Wer ist Antisemit?
Georg Meggle 08.12.2008
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Verifikationsprobleme (Die Antisemiten-Liste)

Damit endet der rein semantische Teil dieses Vortrags. Bis jetzt ging es (fast) ausschließlich um die Klärung von Begriffen. Wir wissen jetzt (so hoffe ich), was der Fall sein müsste, um jemanden zu Recht auf die Antisemiten-Liste zu setzen. Das war die Definitionsfrage. Sie ist beantwortet. Doch damit wissen wir noch lange nicht, ob das, was, um auf die Liste zu kommen, der Fall sein müsste, bei einer bestimmten Person - etwa bei Xaver oder bei mir - auch tatsächlich der Fall ist. Das ist die Frage nach den Fakten.

Noch einmal: Gehört Xaver wegen seiner Bestrafung von Yvonne wirklich auf die Antisemiten-Liste? War seine Reaktion auf deren Schubs tatsächlich antisemitisch? Wovon das abhängt, wissen wir: Eben davon, ob hinter seiner Reaktion auch wirklich die fragliche antisemitische (= Juden-diskriminierende) Einstellung steckte oder nicht! Die Faktenfrage ist: Hatte er diese Einstellung tatsächlich? Und schließlich: Ob er sie hat oder nicht, wie kriegen wir das raus? Letzteres ist das Verifikationsproblem. Bei diesem Problem braucht man ohne Fallunterscheidungen erst gar nicht anzufangen. Also: Jetzt einige Fallunterscheidungen.

Ohne jeden Hintergrund

Zurück zu Xaver. Wir kennen sein Verhalten. Wissen aber sonst nichts weiter; haben also insbesondere weder über ihn noch über die fragliche Situation irgendwelche weiteren Hintergrundsinformationen. Bleibt es dabei, so gilt: Verifikation - unmöglich. Jeder Versuch dazu wäre schlicht zirkulär. Die Deutung des Verhaltens könnte sich nur auf die Zuschreibung der Einstellung stützen, auf nichts sonst. Diese Zuschreibung aber steht und fällt (in diesem Fall!) mit der Deutung des Verhaltens. Zirkulärer geht es nicht. Die dunkle Kehrseite des Resultats in diesem Fall: Unmöglich ist nicht nur die Verifikation; unmöglich ist auch jede Falsifikation. Was leider heißt: Wer Xaver in diesem Fall Antisemitismus anhängt, kann prinzipiell nicht widerlegt werden. Wer das schon als Beweis ansieht, hat, was sein Urteil über Xaver angeht, freie Hand. Würde sich daran was ändern, wenn wir Xaver fragen könnten? Doch nur, wenn man ihm Glauben schenken würde. Wenn nicht, so könnte Xaver sagen, was er will; es änderte sich kein Deut.

Mit Hintergrund: Wissen über den Täter

Nach Belegen für oder gegen Xavers antisemitische Motivation lässt sich erst dann sinnvoll fragen, wenn wir schon etwas mehr wissen. Zum Beispiel mehr über ihn: Wie hat er sich bisher Yvonne und anderen (echten oder vermeintlichen) jüdischen Kindern gegenüber verhalten? Und wie im Vergleich dazu gegenüber den anderen (echt oder vermeintlich) nicht-jüdischen Kindern? Sofort fallen einem hier auch Verfahren für ,Experimente' ein, die man mit Xaver und seiner Kindergartengruppen machen könnte, um auch noch mehr zu wissen. Mag sein, dass auch das so gewonnene weitere Wissen noch nicht logisch zwingend für den Schluss auf Xavers Antisemitismus (oder eben für das Fehlen desselben) wäre; aber das macht nichts. Logisch zwingend sind empirische Resultate aufgrund von Indizien meist ohnehin nicht. Hinreichend starke Bestätigung reicht.

Mit Hintergrund: Wissen über die Tat

Nächster Fall: Wir wissen zwar nichts Weiteres über den Täter, aber doch etwas Wichtiges über die Tat. Xaver hat Yvonne nicht nur nicht weiter mitspielen lassen; er hat auch noch gesagt: "Du blödes Judengör". Diese Äußerung enthält schon ihrem Typ nach einen Antisemitismus-Indikator. Dabei kommt es jetzt nicht darauf an, wie stark dieser Indikator für sich genommen ist, nur darauf, dass sich allein durch sein Vorhandensein die Ausgangslage - das anfängliche "Wir können gar nichts sagen" - ändert. Der Verdacht auf Xavers Antisemitismus ist jetzt nicht mehr völlig unbegründet.

