraft werden sollte. In keinem der gegen ihn angestrengten Verfahren wurde er verurteilt (zumindest nicht in der letzten Instanz).
Als Oliver Stone seinen Film vorstellte, sahen die Vertreter von Schwulen-Organisationen darin ein homophobes Machwerk. Mit Garrison als Stones’ Gewährsmann war das kein Wunder. Seine wichtigsten Verdächtigen, von David Ferrie bis Clay Shaw, waren alle homosexuell. Oswald, der Vater zweier Kinder, war es (Garrison zufolge) auch, denn seine Frau fühlte sich nicht ausreichend von ihm befriedigt. Eine psychisch gestörte Prostituierte erzählte Garrison, dass Jack Ruby, Oswalds Mörder, seine schwulen Gelüste unter dem Decknamen "Pinkie" ausgelebt habe. Immer diese Schwulen: Für Garrison konnte das kein Zufall sein. Seiner ersten Theorie nach hatte sich eine Gruppe von Schwulen zusammengetan, um das "perfekte Verbrechen" zu begehen und daraus eine perverse Lust zu beziehen. Damit überantwortete er das Attentats-Thema den Revolverblättern an der Kasse im Supermarkt.
Call 522-8874: Garrison ermittelt weiter
NBC nahm Garrisons Ermittlungsarbeit unter die Lupe. Am 19. Juni 1967 wurden die Ergebnisse präsentiert. In der Sendung wurde der Staatsanwalt beschuldigt, er habe Zeugen schikaniert, unter Druck gesetzt und bestochen und auf den Bürgerrechten herumgetrampelt. Der Bericht war vernichtend. Garrison-Anhänger werden seither nicht müde, nach Beweisen dafür zu suchen, dass Walter Sheridan, der hauptverantwortliche NBC-Reporter, für die CIA arbeitete. Garrison selbst sagte, die Sendung zeige nur, dass er kurz vor der Aufklärung der Verschwörung stünde und nun mundtot gemacht werden solle; NBC gehöre zu RCA und damit "zu einem der zehn größten Rüstungskonzerne". Dann startete er eine Medienoffensive, die ihn unter anderem in die Tonight Show von Johnny Carson und zum Playboy führte, dem er das längste Interview in der Geschichte des Herrenmagazins gab. NBC räumte ihm eine halbe Stunde ein, in der er auf die Vorwürfe antworten durfte.
Garrison kam gut an, weil mittlerweile viele Amerikaner an ein Komplott glaubten. Allerdings machte er dauernd neue Verschwörer aus, je nachdem, wo er gerade auftrat. Garrison tat das mit so viel Verve, dass die Mehrheit des Publikums davon überzeugt war, er müsse Beweise für seine Behauptungen haben. Die blieb er aber schuldig, oder er bot Deduktionen wie diese: In Oswalds Notizbuch stand die Zahl 1147. Das war ein Geheimcode. Wenn man 1147 mit 10 multiplizierte, die Ziffern vertauschte, davon 1700 abzog und das Ergebnis noch einmal multiplizierte, erhielt man 522-8874, die Telefonnummer der CIA. Das zumindest war richtig. Die Nummer stand auch - ganz unkodiert - im Telefonbuch von New Orleans.
Bei Oliver Stone opfert Garrison seine Ersparnisse und hält Vorträge, um die Ermittlungen zu finanzieren. Den Vortrag gab es tatsächlich. Titel: "Der Aufstieg des Vierten Reichs oder Wie man die Wahrheit über das Attentat verheimlicht." Darin erfuhr man, dass Jack Ruby nicht nur schwul, sondern auch ein jüdischer Selbsthasser gewesen war, der mit Neo-Nazis Waffen geschmuggelt hatte. Die Verschwörung hatte inzwischen solche Ausmaße angenommen, dass über 100 Personen in sie verwickelt waren (Robert Kennedy war auch dabei).
