Wer ist Antisemit?
Georg Meggle 08.12.2008
<
Seite 1 2 3 4 5 6

Exkurs: Anti-Zionismus

Ist der Anti-Zionismus eine Unterart des Anti-Semitismus? Ist jeder Anti-Zionist (schon mit begrifflicher Notwendigkeit) ein Anti-Semit? Nochmals anders gefragt: Kann es (rein begrifflich, wohlgemerkt!) Anti-Zionisten geben, die keine Anti-Semiten sind?

Verschiedene Arten des (Anti)-Zionismus

Unter "Zionismus" verstand und versteht man sehr viel. Zunächst ist zwischen kulturellem und politischem Zionismus zu unterscheiden (Fixierung auf Zion (=Jerusalem) als Zentrum der jüdischen Kultur versus einer jüdischen Nation). Hier kommt es nur auf die letztere Variante an: auf die vor allem von Theodor Herzl (1860-1904) in Reaktion auf den europäischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts vorangebrachte jüdische Nationalbewegung, deren Zielsetzung, die Gründung eines eigenen Staates als (zumindest potentielle) Heimstätte für alle Juden der Welt, sich mit der Gründung Israels 1948 realisiert hat. Es ist nicht immer klar, gegen welche Inhalte des Programms des politischen Zionismus bzw. gegen welche Aspekte von dessen Realisierung und Weiterentwicklung sich jemand wenden muss, um als "Anti-Zionist" (und damit der hier in Frage stehenden These zufolge eo ipso auch als "Antisemit") zu gelten. Diese Inhalte und Aspekte sind höchst variabel. Umso wichtiger wäre es natürlich, sie in der Debatte möglichst scharf auseinander zu halten.

Hier nur eine kleine (selbst noch recht unscharfe) Auswahl. Anti-Zionismus-Vorwürfe werden erhoben gegen jeden, der die völkerrechtliche und/oder moralische Legitimität des einen oder anderen der folgenden Dinge bestreitet

  1. Der Existenz Israels
  2. Der Existenz Israels als Staat der jüdischen Nation
  3. Der israelischen Expansions- bzw. Besatzungspolitik seit 1967
  4. Von speziellen Schritten derselben (Siedlungspolitik, Mauerbau, gezielte Tötungen, etc.)

Wer diese Dinge für legitim hält, ist hingegen (relativ zu den jeweiligen ,Dingen') Zionist. Zionisten der ersten beiden Arten könnte man als die klassischen Zionisten bezeichnen, während für die beiden letzten der Term Neo-Zionisten gewiss treffender wäre. Zwar sind wohl alle Neo-Zionisten auch klassische Zionisten; aber nicht alle klassischen auch Neo-Zionisten. Und entsprechend brauchen nicht alle Anti-Neozionisten auch Anti-Zionisten zu sein. Und da weder alle Zionisten oder Neo-Zionisten Israelis noch alle Israelis Zionisten oder Neo-Zionisten sind, folgt - nun ja, bei solchen Unterscheidungen sollte man jetzt schon sehr genau hingehört haben. Das muss man natürlich nicht, wenn man all diese (und alle weiteren für ein schärferes Nachdenken nötigen) Unterscheidungen erst gar nicht machen will.