Usw. Schritt für Schritt. Sie wissen jetzt, wie man vorgehen könnte, um sich sogar in dem Labyrinth der Antisemitismus-Verifikationsprobleme etwas besser zurechtzufinden. Sollten Sie mit diesen Schritten dann schon etwas weiter sein, so möchte ich Ihnen nachdrücklich die Wort-für-Wort-Lektüre des von mir bereits erwähnten EMUC-Papiers "Working Definition of Antisemitism" (PDF) empfehlen. Dieses Papier enthält nicht nur die (von mir als zu eng verworfene) Arbeitsdefinition selbst; der Zweck dieses Papiers ist genau der, uns allen beim Verifikationsproblem behilflich zu sein. Dazu benennt das Papier eine Reihe diverser möglicher Antisemitismus-Indikatoren. Zum Beispiel:

  1. die Leugnung des Holocaust,
  2. die Behauptung, dass Juden die Medien bzw. die Regierung kontrollieren,
  3. die Verwendung einer Doppelmoral bei der Beurteilung der Politik Israels,
  4. "drawing comparisons of contemporary Israeli policy to that of the Nazis."

Was das genannte Papier auszeichnet: Es betont mehrfach, dass (es sein kann, dass) die angeführten Antisemitismusindikatoren erst unter Berücksichtigung des umfassenderen Kontexts wirklich schlüssig sind ("taking into account the overall context"). Wir hatten selbst schon festgestellt: Ohne ein gewisses Hintergrundwissen können wir in der Regel aus jemands Verhalten nicht direkt auf dessen (diskriminierende) Einstellung schließen. Das EMUC-Papier weist uns zu Recht darauf hin, dass Gleiches selbst dann gelten kann, wenn das betreffende Verhalten bereits seinem Typ nach ein Diskriminierungsindikator ist.

Die für den Antisemitismus-Diskurs zentralen Verifikations-Fragen wären folglich diese zwei:

  1. In welchen Fällen braucht es für den Schluss auf das Vorliegen von Antisemitismus über den jeweiligen Antisemitismus-Indikator hinaus überhaupt noch ein zusätzliches Hintergrundwissens?
  2. Von welcher Art muss das erforderliche Hintergrundswissen dann (je nach Indikator) jeweils sein?

(1) präsupponiert, dass nicht alle Antisemitismus-Indikatoren eines zusätzlichen Hintergrundwissens bedürfen. Ist das richtig? Und wenn ja, welche Indikatoren sind das? Lässt sich die Klasse dieser Indikatoren scharf bestimmen; oder geht es bei dieser Frage ohnehin stets eher um ein Problem des mehr oder weniger? Und was bewirkt jeweils das "mehr", und was das "weniger"? Sie sehen: Wenn sich für diese zentralen Fragen des Antisemitismus-Diskurses überhaupt jemand interessieren würde: Es gäbe noch viel zu tun. Geben Sie mir bitte Bescheid, wenn Sie irgendeine einschlägige Arbeit zu dieser Thematik - bereits in Anwendung auf antisemitische Diskriminierungen - kennen sollten. Mir ist bislang keine begegnet.

Wichtig ist: Dass es nach (1) Äußerungen geben kann, die schon ,für sich sprechen' (im Sinne von: deren Antisemitismus-Indikator keines weiteren Hintergrundes bedarf, damit seine konkrete Verwendung als antisemitisch gelten kann), widerspricht nicht dem hier vorgeschlagenen intentionalistischen Ansatz, wonach, ob eine Äußerung antisemitisch ist oder nicht, von der hinter ihr stehenden Einstellung abhängt. Wenn ich als Sprecher weiss, dass eine Äußerung mit diesem Indikator nur so verstanden werden kann, dass damit eine antisemitische Einstellung zum Ausdruck gebracht wird, dann bringe ich mit einer solchen Äußerung bereits eine antisemitische Einstellung zum Ausdruck. Mir ist klar, dass auch dieser Punkt einer sehr viel detaillierteren Erörterung bedarf.