Rufmord: Ein Unschuldiger wird vernichtet
Fast zwei Jahre nach Shaws Verhaftung, am 21. Januar 1969, begann endlich der Prozess. Garrison hatte in den zwei Jahren nach Zeugen gesucht, mit deren Hilfe sich eine Verbindung zwischen Shaw, Oswald und dem inzwischen verstorbenen David Ferrie herstellen ließ. Einer sagte aus, er habe alle drei zusammen auf einer Party gesehen, wollte aber nicht mehr, wie früher, bestätigen, dass sie die Verschwörung besprochen hatten. Dann präsentierte Garrison seinen Überraschungszeugen, einen Buchhalter aus New York. Dieser Herr erzählte, er sei auf einer anderen Party gewesen, bei der Shaw, Ferrie und Oswald ganz offen über das Komplott diskutiert hätten. Im Kreuzverhör berichtete er noch von einer Verschwörung der New Yorker Polizei und seines Psychiaters, deren Opfer er seit 16 Jahren sei. Man habe nicht nur seine Gedankenprozesse und sein Sexualleben gestört, sondern ihn auch über 60mal hypnotisiert. Er sei sogar gezwungen gewesen, seiner Tochter die Fingerabdrücke abzunehmen; nur so habe er feststellen können, ob sie ausgetauscht worden war, wenn sie aus der Schule kam. Der Prozess wurde für Garrison ein solches Desaster, dass man schon wieder an eine Verschwörung glauben kann. Manchmal ist eine Farce aber auch nur eine Farce.
Clay Shaw wurde am 1. März 1969 freigesprochen. Zwei Tage später ließ Garrison ihn wieder festnehmen, wegen Meineids. Am 7. Juni 1971 wurde Garrison von einem Bundesgericht untersagt, Shaw weiterhin juristisch zu verfolgen. Seine Berufung wurde vom Supreme Court abgelehnt. Clay Shaw war eine feste Größe im kulturellen Leben von New Orleans. Er schrieb Gedichte und Theaterstücke und kämpfte für den Erhalt der historischen Bausubstanz im French Quarter. Seit 1949 hatte er durch seinen persönlichen Einsatz die Restaurierung von 16 Gebäuden ermöglicht. In den vier Jahren der gerichtlichen Auseinandersetzungen fielen Anwaltskosten von über 200 000 Dollar an; Shaw verlor seine gesamten Ersparnisse und war ein gebrochener Mann (Garrison erzählte dem Playboy, die CIA bezahle die Anwälte). Mit geborgtem Geld verklagte er Garrison auf Schadensersatz. 1974, vor Prozessbeginn, starb er an Krebs. Nach den damaligen Gesetzen von Louisiana hätten nur seine Kinder (er war kinderlos) oder seine Eltern (beide tot) das Verfahren fortführen können. Garrison gab das die Möglichkeit, weiter über Shaw zu schreiben. 1988 veröffentlichte er einen Aufguss seiner von 1966 bis 1969 entwickelten Theorien: On the Trail of the Assassins. Garrison starb 1992. Vorher durfte er noch erleben, wie ihn Oliver Stone zum Helden machte. Der Rufmord an Clay Shaw wurde damit in die nächste Generation verlängert. (Im Bonusmaterial zur JFK-Doppel-DVD gibt es ein "Assassination Update" mit "Hinweisen" und neuem Hörensagen über Shaws CIA-Verbindungen.)
Jim Garrison erreichte immerhin eines (oder vielleicht hörte man ihm umgekehrt auch nur deshalb so geduldig zu): 1967 begannen die Mainstream-Medien, den anfangs so gelobten Warren-Report kritisch zu hinterfragen. Auf viele der Fragen gibt es bis heute keine wirklich befriedigende Antwort. Für den seriösen Teil der Verschwörungstheoretiker bedeutete das Wirken des "Aufklärers" Garrison einen schweren Rückschlag. Der Historiker Anthony Summers, Autor eines der besten Dallas-Bücher (Conspiracy), meint dazu:
"Was die Ermittler am meisten an Jim Garrison ärgert ist, dass seine verrückten Kapriolen von 1967 mehr als ein Missbrauch des Rechtssystems waren. Sie waren ein Missbrauch der Geschichte und - mehr als irgendein anderer einzelner Faktor - dafür verantwortlich, die echten Forscher ein ganzes Jahrzehnt lang zu diskreditieren, ein Jahrzehnt, in dem Zeugen starben und die Beweismittel weiter in der Obskurität verschwanden."
