Neuer Börsensturz und die Angst vor der Deflation

20.11.2008

Die Lebenshaltungskosten in den USA sind im Oktober um 1 % gefallen, so stark wie seit 1947 nicht mehr

Erneut wird ein Schwarzer Börsentag erwartet, nachdem es schon am Mittwoch panikartig bergab ging. In Deutschland war der Dax-Index um fast 5 % abgestürzt. In den USA folgte der Dow-Jones-Index nach und in Japan fiel der Nikkei-Index in der Nacht sogar um fast 7 %. Verantwortlich dafür ist die weltweite Rezession, in die ein Industrienland nach dem anderen eintritt. Es wird darüber spekuliert, dass die Europäische Zentralbank (EZB) heute auf einer außerordentlichen Sitzung in Frankfurt die Leitzinsen erneut senken könnte, obwohl die nächste Zinssitzung erst Anfang Dezember ansteht. Es könnte sich um eine neue konzertierte Aktion der Notenbanken handeln, nachdem auch die US-Notenbank eine weitere Zinssenkung in Aussicht stellte, weil auch sie nun die US-Wirtschaft in eine tief greifende Rezession abrutschen sieht. Wegen fallender Preise macht sich langsam die Angst vor Deflation breit, die als deutlich gefährlicher angesehen wird als die Inflation.

Allen Rettungsplänen zum Trotz, schmieren die Industrieländer wie erwartet in die Rezession ab (Alle Zeichen weisen auf eine weltweite Rezession hin). Was als Finanzkrise in den USA begann, weil schlecht abgesicherte Immobilienkredite wegen steigender Zinsen in großem Ausmaß faul wurden, ist inzwischen voll auf die Realwirtschaft durchgeschlagen. Beste Beispiele sind die US-Autobauer, deren Probleme sich derzeit ebenfalls globalisieren. An dem Rüsselsheimer Autobauer Opel zeigt sich nur beispielhaft, was insgesamt auf die Branche zukommt, die darunter leidet, dass wegen der Rezession die Nachfrage eingebrochen ist.

Auch in Spanien schrumpft das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und es kommt schon jetzt zu massiven Auseinandersetzungen. Weil zum Beispiel Massenentlassungen bei Nissan in Barcelona anstehen. Dort sind Demonstrationen und Straßenblockaden an der Tagesordnung. Nissan will etwa die Hälfte der gut 4000 Stellen streichen, obwohl das Werk Gewinne schreibe, werfen wütende Arbeiter dem japanischen Autobauer vor. Letzte Woche griffen sie mit Farbeiern, Steinen und Absperrgittern das Nissan-Verwaltungsgebäude an. Auch die katalanische Regionalregierung, welche die Pläne genehmigen muss, vermutet eine Umstrukturierung, die sie in der Form nicht durchgehen lassen will. Deshalb meinte der Arbeitsminister Mar Serna, es werde schwierig "irgendein Abkommen" zu erreichen. Nissan droht derweil, sich ganz aus Spanien zurückzuziehen, wenn die Pläne nicht genehmigt werden.

Bei vielen der Beschäftigten dort geht es um die nackte Existenz. Da Spanien schon die höchste Arbeitslosigkeit in der EU aufweist, die weiter stark steigt, und auch bei Zulieferern überall gekündigt wird, ist es schwer, eine neue Stelle zu finden. Doch schon beim Ausfall eines Lohns droht vielen Familien der Verlust der Wohnung. Viele sind mit Hypotheken hoch verschuldet und die Zinsen sind in den letzten zwei Jahren gestiegen, weshalb die Kreditausfälle bei Banken genauso in die Höhe schießen, wie die Zahl unverkaufter Wohnungen. Sogar angeblich so stabile Banken wie die Santander müssen deshalb nun ihr Kapital aufstocken. Die Börsenkurse der Bank rauschen in den Keller. Sie hat allein gestern fast 10 % an Wert verloren.

Doch sogar die Daimler AG will in den Mercedes-Werken Rastatt und Gaggenau befristete Verträge nicht verlängern und Leiharbeitsverhältnisse auflösen. Insgesamt seien 570 Stellen betroffen, berichtet die Automobilwoche. Der Stuttgarter Autohersteller habe auf Nachfrage der Zeitung bestätigt, dass in verschiedenen Werken die Zahl der Zeitarbeiter und befristet Beschäftigten verringert werden soll. BMW will über die schon im Frühjahr angekündigten Streichungen von 8100 Stellen derzeit nicht hinausgehen, doch das Unternehmen teilte mit, man sehe zusätzliches Einsparungspotential über die bis 2012 bereits anvisierten sechs Milliarden Euro hinaus.