Ich greife aus dem riesigen Bereich der noch weitestgehend ungeklärten Antisemitismus-Verifikations-Probleme jetzt nur das mir selbst wichtigste heraus. Wir unterscheiden generell zwischen der Diskriminierungs-Einstellung einerseits und den diversen möglichen Gründen für diese Einstellung andererseits. Zu diesen Gründen gehören in der Regel auch so genannte Tatsachenbehauptungen.

Beispiel: Der Rassist Hansen

  • Hansens rassistische Einstellung: (B) Afrikaner sind (moralisch) weniger wert als Asiaten.
  • Sein Grund dafür: (A) Der IQ von Afrikanern ist im Durchschnitt geringer als der von Asiaten.

Die meisten reagieren auf dieses Beispiel so: (B) ist absolut verwerflich! Wir müssen daher auch gegen (A) sein: Das darf einfach nicht wahr sein! Schon die Behauptung von (A) selbst ist eine Diskriminierung. Reagieren auch Sie so? Wenn ja, dann haben auch Sie einen heftigen Fehlschluss gemacht. Was nicht so tragisch wäre, wenn Sie damit nicht bereits den gleichen Fehler begangen hätten, den auch der Rassist Hansen macht. Was wäre denn, wenn - ob wir das nun für schön und gut finden oder nicht - (A) tatsächlich war wäre? Ob dem tatsächlich so ist, das spielt jetzt gar keine Rolle! Wäre, wie der Rassist glaubt (und bisher vielleicht auch wir), die sogenannte Tatsachenbehauptung (A), wenn sie denn wahr wäre, wirklich eine gute Begründung für (B)?

Überhaupt nicht! Und zwar aus zwei Gründen nicht: Erstens: Selbst wenn der IQ von Afrikanern im Durchschnitt schlechter als der von Asiaten wäre: Es könnte und wird trotzdem immer noch Afrikaner geben, deren IQ den von vielen Asiaten übertrifft. Und zweitens und sehr viel wichtiger: Soll denn, welchen IQ jemand hat, wirklich ein Maßstab dafür sein, wie wertvoll er ist? Einspruch! Der moralische Wert eines Menschen ist keine Funktion seines IQ! Um (B) zu bestreiten, müssen wir also keineswegs auch die Prämisse (A) bestreiten. Wir müssen nur bestreiten, dass, wie der Rassist glaubt, (B) aus (A) folgt. Was falsch ist an der Begründung des Rassisten ist nicht (jedenfalls nicht notwendigerweise) die Prämisse (A); falsch ist, dass aus dieser die Bewertung (B) folgt.

Daraus, dass Rassen-Diskriminierung verwerflich ist, folgt also nicht, dass auch die Gründe, die jemand für diese Diskriminierung hat, falsch sein müssen. Es folgt nur, dass diese Gründe keine logisch zwingenden Gründe für die fragliche Diskriminierungseinstellung sein können.

Im Kontext der Antisemitismus-Debatte scheint dieser simple logische Sachverhalt völlig unbekannt zu sein. Anders ist zum Beispiel die ganze Aufregung um die Thesen der amerikanischen Politikwissenschaftler Mearsheimer & Walt über den Einfluss der jüdischen Lobbies auf die amerikanische Außenpolitik nicht rational erklärbar.

Freilich: Die Verifikationsproblematik ist, wenn man schon mal genauer hinsieht, noch weitaus kniffliger als die Entlarvung des soeben erledigten Fehlschlusses. Denn allein daraus, dass die Verwerflichkeit einer Diskriminierung nicht auf die Falschheit der für sie vorgebrachten Tatsachenbegründung angewiesen ist, folgt nun wiederum nicht, dass der Fakt, dass zum Beispiel Herr Hansen die betreffende Tatsachenbehauptung für richtig hält, kein Indikator dafür sein kann, dass er Antisemit ist. Im Gegenteil: Wenn wir wissen, dass Hansen (wie die meisten von uns) so dumm ist, aus der (A)-Tatsache wirklich auf (B) zu schließen, dann ist die Hansensche Annahme von (A) für uns sogar ein zwingendes Argument, ihm auch (B) zu unterstellen - d.h., ihn als einen Antisemiten zu identifizieren. (Und dies gilt auch unabhängig davon, ob, was die Annahme der Gültigkeit seines Schlusses angeht, wir genauso dumm sind wie Hansen selbst oder nicht.)

Sie sehen: Die Antisemitismus-Verifikations-Probleme sind um Dimensionen komplizierter als alle Antisemitismus-Definitions-Probleme zusammen genommen.

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