Immer mehr Verschwörungen: Die 70er
Viele führende Verschwörungstheoretiker scheinen sich am Anfang von Garrisons Untersuchungen in eine Euphorie hineingesteigert zu haben, die schwer wieder einzubremsen war, als sie sich von ihm distanziert hatten. Es gab jetzt immer abenteuerlichere Überlegungen zur Verschwörung und den Hintermännern. Aber die neuen Bücher und Artikel litten seit Shaws Freispruch unter einem drastischen Leserschwund. Das änderte sich, als Frederick Forsyth mit The Day of the Jackal (1971) ein internationaler Bestseller gelang. Der Thriller erzählt von den minutiösen Vorbereitungen eines Profikillers, der den französischen Staatspräsidenten ermorden will und in letzter Sekunde daran gehindert werden kann. Forsyth hatte beim Schreiben auch das Attentat von Dallas im Kopf (die Handlung seines nächsten Buchs, The Odessa File, setzt an Kennedys Todestag ein).
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| Executive Action (die Verschwörer) |
In Hollywood ist es schon immer so gewesen, dass sich auch die Kleinen für ein Thema erwärmen, sobald ein großes Studio eine Verfilmung ankündigt. Sie hoffen dann, sich an den zu erwartenden Kassenschlager anhängen zu können. Das Herannahen des zehnten Jahrestags von Dallas war ein weiterer Anreiz (die Universal hatte das bewogen, die Filmrechte an Forsyths Roman zu kaufen). Deshalb schrieb Dalton Trumbo für die National General Pictures bereits ein Drehbuch über das JFK-Attentat, als Fred Zinnemann noch gar nicht mit der Forsyth-Verfilmung begonnen hatte. Als Vorlage für Executive Action (1973) diente Trumbo eine Geschichte, die sich Mark Lane ausgedacht hatte, kürzlich noch selbsternannter "Chefermittler des Bezirksstaatsanwalts Garrison ohne Bezahlung": Rechtsgerichtete Südstaaten-Millionäre heuern Profi-Killer an, um den ihnen lästigen Präsidenten Kennedy zu beseitigen.
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| Executive Action (die Killer) |
Zinnemanns sehr kühl und souverän inszenierter The Day of the Jackal ist auch heute noch sehenswert, weil er die Phantasie anregt. Wer eine Eintrittskarte für Executive Action kaufte, bekam eine achtseitige, als Zeitung aufgemachte Broschüre mit Photos, Tabellen, Fußnoten und Querverweisen in die Hand gedrückt. Diese Dokumentation sollte belegen, dass der Film eine "wahre Geschichte" erzählte, obwohl sich Mark Lane in die Fiktion geflüchtet hatte, weil er Angst vor Verleumdungsklagen hatte. David Millers Inszenierung soll wohl "semi-dokumentarisch" sein. Deshalb sitzen die Verschwörer immer irgendwo herum und sagen hölzerne Dialoge auf, während die Killer generalstabsmäßig das Attentat planen. Einer der Verschwörer ist Burt Lancaster, der das viel besser gekonnt hätte; das hatte er in Seven Days in May bewiesen, wo er aus den USA einen Militärstaat machen will.
Vermutlich ist es mehr den Umtrieben des Paranoikers Richard M. Nixon als den Bemühungen von Mark Lane & Co. zu danken, dass der Verschwörungs- und Paranoiafilm in den 1970ern zu neuer Blüte kam. 1983, zum 20. Jahrestag, wurde viel über zwei Jahrzehnte der "zufälligen Präsidentschaften" diskutiert, die durch Kennedys Ermordung eingeleitet worden seien. In den 70ern wollte man vom Zufall wenig wissen. Nixon leistete seinen Beitrag dazu, dass man allmählich jedem, auch höchsten Regierungsstellen, alles zutraute. Coppola drehte The Conversation (1974), Pollack - in Anlehnung an die sieben Tage im Mai und die vier Tage im November - Three Days of the Condor (1975), Pakula Klute (1971) und All the President’s Men (1976).
Film im Delirium
Der beste aller Verschwörungsfilme der 70er ist Pakulas The Parallax View (1974). Warren Beatty spielt einen Reporter, der aufzuklären versucht, was wirklich hinter der Ermordung eines US-Senators und dem gehäuften Ableben der Tatzeugen steckt. The Parallax View erzählt eine unheimliche Geschichte, an deren Ende ein Mann als Einzeltäter mit Psychoproblemen dasteht (wie Oswald), obwohl andere abgedrückt haben. Eine Untersuchungskommission kommt zu dem Ergebnis, dass es keinen Hinweis auf eine Verschwörung gibt.