Inzwischen werden die Absatzprobleme aber auch in ganz anderen Branchen deutlich. Da sind die Entlassungen in Chinas Exportindustrie genauso, wie die Probleme die sich nun auch in der Chemieindustrie zeigen. Und die gilt als Frühanzeiger, weil ihre Produkte überall zum Einsatz kommen. So hat der weltweit größte Chemiekonzern, die BASF, gestern angekündigt, man werde 80 Anlagen vorübergehend außer Betrieb nehmen. In mehr als 100 Anlagen müsse der Konzern zudem die Produktion zurückfahren. Begründet wurden die Einschnitte mit einem massiven Nachfragerückgang. Der Ludwigshafener Konzern gab deshalb die zweite Gewinnwarnung in wenigen Wochen heraus. Betroffen sind bisher 20.000 Beschäftigte, etwa ein Fünftel der Gesamtbelegschaft, der BASF-Chef Jürgen Hambrecht beschwor "harte Zeiten".

Dramatische Nachrichten kommen aus Japan und den USA

Japan musste im Oktober überraschend ein Handelsbilanzdefizit bekannt geben. Das ist für eine Exportnation ein Warnzeichen. Dass das Wirtschaftswachstum von Schwellenländern schrumpft, zeigt sich daran, dass die bisher robusten Exporte in die asiatischen Nachbarländer zum ersten Mal seit fast sieben Jahren zurückgingen. Auch die Exporte in die USA und nach Europa gingen erwartungsgemäß zurück. So gab das Finanzministerium ein Defizit von 63,9 Milliarden Yen bekannt, während ein Überschuss von mehr als 100 Milliarden Yen erwartet wurde. Der Gesamtwert der Exporte sank um 7,7 %, der stärkste Rückgang seit Dezember 2001, während die Importe um 7,4 % zugenommen haben. Nun ist zu erwarten, dass die Wirtschaft auch im vierten Quartal weiter schrumpfen wird, nachdem die Wirtschaftsleistung schon im zweiten und dritten Quartal geschrumpft war, weshalb auch Japan in der Rezession steckt.

Tiefschwarz sieht nun auch die US-Notenbank (FED) die Lage in den USA. Die FED sieht die USA in eine tief greifende Rezession abrutschen. Trotz Rettungspaket und der Leitzinssenkungen in den vergangenen Monaten, blieben die Abwärtsrisiken für die Konjunktur bestehen, heißt es verklausuliert in dem am Mittwoch veröffentlichten Sitzungsprotokoll der FED vom 29. Oktober. Das ist eigentlich auch nicht verwunderlich, wenn die Banken das Staatsgeld nicht dafür nutzen, um Firmen unter die Arme zu greifen, sondern damit zum Beispiel in China auf Einkaufstour gehen. Angesehene Wirtschaftsexperten erwarten eine Depression, die FED geht hingegen noch davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt der USA im kommenden Jahr nur um 0,2 % schrumpfen werde. Für das laufende Jahr korrigierte die Notenbank derweil die Prognose drastisch nach unten. Sie erwartet bestenfalls noch ein schwaches Wachstum von 0,3 %, schließt aber ein Nullwachstum für 2008 nicht aus. Es war klar, dass nach den Wahlen in den USA die wirklichen schlechten Zahlen auf den Tisch kommen. Die FED rechnet im Zuge des Abschwungs einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit, die zwischen 7,1 - 7,6 % liegen soll und in diesem Jahr soll sie nach offiziellen Zahlen auf 6,3 - 6,5 % steigen.

Da der Notenbankchef Ben Bernanke in den vergangenen Monaten fast das gesamte geldpolitische Pulver mit Leitzinssenkungen verschossen hatte, muss die FED nun weitgehend handlungsunfähig zuschauen, wie die Wirtschaft in die Knie geht. Mit nur noch 1 % ist der Leitzins jenseits des Atlantiks so niedrig wie zuletzt im Juni 2004. Doch allseits wird erwartet, dass die FED den Leitzins in den nächsten zwei Monaten auf Null senken wird. Die FED hat eine weitere Zinssenkung in Aussicht gestellt und könnte die erste schon heute bekannt geben.