Nochmal zur Erinnerung: Es geht an dieser Stelle (noch) nicht um die inhaltliche Frage, ob diese diversen ,zionistischen' Positionen jeweils tatsächlich legitim sind oder nicht. Es geht nur darum, ob, wer das bestreitet, eo ipso - schon aus rein begrifflichen Gründen - Antisemit ist! Nehmen wir den ersten Fall, den man, da es der stärkst-mögliche Fall ist, auch kurz als Maximalen-Anti-Zionismus bezeichnen könnte. Ist, wer diese Position vertritt (d.h.: die völkerrechtliche oder moralische Legitimität (der Gründung bzw. Weiterexistenz) Israels bestreitet oder auch nur in Frage stellt), damit bereits mit begrifflicher Notwendigkeit Antisemit? Die gleiche Frage noch mal: Hält ein Maximaler Anti-Zionist schon per se Juden für weniger wert? Die Frage disqualifiziert sich selbst. Sie beinhaltet einen eklatanten Kategorienfehler. Juden-Diskriminierung (Antisemitismus) ist (siehe oben) absolut moralisch verwerflich, d.h. nicht nur unter allen realen, sondern auch unter allen denkbaren Umständen. Wenn aus Maximalem-Anti-Zionismus Antisemitismus folgt, muss das auch für ihn gelten. Sprich: Auch der Maximale Anti-Zionismus wäre nicht nur unter allen realen, sondern unter allen denkbaren Umständen moralisch verwerflich. Das zu fordern wäre aber nicht nur absurd, es ist sogar derart absurd, dass genau dies auch niemand ernsthaft behauptet. (Was heißt: Wer sich trotzdem - sei es aus Nachlässigkeit oder gar mit Absicht - so ausdrückt, als würde dies gelten, muss damit rechnen, nicht ernst genommen zu werden.)

Nebenbei: Die Gegenposition erklärt automatisch eine große Fraktion des Judentums selbst zu Antisemiten. Nicht, dass selbiges logisch unmöglich wäre; aber wer diese Folge in Kauf nimmt, sollte sich zumindest im Klaren sein, was diese Folge ihrerseits bedeuten könnte. Bedient er sich damit nicht etwa selber des antisemitischen Stereotpys vom "typisch jüdischen Selbsthass"? Wenn ja, spräche das nicht seinerseits dafür, dass ein Vertreter der "Antizionisten sind allesamt Antisemiten"-These selbst zur Klasse der Krypto-Antisemiten gehört? Usw.

Wenn die These vom begrifflichen Zusammenhang zwischen Antizionismus und Antisemitismus schon im Fall des Maximalen Antizionismus absurd ist, so erst recht bei allen schwächeren Varianten des Antizionismus - insbesondere also beim Anti-Neo-Zionismus. Diese begriffliche Klarstellung beinhaltet natürlich nicht, dass es keine signifikanten empirischen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Arten des Antizionismus bestimmter Individuen, Gruppen oder Institutionen einerseits und den verschiedenen Unterarten des Antisemitismus der betreffenden Individuen etc. andererseits geben kann. Natürlich kann und wird es solche geben. Diese Zusammenhänge genauer zu lokalisieren und zu erforschen, setzt aber bereits voraus, dass man zwischen diesen Phänomenen begrifflich klar zu trennen vermag.

Antizionismus wird (neben dem "Arabischen Antisemitismus" und dem "Linken Antisemitismus") als Sonderfall des sogenannten "Neuen Antisemitismus" bezeichnet. Wie obige Klarstellung zeigt, ist diese Bezeichnung - zumindest für den hier betrachteten Fall des Antizionismus - mehr als nur irreführend. Nicht, dass hinter einem Antizionismus kein Antisemitismus stecken könnte; aber dem ist nicht schon von Begriffs wegen so. Wenn nun aber der "Neue Antisemitismus" nicht mit Notwendigkeit einen Antisemitismus impliziert, man also "Neuer Antisemit" sein kann, ohne Antisemit zu sein, dann wird der Antisemitismus-Begriff für all die, die diesen Unterschied nicht vor Augen haben (und das dürften nicht wenige sein), seine bisherige Schärfe sehr schnell verlieren. Wie denn auch viele bereits jetzt - und gewiss nicht immer zu Unrecht - sagen: "Also, wenn einen schon das (z.B. Kritik an Israels Besatzungspolitik) zum Antisemiten macht, dann bin ich eben einer!". Eine solche Entwicklung könnte gefährlich sein. Kann denen, die (wie ich z.B.) an der Verwerflichkeit einer jeden Art von Antisemitismus weiterhin festhalten wollen, an einer solchen Begriffspolitik überhaupt etwas gelegen sein? Mein Plädoyer: Wenn der "Neue Antisemitismus" kein Antisemitismus ist, dann sollte man ihn auch nicht so nennen.

Seite 4 von 6
Nächste Seite
x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige
Cover

Die Form des Virtuellen

Vom Leben zwischen den Welten

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.