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Auch Richard Condon, dem Autor des "Prequels" The Manchurian Candidate, ging das Attentat von Dallas nicht aus dem Kopf. 1973 schrieb er den Roman Winter Kills, in dem er alle damals umgehenden Verschwörungstheorien zu einer wilden Melange verquirlte und ganz neue Höhen des Deliriums erreichte. Ende der 70er nahm William Richert die Verfilmung in Angriff. Richert machte Condons labyrinthische Handlung geradliniger und fügte dann eigene Schnörkel hinzu, um das Ganze noch einmal kräftig durchzurühren und Condons satirischen Übertreibungen die Spitze aufzusetzen. 1960 wird der aus einer kennedyesken Familie stammende US-Präsident ermordet. Sein jüngerer Bruder (Jeff Bridges) erfährt Jahre später, dass es einen zweiten Schützen gegeben hat und versucht, aus vielen aberwitzigen Hinweisen und Verdachtsmomenten die mit dem Tod endende Verschwörung herauszufiltern. Ein Kritiker hat den Film als "Polit-Variante von Alice in Wonderland" bezeichnet.
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Winter Kills ist wie die Bildmontage, die Pakulas Parallax Corporation den angehenden Mördern beim Psychotest vorführt, nur in Spielfilmlänge und mit Stars wie John Huston und Anthony Perkins (Toshiro Mifune und Elizabeth Taylor sind auch dabei). Der Film zeigt ein Gesellschaftssystem im Zustand einer fortgeschrittenen Psychose und ist 70er-Jahre-Kino at its best, also unbedingt empfehlenswert. Richert konnte Winter Kills nur mit Unterbrechungen fertigstellen, und nach der Premiere verschwand er schnell wieder aus dem Kino. Das führte zu neuen Verschwörungstheorien, in denen finstere Gewerkschaftsbosse und Mafiosi eine Rolle spielen. Die Turbulenzen hatten wohl mehr mit den dubiosen Geschäftspraktiken der Produzenten zu tun, die eigentlich Pornofilme herstellten (einer von ihnen soll aber tatsächlich von der Mafia umgebracht worden sein).
Splatterfilm im Fernsehen: Rivera deckt auf
Den meisten von uns fällt beim Kennedy-Attenat wahrscheinlich als erstes der Zapruder-Film ein, den man jetzt bei jeder Gelegenheit zu sehen bekommt. Das war nicht immer so. 15 Jahre war er unter Verschluss. Jim Garrison erreichte beim Prozess gegen Clay Shaw, dass die Herausgabe angeordnet wurde. Bald darauf waren bei den Mitgliedern der Verschwörungsfraktion die ersten Kopien in Umlauf. Im November 1974, bei einer Veranstaltung des Assassination Information Bureau in Massachusetts, wurde der Film erstmals öffentlich vorgeführt. 1975 zeigte der Optik-Experte Robert Groden in einer landesweit empfangbaren Fernsehsendung Einzelbilder des Films, um seine These zu untermauern, dass Kennedy an der Dealey Plaza in das Kreuzfeuer mehrerer Schützen geraten sei. (Wer gern ein wie ein Familienalbum aufgemachtes Bilderbuch zum Attentat haben möchte, mit zerstörten Präsidentenköpfen und mysteriösen Regenschirmen, kaufe sich Grodens The Killing of a President, mit einem Vorwort von Oliver Stone).
Im März 1975, in der ABC-Sendung Goodnight America, zeigte Geraldo Rivera den Zapruder-Film zum ersten Mal in voller Länge (wenn man die Theorien außer Acht lässt, dass der Film gefälscht oder in verschwörerischer Absicht gekürzt ist; es gibt auch immer noch Streit über die richtige Laufgeschwindigkeit, von der wiederum der Abstand zwischen den Schüssen abhängt). Millionen von Amerikanern sahen erstmals, wie ihrem Präsidenten ein Teil des Kopfs weggeschossen wurde. Schockierend waren auch die Bilder, auf denen Kennedys Kopf nach dem letzten Schuss nach hinten und dann nach links geworfen wird. Auf Laien wirkt das so, als sei der Schuss von vorn gekommen und nicht, wie im Warren-Report vermerkt, von hinten. Experten können erklären, warum er doch von hinten kam. Das kann man dann glauben oder nicht. Rivera zeigte auch Autopsiephotos und damit Bilder von einem toten menschlichen Körper, die man so noch nie in einer populären Fernsehsendung gesehen hatte. In gewisser Weise war das die Geburtsstunde der Serie CSI.
