Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus: Bayern liegt an der Spitze

27.11.2008

In Ostdeutschland nehmen Ausländerfeindlichkeit und die Befürwortung einer rechten Diktatur zu

Rechtsextreme Einstellungen, Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus sind, so Studien, die im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung seit 2002 durchgeführt wurden, keinesfalls Eigenschaften von Menschen am gesellschaftlichen Rand, sondern ein Problem der gesellschaftlichen Mitte (Der rechtsextreme Alltag der Deutschen). Das belegt auch die neueste Studie Bewegung in der Mitte - Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2008, die aber immerhin zu dem Ergebnis kommt, dass rechtsextreme Einstellungen bundesweit abnehmen, wobei es allerdings erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West und zwischen den einzelnen Bundesländern gibt.

Die Wissenschaftler der Universität Leipzig machen, um ihre These zu belegen, darauf aufmerksam, dass teils bis zu 40 Prozent Aussagen zustimmen, mit denen rechtsextreme Einstellungen erfasst werden sollen. Sie sprechen von einem "geschlossenen bzw. manifestem rechtsextremen Weltbild", das sich in allen gesellschaftlichen Gruppen finde. Zudem sei der Anteil derjenigen Deutschen, die sich nicht gegen rechtsextreme Einstellungen aussprechen, "erschreckend hoch".

Die Befragten wurden gebeten, ihre Haltung zu Aussagen wie "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet." oder "Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen." auf einer fünfstelligen Skala anzugeben ("stimme voll und ganz zu", "stimme überwiegend zu", "teils/teils", "lehne überwiegend ab", "lehne völlig ab")

Für die Erhebung 2008 wurden 2.426 Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft im Alter von 14 bis 91 Jahren befragt. Die Ergebnisse sind teilweise weiter beunruhigend. So stimmten der Aussage "Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert." überwiegend 15,9% und voll und ganz 6,4% zu. Bei der Aussage "Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert." waren es 10,4 bzw. 2,8% oder bei "Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen." 14 bzw. 1,%. Der Aussage "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet." Stimmen schon 20,9 Prozent überwiegend und 9,11 Prozent voll und ganz zu.

Diagramm: FES-Studie

Während bei der Zustimmung zum Chauvinismus kaum Unterschiede zwischen Ost und West zu beobachten sind, neigen die Ostdeutschen stärker zur "Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur" (18,4% bzw. 29,3% der Ostdeutschen und 11,8% bzw. 20,4% der Westdeutschen). Fast die Hälfte der Ostdeutschen stimmt ausländerfeindlichen Aussagen zu, in Westdeutschland macht dies ein Drittel. Antisemitismus ist dagegen in Westdeutschland geringfügig höher, die Westdeutschen neigen auch stärker dazu, den Nationalsozialismus zu verharmlosen.

Eine große Rolle spielt die Bildung. Die Zustimmung zu rechtsextremen Einstellung ist bei Menschen mit Abitur nur halb so auch wie die bei den übrigen. Männer neigen eher dazu als Frauen. Arbeitslose und Rentner stimmen überdurchschnittlich hoch rechtsextremen Aussagen zu. Besonders hoch ist die Ausländerfeindlichkeit bei den Arbeitslosen mit 40,8% und den Rentnern bei 26,2%. Mit zunehmendem Alter nimmt die Befürwortung rechtsextremer Einstellungen zu.

Interessant ist der Vergleich mit früheren Umfragen. Danach hat erfreulicherweise die Zustimmung zu einer Diktatur allgemein seit 2002 deutlich abgenommen. Beim Chauvinismus gibt es keine größeren Veränderungen, er ist in Ostdeutschland aber angestiegen. Die Ausländerfeindlichkeit hat insgesamt abgenommen, deutlich in Westdeutschland, dafür ist sie in Ostdeutschland angestiegen. Antisemitische Einstellungen sind insgesamt etwa gleich geblieben, aber auch hier ist eine Zunahme in Ostdeutschland und eine Abnahme in Westdeutschland zu verzeichnen. Auch die Verharmlosung des Nationalsozialismus hat leicht abgenommen, hier jedoch stärker in Ost- als in Westdeutschland. Insgesamt hat nach der Studie ebenfalls die Zahl derjenigen Personen mit einem manifesten rechtsextremistischen Weltbild von 8,6% Prozent im Jahr 2006 auf jetzt 7,6% abgenommen, aber auch hier sanken die Werte für Westdeutschland von 9,1 auf 7,5%, während sie in Ostdeutschland von 6,6 auf 7,9% stiegen.

Man könnte bislang meinen, dass sich in der Tendenz das Potenzial von Menschen mit einer rechtsextremen Einstellung in Ostdeutschland konzentriert und dort steigt. Die Leipziger Wissenschaftler haben jedoch die Daten von 2002 bis 2008 zusammengefasst und auf die einzelnen Bundesländer heruntergebrochen. Zwar wird auch hier deutlich, dass Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus im Allgemeinen in Ostdeutschland höher liegt, aber es gibt interessante Unterschiede.

Bayern sticht jedoch besonders heraus, nicht nur gegenüber den anderen westdeutschen Bundesländern, sondern teils auch gegenüber den ostdeutschen. Während bundesweit 5,4% zu einer Diktatur neigen, sind es in Bayern 8,4%. Davor liegen nur Mecklenburg-Vorpommern mit 16% und Sachsen-Anhalt mit 9,7%. Beim Chauvinismus liegen die Bayern bundesweit mit 30,4% an einsamer Spitze. Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg folgen mit 27,6 und 24,5%, bundesweit sind es 18,1%. Auch was die Ausländerfeindlichkeit betrifft, ist Bayern mit 39,1% ganz vorne dran, nur knapp überrundet von Sachsen-Anhalt mit 39,2%. Bundesweit sind nach der Studie mit 25,4% gut ein Viertel der Deutschen als ausländerfeindlich zu charakterisieren.

Diagramm: FES-Studie

Aufklärung wäre in Bayern zudem im Hinblick auf den hier bundesweit am weitesten verbreiteten Antisemitismus nötig. Bundesweit stimmen 9% antisemitischen Äußerungen zu, in Bayern sind es 16,6%, gefolgt vom südlichen Nachbarn Baden-Württemberg mit 13,3%. Nicht ganz vorne, aber doch über dem Durchschnitt liegen die Bayern mit 6,1% bei der Verharmlosung des Nationalsozialismus. Bundesweit sind es 4%, an der Spitze liegen Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern mit jeweils 7,2%, Schleswig-Holstein ist mit 6,2% noch knapp vor Bayern.

Die Autoren der Studien mahnen zwar zur Vorsicht und sagen, es sei nicht das Ziel, "einzelne Länder an den Pranger zu stellen", weil die Repräsentativität zwar für die Bundesrepublik, aber nicht für die einzelnen Bundesländer gesichert sei. Aus diesem Grund wird Bremen nicht aufgeführt. Die Vergleiche könnten aber dennoch Tendenzen anzeigen.

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