Unordnung ist eine Seuche

21.11.2008

Die offensichtliche Verletzung einer sozialen Norm verleitet uns offenbar dazu, auch andere Regeln zu missachten. Mit sechs Experimenten liefern niederländische Forscher erstmals empirische Hinweise auf die Richtigkeit der Broken-Windows-Theorie.

Jetzt mal Hand aufs Herz: Angenommen, Sie kommen schwer bepackt aus dem Supermarkt. Unter dem Scheibenwischer finden Sie einen Zettel: "Sofort Bargeld - kaufe Ihr Auto", verspricht die Werbung. Stecken Sie den Wisch ordentlich in die Tasche - Sie wissen ja, Papier wirft man nicht so einfach auf den Fußboden? Oder lassen sie den Zettel einfach fallen - es wird Sie schon niemand dabei beobachten?

Wenn Sie sich für letztere Variante entscheiden und damit die soziale Norm "Du sollst deine Umgebung nicht vermüllen" brechen, sind Sie immerhin in guter Gesellschaft - in einem Versuch der drei niederländischen Forscher Kees Keizer, Siegwart Lindenberg und Linda Steg verfuhr etwa ein Drittel der sich unbeobachtet fühlenden Probanden so. Doch unter bestimmten Bedingungen verdoppelte sich dieser Anteil: Fast zwei von drei Personen ließen den Werbezettel fallen, wenn in der Umgebung offenbar andere Normen gebrochen wurden.

Das hatten die Wissenschaftler geschickt nachgestellt: Auf dem Parkplatz brachten sie unübersehbar das Schild "Bitte Einkaufswagen zurückbringen" an - und platzierten dann vier verlassene Wägelchen ebenso unübersehbar auf dem Gelände. Unter dem Einfluss dieser offensichtlichen Unordnung verlor auch die soziale Norm der Müllvermeidung ihre Macht, wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science berichten.

Überzeugende Experimente

Dass schon kleinste Anzeichen von Normverstößen weitere - und schlimmere - nach sich ziehen, ist als Broken-Windows-Theorie bekannt, die von amerikanischen Sozialforschern 1982 geprägt wurde (siehe auch Kreditkrise, Broken Windows und Kriminalität). Unter dem republikanischen Bürgermeister Rudolph Giuliani mündete sie in den 1990ern in die so genannte Zero-Tolerance-Politik der Polizei, die unter anderem selbst kleinste Verstöße verfolgte und tatsächlich zu einem deutlichen Rückgang der Verbrechensraten in New York führte.

Allerdings gibt es bis heute keine empirischen Belege, dass die Broken-Windows-Theorie tatsächlich die Verhältnisse korrekt beschreibt. Unordnung und Verbrechen könnten ebenso einer gemeinsamen Kausalität folgen, also von einem dritten Faktor (etwa Armut?) beeinflusst sein. Die Arbeit der niederländischen Forscher gibt der Theorie nun neue Nahrung - und wirklich sind die in Groningen durchgeführten Experimente überzeugend.

In einem Versuch brachten die Forscher zum Beispiel an einer Wand neben einem Fahrrad-Abstellplatz ein Schild "Graffiti verboten" an. Solange die Wand weiß blieb, warf nur ein Drittel der Radfahrer einen am Lenker angebrachten Werbeflyer achtlos weg - wurde die Wand allerdings mit Graffiti verziert, verdoppelte sich der Anteil der Saubären.

Auch gegen staatlich vorgegebene Normen richtete sich dieser Effekt. Dazu verstellten die Wissenschaftler den Eingang zu einem Parkhaus mit Hindernissen, die nur einen schmalen Durchgang ließen. Daneben platzierten sie Schilder, die "Durchgang verboten" und "Räder anschließen verboten" verhießen. Solange tatsächlich keine Fahrräder an das Gitter gekettet waren, gehorchten drei Viertel der Probanden dem Verbotsschild. Wenn allerdings schon Räder am Gitter befestigt waren, ließ sich nur noch eine von fünf Personen von dem Verbot beeindrucken.

Lässt sich der Effekt auch auf Kleinkriminalität übertragen?

"Du sollst nicht stehlen" gehört ja nicht nur zu den von den meisten Menschen akzeptierten Normen, sondern ist auch vom Strafgesetzbuch vorgegeben. Das niederländische Forscherteam bediente sich eines Briefkastens, um Passanten zum Stehlen zu verführen. Die Wissenschaftler platzierten einen Brief derart am Einwurfschlitz, dass der in dem Umschlag befindliche Fünf-Euro-Schein klar erkennbar war. Solange Briefkasten und Umgebung sauber und ordentlich erschienen, klaute nur jeder achte Passant den Brief samt Geldschein. Waren aber der Postkasten mit Graffiti bedeckt oder die Umgebung verdreckt, dann ließ sich jeder vierte zu einem Diebstahl hinreißen. Dabei wäre es stets ein leichtes gewesen, den Brief komplett in den Kasten zu befördern.

Die Erklärung der Forscher: In uns wirken anscheinend mehrere Motivationsstränge gleichzeitig. Eines der Motive besteht darin, sich sozial angepasst zu verhalten. Ein anderes liegt darin, sich in diesem Moment besser zu fühlen, und ein drittes besteht darin, die eigenen Ressourcen zu mehren. Wenn nun die Umgebung verrät, dass andere Menschen ihr Angepasstheits-Motiv missachten, dann sinkt dessen Bedeutung - und die anderen Motive treten in den Vordergrund.

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