Geraldo Rivera ist ein Vertreter der Revolverblatt-Variante des Journalismus. Er geriet wegen der Art unter Beschuss, wie er den Zapruder-Film präsentierte. Aber bald zeigten ihn auch seine als honoriger geltenden, besser in den Mainstream integrierten Kollegen. Das löste ein altes Problem. Die großen Sender hatten tatsächlich etwas zu vertuschen gehabt. Die Berichterstattung über das Attentat von Dallas war ein Triumph des Fernsehens. So stand es längst in den Fachbüchern zur Medienhistorie. Aber die Reporter, die als "Augenzeugen" mit dabei gewesen waren, hatten alle vom Attentat selbst nichts gesehen und erst recht kein vorzeigbares Material gedreht. Der Film des Textilfabrikanten Abraham Zapruder schloss diese Lücke. Weil dieser Film aber vielseitig interpretierbar ist, erwies sich die so schön abgeschlossene Geschichte von den "Vier Tagen im November" genau in dem Moment als eine Chimäre, in der auch der erste Akt (das Attentat) in Form von bewegten Bildern präsentiert werden konnte.
Weil keine Einigkeit über die korrekte Deutung des Zapruder-Films herzustellen war, wurden wieder die anderen Bilder herangezogen, um die eine oder andere Theorie zu stärken. Nach letzter Zählung gibt es von der Dealey Plaza mehr als 500 Photos (von über 70 Amateur-Photographen), die in einem Bezug zum Attentat stehen. Sie sind von über 70 verschiedenen Standpunkten aufgenommen, und eigentlich sind es noch mehr, weil nicht jeder Photograph ruhig stehenblieb. Viele der Photos sind verwackelt, unscharf, sehr grobkörnig usw. Der kürzlich gelaufene Attentatsfilm Vantage Point vereinfacht also, wenn er durch seine "8 Blickwinkel" (deutscher Verleihtitel) so tut, als bilde er die ganze Komplexität des Ereignisses ab (um sich dann ohnehin in Spezialeffekten und Autoverfolgungsjagden zu verlieren).
Mordkomplott im Park
Vermutlich wäre nichts besser, wenn Profis die Photos geschossen hätten. Den Film zum Erkenntnis-Problem gib es seit 1966. Er heißt Blow-Up und ist von Michelangelo Antonioni. Ein Photograph (David Hemmings) geht in einem Londoner Park spazieren, sieht einen Mann und eine Frau, macht Photos. Später wird er misstrauisch. Er entwickelt seine Bilder, vergrößert Details, setzt ein Puzzle zusammen, auf dem scheinbar ein Mordkomplott zu sehen ist. Vielleicht aber auch nicht. Alles wird noch komplizierter, als er seine Bilder in Bezug zur Realität setzen will. Brian de Palma hat daraus einen (sehr unterschätzten) Attentatsfilm entwickelt, in dem die Optik durch die Akustik ersetzt wird: Blow Out. Der Mann, der beim Film für die Töne zuständig ist (John Travolta) wird in ein Komplott verwickelt und macht ganz ähnliche Erfahrungen wie der Photograph bei Antonioni. Beide versuchen, ein Rätsel zu lösen und stehen am Ende ohne die Hauptfiguren der Kriminalhandlung da. Vielen Verschwörungstheoretikern möchte man raten, öfter ins Kino zu gehen. Nach wie vor gilt, was Don DeLillo über einen der Charaktere in Libra (seinem Roman über Lee Harvey Oswald) sagt, der genau festhalten will, was passiert ist: "Die Vergangenheit ändert sich in dem Moment, in dem er über sie schreibt."
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In I … comme Icare (1979) von Henri Verneuil wird in einem fiktiven Staat ein Attentat wie in Dallas verübt. Der ermittelnde Justizbeamte (Yves Montand) findet heraus, dass es eine Verschwörung gab und keinen Einzeltäter. Auf dem Weg dahin informiert er sich über die menschliche Destruktivität und Autoritätsgläubigkeit, und auch sonst unterscheidet er sich sehr angenehm vom Bezirksstaatsanwalt von New Orleans. In Erinnerung bleiben wird aber trotzdem JFK von Oliver Stone.
