Die finanzielle Explosion

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Auf dem Binnenmarkt wurden die teilweise bereits erwähnten, neuartigen Betätigungsfelder geschaffen, wie die Spekulation auf den Warenterminbörsen und Devisenmärkten, die Zockerei mit Optionen oder auch die durch Banken finanzierten Unternehmensübernahmen - die Geburtsstunde des berüchtigten Investmentbanking. All diese neuen "Märkte" und deren entsprechende Waren und Dienstleistungen gingen mit exzessivem Einsatz von Kredit und daraus resultierender Verschuldung einher, die heute in der Branche als Leverage (Hebelung) verniedlicht wird. Mehr noch, Sweezy erkannte zudem, dass es sich bei dieser finanziellen Explosion, bei der damit einhergehenden Verschuldung, um einen selbstverstärkenden Prozess handelt, der ein enormes Wachstumspotential beinhaltet:

Der Kernpunkt ist, ... dass die Finanzsphäre das Potential hat, sich zu einem autonomen Subsystem der ganzen Ökonomie zu entwickeln, mit einer enormen Kapazität zur Selbstexpansion. Ist der Prozess der Expansion erstmal voll in Gang gesetzt, wie es zwangsläufig im Kontext des Wiederauftretens der Stagnation in der 1970ern passieren musste, tendiert er dazu, aus sich selbst heraus zu wachsen: Wie Krebs, besitzt es keine internen Kontrollmechanismen. Es kann nur durch externe Interventionen unter Kontrolle gebracht werden.

Wieso erfolgte kein externer Eingriff? Wieso griffen alle US-Regierungen nicht ein und wieso gingen sie sogar im Folgenden dazu über, immer weitere Beschränkungen des Finanzsektors aus der Ära des New Deal zu beseitigen? Bei der Beantwortung dieser Fragen benannte Sweezy den wichtigsten Effekt der Finanzialisierung des Kapitalismus auf die reale Ökonomie, der den nun einstürzenden Finanzüberbau über solch eine lange Zeit hat wuchern lassen: Der wild und unkontrolliert expandierende Finanzsektor wirkt stimulierend auf die Konjunktur, er hilft indirekt, zumindest mittelfristig die Effekte der wirtschaftlichen Stagnation zu mildern. Zum einen sind es die in der Finanzbranche entstehenden Arbeitsplätze, sowie der Bedarf an Büros, Ausstattung, Transport oder Kommunikation, die der Konjunktur auf die Beine halfen. Zusätzlich nennt Sweezy noch den enormen Anstieg von Reichtum, der zumindest kurzfristig innerhalb des Finanzsektors generiert wird, und der den Konsum beflügelt. In den folgenden Kapiteln werden diese Mechanismen genauer untersucht werden.

Die "finanzielle Explosion" sei in der Tat eine der "Stagnation entgegentretende Kraft", konstatierte der Harvard-Absolvent und Schumpeter-Schüler. In den kommenden Jahrzehnten werden sich diese Rückwirkungen der spekulativen Blasenbildung auf die reale Ökonomie zusehends verstärkten – mit Hilfe der Wirtschafts- und Geldpolitik. Hier nochmals Sweezys nahezu prophetischen Worte, die den Krisenverlauf der kommenden Dekaden - die Reaktionen der Politik bei jeder künftig platzenden Spekulationsblase - erstaunlich genau vorhersagen:

Wir sehen nun genau wieso, obwohl jeder die zunehmend abscheulicheren Exzesse der finanziellen Explosion bedauert, nichts passiert – oder gar ernsthaft vorgeschlagen wird – um sie unter Kontrolle zu bringen. Das Gegenteil ist der Fall: Jedes mal, wenn eine Katastrophe droht, springen die Autoritäten bei, um das Feuer zu löschen – und verschütten während dessen noch mehr Benzin für das nächste auflodern der Flammen. Der Grund hierfür ist einfach der, dass, wenn die Explosion unter Kontrolle gebracht würde... die gesamte Ökonomie ins Chaos stürzte. Die Metapher von dem Mann, der einen Tiger reitet, trifft diesen Prozess haargenau.Paul Sweezy

In Teil 2. lesen Sie unter anderem einiges über die fundamentalen Widersprüche der neoliberalen Krisenbewältigung. Sie lernen die Kondratjew-Zyklen kennen und erfahren etwas über die "dunklen Seiten" der derzeit hochgelobten Clinton-Ära, die in der Spekulation mit Hightech-Aktien gipfelte.

Das Ende des "Goldenen Zeitalters" des Kapitalismus und der Aufstieg des Neoliberalismus

Fordismus und Keynesianismus in der Krise

Neoliberale Offensive

Die Finanzmärkte heben ab

Die finanzielle Explosion

http://www.heise.de/tp/artikel/29/29184/1.html
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