Angesichts dieser Hiobsbotschaften sind die neuen Panikreaktionen an den Börsen verständlich. Schon gestern war der Dax-Index in Frankfurt um fast 5 % auf 4354 Punkte eingebrochen. Am Abend folgte dann der Dow-Jones. Er fiel erneut um 5,1 % und schloss erstmals seit fünf Jahren unter der Marke von 8000 Punkten. Der breiter gestreute S&P-500-Index brach sogar um 6,12 % ein und der technologieorientierte Nasdaq verlor 6,53 % und schloss mit 1386,42 Punkten den Handel ab. Diese deutlichen Verluste haben sich später an den Börsen in Asien fortgesetzt. In Tokio fiel der Nikkei-225-Index schließlich sogar um 6,9 % auf 7.703 Punkte. Für heute wird ein weiterer Kursrutsch in Europa erwartet. Der Dax fiel im frühen Handel und mit 4.250 Punkten fehlten nur 6 % Prozent Jahrestief von 4.015 Punkten. Sogar ein Unterschreiten der Marke von 4000 Punkten wird nicht ausgeschlossen.

Ausgeschlossen wird auch nicht, dass die EZB, die FED und die Bank of England (BoE) heute erneut mit einer konzertierten Aktion die Leitzinsen senken. In der Frankfurter Kaiserstraße wurde gestern Abend schon durch zahlreiche Polizeifahrzeuge vor der EZB klar, dass heute der Zentralbankrat tagt. Da im Vorfeld verschiedene Mitglieder weitere Zinssenkungen in Aussicht gestellt hatten, könnte die Entscheidung heute in Übereinstimmung mit der FED und der BoE fallen, obwohl die EZB beim zweiten Sitzungstermin im Monat normalerweise keine Zinsentscheidung fällt. Im Vorfeld hatte das EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi erklärt: "Weitere Zinssenkungen sind möglich." Die weiteren Zinsschritte der EZB würden von der konjunkturellen Entwicklung abhängen - und die ist bekanntlich schlecht. Er verwies darauf, dass sich die Inflation in der Eurozone abgeschwächt habe. Ähnlich äußerte sich auch das Ratsmitglied Ewald Nowotny, Gouverneur der Österreichischen Nationalbank gegenüber der Financial Times. Die Abkühlung der Konjunktur und die Abnahme der Inflationsrisiken "geben offensichtlich Spielraum für weitere Maßnahmen der EZB", sagte Nowotny.

Statt Inflation macht sich inzwischen die Angst vor einer berüchtigten Deflation breit, also dem dauerhaften Verfall der Konsumentenpreise. Die ursprünglichen Ängste vor einer Stagflation sind nun in den Hintergrund getreten. Denn die Verbraucherpreise in den USA sind im Oktober im Rekordtempo um 1 % gesunken. Das war der stärkste monatliche Rückgang seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1947. Auch das britische Statistikamt teilte mit, dass die Teuerung im Oktober so stark zurückgegangen ist wie nie zuvor. Nach Angaben des US-Arbeitsministeriums ist der Rückgang vor allem auf die sinkenden Energiepreise zurückzuführen. Doch auch die Kerninflation ist um 0,1 % gesunken und für deren Berechnung werden Energie und Lebensmittel herausgerechnet. Auf dem US -Immobilienmarkt brach zudem die Zahl der Baugenehmigungen noch deutlicher als erwartet ein. Auch die Immobilienpreise fallen weiter, mit den dramatischen Folgen, die dies für die Immobilienfinanzierer und letztlich für die Steuerzahler hat, nachdem diese verstaatlicht wurden. Fannie Mae und Freddie Mac verbuchten allein im dritten Quartal gemeinsam einen Rekordverlust von fast 55 Milliarden US-Dollar.

Doch warum wird die Deflation mehr gefürchtet als eine hohe Inflation? Zwar schaffen sinkende Preise Kaufanreize für die Verbraucher, aber diesen wird vorgegaukelt, dass ihr Geld ständig mehr wert ist. Sie könnten also theoretisch, ohne Lohnsteigerungen, mehr kaufen und für Nachfrage sorgen, damit die Wirtschaft wachsen kann. Dieser "Realkasseneffekt" hat allerdings einige Nachteile. Weil die Konsumenten von weiter sinkenden Preisen ausgehen, verschieben sie Käufe und hoffen auf weiter fallende Preise. Sinkende Preise drücken zudem auf die Gewinnmargen der Unternehmen und die entlassenen Mitarbeiter, wie dies allerorten schon zu beobachten ist. Das aber senkt wiederum den Konsum und drückt weiter auf die Preise. In der großen Depression ab 1929 war das zu beobachten. Wie derzeit zu beobachten ist, setzten die Unternehmen weniger ab und reduzierten die Löhne sogar noch. Die Spirale nach unten begann sich zu drehen. Gegen die Deflation sind die Notenbanken weitgehend machtlos. Der Inflation können sie mit höheren Leitzinsen entgegen treten, bei einer Deflation ist der Spielraum ab der Leitzinsmarke Null ausgeschöpft, der sich die FED immer weiter annähert.

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