Stone hatte für sein Epos 50 Millionen Dollar zur Verfügung, er war eine Hollywoodgröße, und die Warner Bros. gaben sehr viel Geld für die PR-Arbeit aus. Das ließ sich nicht so einfach abtun wie manch andere Hervorbringung eines Verschwörungstheoretikers. Die großen Zeitungen und Fernsehsender ließen die alte Garde aufmarschieren, die "Augenzeugen" von damals, um Stone seinen Film um die Ohren zu hauen. Wer selbst keinen Veteranen hatte, zitierte die der anderen. JFK wurde schon fürchterlich verrissen, als er noch gar nicht fertig war. Eigentlich war das nur konsequent. Stone konnte die Geschichte des Attentats gar nicht erzählen, zumindest nicht in einer "autorisierten" Version, weil er am 22. November 1963 nicht dabeigewesen war. Eigenem Bekunden nach wollte er die Geschichte des Attentats "dem amerikanischen Volk zurückgeben". Das hieß aber auch, dass er sie den Journalisten, die sich seit beinahe 30 Jahren als die einzig legitimen Verkünder der Geschehnisse sahen, wegnehmen wollte. Darum drehte sich ein beträchtlicher Teil der in den amerikanischen Medien rund um JFK geführten Debatte. Verwickelte man sich damit in Kämpfe auf einem Nebenkriegsschauplatz oder nicht? Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten.
Wahrscheinlich selbst erschrocken über die heftigen Reaktionen, sagte Stone, er habe nicht die "wahre Geschichte" erzählen wollen. Vielmehr habe er eine Debatte neu eröffnen wollen, die andere für beendet erklärt hatten. Aber im Gunde ging es ihm genauso um Abgeschlossenheit wie seinen Gegnern, nur mit anderem Ende. 1992 veröffentlichte er nicht einfach das Drehbuch zum Film, sondern das "dokumentierte Drehbuch", mit 340 Anmerkungen wie in einer wissenschaftlichen Arbeit. Diese Anmerkungen zielen darauf ab, Behauptungen zu untermauern und nicht, was auch denkbar gewesen wäre, Widersprüche und Unklarheiten anzusprechen.
Neue Geschichten und alte Probleme
Jede Tat braucht ein Motiv, damit sie einen Sinn ergibt. Bei Stone stecken Lyndon B. Johnson und der Militärisch-Industrielle Komplex dahinter. Kennedy hatte einen Geheimplan und wollte nach seiner Wiederwahl die amerikanischen Truppen aus Vietnam abziehen. Das musste verhindert werden. Als Johnson Präsident wurde, ging der Krieg erst richtig los. In Vietnam wurden jetzt immer mehr Hubschrauber abgeschossen, und die Rüstungsindustrie durfte ständig neue bauen. Weil Jim Garrison aber dauernd durchgeknallte Schwule und schwule Strafgefangene und den schwulen Clay Shaw befragen muss, bleibt ihm wenig Zeit, das herauszufinden. Also trifft er sich mit "Mr. X" (beim Lincoln Memorial in Washington). Der erzählt ihm in ein paar Minuten die Hintergründe. Das ist nicht nur schlecht von All the President’s Men geklaut (wenn sich Woodward und Bernstein mit "Deep Throat" in der Tiefgarage treffen, ist das dramaturgisch viel stimmiger), es ist auch schlechte Drehbuchschreiberei. So wie in Krimis, wo in langen Dialogen nachgereicht wird, was der Autor nicht in die Handlung integrieren konnte.
Am interessantesten an JFK finde ich die Frau, die am Anfang aus dem Auto geworfen wird. Stone hat sie zwischen die dokumentarischen Filmschnipsel geschnitten, mit deren Hilfe er die Vorgeschichte des Attentats erzählt. Die Frau (Rose Cheramie) wird am 20. November ins Krankenhaus eingeliefert und warnt vor dem Attentat, das am 22. November stattfinden wird. Jim Garrison hat das so herausgefunden (Rose Cheramie war eine heroinsüchtige Prostituierte auf Entzug und mehrfach in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden; dem behandelnden Arzt im Krankenhaus zufolge sprach sie erst am 25. November von dem Attentat). Rose taucht später wieder auf (diesmal liegt sie tot auf der Straße) und spukt wie ein unruhiger Geist durch den Film. In Besprechungen von JFK wird sie erstaunlich oft erwähnt - nicht als Teil von Kritik oder Interpretation, sondern eher wie etwas, das beunruhigt und durch Nennung gebannt werden soll.
Wenn man in Stones Film nach Entsprechungen sucht (Frau, Auto, Gefahr, Krankenhaus), stößt man schnell auf Jackie Kennedy, die neben ihrem Mann in der Limousine saß, als die Schüsse fielen. Bald nach JFK gab es eine Flut von neuen Jackie-Büchern. Als Buch zum Film wurde Garrisons On the Trail of the Assassins neu aufgelegt. Auf dem Cover war nicht JFK oder Kevin Costner zu sehen, sondern Jackie Kennedy, die nach den Schüssen im ersten Schock versucht, aus dem fahrenden Auto zu klettern (das ist schon wieder eine Interpretation). Wir alle kennen Krimis, wo die Angehörigen des Opfers erst dann eine Chance haben, über den Verlust hinwegzukommen, wenn die Leiche gefunden und beerdigt oder der Mörder gefasst ist. Das bestätigen auch Psychologen. Man braucht Rituale des Abschieds und der Abgeschlossenheit (üblicherweise die Beisetzungszeremonie), damit die Trauerarbeit gelingen kann.
Aufmarsch der Leibwächter und Präsidenten
Die schön in sich abgeschlossene Geschichte von den "Vier Tagen im November" klappt längst nicht mehr. Dan Rather hat sie zum letzten Mal 1988 erzählt, zum 25. Gedenktag (Four Days in November, CBS News). 1991 musste er sich von Oliver Stone in seiner Sendung 48 Hours vorwerfen lassen, nicht gut genug oder gar nicht recherchiert zu haben. Aber die Verschwörungsfraktion hat es schwer, eine halbwegs runde Gegen-Geschichte zu präsentieren, weil es so viele Einzelteile gibt und man bezweifeln darf, ob es je gelingen wird, das Puzzle (falls vorhanden) ganz zusammenzusetzen. Bleibt noch eine Möglichkeit: Man entkommt dem Dilemma mit Hilfe von Ersatzhandlungen. Eigentlich ist es naheliegend, dass der Blick dann zuerst auf den Sitz neben dem des ermordeten Präsidenten fällt.
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Ein Film, in dem Jackie Kennedy vor einem Attentat gerettet wird, wäre wahrscheinlich lächerlich (und wird bestimmt noch kommen). Aber Kevin Costner, als Aufdecker der Verschwörung doch irgendwie gescheitert, spielte nach JFK die Hauptrolle in The Bodyguard (1992). Diesmal ist er der ehemalige, nach einem Attentat traumatisierte Leibwächter des Präsidenten, der Whitney Huston davor bewahrt, ermordet zu werden, statt nachträglich aufzudecken, was sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Der Film traf damit einen Nerv und wurde einer der ganz großen Kassenschlager der frühen 90er.
Trotz Obama denken wir immer noch in Kategorien wie Schwarz und Weiß. Man wird also vielleicht einwenden, dass die Afroamerikanerin Whitney Huston nicht stellvertretend für die weiße Stilikone Jackie Kennedy gerettet werden kann. Im Gegenteil: Houstons Hautfarbe macht die Sache erst perfekt, weil aus ihr und Kostner ein Liebespaar wird und damit auch gleich noch das mit drin ist, was Kennedy bewirkt hätte, wenn er nicht erschossen worden wäre. Das deutet sich schon in JFK an. Da darf die schwarze Haushaltshilfe immer das Essen servieren, wenn Familie Garrison vor dem Fernseher sitzt, weil sie dann sagen kann, dass Präsident Kennedy sicher noch viel für die Afroamerikaner getan hätte (auf dem Weg zu einer gerechteren, nicht-rassistischen Gesellschaft).
Deshalb gehören auch die ersten Staffeln der Serie 24 zu den Attentats-Bewältigungsfilmen. Jack Bauer (Kiefer Sutherland, der Sohn von Donald, "Mr. X" in JFK) hatte seine beste Zeit, als er noch den schwarzen US-Präsidenten David Palmer (Dennis Haysbert) davor bewahren durfte, Opfer einer Verschwörung zu werden. Die einfachere Variante bietet Wolfgang Petersen: Clint Eastwood leidet als Agent des Secret Service darunter, dass er das Attentat von Dallas nicht verhindern konnte, erhält aber eine zweite Chance und darf den aktuellen Amtsinhaber vor einem Anschlag retten (In the Line of Fire, 1993). Zur Belohnung kriegt er Rene Russo, auch Leibwächterin (wie gesagt: das ist die einfache Variante).
Es geht sogar ohne Kriminalhandlung. In Love Field (der Name des Flughafens von Dallas) fährt Michelle Pfeiffer als Jackie Kennedy-Fan (und -Imitation) von Texas nach Washington, um an der Beisetzung des Präsidenten teilzunehmen. Unterwegs lernt sie einen Schwarzen kennen (wieder Haysbert), mit dem sie am Ende des Films, nach Überwindung ihrer rassistischen Vorurteile, ein neues Leben beginnen wird. Sie macht so das Versprechen war, das Kennedy nicht mehr einlösen konnte, weil er ermordet wurde. Das wäre ein schönes Ende gewesen, denn schließlich geht es hier um die Heilung von Wunden und um Abgeschlossenheit.
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| Young Mr. Lincoln von John Ford |
Weil aber die Kuh gemolken wird, solange sie einen Tropfen Milch gibt, ging es munter weiter. Man kann dieselbe Geschichte nicht immer wieder erzählen, aber man kann Elemente daraus verwenden. Das ist so, wie wenn man aus einer erfolgreichen Serie eine Figur entnimmt und um sie herum eine neue Serie entwickelt (ein "spin-off"). Inzwischen können wir uns vor solchen Nebenprodukten kaum mehr retten. Bald wird es mehr fiktive Präsidenten geben als Photos von der Dealey-Plaza in Dallas. Es gibt Fernsehserienpräsidentinnen (Commander in Chief, 2005-06) und -präsidenten (The West Wing, 1999-2006), Präsidenten, die im Kampf gegen Verschwörer selbst Hand anlegen (Air Force One, 1997) und verbrecherische Präsidenten wie in Absolute Power (1997) oder in 24, wo David Palmer im Auftrag seines Nachfolgers erschossen wird.
Auch das restliche Personal der Verschwörungsgeschichte darf wieder antreten. In End Game (2006) findet der schwarze Leibwächter des ermordeten weißen Präsidenten heraus, dass die First Lady das Komplott geschmiedet hat, weil ihr Gatte testosterongetrieben war wie weiland John F. Kennedy. Auch die Mörder selbst haben viel zu tun (die Nachfolger Lee Harvey Oswalds oder der Kreuzfeuer-Schützen, je nachdem, woran man glaubt). Es hat noch nie so viele Profikiller-Filme gegeben wie in den letzten 15 Jahren. Helen Mirren hat mittlerweile von Auftragsmörderin (Shadowboxer, 2005) auf Königin umgeschult (The Queen, 2006) und wird wahrscheinlich demnächst Prince Charles oder Carmilla schützen. Sean Penn (eher der Oswald-Typ) versucht sogar, Richard Nixon umzubringen, scheitert aber an der Widrigkeit der Umstände (The Assassination of Richard Nixon, 2004). Recht witzig ist The Sentinel (2006): Michael Douglas, Leibwächter des Präsidenten und in The American President (1995) auch schon mal mächtigster Mann der Welt gewesen, kommt einer Verschwörung auf die Spur, muss sich dann mit Kiefer Sutherland auseinandersetzen und gerät selbst in Verdacht, den Präsidenten ermorden zu wollen, weil er heimlich mit der First Lady schläft. Außerdem heißt er auch noch Garrison wie der Staatsanwalt aus New Orleans.
Bei diesem ganzen Durcheinander kommt man sich wieder vor wie in der explodierenden Schindelfabrik, an die sich 1963 ein Reporter in Dallas erinnert fühlte. Vielleicht springt jetzt die Realität in die Bresche, wenn uns die Hollywood-Produzenten das Happy End verweigern. Demnächst wird Barack Obama, der "neue Kennedy", im Weiße Haus wohnen. Er wird dann die Soldaten aus dem Irak abziehen, die Umwelt retten und die Autoindustrie vor dem Untergang bewahren. Problematisch könnte höchstens werden, dass er sich seit dem Wahlsieg von JFK ein wenig abgewandt hat. Letzten Meldungen zufolge orientiert er sich jetzt mehr an Abraham Lincoln. Der wurde übrigens auch erschossen. Von einem Schauspieler. Das gilt als sicher.
http://www.heise.de/tp/artikel/29/29173/1.html- Ich war dabei! (7.1.2009 3:41)
- tl;dr ... wer möchte es selber versuchen? (23.11.2008 16:28)
- danke (23.11.2008 8:19)
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